Kommentar zum Ergebnis der Bundestagswahl: Einfacher wird es nicht

Christoph Pepper

MT-Chefredakteur Christoph Pepper - © Foto: Alexander Lehn
MT-Chefredakteur Christoph Pepper (© Foto: Alexander Lehn)

Angela Merkel bleibt Kanzlerin, sonst wird alles anders. Das Wahlergebnis hat die politische Landschaft kräftig durchgeschüttelt, ja: erschüttert. Selbst die „Sieger" CDU/CSU gehen mit nur einem kläglichen Drittel der Stimmen geschlagen vom Platz; ganz zu schweigen von der SPD, der die zweite GroKo trotz sozialdemokratischer Lieferleistung so schlecht bekommen ist wie zuvor der FDP Schwarz-Gelb. Steht, wer auch immer mit Merkel regiert, am Ende rasiert da?

Die Volksparteien jedenfalls sind keine mehr. Es sei denn, man nimmt die zuletzt regierende Koalition als sozialdemokratisches Gesamtkunstwerk - dann immerhin kommt man auf 50 Prozent. Doch hat die SPD im eigenen Überlebensinteresse guten Grund, sich der daraus eigentlich ergebenden Regierungsverpflichtung zu entziehen. Ob sie sich mit der Oppositionsrolle tatsächlich einen Gefallen tut, vielleicht sogar dem Land, spielt gar keine Rolle. Es ist ihre letzte Chance, den verbliebenen Abstand zu den Milieu- und Klientelparteien zu verteidigen.

Die Wahl, sich zu verweigern, hat die ebenfalls stark gerupfte Union nicht - ohne sie kann nicht regiert werden und das will sie auch nicht. So rutscht sie in Koalitionsverhandlungen mit Partnern, die eigentlich auch nicht wollen, oder wenn, dann nicht mit ihr, aber irgendwie wohl müssen. Und das dann doch ganz gern, vermutlich. Sie werden sich teuer verkaufen. Und die Union wird auch diese Kompromisse ertragen - und beim nächsten Mal womöglich erneut dafür bezahlen.

Das Comeback der Liberalen, im wesentlichen der One-Man-Show ihres charismatischen Wiederaufrichters geschuldet, steht unter dem Vorbehalt der Ernsthaftigkeit. Christian Lindner wird die Fehler zu vermeiden suchen, die liberalen Übermut nach dem letzten hervorragenden Wahlergebnis in den Apo-Abgrund stürzten. Ob die regenerierte FDP für einen substantiellen Regierungsbeitrag schon genügend Substanz hat, muss allerdings abgewartet werden.

Die Grünen, ob ihres ordentlichen Ergebnisses selbst ein bisschen überrascht, werden nicht noch einmal den Fehler wiederholen, sich der Regierungschance zu verweigern, nur weil die Wunschpartner nicht zur Verfügung stehen. Jetzt nicht zeigen zu wollen, was sie leisten können, würde sie auf ewig in einem Lager einbetonieren, für das aktuell keine strukturelle Mehrheit mehr in Sicht ist. Was für die Linke kein Problem ist, sie ist sich als Fundamentalopposition mit landespolitischer Beweglichkeit offenbar selbst genug.

„Wir werden sie jagen, wir holen uns unser Volk und unser Land zurück". Man musste nur Alexander Gaulands ersten Ergebnisjubel hören, um zu wissen, welche AfD da in den Bundestag einzieht. Wie anderswo in Europa bietet der organisierte Rechtspopulismus nun auch dort nicht nur den Enttäuschten und Verbitterten eine Chance, Protest zu artikulieren, sondern leider auch dem braunen Bodensatz eine Chance zum Auftrumpfen. Die deutsche Demokratie sollte gefestigt genug sein, damit umzugehen. Alarmismus und Hysterie wären schlechte Ratgeber, Haltung und Konsequenz gute.

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Kommentar zum Ergebnis der Bundestagswahl: Einfacher wird es nichtChristoph PepperAngela Merkel bleibt Kanzlerin, sonst wird alles anders. Das Wahlergebnis hat die politische Landschaft kräftig durchgeschüttelt, ja: erschüttert. Selbst die „Sieger" CDU/CSU gehen mit nur einem kläglichen Drittel der Stimmen geschlagen vom Platz; ganz zu schweigen von der SPD, der die zweite GroKo trotz sozialdemokratischer Lieferleistung so schlecht bekommen ist wie zuvor der FDP Schwarz-Gelb. Steht, wer auch immer mit Merkel regiert, am Ende rasiert da? Die Volksparteien jedenfalls sind keine mehr. Es sei denn, man nimmt die zuletzt regierende Koalition als sozialdemokratisches Gesamtkunstwerk - dann immerhin kommt man auf 50 Prozent. Doch hat die SPD im eigenen Überlebensinteresse guten Grund, sich der daraus eigentlich ergebenden Regierungsverpflichtung zu entziehen. Ob sie sich mit der Oppositionsrolle tatsächlich einen Gefallen tut, vielleicht sogar dem Land, spielt gar keine Rolle. Es ist ihre letzte Chance, den verbliebenen Abstand zu den Milieu- und Klientelparteien zu verteidigen. Die Wahl, sich zu verweigern, hat die ebenfalls stark gerupfte Union nicht - ohne sie kann nicht regiert werden und das will sie auch nicht. So rutscht sie in Koalitionsverhandlungen mit Partnern, die eigentlich auch nicht wollen, oder wenn, dann nicht mit ihr, aber irgendwie wohl müssen. Und das dann doch ganz gern, vermutlich. Sie werden sich teuer verkaufen. Und die Union wird auch diese Kompromisse ertragen - und beim nächsten Mal womöglich erneut dafür bezahlen. Das Comeback der Liberalen, im wesentlichen der One-Man-Show ihres charismatischen Wiederaufrichters geschuldet, steht unter dem Vorbehalt der Ernsthaftigkeit. Christian Lindner wird die Fehler zu vermeiden suchen, die liberalen Übermut nach dem letzten hervorragenden Wahlergebnis in den Apo-Abgrund stürzten. Ob die regenerierte FDP für einen substantiellen Regierungsbeitrag schon genügend Substanz hat, muss allerdings abgewartet werden. Die Grünen, ob ihres ordentlichen Ergebnisses selbst ein bisschen überrascht, werden nicht noch einmal den Fehler wiederholen, sich der Regierungschance zu verweigern, nur weil die Wunschpartner nicht zur Verfügung stehen. Jetzt nicht zeigen zu wollen, was sie leisten können, würde sie auf ewig in einem Lager einbetonieren, für das aktuell keine strukturelle Mehrheit mehr in Sicht ist. Was für die Linke kein Problem ist, sie ist sich als Fundamentalopposition mit landespolitischer Beweglichkeit offenbar selbst genug. „Wir werden sie jagen, wir holen uns unser Volk und unser Land zurück". Man musste nur Alexander Gaulands ersten Ergebnisjubel hören, um zu wissen, welche AfD da in den Bundestag einzieht. Wie anderswo in Europa bietet der organisierte Rechtspopulismus nun auch dort nicht nur den Enttäuschten und Verbitterten eine Chance, Protest zu artikulieren, sondern leider auch dem braunen Bodensatz eine Chance zum Auftrumpfen. Die deutsche Demokratie sollte gefestigt genug sein, damit umzugehen. Alarmismus und Hysterie wären schlechte Ratgeber, Haltung und Konsequenz gute.