MT-Serie: Wir machen Abi

"Bitte Lächeln" auf dem Abschlussball

veröffentlicht

Fotograf Christian Schwier arbeitet auf Abibällen / Bilder aus dem Internet herunterladen / Chance für Familienporträts

Minden (mt). Christian Schwier drückt auf den Auslöser seiner Kamera, das wird er heute Abend noch genau 2895 Mal machen. Von ihm lassen sich die Abiturienten ablichten - auf der letzten Feier ihres Schullebens.

"Bitte lächeln": Ihre Freude über das bestandene Abitur halten Lara Meyer, Tayfun Tas, Felix Butzer und Carolin Olbrisch (v.l.) vom Herder-Gymnasium im Foto fest. MT- - © Fotos: Nadine Schwan (2), Christian Schwier (3)
"Bitte lächeln": Ihre Freude über das bestandene Abitur halten Lara Meyer, Tayfun Tas, Felix Butzer und Carolin Olbrisch (v.l.) vom Herder-Gymnasium im Foto fest. MT- (© Fotos: Nadine Schwan (2), Christian Schwier (3))
Abiball zur Kundenaquise - © MINDEN
Abiball zur Kundenaquise (© MINDEN)

Christian Schwier ist der Abiball-Fotograf beim Herder-Gymnasium. Das Geschäft mit Fotos von Abibällen hat sich etabliert. Als Schwier 2006 am Besselgymnasium Abitur gemacht hat, gab es das noch nicht. Heute arbeiten außer Schwier noch eine Reihe weiterer Abiball-Fotografen in der Region. Gebucht werden sie von den Abiturienten direkt oder, wie Schwier, über den Partyveranstalter.

Neben der Cocktailbar am Rand der Kampa-Halle hat der 27-jährige Fotograf ein Studio aufgebaut. Das riesige weiße Papier klemmt zwischen zwei Ständern, es reicht bis auf den Boden. Links und rechts neben dem Fotografen stehen zwei Blitze.

Zwei Mädchen, eine Mutter und ein Vater kommen und lassen sich fotografieren. Die Mädchen haben lange Kleider an, ihre Haare sind hochgesteckt, sie tragen Schuhe mit Zehn-Zentimeter-Absätzen. Auch die Eltern haben sich fein angezogen. Der Abiball ist eine gute Chance für ein Familienbild. Das Letzte ist 18 Jahre her.

Die Mädchen stellen sich auf das weiße Papier neben ihre Eltern. "Kommt noch ein Stückchen näher", sagt Christian Schwier. Er hält sich die Kamera vors Gesicht, drückt dabei seine Nase platt. "Lächeln". Klick. "Zu mir schauen". Klick. "Und noch einmal lächeln". Klick. Im Hintergrund ertönt jedes Mal ein quietschender hoher Ton. Das sind die Blitze. Klick, Quietsch, Klick, Quietsch. Es ist 17.33 Uhr. 576 Mal hat es schon geklickt.

Für ihre Abendroben haben die Mädchen durchschnittlich 300 Euro ausgeben, für Kleid, Schuhe, Schmuck, Frisur und Make-up. Christian Schwier wird an dem Abend eine Pauschale gezahlt, wie viel, verrät er nicht. Nur auf die Gage kommt es aber nicht an: Der Fotograf nutzt die Abibälle auch zur Akquise. Hinterher kommen immer Folgeaufträge. Dann engagieren sie ihn für Firmenbilder oder Hochzeiten.

Immer die Kamera vor der Nase: Fotograf Christian Schwier.
Immer die Kamera vor der Nase: Fotograf Christian Schwier.

Es ist warm. Der Schweiß steht Christian Schwier auf der Stirn. Sein Sakko hat er ausgezogen. Seit 15 Uhr ist er da. Er trägt eine schwarze Hose, schwarze Schuhe und ein weißes Hemd - das ist sein Arbeitsanzug. Zeit, etwas zu essen, hat er nicht. Nur für einen Schluck Wasser zwischendurch reicht es. Hinter ihm stehen junge Frauen in langen Kleidern, junge Männer in Anzügen, Vatis, Muttis und auch eine Oma. Es ist 19.19 Uhr, Christian Schwier macht gerade Bild Nummer 766.

