Kommentar zum Thema Gipfel in Biarritz: G6 plus 1

veröffentlicht

Von Torsten Henke

Torsten Henke - © siehe Bildtext
Torsten Henke (© siehe Bildtext)

Fast jeder kennt einen dieser Verwandten, die auf Familientreffen ständig für Streit sorgen. Und jedes Mal, bevor man sich trifft, fragen sich alle: Wie ist er wohl diesmal drauf? Wann fliegen die Fetzen? In der G7-Familien ist Donald Trump dieser unangenehme Zeitgenosse, dem jederzeit eine Laus über die Leber laufen kann. Obwohl: Was heißt G7-Familie? Seit Trump im Weißen Haus residiert, sind es eigentlich nur noch die G6 plus 1. Dass einer aus ihrer Mitte den anderen mit Strafzöllen droht und ihnen zeigt, für wie unbedeutend er sie hält – das gab es früher nicht.

Selbst der Brite Boris Johnson, selbst nicht gerade ein Beispiel für politische Verlässlichkeit, und der auf einen großen Handelsdeal mit Trump nach dem Brexit hofft, hat seine Besorgnis über Protektionismus und Zölle zum Ausdruck gebracht. Doch immerhin zeigte sich Trump in Biarritz bisher gut aufgelegt. Gastgeber Macrons Strategie, keine Erwartungen in eine Abschlusserklärung zu schüren, sondern sich um einzelne Beschlüsse zu verschiedenen Themen zu bemühen, scheint aufzugehen. In wichtigen Punkten konnten die Staaten, sie sich für die sieben wichtigsten Industrienationen der Welt halten, Einigkeit erzielen.

So will man den Dialog mit Russland zwar verstärken, Präsident Wladimir Putin aber nicht wieder am Tisch Platz nehmen lassen. Man ist sich einig darin, keinen Krieg gegen den Iran führen zu wollen. Dass Irans Außenminister Dschwad Sarif in Biarritz angekommen ist, war eine Sensation. Was immer bei den Gesprächen herauskommt: Macron legt sich mächtig für eine Entspannung der Lage ins Zeug, er ist ein würdiger G7-Vorsitzender. Erfreulich ist darüber hinaus, dass die G7 sich auf Hilfe für die Amazonas-Brandgebiete geeinigt haben, was keineswegs selbstverständlich ist. Schließlich sind Trump und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro Brüder im Geiste, die wenig für Klima- und Umweltschutz übrig haben. Mag sein, dass sich das G7-Format überholt hat. Dennoch ist es wichtig, wenn Staatenlenker von Zeit zu Zeit zusammenkommen. Und manchmal reist sogar der ungeliebte Verwandte wieder ab und alle wundern sich: Diesmal war der eigentlich ganz friedlich.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Kommentar zum Thema Gipfel in Biarritz: G6 plus 1Von Torsten Henke Fast jeder kennt einen dieser Verwandten, die auf Familientreffen ständig für Streit sorgen. Und jedes Mal, bevor man sich trifft, fragen sich alle: Wie ist er wohl diesmal drauf? Wann fliegen die Fetzen? In der G7-Familien ist Donald Trump dieser unangenehme Zeitgenosse, dem jederzeit eine Laus über die Leber laufen kann. Obwohl: Was heißt G7-Familie? Seit Trump im Weißen Haus residiert, sind es eigentlich nur noch die G6 plus 1. Dass einer aus ihrer Mitte den anderen mit Strafzöllen droht und ihnen zeigt, für wie unbedeutend er sie hält – das gab es früher nicht. Selbst der Brite Boris Johnson, selbst nicht gerade ein Beispiel für politische Verlässlichkeit, und der auf einen großen Handelsdeal mit Trump nach dem Brexit hofft, hat seine Besorgnis über Protektionismus und Zölle zum Ausdruck gebracht. Doch immerhin zeigte sich Trump in Biarritz bisher gut aufgelegt. Gastgeber Macrons Strategie, keine Erwartungen in eine Abschlusserklärung zu schüren, sondern sich um einzelne Beschlüsse zu verschiedenen Themen zu bemühen, scheint aufzugehen. In wichtigen Punkten konnten die Staaten, sie sich für die sieben wichtigsten Industrienationen der Welt halten, Einigkeit erzielen. So will man den Dialog mit Russland zwar verstärken, Präsident Wladimir Putin aber nicht wieder am Tisch Platz nehmen lassen. Man ist sich einig darin, keinen Krieg gegen den Iran führen zu wollen. Dass Irans Außenminister Dschwad Sarif in Biarritz angekommen ist, war eine Sensation. Was immer bei den Gesprächen herauskommt: Macron legt sich mächtig für eine Entspannung der Lage ins Zeug, er ist ein würdiger G7-Vorsitzender. Erfreulich ist darüber hinaus, dass die G7 sich auf Hilfe für die Amazonas-Brandgebiete geeinigt haben, was keineswegs selbstverständlich ist. Schließlich sind Trump und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro Brüder im Geiste, die wenig für Klima- und Umweltschutz übrig haben. Mag sein, dass sich das G7-Format überholt hat. Dennoch ist es wichtig, wenn Staatenlenker von Zeit zu Zeit zusammenkommen. Und manchmal reist sogar der ungeliebte Verwandte wieder ab und alle wundern sich: Diesmal war der eigentlich ganz friedlich.