Kommentar zum Tag der Deutschen Einheit: Ermüdende Rituale

Torsten Henke

Wir Deutsche tun uns schwer damit, uns zu freuen. 29 Jahre Wiedervereinigung – das sollte eigentlich ein Grund sein. Doch die ermüdenden Gedenkrituale sowie die wenig inspirierenden Reden aus dem Baukasten politischer Phrasen, die auf den offiziellen Gedenkfeiern zu hören sein werden, haben wenig zu tun mit den Gefühlen, auf die viele Bürger – in Ost und West – auf fast 30 Jahre einig Vaterland blicken. Denn mit der Einigkeit ist es nach drei Jahrzehnten vielerorts noch nicht weit her. Wirtschaftlich, sozial und politisch. Das werden in wenigen Wochen viele Menschen in Thüringen wieder an der Wahlurne dokumentieren.

Torsten Henke, Kommentator Henke - © pr
Torsten Henke, Kommentator Henke (© pr)

Dabei hätte kaum ein anderes Land leisten können, was die Deutschen auf die Beine gestellt haben. Sicher, es haben sich nicht alle Hoffnungen erfüllt. Doch wurden auch falsche Erwartungen geweckt und Erfolge kleingeredet. Es gibt Menschen, die wohl nie ihren Platz im wiedervereinigten Land finden werden. Und es gibt gegenseitige Ressentiments, oft resultierend aus Unwissenheit. Würden mehr „Wessis“ über das platte Land im Osten fahren, sich mehr Ossis mal ins Ruhrgebiet verirren – das würde manchem wohl die Augen öffnen. Doch abgesehen von Metropolen und touristischen Zentren lebt man aneinander vorbei. Hier wir, dort die.

In dieser Endlos-Diskussion über nackte Zahlen, über Renten, Löhne und Mieten, gerät in Vergessenheit, was die DDR-Bürger vor 30 Jahren riskiert haben, und worum es ihnen ging, als der Ruf „Wir sind ein Volk“ über Straßen und Plätze ihres untergehenden Landes erschallte. Der Weg zur inneren Einheit ist noch weit. Ihn weisen junge Menschen, die den Mauerfall als Kinder erlebt haben, oder die nach der Wiedervereinigung geboren sind, und die unbefangen miteinander umgehen. Für sie spielt „Ossi“ oder „Wessi“ kaum mehr eine Rolle. Sie sind Deutsche. Und Europäer. Einigkeit, Recht und Freiheit – für sie ist das selbstverständlich. Das macht mehr Mut als die Plattitüden der Politiker.

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Kommentar zum Tag der Deutschen Einheit: Ermüdende RitualeTorsten HenkeWir Deutsche tun uns schwer damit, uns zu freuen. 29 Jahre Wiedervereinigung – das sollte eigentlich ein Grund sein. Doch die ermüdenden Gedenkrituale sowie die wenig inspirierenden Reden aus dem Baukasten politischer Phrasen, die auf den offiziellen Gedenkfeiern zu hören sein werden, haben wenig zu tun mit den Gefühlen, auf die viele Bürger – in Ost und West – auf fast 30 Jahre einig Vaterland blicken. Denn mit der Einigkeit ist es nach drei Jahrzehnten vielerorts noch nicht weit her. Wirtschaftlich, sozial und politisch. Das werden in wenigen Wochen viele Menschen in Thüringen wieder an der Wahlurne dokumentieren. Dabei hätte kaum ein anderes Land leisten können, was die Deutschen auf die Beine gestellt haben. Sicher, es haben sich nicht alle Hoffnungen erfüllt. Doch wurden auch falsche Erwartungen geweckt und Erfolge kleingeredet. Es gibt Menschen, die wohl nie ihren Platz im wiedervereinigten Land finden werden. Und es gibt gegenseitige Ressentiments, oft resultierend aus Unwissenheit. Würden mehr „Wessis“ über das platte Land im Osten fahren, sich mehr Ossis mal ins Ruhrgebiet verirren – das würde manchem wohl die Augen öffnen. Doch abgesehen von Metropolen und touristischen Zentren lebt man aneinander vorbei. Hier wir, dort die. In dieser Endlos-Diskussion über nackte Zahlen, über Renten, Löhne und Mieten, gerät in Vergessenheit, was die DDR-Bürger vor 30 Jahren riskiert haben, und worum es ihnen ging, als der Ruf „Wir sind ein Volk“ über Straßen und Plätze ihres untergehenden Landes erschallte. Der Weg zur inneren Einheit ist noch weit. Ihn weisen junge Menschen, die den Mauerfall als Kinder erlebt haben, oder die nach der Wiedervereinigung geboren sind, und die unbefangen miteinander umgehen. Für sie spielt „Ossi“ oder „Wessi“ kaum mehr eine Rolle. Sie sind Deutsche. Und Europäer. Einigkeit, Recht und Freiheit – für sie ist das selbstverständlich. Das macht mehr Mut als die Plattitüden der Politiker.