Allein ist die Masse nicht zu bewältigen
Die Kamera hält ungefähr 200 000 Bilder, dann geht der Verschluss kaputt. Ähnlich wie beim Auto, das nach 200 000 Kilometern den Geist aufgibt. Bei einem Abiball verbraucht Christian Schwier etwa ein bis zwei Prozent der Lebensdauer seiner Ausrüstung. Dreihundert Euro gehen pro Abend für Verschleiß drauf.

Vier Mädchen sind dran. Christian Schwier geht einen Schritt auf sie zu. "Bitte einmal näher zusammenrücken", sagt er. Sie lächeln. Klick, Quietsch, Klick, Quietsch. Christian Schwier arbeitet im Akkord. Immer wieder das gleiche. Kaum verlassen die Mädchen den weißen Papierteppich, folgt eine Gruppe junger Männer, dann kommt ein Pärchen, dann drei Freundinnen, dann Eltern mit einem Abiturienten. Drumherum wird jetzt gegessen - in Etappen. Der Andrang hinter Christian Schwier nimmt nicht ab. Im Raum liegt ein süßlicher Duft von Parfum. Die Band spielt ruhige Lieder. Zwischen den Tischen in der Halle läuft Daniel Holtmeier. Er macht die Partyfotos, während Christian Schwier die Porträts schießt.

Allein ist das Abi-Geschäft nicht mehr zu bewältigen. 154 junge Menschen feiern heute ihr Abitur, mitbringen dürfen sie jeweils fünf weitere Gäste. Dazu kommen die Lehrer. Macht ungefähr 900 Leute. Eine Masse an Menschen, bei denen selbst der Profi-Fotograf ins Rotieren kommt. Deshalb hat er Daniel Holtmeier eingekauft. Es ist 20.17 Uhr, Christian Schwier hat mittlerweile 1301 Fotos gemacht.

Einen kurzen Moment wird es ruhig in der Halle. Um den hölzernen Einlege-Parkettboden vor der Bühne haben sich Eltern und Freunde mit ihren Handys, Fotoapparaten und Camcordern positioniert. Die Abiturienten laufen ein, gleich werden sie tanzen. Christian Schwier und sein Kollege müssen schnell sein. Jedes Paar soll abgelichtet werden. Sie laufen den Tanzpaaren hinterher.

Stöckelschuhe löchern den Papierteppich
Am Ende des Abends sortiert Schwier ungefähr zwei Drittel der Bilder aus. Viele sind Dubletten, manche nichts geworden. Über Nacht schiebt er sie auf seinen Rechner. Die Bilder laufen danach durch einen Bearbeitungsmodus. Dann lädt er sie in seinem Shop hoch. Fertig. Sobald die Gage auf dem Konto ist, schaltet er die Bilder frei. Mit einem Passwort können sich dann die Abiturienten auf der Seite die Bilder herunterladen. Hier können sie die Fotos auch entwickeln lassen und bestellen. Es ist 22.57 Uhr, Schwier hat 2596 Bilder geschossen.

Der Duft von Parfum ist mittlerweile verflogen, stattdessen riecht es nach Bier und Schweiß. Hinter dem Vorhang am Eingang sprüht ein Mädchen Deo unter ihre Achseln. Manche haben ihre Stöckelschuhe ausgezogen und tragen Ballerinas. Wer jetzt in den Studiobereich kommt, wirkt lockerer. Zwei Jungs heben ihre Freundinnen hoch. Zwei Mädchen hüpfen. Ihre Stöckelschuhe löchern den Papierteppich.

Christian Schwier ist eigentlich nur bis 23 Uhr gebucht. Der Veranstalter bittet ihn, noch eine Stunde länger zu bleiben. Das kostet extra.

