Kommentar zum SPD-Vorsitz und Olaf Scholz: Zum Jagen getragen

Torsten Henke

Es ist einfach der Wurm drin bei der SPD, das Kandidaten-Roulette wird immer mehr zur Lachnummer. Endlich, zwei Wochen vor Ablauf der Bewerbungsfrist, hat ein Schwergewicht aus der ersten Reihe seinen Hut in den Ring geworfen: Olaf Scholz, Vizekanzler und Finanzminister. Doch es ist keine Bewerbung mit Ausrufezeichen, kein kraftvolles „Ja, ich will“, sondern ein zaghaftes: „Wenn ihr das wollt.“ Scholz selbst wollte noch vor einigen Wochen gar nicht und hielt eine Kandidatur für „unangemessen“, weil er vor lauter Regierungsbelastung angeblich keine Zeit für das „schönste Amt nach Papst“ hat. Jetzt möchte er zum Jagen getragen werden.

Torsten Henke. - © pr
Torsten Henke. (© pr)

Der dröge Hanseat dürfte ahnen: Ein Selbstläufer wird seine Kandidatur nicht. Er ist nicht beliebt an der Basis, gilt zu sehr als Beamter und zu wenig als Sozialdemokrat und tut sich schwer damit, die Genossen-Seele anzusprechen. Er ist ein Vertreter der alten, der Agenda- und GroKo-SPD, mit der viele Mitglieder gerne brechen würden. Für einen Neuanfang steht Scholz nicht, sehr wohl aber für seriöse Regierungsarbeit und Verlässlichkeit. Er muss eine Co-Kandidatin finden, die seine Schwächen kompensiert. Und das sollte nicht die in SPD-Kreisen gehandelte Katarina Barley sein, die sich und ihre Partei im EU-Parlament mit der Fundamentalopposition gegen Ursula von der Leyen unmöglich gemacht hat.

Seit gestern haben die Mitglieder immerhin wirklich eine Wahl. Das Bewerberfeld steht für die ganze Bandbreite einer Volkspartei, von Law-and-Order in Person des niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius bis hin zum Linksruck, den Gesine Schwan und Ralf Stegner verkörpern, von Verbleib in der GroKo bis zur raschen Scheidung von der Union. Die wichtigste Frage aber ist die nach den Inhalten. Welches Konzept für die Zukunft des Landes, die Arbeitswelt, für Europa und den Klimaschutz haben die Bewerber? Bei 23 Regionalkonferenzen werden die Kandidaten sich auf den Zahn fühlen lassen müssen. Erstaunlich, dass der Vizekanzler dafür Zeit hat.

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Kommentar zum SPD-Vorsitz und Olaf Scholz: Zum Jagen getragenTorsten HenkeEs ist einfach der Wurm drin bei der SPD, das Kandidaten-Roulette wird immer mehr zur Lachnummer. Endlich, zwei Wochen vor Ablauf der Bewerbungsfrist, hat ein Schwergewicht aus der ersten Reihe seinen Hut in den Ring geworfen: Olaf Scholz, Vizekanzler und Finanzminister. Doch es ist keine Bewerbung mit Ausrufezeichen, kein kraftvolles „Ja, ich will“, sondern ein zaghaftes: „Wenn ihr das wollt.“ Scholz selbst wollte noch vor einigen Wochen gar nicht und hielt eine Kandidatur für „unangemessen“, weil er vor lauter Regierungsbelastung angeblich keine Zeit für das „schönste Amt nach Papst“ hat. Jetzt möchte er zum Jagen getragen werden. Der dröge Hanseat dürfte ahnen: Ein Selbstläufer wird seine Kandidatur nicht. Er ist nicht beliebt an der Basis, gilt zu sehr als Beamter und zu wenig als Sozialdemokrat und tut sich schwer damit, die Genossen-Seele anzusprechen. Er ist ein Vertreter der alten, der Agenda- und GroKo-SPD, mit der viele Mitglieder gerne brechen würden. Für einen Neuanfang steht Scholz nicht, sehr wohl aber für seriöse Regierungsarbeit und Verlässlichkeit. Er muss eine Co-Kandidatin finden, die seine Schwächen kompensiert. Und das sollte nicht die in SPD-Kreisen gehandelte Katarina Barley sein, die sich und ihre Partei im EU-Parlament mit der Fundamentalopposition gegen Ursula von der Leyen unmöglich gemacht hat. Seit gestern haben die Mitglieder immerhin wirklich eine Wahl. Das Bewerberfeld steht für die ganze Bandbreite einer Volkspartei, von Law-and-Order in Person des niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius bis hin zum Linksruck, den Gesine Schwan und Ralf Stegner verkörpern, von Verbleib in der GroKo bis zur raschen Scheidung von der Union. Die wichtigste Frage aber ist die nach den Inhalten. Welches Konzept für die Zukunft des Landes, die Arbeitswelt, für Europa und den Klimaschutz haben die Bewerber? Bei 23 Regionalkonferenzen werden die Kandidaten sich auf den Zahn fühlen lassen müssen. Erstaunlich, dass der Vizekanzler dafür Zeit hat.