Kommentar zum Thema Diskussionen um die Kanzlerin: Merkels Zittern Von Christoph Pepper Es ist wieder passiert. Die Kanzlerin hat gezittert. Vor den gnadenlosen Kameras der Weltöffentlichkeit hat sie erneut einen Moment erleben müssen, in dem sie ihren Körper nicht voll unter Kontrolle hatte. Ihr beim Ringen darum zusehen zu können, lässt bei einschlägigen Medien letzte Reste rudimentären Anstands vollends zusammenbrechen. Dass die Gesundheit der Regierungschefin einer der einflussreichsten Demokratien der Welt Gegenstand öffentlicher Erörterung sein darf und im Anlassfall auch sollte, ist das eine. Merkel hat auf diesbezügliche Fragen Auskunft gegeben, die ihr gleichwohl vorhandenes Recht auf Privatheit unterstrichen. Damit muss es bis zum Beweis des Gegenteils ihrer Aussage aber auch sein Bewenden haben, wonach es ihr gut gehe und ihre vom Amt geforderte Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt sei. Bislang spricht der Augenschein nicht dagegen. In diesem Zusammenhang „Wie lange noch, Frau Bundeskanzlerin?“ zu titeln und die Vermutung anzustellen, die Chance verpasst zu haben, nicht als „Wrack“ aus dem Amt zu scheiden, offenbart nicht nur eine perplex machende völlige Abwesenheit von Menschlichkeit. Sondern bodenlose Niedertracht. Es zeugt von Gaffer-Verrohung, nicht mal notdürftig getarnt als staatsbürgerliche Besorgnis. Die Frage nach dem Gesundheitszustand der Kanzlerin bleibt dennoch auf dem Tisch. Sie sollte auch Anlass zu selbstkritischen Überlegungen sein, nicht nur der Medien, sondern auch der Wählerinnen und Wähler. Welches übermenschliche Leistungsprogramm verlangen wir Spitzenpolitikern eigentlich ab? Wie behandeln wir sie im Gegenzug oft genug dafür? Auch nur geringste Anzeichen von Schwäche oder Beeinträchtigungen welcher Art auch immer gelten als unvereinbar mit dem Anforderungsprofil an politisches Führungspersonal. Warum eigentlich? Merkel hat den Mut, das Zittern in der Öffentlichkeit zu riskieren. Den womöglich noch größeren, dieser das auch zuzumuten. Dass sie das nicht unbedacht tut, wird man angesichts ihrer Persönlichkeit vermuten dürfen. Das verdient vor allem anderen erst einmal: Respekt. Und Mitgefühl.

Kommentar zum Thema Diskussionen um die Kanzlerin: Merkels Zittern

© Alexander Lehn

Von Christoph Pepper

Es ist wieder passiert. Die Kanzlerin hat gezittert. Vor den gnadenlosen Kameras der Weltöffentlichkeit hat sie erneut einen Moment erleben müssen, in dem sie ihren Körper nicht voll unter Kontrolle hatte. Ihr beim Ringen darum zusehen zu können, lässt bei einschlägigen Medien letzte Reste rudimentären Anstands vollends zusammenbrechen.

Dass die Gesundheit der Regierungschefin einer der einflussreichsten Demokratien der Welt Gegenstand öffentlicher Erörterung sein darf und im Anlassfall auch sollte, ist das eine. Merkel hat auf diesbezügliche Fragen Auskunft gegeben, die ihr gleichwohl vorhandenes Recht auf Privatheit unterstrichen. Damit muss es bis zum Beweis des Gegenteils ihrer Aussage aber auch sein Bewenden haben, wonach es ihr gut gehe und ihre vom Amt geforderte Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt sei. Bislang spricht der Augenschein nicht dagegen.

In diesem Zusammenhang „Wie lange noch, Frau Bundeskanzlerin?“ zu titeln und die Vermutung anzustellen, die Chance verpasst zu haben, nicht als „Wrack“ aus dem Amt zu scheiden, offenbart nicht nur eine perplex machende völlige Abwesenheit von Menschlichkeit. Sondern bodenlose Niedertracht. Es zeugt von Gaffer-Verrohung, nicht mal notdürftig getarnt als staatsbürgerliche Besorgnis.

Die Frage nach dem Gesundheitszustand der Kanzlerin bleibt dennoch auf dem Tisch. Sie sollte auch Anlass zu selbstkritischen Überlegungen sein, nicht nur der Medien, sondern auch der Wählerinnen und Wähler. Welches übermenschliche Leistungsprogramm verlangen wir Spitzenpolitikern eigentlich ab? Wie behandeln wir sie im Gegenzug oft genug dafür? Auch nur geringste Anzeichen von Schwäche oder Beeinträchtigungen welcher Art auch immer gelten als unvereinbar mit dem Anforderungsprofil an politisches Führungspersonal. Warum eigentlich?

Merkel hat den Mut, das Zittern in der Öffentlichkeit zu riskieren. Den womöglich noch größeren, dieser das auch zuzumuten. Dass sie das nicht unbedacht tut, wird man angesichts ihrer Persönlichkeit vermuten dürfen. Das verdient vor allem anderen erst einmal: Respekt. Und Mitgefühl.

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