Minden

MT-Serie, Schiedsrichter: Wenn ein Unparteiischer nicht reicht - Kampfgerichte bestehen nicht selten aus bis zu 20 Mitgliedern

Thomas Kühlmann

Die Zielrichter eines Schwimm-Wettkampfes wie hier beim Mühlenpokal im Mindener Melittabad müssen den genauen Zieleinlauf der Starter dokumentieren. MT-Fotos: Thomas Kühlmann
Die Zielrichter eines Schwimm-Wettkampfes wie hier beim Mühlenpokal im Mindener Melittabad müssen den genauen Zieleinlauf der Starter dokumentieren. MT-Fotos: Thomas Kühlmann

Minden. Die Kinder auf dem Bolzplatz brauchen gar keinen, die Amateure und Profis auf dem Rasen benötigen ihn auf jeden Fall: Ohne Schiedsrichter geht kein offizielles Match über die Bühne. Im Handball sind, ebenso wie im Basketball oder Eishockey, bereits zwei gleichberechtigte Referees im Einsatz, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten. Bei den Kickern wie den Handballern herrscht seit einigen Jahren ein Mangel an Unparteiischen. Selbst strenge Restriktionen für die Vereine, die keine oder zu wenige Schiedsrichter abstellen, haben diese Entwicklung nicht stoppen können.

Ein oder zwei Ordnungshüter pro Wettkampf – das ist für viele andere Sportarten reine Utopie. Vor allem die Schwimmer und die Leichtathleten haben nicht selten einen Stab von bis zu 20 freiwilligen Helfern. Diese unverzichtbaren Ehrenamtler nennen sich nicht Schiedsrichter sondern Kampfrichter, die für die unterschiedlichsten Aufgaben ausgebildet werden. Und doch gibt es bei den Individualsportarten Unterschiede, was die Abstellung von Kampfrichtern angeht.

Bei Leichtathletik-Wettkämpfen wie hier beim Weitsprung im Rahmen des Schülersportfestes des SC Nammen sind pro Disziplin meist zwei Kampfrichter im Einsatz.
Bei Leichtathletik-Wettkämpfen wie hier beim Weitsprung im Rahmen des Schülersportfestes des SC Nammen sind pro Disziplin meist zwei Kampfrichter im Einsatz.

„Bei uns Leichtathleten hat bei normalen Wettkämpfen stets der Ausrichter sämtliche Kampfrichter zu stellen. Und das sind in der Leichtathletik nicht wenige. Hochsprung, Weitsprung, Läufe vom Sprint bis zur Langstrecke und nicht zuletzt die Wurfdisziplinen – jede Station ist jeweils mit mindestens einem Kampfrichter besetzt, der misst, startet oder die Zeit nimmt. Lediglich bei offiziellen Veranstaltungen des Verbandes auf regionaler oder Bundesebene kommen externe Kampfrichter zum Einsatz“, sagt Anja Schakau, Kampfrichterwartin beim SV 1860 Minden und beim Leichtathletik-Kreis: „Zum Glück finden sich bei jedem Wettkampf, in Minden und Umgebung sind ja nur noch wir oder der SC Nammen als Ausrichter am Start, immer genügend Freiwillige, die sich in den Dienst des Vereins stellen und rege mithelfen.“

Was sie theoretisch und praktisch können müssen, das haben die oft jugendlichen Helfer in der Regel bei einem Wochenendkurs samt schriftlicher Prüfung gelernt. „Die nächste Stufe ist dann der Obmann, den es für die Läufe und für die technischen Disziplinen gibt. Noch eine Stufe höher sitzt der Schiedsrichter, der bei offiziellen Verbands-Wettkämpfen zum Einsatz kommt. Da gibt es für die Läufe, die Sprünge und die Würfe jeweils einen Schiedsrichter“, erklärt Schakau die Karriereleiter der ehrenamtlichen Unparteiischen in der Leichtathletik. „Unsere Kampfrichter sind meist ehemalige Aktiven, die somit gute Grundkenntnisse mitbringen und denen der Sport auch in neuer Rolle noch sehr am Herzen liegt“, so Schakau.

Ebenso mannigfaltig ist das Kampfgericht beim Schwimmen. Zeitnehmer, Schwimmrichter, die auf technische Fehler achten, Wenderichter und Zielrichter sind Einsatzfunktionen für den Basis-Kampfrichter, der ebenso im Rahmen eines Wochenendkurses ausgebildet wird. Will man höher hinaus, kann man sich noch bei Qualifizierungsmaßnahmen zum Starter und zum Schiedsrichter, dem Chef einer ganzen Veranstaltung, weiterbilden lassen.

Großer Unterschied zu den Leichtathleten: Bei einem Schwimm-Wettkampf haben immer alle teilnehmenden Vereine Kampfrichter zu stellen. Die Anzahl orientierte sich am Kontingent der startenden Schwimmer des eigenen Vereins. Fehlt mal ein Kampfrichter, helfen andere Vereine gerne aus. „Das regeln wir dann auf dem kleinen Dienstweg“, sagt Susanne Chytrek, Trainerin und Kampfrichterin vom SV 1860 Minden, um gleich einzuschränken: „Bei offiziellen Verbandswettkämpfen ab Bezirksebene sieht das jedoch schon ganz anders aus. Da zahlt man 100 Euro Strafe für jeden nicht gestellten Kampfrichter.“ In ihrem Verein gibt es allerdings keine Probleme, Kampfrichter zu finden. „Wir gehen schon bei den Jüngsten an die Eltern heran und fragen, ob Bereitschaft besteht, Kampfrichter zu werden. Und da viele Eltern auf die Karriere ihres Kindes bedacht sind und ohnehin mit zu den Wettkämpfen fahren, bekomme ich von den Eltern selten ein Nein zu hören“, sagt Chytrek.

