Kommentar zum Thema Debatte um Wehrpflicht: Nicht fair

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Von Torsten Henke

Torsten Henke - © siehe Bildtext
Torsten Henke (© siehe Bildtext)

Wer wollte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer da widersprechen: „Für mich ist es ein zutiefst bürgerlicher Gedanke, seinem Land und der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen.“ Bei einer Dienstpflicht, über die sie ihre Partei diskutieren lässt, geht es jedoch nicht um das Wollen, sondern um das Müssen. Und da gibt es erhebliche Bedenken. Die Mehrheit für eine Änderung des Grundgesetzes ist weit und breit nicht in Sicht. Und das ist auch gut so. Denn junge Menschen, Männer und Frauen, zu einem einjährigen Dienst in einem „gesellschaftlich relevanten, gemeinnützigen Bereich“, also bei der Bundeswehr, der Feuerwehr, im Umweltschutz, bei einer sozialen Organisation oder in der Pflege zu verpflichten, ist nicht fair.

Denn es wären vor allem die Frauen, die draufzahlen würden. Zwar haben sich die Geschlechterrollen geändert. Dennoch sind es in der Regel Frauen, die den Großteil der „Familienarbeit“ übernehmen, die ihre Karriere unterbrechen, wenn Kinder kommen, die sich um pflegebedürftige Eltern und Schwiegereltern kümmern und die deshalb später weniger Rente bekommen. Wenn davon die Rede ist, dass Angehörige der größte Pflegedienst der Republik seien, dann sind damit vor allem Frauen gemeint. Sie geben im Laufe ihres Lebens schon eine Menge „zurück“.

Angesichts des Fachkräftemangels und der demografischen Probleme in den sozialen Sicherungssystemen ist es ohnehin fragwürdig, jungen Menschen ein Jahr wegzunehmen, und sie den Fehler ausbügeln zu lassen, den Kramp-Karrenbauers Union mit der faktischen Abschaffung der Wehrpflicht gemacht hat, die die Bundeswehr nun personell ausbluten lässt und große Lücken in der Pflege gerissen hat. Natürlich ist es wünschenswert, wenn sich junge Menschen sozial engagieren. Darum wäre es sinnvoll, mehr Anreize für ein freiwilliges Dienstjahr zu schaffen, wie es etwa der Hesse Volker Bouffier vorschlägt. Wer Personal-Engpässe in der Pflege und bei der Truppe beseitigen will, muss die jeweiligen Berufe attraktiver machen. Auch und gerade finanziell. Die Diskussion über eine Dienstpflicht jedoch ist eine Phantomdebatte.

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Kommentar zum Thema Debatte um Wehrpflicht: Nicht fairVon Torsten Henke Wer wollte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer da widersprechen: „Für mich ist es ein zutiefst bürgerlicher Gedanke, seinem Land und der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen.“ Bei einer Dienstpflicht, über die sie ihre Partei diskutieren lässt, geht es jedoch nicht um das Wollen, sondern um das Müssen. Und da gibt es erhebliche Bedenken. Die Mehrheit für eine Änderung des Grundgesetzes ist weit und breit nicht in Sicht. Und das ist auch gut so. Denn junge Menschen, Männer und Frauen, zu einem einjährigen Dienst in einem „gesellschaftlich relevanten, gemeinnützigen Bereich“, also bei der Bundeswehr, der Feuerwehr, im Umweltschutz, bei einer sozialen Organisation oder in der Pflege zu verpflichten, ist nicht fair. Denn es wären vor allem die Frauen, die draufzahlen würden. Zwar haben sich die Geschlechterrollen geändert. Dennoch sind es in der Regel Frauen, die den Großteil der „Familienarbeit“ übernehmen, die ihre Karriere unterbrechen, wenn Kinder kommen, die sich um pflegebedürftige Eltern und Schwiegereltern kümmern und die deshalb später weniger Rente bekommen. Wenn davon die Rede ist, dass Angehörige der größte Pflegedienst der Republik seien, dann sind damit vor allem Frauen gemeint. Sie geben im Laufe ihres Lebens schon eine Menge „zurück“. Angesichts des Fachkräftemangels und der demografischen Probleme in den sozialen Sicherungssystemen ist es ohnehin fragwürdig, jungen Menschen ein Jahr wegzunehmen, und sie den Fehler ausbügeln zu lassen, den Kramp-Karrenbauers Union mit der faktischen Abschaffung der Wehrpflicht gemacht hat, die die Bundeswehr nun personell ausbluten lässt und große Lücken in der Pflege gerissen hat. Natürlich ist es wünschenswert, wenn sich junge Menschen sozial engagieren. Darum wäre es sinnvoll, mehr Anreize für ein freiwilliges Dienstjahr zu schaffen, wie es etwa der Hesse Volker Bouffier vorschlägt. Wer Personal-Engpässe in der Pflege und bei der Truppe beseitigen will, muss die jeweiligen Berufe attraktiver machen. Auch und gerade finanziell. Die Diskussion über eine Dienstpflicht jedoch ist eine Phantomdebatte.