MT-Serie KZ-Außenlager in Porta Westfalica: Das Leiden der Zwangsarbeiter im Stollen Produktionsstätten im Jakobsberg / Schläge und wenig Nahrung Porta Westfalica-Hausberge (Ly). Der Jakobsberg. Für Wanderer ist die 235 Meter hohe Erhebung des Wesergebirges ein lohnendes Ziel. Unbekannt dürfte vielen sein, dass Hunderte von KZ-Häftlingen in den Stollen Zwangsarbeit verrichten mussten. "Es ist unfassbar, mit welcher Brutalität und Menschenverachtung dabei vorgegangen wurde", sagt Herbert Wiese, Ortsheimatpfleger in Hausberge. Unbemerkt kann das nicht geblieben sein. "Zivile Beschäftigte arbeiteten dort ebenfalls", gibt Wiese zu bedenken. "Zwangsarbeiter wurden ja auch Unternehmen zur Verfügung gestellt." Unternehmen, die von menschlichem Leid profitierten, indem sie neben ihrer Belegschaft hauptsächlich Häftlinge beschäftigten. Lohn bekamen die Opfer natürlich nicht.Radioröhren herstellenProduziert hatte im Jakobsstollen die Firma Philips-Valvo, nachdem deren Betrieb angesichts der zunehmenden alliierten Bombenangriffe 1944 unter Tage verlagert worden war. In "Stöhr I", dem oberen Teil des Stollens, mussten im Februar und März 1945 bis zu 1000 Frauen aus dem Lager am Frettholzweg Radioröhren für Funkanlagen herstellen. Spulen für ferngelenkte Bomben, sogenannte "Wunderwaffen", fertigte die Firma Rentrop aus Stadthagen.Hoch genug waren die unterirdischen Höhlen. Es mussten nur noch Zwischendecken eingezogen werden. Auf diese Weise entstanden im oberen Stollen neun Stockwerke mit einer Produktionsfläche von zusammen rund 9000 Quadratmetern, unten drei Stollen, die zunächst 120 Meter lang waren und später um jeweils 50 Meter verlängert wurden (Gesamtfläche: etwa 6500 Quadratmeter). Hinzu kam ein 230 Meter langer Transportstollen.Im unteren Bereich ("Dachs I") sollte eine Schmierölraffinerie entstehen, ausgelegt für eine jährliche Produktion von 5500 Tonnen. "Doch die Produktion kam nie zum Laufen", berichtete Herbert Wiese. Das Kriegsende mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai kam den Plänen zuvor. Die Maschinen waren zu 85 Prozent installiert. Bereits am 1. April waren die drei Portaner Konzentrationslager in Hausberge, am Neeser Pfahlweg und dem Barkhauser "Kaiserhof" vor der anrückenden Front geräumt worden.Drei Stollen in Jakobsberg getriebenWelche Dramen sich im Berg abgespielt haben, können jene Info-Tafeln, die der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica im Frühjahr an sieben Orten aufstellen will, nur andeuten. Für die Produktionsanlagen mussten zunächst ab März 1944 drei neue Stollen in den Jakobsberg getrieben und nach Sprengungen vom Geröll geräumt werden, eine "mörderische Arbeit", so Reinhold Blanke-Bohne in seiner Diplomarbeit (Studiengang Sozialpädagogik) von 1984.Insgesamt wurden mehr als 60000 Kubikmeter Gestein aus dem Jakobsberg gebrochen. Das entspricht laut Blanke-Bohne 1666 Waggons oder einem Güterzug von 17 Kilometern Länge. Anfangs hatten die entkräfteten KZ-Häftlinge nur Hacken, Schaufeln, Tragebahren und Schubkarren, eine primitive Ausrüstung. Später kamen Loren hinzu, die auf unterirdischen Gleisen fuhren. In den Berg ging es schräg gegenüber dem Bahnhof an der heutigen B 482.Nach kurzer Zeit seien von den ersten 300 Häftlingen, am 19. März aus dem Lager Buchenwald bei Weimar gekommen, etwa 50 gestorben, wie Blanke-Bohne schreibt. Untergebracht waren die Männer aus mehreren Nationen im Hotel "Kaiserhof", aus dessen Tanzsaal die Nazis ein KZ für bis zu 1600 Menschen gemacht hatten.Arbeiten mussten die Unglücklichen in Zwölf-Stunden-Schichten ohne Unterbrechung und Sonntagsruhe. "Bei ,schlechter Arbeitsleistung´ waren 25 Schläge die Standard-Strafe", so Ortsheimatpfleger Wiese. "Vier Kapos hielten das Opfer fest, einer schlug zu." Kapos waren Funktionshäftlinge.Arbeiten im LaufschrittPierre Bleton, politischer Gefangener aus Frankreich, gehörte zum ersten Transport aus Buchenwald. Er berichtete über einen SS-Kommandoführer, der im Berg einen Russen erschlagen haben soll, weil dieser ihm nicht schnell genug arbeitete. "Seitdem diese Tat bekannt ist", so zitiert Blanke-Bohne den Franzosen weiter, "sind alle dabei, wie die Ratten zu schuften und fast in Raserei die Schaufel und die Hacke spielen zu lassen."Teilweise wurde die Arbeit demnach im Laufschritt verrichtet. Wer so mit der Schubkarre fahren musste, dem drohte in kurzer Zeit "Vernichtung durch Arbeit", heißt es. Auch die Verpflegung war denkbar schlecht. Brot, dünne Suppe mit Kohlrüben oder Kartoffeln, nur gelegentlich Marmelade, Margarine oder ein Stück Wurst: Trotz der Schwerstarbeit mussten die Männer nach Erkenntnissen Blanke-Bohnes mit höchstens 1500 Kalorien auskommen.Allein aus dem Lager Barkhausen sollen in einem Jahr mehr als 600 Menschen gestorben sein. Blanke-Bohne gibt die Todesrate mit monatlich 4,5 Prozent an - mehr als in Lagern ohne Zwangsarbeit unter Tage.
MT-Serie

