Generalaussprache im Bundestag

Schlagabtausch zu Klimaschutz - Merkel wirbt für Akzeptanz

veröffentlicht

Generaldebatte - © Foto: Michael Kappeler
Merkel bei der Generaldebatte: Das Geld für den Klimaschutz "ist gut eingesetzt". (© Foto: Michael Kappeler)

Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat um Akzeptanz für zusätzliche Maßnahmen zum Klimaschutz geworben. «Wenn wir den Klimaschutz vorantreiben, wird es Geld kosten - dieses Geld ist gut eingesetzt», sagte sie in der Generaldebatte zum Haushalt im Bundestag.

Es würde mehr Geld kosten, den Klimaschutz zu ignorieren. «Nichtstun ist nicht die Alternative.» Die Kanzlerin betonte auch mit Blick auf die geplanten Entscheidungen im Klimakabinett am 20. September, es gehe um einen «gewaltigen Kraftakt». Der Klimaschutz solle sich an Innovation und Mechanismen der sozialen Marktwirtschaft orientieren.

Merkel nannte es den «richtigen Angang», mittels Bepreisung und Mengensteuerung des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) Lösungen zu finden und gleichzeitig Unterstützung anzubieten. Sie warb für einen weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien. Dazu gehöre Akzeptanz für neue Leitungen und Windanlagen, die meist auf dem Land entstehen. Um einer «Arroganz» von Stadtbewohnern entgegenzuwirken, brauche es ein «Bündnis von Stadt und Land». Kommunen müssten an Gewinnen von Windanlagen beteiligt werden. Merkel warnte zudem davor, nationalen gegen internationalen Klimaschutz auszuspielen. Dieser erspare die eigene «häusliche Anstrengung» nicht.

Zuvor hatte Merkel angesichts weltweiter Kräfteverschiebungen zu einer engeren Zusammenarbeit in der Europäischen Union aufgerufen. Es sei nun die Stunde, neue Stärke zu entwickeln, sagte die Kanzlerin. Merkel verwies auf die wachsende Rivalität zwischen den USA und China, ein «geostrategisches Wiedererstarken» Russlands und den geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU. Dies habe tiefgreifende Folgen. Beim Brexit sieht Merkel noch Chancen für einen geordneten Austritt. Deutschland sei aber auf einen ungeordneten Brexit vorbereitet. Geplant ist der EU-Austritt Großbritanniens am 31. Oktober.

Merkel sagte weiter, die EU müsse ihren Rückstand bei wichtigen Technologien aufholen. Europa sei technologisch nicht mehr in allen Bereichen auf der Höhe der Zeit. Sie verwies etwa auf die Herstellung von Chips, die Plattformwirtschaft und die Batteriezellenproduktion.

Merkel lobte die Vorstellung der künftigen EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen für die Aufgabenverteilung in der neuen Kommission. Sie sprach von einer «global ausgerichteten Kommission», die Europas Rolle in der Welt festigen werde. Die Kanzlerin rief dazu auf, noch vor der EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands im zweiten Halbjahr 2020 den EU-Haushalt zu verabschieden.

Mit Blick auf Kritik der USA sagte Merkel, Deutschland werde seine Versprechen einhalten, den Anteil der Verteidigungsausgaben in Richtung zwei Prozent zu erhöhen. Die EU wolle außerdem ihre gemeinsame Verteidigungspolitik stärken.

Die Generalaussprache ist traditionell der Höhepunkt der Haushaltsberatungen im Parlament. Anders als bei den Debatten über Einzeletats, die von den jeweiligen Fachpolitikern bestritten werden, ergreifen in der Generalaussprache Merkel sowie die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen das Wort. Danach wird über den in der großen Koalition umstrittenen Etat von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) beraten. In der Union gibt es Forderungen, Deutschland müsse seine Verteidigungsausgaben stärker steigern als geplant, um perspektivisch die Zusagen gegenüber der Nato einzuhalten.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) plant für 2020 mit Ausgaben von fast 360 Milliarden Euro, rund 3,4 Milliarden mehr als im laufenden Jahr. Er will trotz schwächelnder Konjunktur und geringerer Steuereinnahmen erneut einen Bundeshaushalt ohne neue Schulden («schwarze Null») schaffen. Seit 2014 gelingt es jedes Jahr, dass die Ausgaben die Einnahmen nicht übersteigen.

Die Abgeordneten werden bis zum Ende der Woche die Etats der einzelnen Ministerien im Bundestag erörtern. Dabei rechnen sie jedoch mit Eckwerten, die nach dem «Klimakabinett» am 20. September womöglich noch einmal umgeworfen werden müssen. Zwar soll das Geld für den Klimaschutz laut Scholz hauptsächlich aus dem Energie- und Klimafonds kommen. Doch die Ideen - günstigere Bahntickets, eine Abwrackprämie für Ölheizungen, Kompensation für höhere Energiesteuern - summieren sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zufolge auf rund 50 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr, als der Fonds hergibt, auch wenn nicht alles umgesetzt und der Rest über Jahre gestreut wird.

