Kommentar zum 75.Jahrestag des Hitler-Attentats: Das Ungeheuerliche

Marcus Sauer

Es ist eine gute Tradition, den militärischen Widerstand gegen Hitler mit einem feierlichen Gelöbnis junger Rekruten zu würdigen. Dort, wo vor 75 Jahren Claus Schenk Graf von Stauffenberg und mehrere Kameraden hingerichtet wurden, werden heute junge Soldaten schwören, „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Und notfalls im Dienst ihr Leben zu riskieren.

Marcus Sauer - © siehe Bildtext
Marcus Sauer (© siehe Bildtext)

Auch Stauffenberg und seine Mitverschwörer haben vor 75 Jahren alles auf eine Karte gesetzt. Man muss sich das einmal vorstellen: Nach all den Jahren des Hitler-Kults war es eine Ungeheuerlichkeit, auch nur daran zu denken, den „Führer“ zu töten. Die Angehörigen des Widerstandes waren sich im Klaren darüber, welche Folgen ein Scheitern für sie und für ihre Familien haben würde.

Mit einem Abstand von 75 Jahren ist es einfach, Stauffenberg und seinen Gleichgesinnten vorzuwerfen, erst gehandelt zu haben, als die Niederlage nicht mehr abzuwenden war und Millionen Menschen ihr Leben verloren hatten – sei es durch Krieg oder in den Vernichtungslagern. Außerdem hatten die meisten Widerstandskämpfer keine Demokratie im Sinn. Für eine unkritische Auseinandersetzung mit den Akteuren, gar für eine unreflektierte Heldenverehrung gibt es deshalb keinen Grund.

Dennoch ist es angemessen, dass sich die Bundeswehr in die Tradition der Frauen und Männer des 20. Juli stellt. Auch andere haben versucht, Hitler zu töten, und sie waren nicht weniger mutig. Dennoch gilt Stauffenbergs Attentat mehr als andere Anschläge international als Beleg dafür, dass nicht alle Deutschen bis zuletzt hinter dem Nazi-Regime standen. 75 Jahre später gilt es mit Blick auf die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, nicht nur des Widerstands zu gedenken, sondern sich auch daran zu erinnern, wie es zum Ende der Weimarer Republik gekommen ist, und was zum Nazi-Terror geführt hat.

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Kommentar zum 75.Jahrestag des Hitler-Attentats: Das UngeheuerlicheMarcus SauerEs ist eine gute Tradition, den militärischen Widerstand gegen Hitler mit einem feierlichen Gelöbnis junger Rekruten zu würdigen. Dort, wo vor 75 Jahren Claus Schenk Graf von Stauffenberg und mehrere Kameraden hingerichtet wurden, werden heute junge Soldaten schwören, „das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Und notfalls im Dienst ihr Leben zu riskieren. Auch Stauffenberg und seine Mitverschwörer haben vor 75 Jahren alles auf eine Karte gesetzt. Man muss sich das einmal vorstellen: Nach all den Jahren des Hitler-Kults war es eine Ungeheuerlichkeit, auch nur daran zu denken, den „Führer“ zu töten. Die Angehörigen des Widerstandes waren sich im Klaren darüber, welche Folgen ein Scheitern für sie und für ihre Familien haben würde. Mit einem Abstand von 75 Jahren ist es einfach, Stauffenberg und seinen Gleichgesinnten vorzuwerfen, erst gehandelt zu haben, als die Niederlage nicht mehr abzuwenden war und Millionen Menschen ihr Leben verloren hatten – sei es durch Krieg oder in den Vernichtungslagern. Außerdem hatten die meisten Widerstandskämpfer keine Demokratie im Sinn. Für eine unkritische Auseinandersetzung mit den Akteuren, gar für eine unreflektierte Heldenverehrung gibt es deshalb keinen Grund. Dennoch ist es angemessen, dass sich die Bundeswehr in die Tradition der Frauen und Männer des 20. Juli stellt. Auch andere haben versucht, Hitler zu töten, und sie waren nicht weniger mutig. Dennoch gilt Stauffenbergs Attentat mehr als andere Anschläge international als Beleg dafür, dass nicht alle Deutschen bis zuletzt hinter dem Nazi-Regime standen. 75 Jahre später gilt es mit Blick auf die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft, nicht nur des Widerstands zu gedenken, sondern sich auch daran zu erinnern, wie es zum Ende der Weimarer Republik gekommen ist, und was zum Nazi-Terror geführt hat.