Minden

MT-Serie "Training in der Krise": Die Einsamkeit der Läufer

Astrid Plaßhenrich

Allein auf der Strecke: Läuferinnen und Läufer müssen sich aktuell selbst motivieren, um ihr Training zu absolvieren. MT- - © Foto: Astrid Plaßhenrich
Allein auf der Strecke: Läuferinnen und Läufer müssen sich aktuell selbst motivieren, um ihr Training zu absolvieren. MT- (© Foto: Astrid Plaßhenrich)

Minden. Wenigstens etwas: Joggen ist auch in Corona-Zeiten erlaubt. Alleine oder auch zu zweit – dann heißt es aber trotzdem: Abstand halten. Handballer, Fußballer, Volleyballer oder auch Schwimmer durchpflügen seit Wochen die Wälder. Die Strecken sind hoch frequentiert. Das ist auffällig. Für diejenigen, für die das Laufen allerdings eine Passion ist und die sich gezielt auf Marathon, Halbmarathon, Mühlenkreisserie oder Volksläufe vorbereiten, fällt seit Mitte März das Training in der Gruppe aus. Und das hat einen größeren Stellenwert als viele vermuten. Das bestätigt auch Reiner Göring vom Lauftreff Petershagen: „Laufen ist Kopfsache. Der innere Schweinehund ist ein stetiger Begleiter. In einer Trainingsgruppe lässt der sich besser vertreiben.“

Für Läufer und Leichtathleten war die Nachricht ein erneuter Dämpfer: Der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) setzt alle Leichtathletik-Veranstaltungen bis mindestens zum 31. Mai aus. Damit ist auch der zweite Lauf der Mühlenkreisserie am Sonntag, 17. Mai, in Preußisch Oldendorf gestrichen. Zudem fallen mit dem Paderborner Osterlauf oder dem Hermannslauf zwei Klassiker aus. Aber nicht nur in OWL ist betroffen, bundesweite Veranstaltungen wie der Berliner Halbmarathon oder der Hamburg-Marathon kapitulieren vor dem Virus.

Der Petershäger Reiner Göring hatte sich wie auch 25 Hiller Mohrläufer mit drei Einheiten pro Woche auf den 33,333 Kilometer langen Syltlauf vorbereitet. Der sollte dieses Jahr am 15. März ausgetragen werden und war einer der ersten Läufe, die abgesagt wurden. „Da war die Enttäuschung natürlich riesig“, sagt Andreas Backhaus von den Mohrläufern. Seit Weihnachten trainierten auch die Hiller mit drei Einheiten pro Woche auf den Insellauf hin, am Wochenende stand dann immer ein langer Lauf von 20 bis 30 Kilometer an. „Einige sind trotzdem nach Sylt gefahren und privat gelaufen. Das war zu der Zeit ja noch möglich“, erklärt Backhaus. Doch jetzt setzen die Hiller mindestens bis Mitte Mai mit dem Gruppentraining aus. Backhaus sieht wie Göring einen Nachteil darin: „Ein Trainingsfortschritt ist in der Gruppe schneller und gezielter zu erreichen. Der Ansporn ist auch ein ganz anderer.“ Die Absagen führen dazu, dass auch ambitionierte Athleten ihre Trainingsläufe aktuell recht perspektiv- und ziellos absolvieren.

Um dem vorzubeugen, lässt Hartmut Engel seiner Gruppe jeden Mittwoch einen Trainingsplan per Whatsapp zukommen. „Normalerweise treffen wir uns dann immer im Weserstadion zum Training“, sagt Engel, der die erwachsenen Mittel- und Langstreckenläufer des SV 1860 Minden trainiert. Doch jetzt sind die Athleten auf sich allein gestellt, müssen die Übungen wie das Lauf-ABC, das der Verletzungsvorbeugung und der Verbesserung des Laufstils sowie der Kräftigung dient, sowie Intervall- und Tempoläufe individuell abarbeiten. Engel weiß, wie schwer es fällt, sich immer wieder selbst zu motivieren: „In der Gruppe pushen wir uns gegenseitig. Man strengt sich zusammen an, bekommt sofort Lob und Bestätigung und geht über den gewissen Punkt hinaus. Es macht deutlich mehr Spaß, als alleine zu trainieren.“

