Kommentar zu Johnson und das Brexit-Chaos: Skrupelloser Zocker

Torsten Henke

Das muss man sich mal vorstellen: Seit dem 24. Juli ist Boris Johnson Premierminister des Vereinigten Königreichs. Und bis gestern hat gedauert, bis er mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zusammengetroffen ist. Dabei steuern die EU und Großbritannien auf eine beispiellose Krise zu. Doch wird es die Briten noch viel härter treffen, wenn ihr Land tatsächlich am 31. Oktober ohne Deal aus der EU austreten sollte. Das „Yellowhammer“-Dokument listet auf, was ihnen alles blühen könnte. Man sollte meinen, ein Regierungschef setzt alles daran, um ein solches Horrorszenario abzuwenden.

Torsten Henke - © siehe Bildtext
Torsten Henke (© siehe Bildtext)

Johnson jedoch droht und zockt und setzt alles, das Schicksal seines Landes und seiner Bürger, auf eine Karte. Er vertraut darauf, dass die EU-27 noch einknicken und auf den Backstop in der Irland-Frage verzichten. Deshalb denkt Johnson gar nicht daran, praktikable Lösungsvorschläge zu machen. Zumindest hatte er auch gestern keine zu bieten, sondern beschränkte sich auf seine übliche blumige Rhetorik, nach der er „leidenschaftlich“ glaube, „dass wird das schaffen können“. Bisweilen macht er sich ziemlich lächerlich, so am Wochenende mit seinem Vergleich mit der Comicfigur Hulk. Dabei ist die Lage alles andere als komisch.

Im Wahrheit geht es Johnson nur noch darum, Sündenböcke zu finden: Die EU, das Parlament, die Opposition, das Polit-Establishment in Westminster. Sie will er an den Pranger stellen, wenn es zu dem kaum vermeidlichen Chaos kommt. Selbst wenn das höchste Gericht feststellen sollte, er habe mit der Zwangspause des Parlaments gegen die Verfassung verstoßen, kann er darauf bauen, dass die Angst vor seinem Herausforderer Jeremy Corbyn noch größer ist. Für seine Machtspiele nimmt Johnson sogar das Zerbrechen des Königreichs, die Abspaltung Schottlands und die Rückkehr des Irland-Konflikts in Kauf. Darum: Sein Vergleich mit dem grünen Comic-Koloss hinkt. Das hat Hulk nämlich nicht verdient.

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Kommentar zu Johnson und das Brexit-Chaos: Skrupelloser ZockerTorsten HenkeDas muss man sich mal vorstellen: Seit dem 24. Juli ist Boris Johnson Premierminister des Vereinigten Königreichs. Und bis gestern hat gedauert, bis er mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zusammengetroffen ist. Dabei steuern die EU und Großbritannien auf eine beispiellose Krise zu. Doch wird es die Briten noch viel härter treffen, wenn ihr Land tatsächlich am 31. Oktober ohne Deal aus der EU austreten sollte. Das „Yellowhammer“-Dokument listet auf, was ihnen alles blühen könnte. Man sollte meinen, ein Regierungschef setzt alles daran, um ein solches Horrorszenario abzuwenden. Johnson jedoch droht und zockt und setzt alles, das Schicksal seines Landes und seiner Bürger, auf eine Karte. Er vertraut darauf, dass die EU-27 noch einknicken und auf den Backstop in der Irland-Frage verzichten. Deshalb denkt Johnson gar nicht daran, praktikable Lösungsvorschläge zu machen. Zumindest hatte er auch gestern keine zu bieten, sondern beschränkte sich auf seine übliche blumige Rhetorik, nach der er „leidenschaftlich“ glaube, „dass wird das schaffen können“. Bisweilen macht er sich ziemlich lächerlich, so am Wochenende mit seinem Vergleich mit der Comicfigur Hulk. Dabei ist die Lage alles andere als komisch. Im Wahrheit geht es Johnson nur noch darum, Sündenböcke zu finden: Die EU, das Parlament, die Opposition, das Polit-Establishment in Westminster. Sie will er an den Pranger stellen, wenn es zu dem kaum vermeidlichen Chaos kommt. Selbst wenn das höchste Gericht feststellen sollte, er habe mit der Zwangspause des Parlaments gegen die Verfassung verstoßen, kann er darauf bauen, dass die Angst vor seinem Herausforderer Jeremy Corbyn noch größer ist. Für seine Machtspiele nimmt Johnson sogar das Zerbrechen des Königreichs, die Abspaltung Schottlands und die Rückkehr des Irland-Konflikts in Kauf. Darum: Sein Vergleich mit dem grünen Comic-Koloss hinkt. Das hat Hulk nämlich nicht verdient.