Kommentar zum Thema Kramp-Karrenbauers Kehrtwende: Chance und Risiko

veröffentlicht

Von Marcus Sauer

Marcus Sauer, Kommentator Henke - © privat
Marcus Sauer, Kommentator Henke (© privat)

Annegret Kramp-Karrenbauer ist offensichtlich gescheitert: Sie wollte als CDU-Chefin unabhängig von der Kanzlerin agieren, sich nicht die Fesseln der Kabinettsdisziplin anlegen lassen und sich mit ganzer Kraft ihrer Aufgabe im Konrad-Adenauer-Haus widmen. Doch das hat nicht funktioniert: AKK ist in den vergangenen Wochen in den Umfragen abgestürzt, die Partei lag zeitweise sogar hinter den Grünen. Nun heißt es: Kehrt marsch! Die Christdemokratin setzt auf Präsenz. Als Verteidigungsministerin wird sie sichtbarer. Sie nimmt am Kabinettstisch Platz und erhält Rederecht im Parlament. Und sie entkräftet die Kritik, als Ex-Saar-Ministerpräsidentin kaum mehr Regierungserfahrung zu haben als eine Kreisdirektorin.

Außerdem verhindert sie, dass ihr Rivale, Gesundheitsminister Jens Spahn, einen anspruchsvolleren Job erhält, in dem er sich womöglich für höhere Weihen empfiehlt. Dann übernimmt sie doch lieber gleich selbst das Kommando von Ursula von der Leyen. Das birgt eine Chance, aber auch ein enormes Risiko. Das Ressort ist ein Haifischbecken, in dem sie politisch zerfleischt werden könnte. Das Amt könnte aber auch das Sprungbrett ins Kanzleramt sein. Allerdings: Die tief verunsicherte Bundeswehr hat es nicht verdient, für solche partei- und machttaktischen Spielchen herhalten zu müssen.

Nach Jahren der Entfremdung zwischen der Truppe und der politischen Führung wäre es ein Zeichen der Wertschätzung gewesen, nun einen ausgewiesenen Verteidigungsexperten in den Bendlerblock zu berufen. Jemanden, der im Stoff steckt, und der sich nicht erst in die komplizierte Materie einarbeiten muss. Kramp-Karrenbauers wichtigste Aufgabe wird es zunächst sein, um das Vertrauen der Bundeswehr zu kämpfen. Nur, wenn sie das gewinnt, kann es ihr gelingen, sich erfolgreich um die zahlreichen Baustellen zu kümmern. Möglich allerdings, dass ihr dafür wenig Zeit bleibt. Die vorzeitiges Ende der GroKo ist nicht unwahrscheinlicher geworden.

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Kommentar zum Thema Kramp-Karrenbauers Kehrtwende: Chance und RisikoVon Marcus Sauer Annegret Kramp-Karrenbauer ist offensichtlich gescheitert: Sie wollte als CDU-Chefin unabhängig von der Kanzlerin agieren, sich nicht die Fesseln der Kabinettsdisziplin anlegen lassen und sich mit ganzer Kraft ihrer Aufgabe im Konrad-Adenauer-Haus widmen. Doch das hat nicht funktioniert: AKK ist in den vergangenen Wochen in den Umfragen abgestürzt, die Partei lag zeitweise sogar hinter den Grünen. Nun heißt es: Kehrt marsch! Die Christdemokratin setzt auf Präsenz. Als Verteidigungsministerin wird sie sichtbarer. Sie nimmt am Kabinettstisch Platz und erhält Rederecht im Parlament. Und sie entkräftet die Kritik, als Ex-Saar-Ministerpräsidentin kaum mehr Regierungserfahrung zu haben als eine Kreisdirektorin. Außerdem verhindert sie, dass ihr Rivale, Gesundheitsminister Jens Spahn, einen anspruchsvolleren Job erhält, in dem er sich womöglich für höhere Weihen empfiehlt. Dann übernimmt sie doch lieber gleich selbst das Kommando von Ursula von der Leyen. Das birgt eine Chance, aber auch ein enormes Risiko. Das Ressort ist ein Haifischbecken, in dem sie politisch zerfleischt werden könnte. Das Amt könnte aber auch das Sprungbrett ins Kanzleramt sein. Allerdings: Die tief verunsicherte Bundeswehr hat es nicht verdient, für solche partei- und machttaktischen Spielchen herhalten zu müssen. Nach Jahren der Entfremdung zwischen der Truppe und der politischen Führung wäre es ein Zeichen der Wertschätzung gewesen, nun einen ausgewiesenen Verteidigungsexperten in den Bendlerblock zu berufen. Jemanden, der im Stoff steckt, und der sich nicht erst in die komplizierte Materie einarbeiten muss. Kramp-Karrenbauers wichtigste Aufgabe wird es zunächst sein, um das Vertrauen der Bundeswehr zu kämpfen. Nur, wenn sie das gewinnt, kann es ihr gelingen, sich erfolgreich um die zahlreichen Baustellen zu kümmern. Möglich allerdings, dass ihr dafür wenig Zeit bleibt. Die vorzeitiges Ende der GroKo ist nicht unwahrscheinlicher geworden.