MT-Serie: KZ-Außenlager in Porta Westfalica Fast 500 Häftlinge in Neesen und Lerbeck Grauen nebenan totgeschwiegen Porta Westfalica (Ly). Aufgewachsen ist Thomas Lange in Hille, zum Gymnasium gegangen in Minden. "Aber damit ich zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung komme, muss ich erst in Hannover studieren und einen Professor treffen, der sich mit regionalen KZ beschäftigt", erzählt er. Dieser Teil der deutschen Geschichte, das "Konzentrationslager in der Nachbarschaft", sei totgeschwiegen worden, "ein urpeinliches Thema". Viele Deutsche wollen auch davon nichts gewusst haben. "Ich halte das für Blödsinn", sagt Thomas Lange. "Es gab mehr als 650 Außenlager deutscher KZ." Drei davon in Porta Westfalica, allesamt Außenposten von Neuengamme (Hamburg). Eins entstand im Barkhauser "Kaiserhof", eins an der Ecke Frettholzweg/Mindener Weg in Hausberge, das dritte am Pfahlweg zwischen Neesen und Lerbeck.Thomas Lange ist mittlerweile selbst Experte: Vor acht Jahren hat er seine Magisterarbeit "Die Konzentrationslager an der Porta Westfalica" veröffentlicht, heute ein Standardwerk. Doch selbst darin findet sich eher wenig über das Lager Neesen/Lerbeck. Der Grund: Das KZ am Pfahlweg bestand nur kurz, von Oktober 1944 bis zum 1. April 1945, dem Tag der Räumung. Zudem mangelt es an Akten und Berichten.Fest steht, dass im Dezember 1944 ein Mann nach Lerbeck kam, der 1954 zu den Gründern des Internationalen Auschwitz Komitees gehören sollte: Hermann Langbein.In den Lagern zählte Langbein, der zuvor die Todesfabrik Auschwitz überlebt hatte, zur Widerstandsbewegung. In Porta war der Österreicher Lagerschreiber. Von ihm stammt die Einschätzung, dass Heinz Hagenah, der Lagerälteste, "ein Verbrecher" gewesen sei. So soll Hagenah zusammen mit SS-Unterscharführer Heinz Rast, der am Pfahlweg Lagerführer war, bevor er durch Richard Eichler abgelöst wurde, sieben Gefangene im Krankenrevier durch Giftspritzen ermordet haben. Ein Häftlingsarzt habe dabei geholfen.Passierte es in Lerbeck?Berichtet hatte dies der politische Häftling und Kapo Hans Biederer. Ob es stimmt, bleibt offen: "Im Ermittlungsverfahren konnte sich der Zeuge nicht mehr erinnern, ob dies in Lerbeck passiert ist", berichtet Thomas Lange. Passiert ist es offenbar - wenn nicht in Porta, dann in einem anderen KZ.Insgesamt kamen allein in Lerbeck nach Erkenntnissen des Historikers Lange mindestens 34 Häftlinge ums Leben, die meisten durch Unterernährung oder Übergriffe von Bewachern. Eine entsprechende Anzahl von Leichen auf dem Lerbecker Friedhof konnte Anfang der 1950er-Jahre eindeutig als KZ-Insassen identifiziert werden. Reinhold Blanke-Bohne, der über die Portaner Lager eine Diplomarbeit (Studiengang Sozialpädagogik) geschrieben hat, geht von etwa 100 Todesopfern aus.So oder so: Einen großen Teil der Verantwortung trägt Hermann Wicklein, damals Standortkommandant in Porta Westfalica. Zu grauenvoller Bekanntheit gelangte Wicklein durch das "Bunkerdrama" im KZ Herzogenbusch (Niederlande), wo er in jenem Januar 1944 Adjutant war.Wicklein und andere SS-Schergen hatten 74 weibliche Häftlinge in eine nicht einmal zehn Quadratmeter große Zelle gesperrt, in die Nachbarzelle weitere 17 Frauen. Am nächsten Morgen waren zehn von ihnen qualvoll erstickt.Mitleid für die Opfer war dem Obersturmführer aus Essen auch in Porta Westfalica fremd, wo bis zur Evakuierung in allen drei Lagern zusammen fast 3000 Menschen gelitten haben. Nach dem Krieg verlor sich Wickleins Spur.Mordermittlungen gegen ihn wurden 1970 eingestellt. Kaum ein Zeuge konnte ihn wirklich belasten, weil er in den Lagern selten persönlich auftrat. Die direkte Gewalt übten andere aus. Lagerführer Eichler etwa, der vor Gericht mit fünf Jahren Haft davonkam, allerdings wegen seiner Taten als Lagerkommandant in Schleswig-Husum.Im März 1945 waren am Pfahlweg 469 Männer inhaftiert. Das Lager stand in Neesen, die Werkhallen auf Ler-becker Gebiet. Verglichen mit anderen KZ soll zumindest die Zwangsarbeit erträglicher gewesen sein. Die Tätigkeit war leichter, Hallen schützten die Häftlinge vor der Witterung.Verein stellt Gedenktafeln aufIm September 1944 war das Betriebsgelände des Betonwerkes Karl Weber beschlagnahmt worden, um dort ein Frontreparaturwerk der Firma Klöckner unterzubringen. Der neue Name: Bense & Co. Repariert, gewartet und geprüft wurden Flugzeugmotoren. Gefragt waren qualifizierte Arbeiter."Deshalb war es nicht egal, ob sie verrecken - wie in Barkhausen", erklärt Thomas Lange. Auf der anderen Seite des Pfahlwegs entstand in zwei Wehrmachtsbaracken das Lager, bewacht von bis zu 36 SS-Männern. Anfangs mussten die Häftlinge beim Umbau des Betonwerks helfen.Thomas Lange gehört zum Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, der von Mai an Tafeln aufstellt, um an die Orte des Grauens zu erinnern.
MT-Serie: KZ-Außenlager in Porta Westfalica

