Kommentar zu den Briten und dem Brexit: Endspurt

Marcus Sauer

Wäre es nicht schön gewesen, wenn die Queen gestern bei ihrer Rede zur Parlamentseröffnung einmal ordentlich auf die Thronlehne gehauen und Premier Boris Johnson, seiner Regierung sowie den Abgeordneten die Leviten gelesen hätte? Wenn sie ihnen gesagt hätte, dass es mit dem politischen Chaos in Westminster so nicht weitergehen kann, und dass sie sich gefälligst zu einigen haben. Untereinander und mit der Europäischen Union. Um Schaden von dem Land und ihren Untertanen abzuwenden. Doch das war von Elizabeth II. nicht zu erwarten. Sie hat vorgelesen, was Johnson ihr aufgeschrieben hat, selbst wenn der ihr neulich übel mitgespielt hat, als er sie das Unterhaus in eine Dauerpause schicken ließ.

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Was die Monarchin gestern vorzutragen hatte, war kaum spektakulär. Das große und zentrale Thema der vergangenen Monate und Jahre, der Brexit, wurde nur kurz abgehandelt. Warum auch nicht? Es gab nichts Neues zu berichten. Allerdings ist in den vergangenen Tagen Bewegung in die Verhandlungen gekommen. Nach einer langen Periode des Stillstandes gibt es nun im Endspurt offenbar Fortschritte. Möglich, dass Großbritannien und die EU-27 Ende der Woche tatsächlich einen Kompromiss finden, dem beide Seiten zustimmen können. Wie der allerdings in der Praxis aussehen kann, wenn es keine Grenze auf der irischen Insel geben und dort kein Schmugglerparadies entstehen soll, ist schwer vorstellbar.

Doch immerhin scheint endlich wieder der Wille vorhanden zu sein, sich zu einigen. Der Druck aus seinem eigenen Kabinett dürfte die Kompromissbereitschaft bei Johnson gefördert haben. Ob am Ende wirklich ein Kompromiss steht, ob Großbritannien geregelt oder mit großem Chaos aus der EU austritt – am kommenden Wochenende ist Europa vielleicht schlauer. Die von London geplante Einschränkung der Personenfreizügigkeit wird die komplizierten Verhandlungen jedenfalls zusätzlich erschweren.

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Kommentar zu den Briten und dem Brexit: EndspurtMarcus SauerWäre es nicht schön gewesen, wenn die Queen gestern bei ihrer Rede zur Parlamentseröffnung einmal ordentlich auf die Thronlehne gehauen und Premier Boris Johnson, seiner Regierung sowie den Abgeordneten die Leviten gelesen hätte? Wenn sie ihnen gesagt hätte, dass es mit dem politischen Chaos in Westminster so nicht weitergehen kann, und dass sie sich gefälligst zu einigen haben. Untereinander und mit der Europäischen Union. Um Schaden von dem Land und ihren Untertanen abzuwenden. Doch das war von Elizabeth II. nicht zu erwarten. Sie hat vorgelesen, was Johnson ihr aufgeschrieben hat, selbst wenn der ihr neulich übel mitgespielt hat, als er sie das Unterhaus in eine Dauerpause schicken ließ. Was die Monarchin gestern vorzutragen hatte, war kaum spektakulär. Das große und zentrale Thema der vergangenen Monate und Jahre, der Brexit, wurde nur kurz abgehandelt. Warum auch nicht? Es gab nichts Neues zu berichten. Allerdings ist in den vergangenen Tagen Bewegung in die Verhandlungen gekommen. Nach einer langen Periode des Stillstandes gibt es nun im Endspurt offenbar Fortschritte. Möglich, dass Großbritannien und die EU-27 Ende der Woche tatsächlich einen Kompromiss finden, dem beide Seiten zustimmen können. Wie der allerdings in der Praxis aussehen kann, wenn es keine Grenze auf der irischen Insel geben und dort kein Schmugglerparadies entstehen soll, ist schwer vorstellbar. Doch immerhin scheint endlich wieder der Wille vorhanden zu sein, sich zu einigen. Der Druck aus seinem eigenen Kabinett dürfte die Kompromissbereitschaft bei Johnson gefördert haben. Ob am Ende wirklich ein Kompromiss steht, ob Großbritannien geregelt oder mit großem Chaos aus der EU austritt – am kommenden Wochenende ist Europa vielleicht schlauer. Die von London geplante Einschränkung der Personenfreizügigkeit wird die komplizierten Verhandlungen jedenfalls zusätzlich erschweren.