Standpunkt zum Thema "Denkmalschutz für den Rathaus-Teppich": Eine Verirrung in Orange

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Von Benjamin Piel

Inzwischen habe ich ja längst gelernt, was für ein Politikum das Mindener Rathaus und dessen Sanierung sind. Es geht ein Riss mitten durch die Mindener Bürgerschaft – nur schwer zu kitten, weil die Meinungen himmelweit auseinanderdriften.

Da sind die einen, die sich verwundert die Augen reiben, dass der Deilmann-Bau (Rathaus-Neubau) derzeit millionenschwer saniert wird. Eine architektonische Betonsünde der Siebzigerjahre kann es doch unmöglich wert sein, dass Dutzende Millionen Euro in sie hineingepumpt werden. Um am Ende genau den gleichen scheußlichen Anblick ertragen zu müssen wie zuvor. So meint man auf der einen Seite des Risses.

Die andere Flanke argumentiert freilich komplett entgegengesetzt. Es passiere genau das Richtige mit dem Gebäude. Das sei schützenswert, weil seiner Zeit in den 70ern weit voraus gewesen. Architekt Harald Deilmann habe eine visionäre Idee entwickelt, die sich ideal in die Umgebung einfüge. In der Fachzeitschrift „Bauwelt“ heißt es über die „mehrfach geknickte, raumbildende Figur“: „Man wird kaum ein Rathaus dieser Zeit finden, dass mit seinem im Erdgeschoss fast durchgängigen Ladenbesatz so weit in die Zukunft gedacht und stadträumlich so konsequent integriert worden ist.“

Dass die Vertreter der beiden Lager inhaltlich jemals einträchtig zueinander finden, ist nahezu ausgeschlossen. Doch nun gibt es vielleicht doch noch Anlass, eine Versöhnung zu erzielen. Beim Streiten sollten sich die Kontrahenten ja hin und wieder bemühen, statt in die Luft zu gehen lieber auf dem Teppich zu bleiben.

Womit wir beim Punkt wären: der Teppich. Vielleicht bin ich der Einzige, dem das bisher nicht aufgefallen war, aber – der Teppich muss bleiben, wie in dieser Woche zu lesen war. Der Teppich, diese Ausgeburt farblicher Verirrung einer glücklicherweise untergegangenen Stilepoche kommt zwar raus, aber das ist kein Anlass zur Hoffnung. Ein neues Modell wird anschließend in exakt derselben Farbe neu verlegt.

Doch damit nicht genug: Auch die entsetzlichen blauen Heizkörper, altbackenen Fenstergriffe und unansehnlichen Lichtleisten müssen bleiben. Der Denkmalschutz will es so. Was für ein optisches Desaster!

Nur eine Hoffnung gewinnt angesichts der Teppich-, Lichtleisten- und Heizungsrenaissance an Fahrt: dass die unversöhnlichen Lager sich auf dem quietschorangefarbenen Boden der Teppichtatsachen die Hände reichen und sagen: „Nun ja, das haben wir für die vielen Millionen Euro nun beide nicht gewollt.“

Und was ist schon wertvoller als eine Versöhnung?

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Standpunkt zum Thema "Denkmalschutz für den Rathaus-Teppich": Eine Verirrung in OrangeVon Benjamin Piel Inzwischen habe ich ja längst gelernt, was für ein Politikum das Mindener Rathaus und dessen Sanierung sind. Es geht ein Riss mitten durch die Mindener Bürgerschaft – nur schwer zu kitten, weil die Meinungen himmelweit auseinanderdriften. Da sind die einen, die sich verwundert die Augen reiben, dass der Deilmann-Bau (Rathaus-Neubau) derzeit millionenschwer saniert wird. Eine architektonische Betonsünde der Siebzigerjahre kann es doch unmöglich wert sein, dass Dutzende Millionen Euro in sie hineingepumpt werden. Um am Ende genau den gleichen scheußlichen Anblick ertragen zu müssen wie zuvor. So meint man auf der einen Seite des Risses. Die andere Flanke argumentiert freilich komplett entgegengesetzt. Es passiere genau das Richtige mit dem Gebäude. Das sei schützenswert, weil seiner Zeit in den 70ern weit voraus gewesen. Architekt Harald Deilmann habe eine visionäre Idee entwickelt, die sich ideal in die Umgebung einfüge. In der Fachzeitschrift „Bauwelt“ heißt es über die „mehrfach geknickte, raumbildende Figur“: „Man wird kaum ein Rathaus dieser Zeit finden, dass mit seinem im Erdgeschoss fast durchgängigen Ladenbesatz so weit in die Zukunft gedacht und stadträumlich so konsequent integriert worden ist.“ Dass die Vertreter der beiden Lager inhaltlich jemals einträchtig zueinander finden, ist nahezu ausgeschlossen. Doch nun gibt es vielleicht doch noch Anlass, eine Versöhnung zu erzielen. Beim Streiten sollten sich die Kontrahenten ja hin und wieder bemühen, statt in die Luft zu gehen lieber auf dem Teppich zu bleiben. Womit wir beim Punkt wären: der Teppich. Vielleicht bin ich der Einzige, dem das bisher nicht aufgefallen war, aber – der Teppich muss bleiben, wie in dieser Woche zu lesen war. Der Teppich, diese Ausgeburt farblicher Verirrung einer glücklicherweise untergegangenen Stilepoche kommt zwar raus, aber das ist kein Anlass zur Hoffnung. Ein neues Modell wird anschließend in exakt derselben Farbe neu verlegt. Doch damit nicht genug: Auch die entsetzlichen blauen Heizkörper, altbackenen Fenstergriffe und unansehnlichen Lichtleisten müssen bleiben. Der Denkmalschutz will es so. Was für ein optisches Desaster! Nur eine Hoffnung gewinnt angesichts der Teppich-, Lichtleisten- und Heizungsrenaissance an Fahrt: dass die unversöhnlichen Lager sich auf dem quietschorangefarbenen Boden der Teppichtatsachen die Hände reichen und sagen: „Nun ja, das haben wir für die vielen Millionen Euro nun beide nicht gewollt.“ Und was ist schon wertvoller als eine Versöhnung?