KZ-Außenlager in Porta Westfalica: Das Leiden der Zwangsarbeiter im Stollen

Porta Westfalica-Hausberge (Ly). Der Jakobsberg. Für Wanderer ist die 235 Meter hohe Erhebung des Wesergebirges ein lohnendes Ziel. Unbekannt dürfte vielen sein, dass Hunderte von KZ-Häftlingen in den Stollen Zwangsarbeit verrichten mussten.

KZ-Häftlinge mussten

im Stollen arbeiten - © PORTA
KZ-Häftlinge mussten
im Stollen arbeiten - © PORTA

"Es ist unfassbar, mit welcher Brutalität und Menschenverachtung dabei vorgegangen wurde", sagt Herbert Wiese, Ortsheimatpfleger in Hausberge. Unbemerkt kann das nicht geblieben sein. "Zivile Beschäftigte arbeiteten dort ebenfalls", gibt Wiese zu bedenken. "Zwangsarbeiter wurden ja auch Unternehmen zur Verfügung gestellt." Unternehmen, die von menschlichem Leid profitierten, indem sie neben ihrer Belegschaft hauptsächlich Häftlinge beschäftigten. Lohn bekamen die Opfer natürlich nicht.

Radioröhren herstellen
Produziert hatte im Jakobsstollen die Firma Philips-Valvo, nachdem deren Betrieb angesichts der zunehmenden alliierten Bombenangriffe 1944 unter Tage verlagert worden war. In "Stöhr I", dem oberen Teil des Stollens, mussten im Februar und März 1945 bis zu 1000 Frauen aus dem Lager am Frettholzweg Radioröhren für Funkanlagen herstellen. Spulen für ferngelenkte Bomben, sogenannte "Wunderwaffen", fertigte die Firma Rentrop aus Stadthagen.

Tor zur Hölle: In die unteren Stollen führte dieser mittlerweile verschlossene Eingang schräg gegenüber dem Portaner Bahnhof. - © Fotos: Stefan Lyrath
Tor zur Hölle: In die unteren Stollen führte dieser mittlerweile verschlossene Eingang schräg gegenüber dem Portaner Bahnhof. - © Fotos: Stefan Lyrath

Hoch genug waren die unterirdischen Höhlen. Es mussten nur noch Zwischendecken eingezogen werden. Auf diese Weise entstanden im oberen Stollen neun Stockwerke mit einer Produktionsfläche von zusammen rund 9000 Quadratmetern, unten drei Stollen, die zunächst 120 Meter lang waren und später um jeweils 50 Meter verlängert wurden (Gesamtfläche: etwa 6500 Quadratmeter). Hinzu kam ein 230 Meter langer Transportstollen.

