Weser-Hochwasser in Minden 1946: Die Jahrhundertflut

Jürgen Langenkämper

Eine einzige riesige Wasserfläche: Der Städte- und Landesplaner Heinz Ibrügger (1910-1983) machte im Februar 1946 von der britischen „Francis Bridge“ aus diese Aufnahme über die weit aus ihrem Flussbett hinaus getretene Weser hinweg in Richtung Porta Westfalica. - © Foto: Sammlung Ibrügger
Eine einzige riesige Wasserfläche: Der Städte- und Landesplaner Heinz Ibrügger (1910-1983) machte im Februar 1946 von der britischen „Francis Bridge“ aus diese Aufnahme über die weit aus ihrem Flussbett hinaus getretene Weser hinweg in Richtung Porta Westfalica. (© Foto: Sammlung Ibrügger)

Minden (mt). Das Wasser stand der Stadt buchstäblich „Unterkante Oberlippe". Bis zur Mauerkrone der Fischerstadt war das Hochwasser am 10. Februar 1946 gestiegen - höher als alle damals Lebenden es jemals vorher erlebt hatten und höher als alle danach es jemals erlebt haben. Ein Jahrhunderthochwasser. Eine Flut.

70 Jahre sind seither vergangen. Doch das Wasser hat sich tief eingegraben in die Erinnerungen der damals Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen, die heute bereits die 80 überschritten haben wie Siegfried Nolte aus Dankersen und Friedrich Dralle aus Ovenstädt oder gar die 90 wie Irmgard Villing aus Barkhausen.

Information
Hochwasser in Minden

Ein Hochwasser kommt selten allein. Auf das Jahrhundertereignis von 1946 folgte im Jahr darauf am 16. März 1947 das mit 6,88 Meter zweithöchste Ereignis der vergangenen acht Jahrzehnte seit Einrichtung des Pegels Porta.

Auch das dritthöchste Hochwasser in diesem Zeitraum lag noch nicht lange zurück: 6,78 Meter waren am 2. Dezember 1939 gemessen worden.

Zwei weitere der zehn größten Fluten verzeichnen Hydrologen und Wasserbauer während des Zweiten Weltkriegs: 6,34 Meter am 8. November 1940 und 6,32 Meter am 22. März 1942.

Exakt dazwischen lag das jüngste größere Hochwasser, das es in die „Top Ten“ schaffte. Am 15. Januar 2011 wurden 6,33 Meter gemessen.

Von Ende der 1940er-Jahre bis Anfang der 1980er hinterließ kein Hochwasser markante Spuren in der historischen Rangliste. Seit 1981 gab es jeweils alle sechs bis acht Jahre ein bemerkenswertes Hochwasser, und zwar stets im Winter. Die Scheitelpunkte bewegten sich in einem vergleichsweise moderaten Rahmen zwischen 6,42 Meter (14. März 1981) und 6,57 Meter (2. Februar 1995).

Das vorerst letzte große Sommerhochwasser gab es 2013 mit einem Scheitel von 5,14 Metern (3o. Mai).

Vor der Flut von 1946 lag das nächsthöhere Hochwasser mit einem leicht höheren Scheitel am 20. Januar 1841. Nur fünf Jahre später - und nahezu exakt 100 Jahre vor der 1946er Flut - gab es am 29. Januar 1846 ein Hochwasser, das fast an die beiden anderen heranreichte. Markante Überschwemmungen gab es auch 1881, 1890, 1909 1918 und 1926.

Der neue Stadtpegel an der Schlagde weist lediglich vier noch schlimmere Fluten in früheren Jahrhunderten aus: 1682, 1642, 1799 und 1553. 1375 soll das Weserwasser im Dom gestanden haben. Alles übertroffen haben dürfte das Magdalenenhochwasser am 22. Juli 1342, für das in Minden aber kein verlässlicher Pegelstand vorliegt. (lkp)

„Der Winter 1945/46 war ziemlich feucht", erinnert sich Friedrich Dralle, damals 17 Jahre alt. Seit Mitte Januar herrschte Tauwetter, und der Schnee war in hiesigen Breiten bereits weg. „Teilweise lag in den Mittelgebirgen Westfalens noch Schnee", notierte dagegen seinerzeit Oberregierungsbaurat Sperling in Münster in einer Rückschau. Dann setzte am 27. Januar ergiebiger Regen ein, tagelang. Dadurch entstand eine Vorwelle.