Immerhin hilft auch im Laufsport die Digitalisierung die verordnete Isolation zu überwinden. Über Apps können die Athleten gegenseitig ihren Trainingsfortschritt verfolgen, die Strecken gegenseitig einsehen, Ziele festlegen und sich auch per Knopfdruck antreiben. Dann ertönt bei dem anderen beispielsweise eine Fanfare oder Anfeuerungsrufe. Das ist sicherlich kein Ersatz für das Gruppentraining, hilft aber, die Zeit des Kontaktverbots zu überbrücken.

Reiner Göring will seinen Lauftreff auch für virtuelle Läufe begeistern. GID-Projects, ein Dienstleister für die Zeitmessung, hat die kostenlose Online-Plattform „Lauf-weiter“ gegründet. Vereine deren Veranstaltungen in den kommenden Wochen ausfallen, können dort ihre Wettkämpfe anmelden. Läufer melden sich bei einer der aufgelisteten Veranstaltungen an, wählen ihre Wunschdistanz aus und laufen dann gegeneinander, aber nicht zusammen. Mit einem virtuellen Startschuss beginnen die Wettkämpfe, so dass alle zeitgleich loslaufen. Jeder stoppt seine persönliche Zeit und kann sie dann per Upload-Link im Internet hochladen. Die Wertung sind abends online einsehbar. „Die Teilnehmerzahlen sind schon jetzt extrem gestiegen“, sagt Göring. Dass jeder seine ehrliche Zeit übermittelt, ist ein Gebot der Fairness. Ehrensache.