Fast 500 Häftlinge in Neesen und Lerbeck

Porta Westfalica (Ly). Aufgewachsen ist Thomas Lange in Hille, zum Gymnasium gegangen in Minden. "Aber damit ich zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung komme, muss ich erst in Hannover studieren und einen Professor treffen, der sich mit regionalen KZ beschäftigt", erzählt er.

Der Historiker Thomas Lange, Verfasser einer Magisterarbeit über Portaner KZ, geht über den Pfahlweg. Das Lager stand in Neesen, die Werkhallen auf Lerbecker Gebiet. - © Fotos: Stefan Lyrath
Der Historiker Thomas Lange, Verfasser einer Magisterarbeit über Portaner KZ, geht über den Pfahlweg. Das Lager stand in Neesen, die Werkhallen auf Lerbecker Gebiet. - © Fotos: Stefan Lyrath
Grauen nebenan totgeschwiegen - © PORTA
Grauen nebenan totgeschwiegen - © PORTA

Dieser Teil der deutschen Geschichte, das "Konzentrationslager in der Nachbarschaft", sei totgeschwiegen worden, "ein urpeinliches Thema". Viele Deutsche wollen auch davon nichts gewusst haben. "Ich halte das für Blödsinn", sagt Thomas Lange. "Es gab mehr als 650 Außenlager deutscher KZ." Drei davon in Porta Westfalica, allesamt Außenposten von Neuengamme (Hamburg). Eins entstand im Barkhauser "Kaiserhof", eins an der Ecke Frettholzweg/Mindener Weg in Hausberge, das dritte am Pfahlweg zwischen Neesen und Lerbeck.

Thomas Lange ist mittlerweile selbst Experte: Vor acht Jahren hat er seine Magisterarbeit "Die Konzentrationslager an der Porta Westfalica" veröffentlicht, heute ein Standardwerk. Doch selbst darin findet sich eher wenig über das Lager Neesen/Lerbeck. Der Grund: Das KZ am Pfahlweg bestand nur kurz, von Oktober 1944 bis zum 1. April 1945, dem Tag der Räumung. Zudem mangelt es an Akten und Berichten.

Fest steht, dass im Dezember 1944 ein Mann nach Lerbeck kam, der 1954 zu den Gründern des Internationalen Auschwitz Komitees gehören sollte: Hermann Langbein.