Im unteren Bereich ("Dachs I") sollte eine Schmierölraffinerie entstehen, ausgelegt für eine jährliche Produktion von 5500 Tonnen. "Doch die Produktion kam nie zum Laufen", berichtete Herbert Wiese. Das Kriegsende mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai kam den Plänen zuvor. Die Maschinen waren zu 85 Prozent installiert. Bereits am 1. April waren die drei Portaner Konzentrationslager in Hausberge, am Neeser Pfahlweg und dem Barkhauser "Kaiserhof" vor der anrückenden Front geräumt worden.

Drei Stollen in Jakobsberg getrieben

Ortsheimatpfleger Herbert Wiese neben einem Entlüftungsschacht, der an die Produktionsanlagen im oberen Stollen des Jakobsberges erinnert.
Ortsheimatpfleger Herbert Wiese neben einem Entlüftungsschacht, der an die Produktionsanlagen im oberen Stollen des Jakobsberges erinnert.

Welche Dramen sich im Berg abgespielt haben, können jene Info-Tafeln, die der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica im Frühjahr an sieben Orten aufstellen will, nur andeuten. Für die Produktionsanlagen mussten zunächst ab März 1944 drei neue Stollen in den Jakobsberg getrieben und nach Sprengungen vom Geröll geräumt werden, eine "mörderische Arbeit", so Reinhold Blanke-Bohne in seiner Diplomarbeit (Studiengang Sozialpädagogik) von 1984.

Insgesamt wurden mehr als 60000 Kubikmeter Gestein aus dem Jakobsberg gebrochen. Das entspricht laut Blanke-Bohne 1666 Waggons oder einem Güterzug von 17 Kilometern Länge. Anfangs hatten die entkräfteten KZ-Häftlinge nur Hacken, Schaufeln, Tragebahren und Schubkarren, eine primitive Ausrüstung. Später kamen Loren hinzu, die auf unterirdischen Gleisen fuhren. In den Berg ging es schräg gegenüber dem Bahnhof an der heutigen B 482.

Nach kurzer Zeit seien von den ersten 300 Häftlingen, am 19. März aus dem Lager Buchenwald bei Weimar gekommen, etwa 50 gestorben, wie Blanke-Bohne schreibt. Untergebracht waren die Männer aus mehreren Nationen im Hotel "Kaiserhof", aus dessen Tanzsaal die Nazis ein KZ für bis zu 1600 Menschen gemacht hatten.

Arbeiten mussten die Unglücklichen in Zwölf-Stunden-Schichten ohne Unterbrechung und Sonntagsruhe. "Bei ,schlechter Arbeitsleistung´ waren 25 Schläge die Standard-Strafe", so Ortsheimatpfleger Wiese. "Vier Kapos hielten das Opfer fest, einer schlug zu." Kapos waren Funktionshäftlinge.

Arbeiten im Laufschritt
Pierre Bleton, politischer Gefangener aus Frankreich, gehörte zum ersten Transport aus Buchenwald. Er berichtete über einen SS-Kommandoführer, der im Berg einen Russen erschlagen haben soll, weil dieser ihm nicht schnell genug arbeitete. "Seitdem diese Tat bekannt ist", so zitiert Blanke-Bohne den Franzosen weiter, "sind alle dabei, wie die Ratten zu schuften und fast in Raserei die Schaufel und die Hacke spielen zu lassen."

Teilweise wurde die Arbeit demnach im Laufschritt verrichtet. Wer so mit der Schubkarre fahren musste, dem drohte in kurzer Zeit "Vernichtung durch Arbeit", heißt es. Auch die Verpflegung war denkbar schlecht. Brot, dünne Suppe mit Kohlrüben oder Kartoffeln, nur gelegentlich Marmelade, Margarine oder ein Stück Wurst: Trotz der Schwerstarbeit mussten die Männer nach Erkenntnissen Blanke-Bohnes mit höchstens 1500 Kalorien auskommen.

Allein aus dem Lager Barkhausen sollen in einem Jahr mehr als 600 Menschen gestorben sein. Blanke-Bohne gibt die Todesrate mit monatlich 4,5 Prozent an - mehr als in Lagern ohne Zwangsarbeit unter Tage.

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