Kommentar zum Thema Brexit-Einigung: Nicht in trocknen Tüchern

veröffentlicht

Von Christoph Pepper

So weit waren alle Beteiligten schon einmal. Großbritannien und die EU hatten mit viel Bohei und reichlich Drama einen Austrittsvertrag verhandelt, mit dem Ende alle (Verhandler) leben zu können glaubten. Unter anderem Boris Johnson hat seiner Vorgängerin Theresa May, vor allem aber seinem Land und der Europäischen Union dann die Suppe versalzen. Jetzt muss er selbst sehen, ob er den Neuaufguss dem Parlament schmackhaft zu machen versteht.

Gut sieht es nicht aus, weil unter anderem die nordirischen Protestanten bei ihrer Ablehnung bleiben. Auch weiteren Gegnern geht die gar nicht so entfernt von den May'schen Ergebnissen gefundene Lösung nicht weit genug – oder eben viel zu weit. Ob die angebliche Quadratur des Kreises um die nordirische Zollfrage überhaupt funktionieren könnte, wird sich womöglich so schnell gar keinem Praxistest unterziehen lassen.

Johnson, ganz der Spieler, setzt – unter sorgsam inszenierten Zeitdruck – alles auf eine Karte. Gelingt es ihm nicht, die nötigen Stimmen zusammenzubekommen, kann er immerhin darauf verweisen, dass er alles versucht habe. Eine weitere Verhandlungsrunde wird ihm die längst genervte EU nicht mehr zugestehen, die vom Londoner Parlament erzwungene Austritts-Verlängerung wäre also obsolet. Mit dem Hinweis darauf wird Johnson die Neuwahlen zu erzwingen versuchen, die ohnehin sein Ziel waren, Deal oder nicht.

Der No-Deal-Brexit ist also mitnichten vom Tisch. Man muss hoffen, dass er den Briten und ihren künftigen Ex-Partnern erspart bleibt. Wie auch immer, der Abschied des Vereinigten Königreichs gestaltet sich so unwürdig, wie er eingefädelt wurde: als Farce im innerparteilichen Macht- und Ränkespiel (nicht nur, aber vor allem) der altehrwürdigen Tories. Merke: Geschichte schützt vor Torheit nicht.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Kommentar zum Thema Brexit-Einigung: Nicht in trocknen TüchernVon Christoph Pepper So weit waren alle Beteiligten schon einmal. Großbritannien und die EU hatten mit viel Bohei und reichlich Drama einen Austrittsvertrag verhandelt, mit dem Ende alle (Verhandler) leben zu können glaubten. Unter anderem Boris Johnson hat seiner Vorgängerin Theresa May, vor allem aber seinem Land und der Europäischen Union dann die Suppe versalzen. Jetzt muss er selbst sehen, ob er den Neuaufguss dem Parlament schmackhaft zu machen versteht. Gut sieht es nicht aus, weil unter anderem die nordirischen Protestanten bei ihrer Ablehnung bleiben. Auch weiteren Gegnern geht die gar nicht so entfernt von den May'schen Ergebnissen gefundene Lösung nicht weit genug – oder eben viel zu weit. Ob die angebliche Quadratur des Kreises um die nordirische Zollfrage überhaupt funktionieren könnte, wird sich womöglich so schnell gar keinem Praxistest unterziehen lassen. Johnson, ganz der Spieler, setzt – unter sorgsam inszenierten Zeitdruck – alles auf eine Karte. Gelingt es ihm nicht, die nötigen Stimmen zusammenzubekommen, kann er immerhin darauf verweisen, dass er alles versucht habe. Eine weitere Verhandlungsrunde wird ihm die längst genervte EU nicht mehr zugestehen, die vom Londoner Parlament erzwungene Austritts-Verlängerung wäre also obsolet. Mit dem Hinweis darauf wird Johnson die Neuwahlen zu erzwingen versuchen, die ohnehin sein Ziel waren, Deal oder nicht. Der No-Deal-Brexit ist also mitnichten vom Tisch. Man muss hoffen, dass er den Briten und ihren künftigen Ex-Partnern erspart bleibt. Wie auch immer, der Abschied des Vereinigten Königreichs gestaltet sich so unwürdig, wie er eingefädelt wurde: als Farce im innerparteilichen Macht- und Ränkespiel (nicht nur, aber vor allem) der altehrwürdigen Tories. Merke: Geschichte schützt vor Torheit nicht.