Mit vier Metern, rückgerechnet für den damals nicht mehr bestehenden Pegel Minden, war das Bett der Weser am Morgen des 4. Februar gut gefüllt, aber noch 60 Zentimeter unter dem Niveau der Schlagde. Bereits am Abend des Folgetages stand der Pegel bei 5,62 Metern und am Morgen des 6. Februar bei 6,02 Metern. Im Laufe der nächsten 24 Stunden stieg das Wasser lediglich um zehn Zentimeter.

Doch dann brachte die Weser nach starken Niederschlägen vom 4. bis 9. Februar aufgrund anhaltend niedrigen Luftdrucks mit subtropischen, feuchtwarmen Luftmassen (siehe Folgeseite) die Hauptwelle: 6,32 Meter am 8. Februar um 8 Uhr, 7,18 Meter am 9. Februar um 8 Uhr und 7,51 Meter um 14 Uhr. „Die Leute in der Fischerstadt hatten oft bei Hochwasser Wasser im Keller", sagt Irmgard Villing, die damals An der Tränke wohnte. „Aber jetzt hatten sie Angst, dass es noch höher stieg." Und es stieg - bis auf 8,16 Meter am 10. Februar, einem Sonntag, um 6 Uhr. Das entsprach 7,90 Meter am amtlichen Pegel in Porta. Ernst Rohlfs, Diplom-Hydrologe bei der Bezirksregierung, schließt nicht aus, dass der Scheitelpunkt in der vorhergehenden Nacht noch etwas höher lag. Danach war das Wasser langsam - langsamer als es gekommen war - auf dem Rückzug.

Die Schäden waren immens. In Minden stand das Wasser bis in die Innenstadt. Die Tonhallenstraße, Teile der Lindenstraße und des Klausenwalls, der Große und der Kleine Domhof waren überflutet ebenso wie die untere Bäckerstraße und die Straße An der Tränke. Die Menschen in der Weserstraße gelangten nur mit einem Boot in ihre Häuser.

Im Meißener Bruch südlich der Grille machten sich Siegfried Nolte und seine Freunde einen Spaß daraus, mit einem Sturmboot Fährdienste für vom Wasser abgeschnittene Häuser im Südbruch zu leisten. Eine dieser Fahrten, bei der er Einmachgläser aus einem Haus holen sollte, wäre dem damals 14-Jährigen jedoch fast zum Verhängnis geworden, weil das Wasser in kürzester Zeit enorm stieg und er fast nicht mehr aus dem Haus heraus gekommen wäre.

In große Not geriet auch ein Junge in Petershagen. „Willy Kortum, der so zehn bis zwölf Jahre alt war, trieb mit einem ,Finnenschlitten’ ab, der als Boot und als Schlitten genutzt werden konnte", erzählt Friedrich Dralle. So rief jemand aus Ovenstädt in Hävern an, und der dortige Fährmann, „der alte Humke", fuhr mit dem Beiboot hinaus und rettete den Jungen.

Friedrich Dralle war in jenen Tagen von der kleinen Wesergemeinde abgeordnet, den Damm nach Hävern hin zu überwachen. „Wir hatten nur wenige Sandsäcke." Aber die waren gut am Anfang platziert, wo der Damm etwas niedriger war, und das Bauwerk hielt. Auch erinnert er sich noch daran, dass im etwas niedriger gelegenen Nachbarort Leute, „Evakuierte aus dem Rheinland", trotz herannahenden Hochwassers unbedingt Karneval feiern wollten. Zu fortgeschrittener Stunde mussten sie mit Wagen ins Trockene geholt werden.

Von dramatischeren Szenen und schwereren Schäden berichtet Detlef Sönnichsen, selbstständiger Diplom-Ingenieur für Wasserbau und Wasserwirtschaft, vom Oberlauf der Weser und den Nebenflüssen. In Lügde sprangen Leute vor dem herannahenden Wasser der Emmer auf Tische. Tage später mussten sie ihr in den Stallungen ertrunkenes Vieh auf die Straße ziehen. Sie hatten es nicht mehr rechtzeitig befreien oder abschlachten können.

