Kommentar zum Mord an Kreml-Kritiker Boris Nemzow: Sibirische Kälte Marcus Sauer Die Kugeln, die in den Körper des russischen Oppositionsführers Boris Nemzow eindrangen und den erbitterten Kritiker Präsident Wladimir Putins aus dem Leben rissen, waren eine Botschaft: Für jene, die sich dem patriotischen, nationalistischen Marsch nach „Neurussland“ in den Weg stellen, gibt es keinen Platz mehr. Der Anschlag einen Steinwurf vom Kreml entfernt, wo das Sicherheitsnetz kaum engmaschiger sein könnte, war eine Machtdemonstration. Ebenso die Tatsache, dass die Killer nicht davor zurückschreckten, einen früheren Vizepremier mit einst besten Aussichten auf das Präsidentenamt zu töten. Wer wagt so etwas in Putins gelenkter Demokratie?Nemzow war ein Stachel in Putins Fleisch. Er ließ sich nicht einschüchtern. Mit Charisma gelang es ihm nicht nur immer wieder, eine für russische Verhältnisse und diese Zeiten beachtliche Zahl an Menschen zu mobilisieren, sondern auch die Kreml-Propaganda zu entlarven. Putin bestreitet bis heute, dass russische Truppen in der Ukraine aktiv sind. Genau das wollte Nemzow beweisen. Dennoch ist nicht anzunehmen, dass der Präsident den Mord in Auftrag gegeben hat. Nein, das musste er nicht. Doch er ist es, der eine Atmosphäre in seinem Reich geschaffen hat, in der seine Gegner zu Vogelfreien werden konnten.Ob im Staatsfernsehen oder auf riesigen Plakatwänden - Nemzow und seine Mitstreiter wurden verunglimpft und als „fünfte Kolonne“ des Westens angeprangert. In den Lagern der Putin-Jugend wird jungen Leuten eingeimpft, Kreml-Gegner wie Nemzow seien Staatsfeinde. Da ist es geradezu zynisch, wenn sich Putin nun als Chefermittler inszeniert und die Tat instrumentalisiert. Die „Aufklärung“ dürfte ebenso verlaufen wie im Fall der Journalistin Anna Politkowskaja. Mit dem Attentat verhärten sich die Fronten weiter. Sibirische Kälte hat sich über Putins Russland gelegt. Auch wenn Tausende Russen den Mut hatten, öffentlich um Nemzow zu trauern - es ist zu befürchten, dass der Wind an der Moskwa noch eisiger werden.

Kommentar zum Mord an Kreml-Kritiker Boris Nemzow: Sibirische Kälte

Die Kugeln, die in den Körper des russischen Oppositionsführers Boris Nemzow eindrangen und den erbitterten Kritiker Präsident Wladimir Putins aus dem Leben rissen, waren eine Botschaft: Für jene, die sich dem patriotischen, nationalistischen Marsch nach „Neurussland“ in den Weg stellen, gibt es keinen Platz mehr. Der Anschlag einen Steinwurf vom Kreml entfernt, wo das Sicherheitsnetz kaum engmaschiger sein könnte, war eine Machtdemonstration. Ebenso die Tatsache, dass die Killer nicht davor zurückschreckten, einen früheren Vizepremier mit einst besten Aussichten auf das Präsidentenamt zu töten. Wer wagt so etwas in Putins gelenkter Demokratie?

Marcus Sauer - © Foto: MT
Marcus Sauer - © Foto: MT

Nemzow war ein Stachel in Putins Fleisch. Er ließ sich nicht einschüchtern. Mit Charisma gelang es ihm nicht nur immer wieder, eine für russische Verhältnisse und diese Zeiten beachtliche Zahl an Menschen zu mobilisieren, sondern auch die Kreml-Propaganda zu entlarven. Putin bestreitet bis heute, dass russische Truppen in der Ukraine aktiv sind. Genau das wollte Nemzow beweisen. Dennoch ist nicht anzunehmen, dass der Präsident den Mord in Auftrag gegeben hat. Nein, das musste er nicht. Doch er ist es, der eine Atmosphäre in seinem Reich geschaffen hat, in der seine Gegner zu Vogelfreien werden konnten.

Ob im Staatsfernsehen oder auf riesigen Plakatwänden - Nemzow und seine Mitstreiter wurden verunglimpft und als „fünfte Kolonne“ des Westens angeprangert. In den Lagern der Putin-Jugend wird jungen Leuten eingeimpft, Kreml-Gegner wie Nemzow seien Staatsfeinde. Da ist es geradezu zynisch, wenn sich Putin nun als Chefermittler inszeniert und die Tat instrumentalisiert. Die „Aufklärung“ dürfte ebenso verlaufen wie im Fall der Journalistin Anna Politkowskaja. Mit dem Attentat verhärten sich die Fronten weiter. Sibirische Kälte hat sich über Putins Russland gelegt. Auch wenn Tausende Russen den Mut hatten, öffentlich um Nemzow zu trauern - es ist zu befürchten, dass der Wind an der Moskwa noch eisiger werden.

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