In den Lagern zählte Langbein, der zuvor die Todesfabrik Auschwitz überlebt hatte, zur Widerstandsbewegung. In Porta war der Österreicher Lagerschreiber. Von ihm stammt die Einschätzung, dass Heinz Hagenah, der Lagerälteste, "ein Verbrecher" gewesen sei. So soll Hagenah zusammen mit SS-Unterscharführer Heinz Rast, der am Pfahlweg Lagerführer war, bevor er durch Richard Eichler abgelöst wurde, sieben Gefangene im Krankenrevier durch Giftspritzen ermordet haben. Ein Häftlingsarzt habe dabei geholfen.

Passierte es in Lerbeck?
Berichtet hatte dies der politische Häftling und Kapo Hans Biederer. Ob es stimmt, bleibt offen: "Im Ermittlungsverfahren konnte sich der Zeuge nicht mehr erinnern, ob dies in Lerbeck passiert ist", berichtet Thomas Lange. Passiert ist es offenbar - wenn nicht in Porta, dann in einem anderen KZ.

Eine Skizze des Lagers.
Eine Skizze des Lagers.

Insgesamt kamen allein in Lerbeck nach Erkenntnissen des Historikers Lange mindestens 34 Häftlinge ums Leben, die meisten durch Unterernährung oder Übergriffe von Bewachern. Eine entsprechende Anzahl von Leichen auf dem Lerbecker Friedhof konnte Anfang der 1950er-Jahre eindeutig als KZ-Insassen identifiziert werden. Reinhold Blanke-Bohne, der über die Portaner Lager eine Diplomarbeit (Studiengang Sozialpädagogik) geschrieben hat, geht von etwa 100 Todesopfern aus.

So oder so: Einen großen Teil der Verantwortung trägt Hermann Wicklein, damals Standortkommandant in Porta Westfalica. Zu grauenvoller Bekanntheit gelangte Wicklein durch das "Bunkerdrama" im KZ Herzogenbusch (Niederlande), wo er in jenem Januar 1944 Adjutant war.

Wicklein und andere SS-Schergen hatten 74 weibliche Häftlinge in eine nicht einmal zehn Quadratmeter große Zelle gesperrt, in die Nachbarzelle weitere 17 Frauen. Am nächsten Morgen waren zehn von ihnen qualvoll erstickt.

Mitleid für die Opfer war dem Obersturmführer aus Essen auch in Porta Westfalica fremd, wo bis zur Evakuierung in allen drei Lagern zusammen fast 3000 Menschen gelitten haben. Nach dem Krieg verlor sich Wickleins Spur.

Mordermittlungen gegen ihn wurden 1970 eingestellt. Kaum ein Zeuge konnte ihn wirklich belasten, weil er in den Lagern selten persönlich auftrat. Die direkte Gewalt übten andere aus. Lagerführer Eichler etwa, der vor Gericht mit fünf Jahren Haft davonkam, allerdings wegen seiner Taten als Lagerkommandant in Schleswig-Husum.

Im März 1945 waren am Pfahlweg 469 Männer inhaftiert. Das Lager stand in Neesen, die Werkhallen auf Ler-becker Gebiet. Verglichen mit anderen KZ soll zumindest die Zwangsarbeit erträglicher gewesen sein. Die Tätigkeit war leichter, Hallen schützten die Häftlinge vor der Witterung.

Verein stellt Gedenktafeln auf
Im September 1944 war das Betriebsgelände des Betonwerkes Karl Weber beschlagnahmt worden, um dort ein Frontreparaturwerk der Firma Klöckner unterzubringen. Der neue Name: Bense & Co. Repariert, gewartet und geprüft wurden Flugzeugmotoren. Gefragt waren qualifizierte Arbeiter.

"Deshalb war es nicht egal, ob sie verrecken - wie in Barkhausen", erklärt Thomas Lange. Auf der anderen Seite des Pfahlwegs entstand in zwei Wehrmachtsbaracken das Lager, bewacht von bis zu 36 SS-Männern. Anfangs mussten die Häftlinge beim Umbau des Betonwerks helfen.

Thomas Lange gehört zum Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica, der von Mai an Tafeln aufstellt, um an die Orte des Grauens zu erinnern.

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