Die Opposition kritisiert, dass die Bundesregierung zu wenig investieren will. Grüne und Linke fordern, angesichts der Mega-Aufgabe Klimaschutz dürfe die schwarze Null kein Dogma sein.

Angesprochen auf mögliche neue Schulden forderte Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus eine «Generalrevision des Haushalts». Die Klima-Maßnahmen würden «eine Menge Geld kosten». Aber in vielen Bereichen sei das Geld noch nicht abgeflossen. «Und niemand kann mir erzählen, dass in den 6000 Einzeltiteln des Haushalts nicht noch Luft drin ist», sagte der CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. «Wir reden immer erst übers Geld, nicht über die notwendigen Maßnahmen. Wir müssen das umgekehrt machen und erstmal alle sinnvollen Projekte aufschreiben.»

Der Chefhaushälter der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Kahrs, wies Forderungen nach einer Aufgabe der schwarzen Null zurück. «Denen, die am lautesten danach rufen, neue Schulden zu machen, geht es in Wahrheit nicht um Klimaschutz, sondern um ideologische Rechthaberei oder um die Erhöhung der Verteidigungsausgaben oder um ganz andere Zwecke», sagte Kahrs der «Rheinischen Post» (Mittwoch). Investitionsengpässe gebe es momentan nicht beim Geld, sondern bei Planungsämtern und Baufirmen.

Grünen-Haushaltsexperte Tobias Lindner hielt der Koalition dagegen Mutlosigkeit vor. Der «Rhein-Neckar-Zeitung» sagte er: «Dass die Bundesregierung die «Schwarze Null» nur deshalb halten kann, weil sie in die so genannte Flüchtlingsrücklage greift, zeigt, wie absurd die Haushaltspolitik der Bundesregierung inzwischen geworden ist.» Union und SPD würden mehr von Angst vor Veränderung getrieben, als von Mut und Optimismus. Scholz setze keine Schwerpunkte, seine Strategie sei ein «Weiter so». Im Hinblick auf den Klimaschutz müsse noch nachgebessert werden. Scholz greift auf fast zehn Milliarden Euro aus der Asyl-Rücklage zurück.

Nach Abschluss der Haushaltswoche am Freitag werden die Ausgabenpläne im Haushaltsausschuss beraten und in der Regel noch etwas verändert. Bis Ende November soll der Bundestag das Zahlenwerk final beschließen.