Wer jetzt noch ein Bild will, kommt zu spät. Der Auslöser zeigt 2895, die silberne Armbanduhr von Christian Schwier 24 Uhr. Daniel Holtmeier muss noch zwei Stunden arbeiten. Bis 2 Uhr sind die Partyfotos gebucht. Christian Schwier schaltet seine Kamera aus. Baut die Blitze ab, rollt den weißen Papierteppich zusammen. Feierabend. Bis morgen - dann fotografiert er den nächsten Abiball.

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MT-Serie: Wir machen Abi"Bitte Lächeln" auf dem AbschlussballFotograf Christian Schwier arbeitet auf Abibällen / Bilder aus dem Internet herunterladen / Chance für FamilienporträtsMinden (mt). Christian Schwier drückt auf den Auslöser seiner Kamera, das wird er heute Abend noch genau 2895 Mal machen. Von ihm lassen sich die Abiturienten ablichten - auf der letzten Feier ihres Schullebens.Christian Schwier ist der Abiball-Fotograf beim Herder-Gymnasium. Das Geschäft mit Fotos von Abibällen hat sich etabliert. Als Schwier 2006 am Besselgymnasium Abitur gemacht hat, gab es das noch nicht. Heute arbeiten außer Schwier noch eine Reihe weiterer Abiball-Fotografen in der Region. Gebucht werden sie von den Abiturienten direkt oder, wie Schwier, über den Partyveranstalter.Neben der Cocktailbar am Rand der Kampa-Halle hat der 27-jährige Fotograf ein Studio aufgebaut. Das riesige weiße Papier klemmt zwischen zwei Ständern, es reicht bis auf den Boden. Links und rechts neben dem Fotografen stehen zwei Blitze.Zwei Mädchen, eine Mutter und ein Vater kommen und lassen sich fotografieren. Die Mädchen haben lange Kleider an, ihre Haare sind hochgesteckt, sie tragen Schuhe mit Zehn-Zentimeter-Absätzen. Auch die Eltern haben sich fein angezogen. Der Abiball ist eine gute Chance für ein Familienbild. Das Letzte ist 18 Jahre her.Die Mädchen stellen sich auf das weiße Papier neben ihre Eltern. "Kommt noch ein Stückchen näher", sagt Christian Schwier. Er hält sich die Kamera vors Gesicht, drückt dabei seine Nase platt. "Lächeln". Klick. "Zu mir schauen". Klick. "Und noch einmal lächeln". Klick. Im Hintergrund ertönt jedes Mal ein quietschender hoher Ton. Das sind die Blitze. Klick, Quietsch, Klick, Quietsch. Es ist 17.33 Uhr. 576 Mal hat es schon geklickt.Für ihre Abendroben haben die Mädchen durchschnittlich 300 Euro ausgeben, für Kleid, Schuhe, Schmuck, Frisur und Make-up. Christian Schwier wird an dem Abend eine Pauschale gezahlt, wie viel, verrät er nicht. Nur auf die Gage kommt es aber nicht an: Der Fotograf nutzt die Abibälle auch zur Akquise. Hinterher kommen immer Folgeaufträge. Dann engagieren sie ihn für Firmenbilder oder Hochzeiten.Es ist warm. Der Schweiß steht Christian Schwier auf der Stirn. Sein Sakko hat er ausgezogen. Seit 15 Uhr ist er da. Er trägt eine schwarze Hose, schwarze Schuhe und ein weißes Hemd - das ist sein Arbeitsanzug. Zeit, etwas zu essen, hat er nicht. Nur für einen Schluck Wasser zwischendurch reicht es. Hinter ihm stehen junge Frauen in langen Kleidern, junge Männer in Anzügen, Vatis, Muttis und auch eine Oma. Es ist 19.19 Uhr, Christian Schwier macht gerade Bild Nummer 766.Allein ist die Masse nicht zu bewältigenDie Kamera hält ungefähr 200 000 Bilder, dann geht der Verschluss kaputt. Ähnlich