Kommentar zum Thema Lage im Norden Syriens: In Putins Sinne

veröffentlicht

Von Marcus Sauer

Marcus Sauer, Kommentator Henke - © privat
Marcus Sauer, Kommentator Henke (© privat)

Wenn in der Weltpolitik zu viel Testosteron im Spiel ist, kann das zu nichts Gutem führen. Dann gibt es nicht selten Gewalt, Tote und Vertriebene. So wie derzeit im Norden Syriens. Dass dort Blut fließt und Menschen sterben, liegt vor allem an zwei Staatschefs, die sich besonders viel auf ihre Männlichkeit einbilden: Am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seinem US-Kollegen Donald Trump, der Erdogan durch den Abzug der US-Truppen aus dem Norden Syriens erst das Schussfeld freigemacht hat, und der sich nun plötzlich als Vermittler aufdrängt. Doch die Rolle übernimmt ein anderer. Der dritte Alpha-Mann in diesem tödlichen Spiel: der Russe Wladimir Putin.

Mit dem Abzug der GIs hat Trump selbst seiner Nation die letzte Einflussmöglichkeit im Syrien-Konflikt genommen. Erdogan hat es gar gewagt, ein Gespräch mit US-Vizepräsident Mike Pence zunächst zu verweigern. Sein Signal: Die USA sind nicht mehr relevant. Und Trump hat mit dem Rückzug ausgerechnet Putin gestärkt, dessen Truppen nun gemeinsam mit den Syrern in das Vakuum stoßen, das die Amerikaner hinterlassen haben. Putin ist derjenige, der ein gewichtiges Wort darüber mitredet, wie es in Syrien weitergeht, er hat Erdogan nach Moskau eingeladen. Und er ist derjenige, der Diktator Baschar al-Assad das politische Überleben sichert.

Auch der Schlächter von Damaskus profitiert von der unüberlegten Politik Trumps. Die Kurden haben ihn in ihrer Not um Hilfe gerufen. Er hat somit Teile seines Territoriums kampflos zurückbekommen. Und er erhält Zugriff auf inhaftierte IS-Kämpfer, die er als Druckmittel gegen den Westen nutzen kann. All das war absehbar. Und vermeidbar. Wenn europäische Soldaten die US-Posten übernommen und so die kurdischen Verbündeten vor dem Nato-Partner Türkei geschützt hätten. Doch dazu fehlte den Regierungen der Mumm. Deshalb tragen sie Mitschuld am Verrat an den Kurden und am Leid im Norden Syriens.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Kommentar zum Thema Lage im Norden Syriens: In Putins SinneVon Marcus Sauer Wenn in der Weltpolitik zu viel Testosteron im Spiel ist, kann das zu nichts Gutem führen. Dann gibt es nicht selten Gewalt, Tote und Vertriebene. So wie derzeit im Norden Syriens. Dass dort Blut fließt und Menschen sterben, liegt vor allem an zwei Staatschefs, die sich besonders viel auf ihre Männlichkeit einbilden: Am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seinem US-Kollegen Donald Trump, der Erdogan durch den Abzug der US-Truppen aus dem Norden Syriens erst das Schussfeld freigemacht hat, und der sich nun plötzlich als Vermittler aufdrängt. Doch die Rolle übernimmt ein anderer. Der dritte Alpha-Mann in diesem tödlichen Spiel: der Russe Wladimir Putin. Mit dem Abzug der GIs hat Trump selbst seiner Nation die letzte Einflussmöglichkeit im Syrien-Konflikt genommen. Erdogan hat es gar gewagt, ein Gespräch mit US-Vizepräsident Mike Pence zunächst zu verweigern. Sein Signal: Die USA sind nicht mehr relevant. Und Trump hat mit dem Rückzug ausgerechnet Putin gestärkt, dessen Truppen nun gemeinsam mit den Syrern in das Vakuum stoßen, das die Amerikaner hinterlassen haben. Putin ist derjenige, der ein gewichtiges Wort darüber mitredet, wie es in Syrien weitergeht, er hat Erdogan nach Moskau eingeladen. Und er ist derjenige, der Diktator Baschar al-Assad das politische Überleben sichert. Auch der Schlächter von Damaskus profitiert von der unüberlegten Politik Trumps. Die Kurden haben ihn in ihrer Not um Hilfe gerufen. Er hat somit Teile seines Territoriums kampflos zurückbekommen. Und er erhält Zugriff auf inhaftierte IS-Kämpfer, die er als Druckmittel gegen den Westen nutzen kann. All das war absehbar. Und vermeidbar. Wenn europäische Soldaten die US-Posten übernommen und so die kurdischen Verbündeten vor dem Nato-Partner Türkei geschützt hätten. Doch dazu fehlte den Regierungen der Mumm. Deshalb tragen sie Mitschuld am Verrat an den Kurden und am Leid im Norden Syriens.