Kommentar zum Terroranschlag von Halle: Einer von vielen

Marcus Sauer

Wie kann es sein, dass heute bei einem jungen Mann der Hass auf Juden so groß ist, dass er mit Waffen und Sprengsätzen loszieht, um zu töten, und seine Tat live ins Internet zu übertragen? Davon überzeugt, dass er Gleichgesinnte damit begeistern kann und in ihren Augen zu einem Helden wird. Die Kaltblütigkeit, die Stephan B. in dem Film, aber auch in seinem Hass-Pamphlet zur Schau stellt, ist erschütternd. Und sie rüttelt in höchstem Maße auf. Denn er mag ein Einzeltäter gewesen sein. Mit seiner kruden Weltsicht jedoch ist er einer von vielen. Es werden immer mehr, und sie tummeln sich längst nicht nur im Netz.

Marcus Sauer. - © pr
Marcus Sauer. (© pr)

Es ist eine ekelhafte Ideologie, die sich der Mörder von Halle zusammengerührt hat: Antisemitismus, „der Jude“ ist an allem schuld, Holocaust-Leugnung, Feminismus sei der Grund für die niedrigen Geburtenraten im Westen, Masseneinwanderung die Folge. Rassismus und völkisches Denken: Es sind abstruse Kausalketten, die so, so ähnlich oder in abgeschwächter Form immer wieder zu hören sind. Auch aus der AfD, aber nicht nur dort.

Antisemitisches Denken, das oft als Kritik an Israel daher kommt, die man „ja wohl noch äußern“ dürfe, ist quer über die gesellschaftlichen Gruppen verbreitet, längst nicht nur unter jungen Muslimen, die Israel-Flaggen anzünden. Wenngleich das ein Phänomen ist, das die Sicherheitsbehörden ebenfalls sehr genau im Blick haben müssen. Denn auch deshalb gibt es in Deutschland Gegenden, in denen es beispielsweise nicht klug wäre, eine Kippa zu tragen.

Allein das ist unerträglich für das Land, in dem der Holocaust ersonnen und mit eiskalter Präzision umgesetzt wurde. „Wehret den Anfängen“, heißt es häufig. Doch dafür ist es längst zu spät. Mehr oder weniger unterschwelliger Antisemitismus ist wieder salonfähig geworden. Und es herrscht ein Klima in diesem Land, in dem er immer seltener auf Widerspruch stößt.

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Kommentar zum Terroranschlag von Halle: Einer von vielenMarcus SauerWie kann es sein, dass heute bei einem jungen Mann der Hass auf Juden so groß ist, dass er mit Waffen und Sprengsätzen loszieht, um zu töten, und seine Tat live ins Internet zu übertragen? Davon überzeugt, dass er Gleichgesinnte damit begeistern kann und in ihren Augen zu einem Helden wird. Die Kaltblütigkeit, die Stephan B. in dem Film, aber auch in seinem Hass-Pamphlet zur Schau stellt, ist erschütternd. Und sie rüttelt in höchstem Maße auf. Denn er mag ein Einzeltäter gewesen sein. Mit seiner kruden Weltsicht jedoch ist er einer von vielen. Es werden immer mehr, und sie tummeln sich längst nicht nur im Netz. Es ist eine ekelhafte Ideologie, die sich der Mörder von Halle zusammengerührt hat: Antisemitismus, „der Jude“ ist an allem schuld, Holocaust-Leugnung, Feminismus sei der Grund für die niedrigen Geburtenraten im Westen, Masseneinwanderung die Folge. Rassismus und völkisches Denken: Es sind abstruse Kausalketten, die so, so ähnlich oder in abgeschwächter Form immer wieder zu hören sind. Auch aus der AfD, aber nicht nur dort. Antisemitisches Denken, das oft als Kritik an Israel daher kommt, die man „ja wohl noch äußern“ dürfe, ist quer über die gesellschaftlichen Gruppen verbreitet, längst nicht nur unter jungen Muslimen, die Israel-Flaggen anzünden. Wenngleich das ein Phänomen ist, das die Sicherheitsbehörden ebenfalls sehr genau im Blick haben müssen. Denn auch deshalb gibt es in Deutschland Gegenden, in denen es beispielsweise nicht klug wäre, eine Kippa zu tragen. Allein das ist unerträglich für das Land, in dem der Holocaust ersonnen und mit eiskalter Präzision umgesetzt wurde. „Wehret den Anfängen“, heißt es häufig. Doch dafür ist es längst zu spät. Mehr oder weniger unterschwelliger Antisemitismus ist wieder salonfähig geworden. Und es herrscht ein Klima in diesem Land, in dem er immer seltener auf Widerspruch stößt.