Kommentar zur Studie über Lebensverhältnisse: Deutsche Schieflage

Claus Schöner

Claus Schöner. - © pr
Claus Schöner. (© pr)

Von „gleichwertigen Lebensverhältnissen“ ist im Grundgesetz die Rede, doch nun dokumentiert eine weitere Studie, wie weit die Bundesrepublik 30 Jahre nach der Wiedervereinigung von der Einhaltung dieses Versprechens entfernt ist. Völlig werden sich gleichwertige Lebensverhältnisse nie realisieren lassen. Es wird immer Regionen geben, die hinterherhinken, in denen es mehr Armut gibt und die sich abgehängt fühlen. Zugleich wird es boomende Wirtschaftszentren geben, in denen die Arbeitslosigkeit gering ist, die ihren Bürgern mehr Daseinsvorsorge, etwa einen attraktiveren öffentlichen Personennahverkehr, bessere Kinderbetreuung oder ein breiteres kulturelles Angebot bieten können.

Doch solche Lebensverhältnisse haben ihren Preis, sie werden zum Beispiel bezahlt mit hohen Grundstückspreisen und Mieten. Oft reicht das Geld, mit dem man andernorts gut leben kann, nicht, um über die Runden zu kommen. Es sind also eigentlich keine neuen Studien nötig, um zu wissen, dass es in der Bundesrepublik eine Schieflage gibt. Und dass die Möglichkeiten zur Teilhabe für Bürger in den meisten Gegenden Ostdeutschlands oder in den vom Strukturwandel hart getroffenen Regionen ganz im Westen sehr begrenzt sind.

Nun kann man darüber streiten, ob es von den Forschern klug ist, etwa das aufstrebende Leipzig auf eine Stufe mit Gelsenkirchen zu stellen. Fest steht aber: Für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft ist die Ungleichheit Gift. Zweifellos gibt es ein gewisses Verständnis für Unterschiede, nicht jedoch dafür, wenn irgendwo regelrechte Perspektivlosigkeit herrscht und die Menschen das Gefühl haben, „die da oben“ hätten sie vergessen. Dann entladen sich Wut und Frust an der Wahlurne. Reichlich spät haben sich etwa Union und SPD dem Thema gleichwertige Lebensverhältnisse angenommen. Für die Landtagswahlen in drei ostdeutschen Ländern wohl zu spät.

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Kommentar zur Studie über Lebensverhältnisse: Deutsche SchieflageClaus SchönerVon „gleichwertigen Lebensverhältnissen“ ist im Grundgesetz die Rede, doch nun dokumentiert eine weitere Studie, wie weit die Bundesrepublik 30 Jahre nach der Wiedervereinigung von der Einhaltung dieses Versprechens entfernt ist. Völlig werden sich gleichwertige Lebensverhältnisse nie realisieren lassen. Es wird immer Regionen geben, die hinterherhinken, in denen es mehr Armut gibt und die sich abgehängt fühlen. Zugleich wird es boomende Wirtschaftszentren geben, in denen die Arbeitslosigkeit gering ist, die ihren Bürgern mehr Daseinsvorsorge, etwa einen attraktiveren öffentlichen Personennahverkehr, bessere Kinderbetreuung oder ein breiteres kulturelles Angebot bieten können. Doch solche Lebensverhältnisse haben ihren Preis, sie werden zum Beispiel bezahlt mit hohen Grundstückspreisen und Mieten. Oft reicht das Geld, mit dem man andernorts gut leben kann, nicht, um über die Runden zu kommen. Es sind also eigentlich keine neuen Studien nötig, um zu wissen, dass es in der Bundesrepublik eine Schieflage gibt. Und dass die Möglichkeiten zur Teilhabe für Bürger in den meisten Gegenden Ostdeutschlands oder in den vom Strukturwandel hart getroffenen Regionen ganz im Westen sehr begrenzt sind. Nun kann man darüber streiten, ob es von den Forschern klug ist, etwa das aufstrebende Leipzig auf eine Stufe mit Gelsenkirchen zu stellen. Fest steht aber: Für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft ist die Ungleichheit Gift. Zweifellos gibt es ein gewisses Verständnis für Unterschiede, nicht jedoch dafür, wenn irgendwo regelrechte Perspektivlosigkeit herrscht und die Menschen das Gefühl haben, „die da oben“ hätten sie vergessen. Dann entladen sich Wut und Frust an der Wahlurne. Reichlich spät haben sich etwa Union und SPD dem Thema gleichwertige Lebensverhältnisse angenommen. Für die Landtagswahlen in drei ostdeutschen Ländern wohl zu spät.