wie beim Auto, das nach 200 000 Kilometern den Geist aufgibt. Bei einem Abiball verbraucht Christian Schwier etwa ein bis zwei Prozent der Lebensdauer seiner Ausrüstung. Dreihundert Euro gehen pro Abend für Verschleiß drauf.Vier Mädchen sind dran. Christian Schwier geht einen Schritt auf sie zu. "Bitte einmal näher zusammenrücken", sagt er. Sie lächeln. Klick, Quietsch, Klick, Quietsch. Christian Schwier arbeitet im Akkord. Immer wieder das gleiche. Kaum verlassen die Mädchen den weißen Papierteppich, folgt eine Gruppe junger Männer, dann kommt ein Pärchen, dann drei Freundinnen, dann Eltern mit einem Abiturienten. Drumherum wird jetzt gegessen - in Etappen. Der Andrang hinter Christian Schwier nimmt nicht ab. Im Raum liegt ein süßlicher Duft von Parfum. Die Band spielt ruhige Lieder. Zwischen den Tischen in der Halle läuft Daniel Holtmeier. Er macht die Partyfotos, während Christian Schwier die Porträts schießt.Allein ist das Abi-Geschäft nicht mehr zu bewältigen. 154 junge Menschen feiern heute ihr Abitur, mitbringen dürfen sie jeweils fünf weitere Gäste. Dazu kommen die Lehrer. Macht ungefähr 900 Leute. Eine Masse an Menschen, bei denen selbst der Profi-Fotograf ins Rotieren kommt. Deshalb hat er Daniel Holtmeier eingekauft. Es ist 20.17 Uhr, Christian Schwier hat mittlerweile 1301 Fotos gemacht.Einen kurzen Moment wird es ruhig in der Halle. Um den hölzernen Einlege-Parkettboden vor der Bühne haben sich Eltern und Freunde mit ihren Handys, Fotoapparaten und Camcordern positioniert. Die Abiturienten laufen ein, gleich werden sie tanzen. Christian Schwier und sein Kollege müssen schnell sein. Jedes Paar soll abgelichtet werden. Sie laufen den Tanzpaaren hinterher.Stöckelschuhe löchern den PapierteppichAm Ende des Abends sortiert Schwier ungefähr zwei Drittel der Bilder aus. Viele sind Dubletten, manche nichts geworden. Über Nacht schiebt er sie auf seinen Rechner. Die Bilder laufen danach durch einen Bearbeitungsmodus. Dann lädt er sie in seinem Shop hoch. Fertig. Sobald die Gage auf dem Konto ist, schaltet er die Bilder frei. Mit einem Passwort können sich dann die Abiturienten auf der Seite die Bilder herunterladen. Hier können sie die Fotos auch entwickeln lassen und bestellen. Es ist 22.57 Uhr, Schwier hat 2596 Bilder geschossen.Der Duft von Parfum ist mittlerweile verflogen, stattdessen riecht es nach Bier und Schweiß. Hinter dem Vorhang am Eingang sprüht ein Mädchen Deo unter ihre Achseln. Manche haben ihre Stöckelschuhe ausgezogen und tragen Ballerinas. Wer jetzt in den Studiobereich kommt, wirkt lockerer. Zwei Jungs heben ihre Freundinnen hoch. Zwei Mädchen hüpfen. Ihre Stöckelschuhe löchern den Papierteppich.Christian Schwier ist eigentlich nur bis 23 Uhr gebucht. Der Veranstalter bittet ihn, noch eine Stunde länger zu bleiben. Das kostet extra.Wer jetzt noch ein Bild will, kommt zu spät. Der Auslöser zeigt 2895, die silberne Armbanduhr von Christian Schwier 24 Uhr. Daniel Holtmeier muss noch zwei Stunden arbeiten. Bis 2 Uhr sind die Partyfotos gebucht. Christian Schwier schaltet seine Kamera aus. Baut die Blitze ab, rollt den weißen Papierteppich zusammen. Feierabend. Bis morgen - dann fotografiert er den nächsten Abiball.