www.lauf-weiter.de

Training in der Krise

Der Sport steht still, Athleten und Trainer hängen in der Luft: Wann geht es endlich wieder los? Wann werden die Sportstätten geöffnet? Wann gehen Wettbewerbe und Meisterschaften weiter? Mit der MT-Serie „Training in der Krise“ gibt die Sportredaktion einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenMT-Serie "Training in der Krise": Die Einsamkeit der LäuferAstrid PlaßhenrichMinden. Wenigstens etwas: Joggen ist auch in Corona-Zeiten erlaubt. Alleine oder auch zu zweit – dann heißt es aber trotzdem: Abstand halten. Handballer, Fußballer, Volleyballer oder auch Schwimmer durchpflügen seit Wochen die Wälder. Die Strecken sind hoch frequentiert. Das ist auffällig. Für diejenigen, für die das Laufen allerdings eine Passion ist und die sich gezielt auf Marathon, Halbmarathon, Mühlenkreisserie oder Volksläufe vorbereiten, fällt seit Mitte März das Training in der Gruppe aus. Und das hat einen größeren Stellenwert als viele vermuten. Das bestätigt auch Reiner Göring vom Lauftreff Petershagen: „Laufen ist Kopfsache. Der innere Schweinehund ist ein stetiger Begleiter. In einer Trainingsgruppe lässt der sich besser vertreiben.“ Für Läufer und Leichtathleten war die Nachricht ein erneuter Dämpfer: Der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) setzt alle Leichtathletik-Veranstaltungen bis mindestens zum 31. Mai aus. Damit ist auch der zweite Lauf der Mühlenkreisserie am Sonntag, 17. Mai, in Preußisch Oldendorf gestrichen. Zudem fallen mit dem Paderborner Osterlauf oder dem Hermannslauf zwei Klassiker aus. Aber nicht nur in OWL ist betroffen, bundesweite Veranstaltungen wie der Berliner Halbmarathon oder der Hamburg-Marathon kapitulieren vor dem Virus. Der Petershäger Reiner Göring hatte sich wie auch 25 Hiller Mohrläufer mit drei Einheiten pro Woche auf den 33,333 Kilometer langen Syltlauf vorbereitet. Der sollte dieses Jahr am 15. März ausgetragen werden und war einer der ersten Läufe, die abgesagt wurden. „Da war die Enttäuschung natürlich riesig“, sagt Andreas Backhaus von den Mohrläufern. Seit Weihnachten trainierten auch die Hiller mit drei Einheiten pro Woche auf den Insellauf hin, am Wochenende stand dann immer ein langer Lauf von 20 bis 30 Kilometer an. „Einige sind trotzdem nach Sylt gefahren und privat gelaufen. Das war zu der Zeit ja noch möglich“, erklärt Backhaus. Doch jetzt setzen die Hiller mindestens bis Mitte Mai mit dem Gruppentraining aus. Backhaus sieht wie Göring einen Nachteil darin: „Ein Trainingsfortschritt ist in der Gruppe schneller und gezielter zu erreichen. Der Ansporn ist auch ein ganz anderer.“ Die Absagen führen dazu, dass auch ambitionierte Athleten ihre Trainingsläufe aktuell recht perspektiv- und ziellos absolvieren. Um dem vorzubeugen, lässt Hartmut Engel seiner Gruppe jeden Mittwoch einen Trainingsplan per Whatsapp zukommen. „Normalerweise treffen wir uns dann immer im Weserstadion zum Training“, sagt Engel, der die erwachsenen Mittel- und Langstreckenläufer des SV 1860 Minden trainiert. Doch jetzt sind die Athleten auf sich allein gestellt, müssen die Übungen wie das Lauf-ABC, das der Verletzungsvorbeugung und der Verbesserung des Laufstils sowie der Kräftigung dient, sowie Intervall- und Tempoläufe individuell abarbeiten. Engel weiß, wie schwer es fällt, sich immer wieder selbst zu motivieren: „In der Gruppe pushen wir uns gegenseitig. Man strengt sich zusammen an, bekommt sofort Lob und Bestätigung und geht über den gewissen Punkt hinaus. Es macht deutlich mehr Spaß, als alleine zu trainieren.“ Immerhin hilft auch im Laufsport die Digitalisierung die verordnete Isolation zu überwinden. Über Apps können die Athleten gegenseitig ihren Trainingsfortschritt verfolgen, die Strecken gegenseitig einsehen, Ziele festlegen und sich auch per Knopfdruck antreiben. Dann ertönt bei dem anderen beispielsweise eine Fanfare oder Anfeuerungsrufe. Das ist sicherlich kein Ersatz für das Gruppentraining, hilft aber, die Zeit des Kontaktverbots zu überbrücken. Reiner Göring will seinen Lauftreff auch für virtuelle Läufe begeistern. GID-Projects, ein Dienstleister für die Zeitmessung, hat die kostenlose Online-Plattform „Lauf-weiter“ gegründet. Vereine deren Veranstaltungen in den kommenden Wochen ausfallen, können dort ihre Wettkämpfe anmelden. Läufer melden sich bei einer der aufgelisteten Veranstaltungen an, wählen ihre Wunschdistanz aus und laufen dann gegeneinander, aber nicht zusammen. Mit einem virtuellen Startschuss beginnen die Wettkämpfe, so dass alle zeitgleich loslaufen. Jeder stoppt seine persönliche Zeit und kann sie dann per Upload-Link im Internet hochladen. Die Wertung sind abends online einsehbar. „Die Teilnehmerzahlen sind schon jetzt extrem gestiegen“, sagt Göring. Dass jeder seine ehrliche Zeit übermittelt, ist ein Gebot der Fairness. Ehrensache. www.lauf-weiter.de Training in der Krise Der Sport steht still, Athleten und Trainer hängen in der Luft: Wann geht es endlich wieder los? Wann werden die Sportstätten geöffnet? Wann gehen Wettbewerbe und Meisterschaften weiter? Mit der MT-Serie „Training in der Krise“ gibt die Sportredaktion einen Überblick, wie sich die heimischen Sportler in Zeiten des Coronavirus fit halten.