Käme erneut eine Jahrhundertflut, wären die materiellen Schäden trotz vieler Vorkehrungen höher. Da sind sich Experten sicher angesichts gestiegenen Wohlstands und höherer Sachwerte in Häusern entlang des Flusses. „Die Ausdehnung eines Jahrhunderthochwassers wie 1946 wäre aber auch wegen der Verschlechterung der hydraulischen Situation größer", warnt Wasserbauingenieur Norbert Weinert von Sönnichsen und Partner. Allein schon durch natürliche Ablagerung von Sediment bei jedem folgenden Hochwasser seien die Vorländer, die Weserwiesen, erhöht. Dadurch müsste die Weser das nächste Mal noch höher steigen, um die gleichen Wassermassen abführen zu können wie vor 70 Jahren.

Zum 70. Jahrestag lädt die Bezirksregierung Detmold, Dezernat für Wasserwirtschaft, heute von 15.30 bis 17 Uhr auf der Schlagde zu einer öffentlichen Veranstaltung in Zusammenarbeit mit den Weserfreunden und dem Ingenieurbüro Sönnichsen und Partner ein. Am Stadtpegel unterhalb des Großen Kurfürsten sprechen der Beigeordnete Lars Bursian von der Stadt Minden, Klaus Flachmeier von der Bezirksregierung und Detlef Sönnichsen. Siegfried Nolte erzählt als Zeitzeuge.