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Generalaussprache im BundestagSchlagabtausch zu Klimaschutz - Merkel wirbt für AkzeptanzBerlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat um Akzeptanz für zusätzliche Maßnahmen zum Klimaschutz geworben. «Wenn wir den Klimaschutz vorantreiben, wird es Geld kosten - dieses Geld ist gut eingesetzt», sagte sie in der Generaldebatte zum Haushalt im Bundestag. Es würde mehr Geld kosten, den Klimaschutz zu ignorieren. «Nichtstun ist nicht die Alternative.» Die Kanzlerin betonte auch mit Blick auf die geplanten Entscheidungen im Klimakabinett am 20. September, es gehe um einen «gewaltigen Kraftakt». Der Klimaschutz solle sich an Innovation und Mechanismen der sozialen Marktwirtschaft orientieren. Merkel nannte es den «richtigen Angang», mittels Bepreisung und Mengensteuerung des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) Lösungen zu finden und gleichzeitig Unterstützung anzubieten. Sie warb für einen weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien. Dazu gehöre Akzeptanz für neue Leitungen und Windanlagen, die meist auf dem Land entstehen. Um einer «Arroganz» von Stadtbewohnern entgegenzuwirken, brauche es ein «Bündnis von Stadt und Land». Kommunen müssten an Gewinnen von Windanlagen beteiligt werden. Merkel warnte zudem davor, nationalen gegen internationalen Klimaschutz auszuspielen. Dieser erspare die eigene «häusliche Anstrengung» nicht. Zuvor hatte Merkel angesichts weltweiter Kräfteverschiebungen zu einer engeren Zusammenarbeit in der Europäischen Union aufgerufen. Es sei nun die Stunde, neue Stärke zu entwickeln, sagte die Kanzlerin. Merkel verwies auf die wachsende Rivalität zwischen den USA und China, ein «geostrategisches Wiedererstarken» Russlands und den geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU. Dies habe tiefgreifende Folgen. Beim Brexit sieht Merkel noch Chancen für einen geordneten Austritt. Deutschland sei aber auf einen ungeordneten Brexit vorbereitet. Geplant ist der EU-Austritt Großbritanniens am 31. Oktober. Merkel sagte weiter, die EU müsse ihren Rückstand bei wichtigen Technologien aufholen. Europa sei technologisch nicht mehr in allen Bereichen auf der Höhe der Zeit. Sie verwies etwa auf die Herstellung von Chips, die Plattformwirtschaft und die Batteriezellenproduktion. Merkel lobte die Vorstellung der künftigen EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen für die Aufgabenverteilung in der neuen Kommission. Sie sprach von einer «global ausgerichteten Kommission», die Europas Rolle in der Welt festigen werde. Die Kanzlerin rief dazu auf, noch vor der EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands im zweiten Halbjahr 2020 den EU-Haushalt zu verabschieden. Mit Blick auf Kritik der USA sagte Merkel, Deutschland werde seine Versprechen einhalten, den Anteil der Verteidigungsausgaben in Richtung zwei Prozent zu erhöhen. Die EU wolle außerdem ihre gemeinsame Verteidigungspolitik stärken. Die Generalaussprache ist traditionell der Höhepunkt der Haushaltsberatungen im Parlament. Anders als bei den Debatten über Einzeletats, die von den jeweiligen Fachpolitikern bestritten werden, ergreifen in der Generalaussprache Merkel sowie die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen das Wort. Danach wird über den in der großen Koalition umstrittenen Etat von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) beraten. In der Union gibt es Forderungen, Deutschland müsse seine Verteidigungsausgaben stärker steigern als geplant, um perspektivisch die Zusagen gegenüber der Nato einzuhalten. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) plant für 2020 mit Ausgaben von fast 360 Milliarden Euro, rund 3,4 Milliarden mehr als im laufenden Jahr. Er will trotz schwächelnder Konjunktur und geringerer Steuereinnahmen erneut einen Bundeshaushalt ohne neue Schulden («schwarze Null») schaffen. Seit 2014 gelingt es jedes Jahr, dass die Ausgaben die Einnahmen nicht übersteigen. Die Abgeordneten werden bis zum Ende der Woche die Etats der einzelnen Ministerien im Bundestag erörtern. Dabei rechnen sie jedoch mit Eckwerten, die nach dem «Klimakabinett» am 20. September womöglich noch einmal umgeworfen werden müssen. Zwar soll das Geld für den Klimaschutz laut Scholz hauptsächlich aus dem Energie- und Klimafonds kommen. Doch die Ideen - günstigere Bahntickets, eine Abwrackprämie für Ölheizungen, Kompensation für höhere Energiesteuern - summieren sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zufolge auf rund 50 Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr, als der Fonds hergibt, auch wenn nicht alles umgesetzt und der Rest über Jahre gestreut wird. Die Opposition kritisiert, dass die Bundesregierung zu wenig investieren will. Grüne und Linke fordern, angesichts der Mega-Aufgabe Klimaschutz dürfe die schwarze Null kein Dogma sein. Angesprochen auf mögliche neue Schulden forderte Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus eine «Generalrevision des Haushalts». Die Klima-Maßnahmen würden «eine Menge Geld kosten». Aber in vielen Bereichen sei das Geld noch nicht abgeflossen. «Und niemand kann mir erzählen, dass in den 6000 Einzeltiteln des Haushalts nicht noch Luft drin ist», sagte der CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. «Wir reden immer erst übers Geld, nicht über die notwendigen Maßnahmen. Wir müssen das umgekehrt machen und erstmal alle sinnvollen Projekte aufschreiben.» Der Chefhaushälter der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Kahrs, wies Forderungen nach einer Aufgabe der schwarzen Null zurück. «Denen, die am lautesten danach rufen, neue Schulden zu machen, geht es in Wahrheit nicht um Klimaschutz, sondern um ideologische Rechthaberei oder um die Erhöhung der Verteidigungsausgaben oder um ganz andere Zwecke», sagte Kahrs der «Rheinischen Post» (Mittwoch). Investitionsengpässe gebe es momentan nicht beim Geld, sondern bei Planungsämtern und Baufirmen. Grünen-Haushaltsexperte Tobias Lindner hielt der Koalition dagegen Mutlosigkeit vor. Der «Rhein-Neckar-Zeitung» sagte er: «Dass die Bundesregierung die «Schwarze Null» nur deshalb halten kann, weil sie in die so genannte Flüchtlingsrücklage greift, zeigt, wie absurd die Haushaltspolitik der Bundesregierung inzwischen geworden ist.» Union und SPD würden mehr von Angst vor Veränderung getrieben, als von Mut und Optimismus. Scholz setze keine Schwerpunkte, seine Strategie sei ein «Weiter so». Im Hinblick auf den Klimaschutz müsse noch nachgebessert werden. Scholz greift auf fast zehn Milliarden Euro aus der Asyl-Rücklage zurück. Nach Abschluss der Haushaltswoche am Freitag werden die Ausgabenpläne im Haushaltsausschuss beraten und in der Regel noch etwas verändert. Bis Ende November soll der Bundestag das Zahlenwerk final beschließen.