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Weser-Hochwasser in Minden 1946: Die JahrhundertflutJürgen LangenkämperMinden (mt). Das Wasser stand der Stadt buchstäblich „Unterkante Oberlippe". Bis zur Mauerkrone der Fischerstadt war das Hochwasser am 10. Februar 1946 gestiegen - höher als alle damals Lebenden es jemals vorher erlebt hatten und höher als alle danach es jemals erlebt haben. Ein Jahrhunderthochwasser. Eine Flut. 70 Jahre sind seither vergangen. Doch das Wasser hat sich tief eingegraben in die Erinnerungen der damals Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen, die heute bereits die 80 überschritten haben wie Siegfried Nolte aus Dankersen und Friedrich Dralle aus Ovenstädt oder gar die 90 wie Irmgard Villing aus Barkhausen. „Der Winter 1945/46 war ziemlich feucht", erinnert sich Friedrich Dralle, damals 17 Jahre alt. Seit Mitte Januar herrschte Tauwetter, und der Schnee war in hiesigen Breiten bereits weg. „Teilweise lag in den Mittelgebirgen Westfalens noch Schnee", notierte dagegen seinerzeit Oberregierungsbaurat Sperling in Münster in einer Rückschau. Dann setzte am 27. Januar ergiebiger Regen ein, tagelang. Dadurch entstand eine Vorwelle. Mit vier Metern, rückgerechnet für den damals nicht mehr bestehenden Pegel Minden, war das Bett der Weser am Morgen des 4. Februar gut gefüllt, aber noch 60 Zentimeter unter dem Niveau der Schlagde. Bereits am Abend des Folgetages stand der Pegel bei 5,62 Metern und am Morgen des 6. Februar bei 6,02 Metern. Im Laufe der nächsten 24 Stunden stieg das Wasser lediglich um zehn Zentimeter. Doch dann brachte die Weser nach starken Niederschlägen vom 4. bis 9. Februar aufgrund anhaltend niedrigen Luftdrucks mit subtropischen, feuchtwarmen Luftmassen (siehe Folgeseite) die Hauptwelle: 6,32 Meter am 8. Februar um 8 Uhr, 7,18 Meter am 9. Februar um 8 Uhr und 7,51 Meter um 14 Uhr. „Die Leute in der Fischerstadt hatten oft bei Hochwasser Wasser im Keller", sagt Irmgard Villing, die damals An der Tränke wohnte. „Aber jetzt hatten sie Angst, dass es noch höher stieg." Und es stieg - bis auf 8,16 Meter am 10. Februar, einem Sonntag, um 6 Uhr. Das entsprach 7,90 Meter am amtlichen Pegel in Porta. Ernst Rohlfs, Diplom-Hydrologe bei der Bezirksregierung, schließt nicht aus, dass der Scheitelpunkt in der vorhergehenden Nacht noch etwas höher lag. Danach war das Wasser langsam - langsamer als es gekommen war - auf dem Rückzug. Die Schäden waren immens. In Minden stand das Wasser bis in die Innenstadt. Die Tonhallenstraße, Teile der Lindenstraße und des Klausenwalls, der Große und der Kleine Domhof waren überflutet ebenso wie die untere Bäckerstraße und die Straße An der Tränke. Die Menschen in der Weserstraße gelangten nur mit einem Boot in ihre Häuser. Im Meißener Bruch südlich der Grille machten sich Siegfried Nolte und seine Freunde einen Spaß daraus, mit einem Sturmboot Fährdienste für vom Wasser abgeschnittene Häuser im Südbruch zu leisten. Eine dieser Fahrten, bei der er Einmachgläser aus einem Haus holen sollte, wäre dem damals 14-Jährigen jedoch fast zum Verhängnis geworden, weil das Wasser in kürzester Zeit enorm stieg und er fast nicht mehr aus dem Haus heraus gekommen wäre. In große Not geriet auch ein Junge in Petershagen. „Willy Kortum, der so zehn bis zwölf Jahre alt war, trieb mit einem ,Finnenschlitten’ ab, der als Boot und als Schlitten genutzt werden konnte", erzählt Friedrich Dralle. So rief jemand aus Ovenstädt in Hävern an, und der dortige Fährmann, „der alte Humke", fuhr mit dem Beiboot hinaus und rettete den Jungen. Friedrich Dralle war in jenen Tagen von der kleinen Wesergemeinde abgeordnet, den Damm nach Hävern hin zu überwachen. „Wir hatten nur wenige Sandsäcke." Aber die waren gut am Anfang platziert, wo der Damm etwas niedriger war, und das Bauwerk hielt. Auch erinnert er sich noch daran, dass im etwas niedriger gelegenen Nachbarort Leute, „Evakuierte aus dem Rheinland", trotz herannahenden Hochwassers unbedingt Karneval feiern wollten. Zu fortgeschrittener Stunde mussten sie mit Wagen ins Trockene geholt werden. Von dramatischeren Szenen und schwereren Schäden berichtet Detlef Sönnichsen, selbstständiger Diplom-Ingenieur für Wasserbau und Wasserwirtschaft, vom Oberlauf der Weser und den Nebenflüssen. In Lügde sprangen Leute vor dem herannahenden Wasser der Emmer auf Tische. Tage später mussten sie ihr in den Stallungen ertrunkenes Vieh auf die Straße ziehen. Sie hatten es nicht mehr rechtzeitig befreien oder abschlachten können. Käme erneut eine Jahrhundertflut, wären die materiellen Schäden trotz vieler Vorkehrungen höher. Da sind sich Experten sicher angesichts gestiegenen Wohlstands und höherer Sachwerte in Häusern entlang des Flusses. „Die Ausdehnung eines Jahrhunderthochwassers wie 1946 wäre aber auch wegen der Verschlechterung der hydraulischen Situation größer", warnt Wasserbauingenieur Norbert Weinert von Sönnichsen und Partner. Allein schon durch natürliche Ablagerung von Sediment bei jedem folgenden Hochwasser seien die Vorländer, die Weserwiesen, erhöht. Dadurch müsste die Weser das nächste Mal noch höher steigen, um die gleichen Wassermassen abführen zu können wie vor 70 Jahren. Zum 70. Jahrestag lädt die Bezirksregierung Detmold, Dezernat für Wasserwirtschaft, heute von 15.30 bis 17 Uhr auf der Schlagde zu einer öffentlichen Veranstaltung in Zusammenarbeit mit den Weserfreunden und dem Ingenieurbüro Sönnichsen und Partner ein. Am Stadtpegel unterhalb des Großen Kurfürsten sprechen der Beigeordnete Lars Bursian von der Stadt Minden, Klaus Flachmeier von der Bezirksregierung und Detlef Sönnichsen. Siegfried Nolte erzählt als Zeitzeuge.