Ähnliches weiß Sandra Urbat vom SC 80 Porta zu berichten. „Bei uns sind es momentan nicht die Eltern, sondern eine ganze Reihe motivierter Jugendlicher, die selbst keine Wettkämpfe mehr schwimmen wollen und sich deshalb fortbilden lassen, um die jüngeren Schwimmerinnen und Schwimmer auf diese Weise zu unterstützen. Nicht selten stehen die Jugendlichen auch bereits als Übungsleiter während des Trainings am Beckenrand und geben dort ihre Kenntnisse an den Nachwuchs weiter. Über derart große Bereitschaft, sich aktiv auch nach dem Ende der eigenen Karriere in den Verein einzubringen, freuen wir uns natürlich“, lobt Urbat das Engagement der Jugend. Mit 15 darf man sich bei den Schwimmern zum Kampfrichter ausbilden lassen, mit Beginn des 16. Lebensjahres bekommt man dann die Lizenz ausgehändigt.

Anspruchsvoll ist die Ausbildung zum Kampfrichter im Schützenwesen. Träger der Ausbildung und verantwortlich ist der Deutsche Schützenbund. Der DSB delegiert die Ausbildung „Nationaler Kampfrichter B“ an seine Landesverbände. Interessierte Bewerber müssen volljährig sein und einen Erste-Hilfe-Nachweis vorlegen. Die Ausbildung umfasst mindestens 25 Lerneinheiten in Theorie sowie den Praxisteil. Im Theorieteil werden Kenntnisse aller Waffengattungen vermittelt. Anschließend ist eine schriftliche Prüfung abzulegen.

Nach der Theorie absolvieren die Teilnehmer zum Erlangen der Grundlizenz die technische Ausbildung. Sie dauert ein Jahr und erfolgt bei Wettkampfeinsätzen auf Landesebene. Die Lizenz ist vier Jahre gültig. Jede angebotene Fortbildung wird je nach Dauer und Inhalt mit Punkten bewertet. Zur Lizenzverlängerung müssen im Gültigkeitszeitraum der Lizenz mindestens acht Fortbildungspunkte erworben. Der Schützenkreis Minden verfügt zur Zeit über drei Kampfrichter.

Ganz anders sieht es bei den Keglern aus. „In den unteren Ligen gibt es keine Schiedsrichter. Wir Kegler achten sportlich selbst darauf, dass nach den Regeln gekegelt wird und keiner aus der Rolle fällt. Da gibt es so gut wie nie Schwierigkeiten“, sagt Olaf Durwen, Abteilungsleiter Kegeln beim ESV Minden. „Schiedsrichter kommen eigentlich erst ab der Landesliga zum Einsatz. Sie achten dann darauf, dass auch Sportkleidung getragen wird und die Sportler nicht übertreten“, fährt Durwen fort.

Eine derartig entspannte Atmosphäre würde man sich auch in vielen Ballsportarten wünschen. Oder man wünscht sich gleich in die Kindheit zurück, um unbeschwert ganz ohne Regelhüter auf dem Bolzplatz bis zur Erschöpfung der schönsten Nebensache der Welt nachzugehen.

MT-Serie schiedsrichter

„Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

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MindenMT-Serie, Schiedsrichter: Wenn ein Unparteiischer nicht reicht - Kampfgerichte bestehen nicht selten aus bis zu 20 MitgliedernThomas KühlmannMinden. Die Kinder auf dem Bolzplatz brauchen gar keinen, die Amateure und Profis auf dem Rasen benötigen ihn auf jeden Fall: Ohne Schiedsrichter geht kein offizielles Match über die Bühne. Im Handball sind, ebenso wie im Basketball oder Eishockey, bereits zwei gleichberechtigte Referees im Einsatz, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten. Bei den Kickern wie den Handballern herrscht seit einigen Jahren ein Mangel an Unparteiischen. Selbst strenge Restriktionen für die Vereine, die keine oder zu wenige Schiedsrichter abstellen, haben diese Entwicklung nicht stoppen können. Ein oder zwei Ordnungshüter pro Wettkampf – das ist für viele andere Sportarten reine Utopie. Vor allem die Schwimmer und die Leichtathleten haben nicht selten einen Stab von bis zu 20 freiwilligen Helfern. Diese unverzichtbaren Ehrenamtler nennen sich nicht Schiedsrichter sondern Kampfrichter, die für die unterschiedlichsten Aufgaben ausgebildet werden. Und doch gibt es bei den Individualsportarten Unterschiede, was die Abstellung von Kampfrichtern angeht. „Bei uns Leichtathleten hat bei normalen Wettkämpfen stets der Ausrichter sämtliche Kampfrichter zu stellen. Und das sind in der Leichtathletik nicht wenige. Hochsprung, Weitsprung, Läufe vom Sprint bis zur Langstrecke und nicht zuletzt die Wurfdisziplinen – jede Station ist jeweils mit mindestens einem Kampfrichter besetzt, der misst, startet oder die Zeit nimmt. Lediglich bei offiziellen Veranstaltungen des Verbandes auf regionaler oder Bundesebene kommen externe Kampfrichter zum Einsatz“, sagt Anja Schakau, Kampfrichterwartin beim SV 1860 Minden und beim Leichtathletik-Kreis: „Zum Glück finden sich bei jedem Wettkampf, in Minden und Umgebung sind ja nur noch wir oder der SC Nammen als Ausrichter am Start, immer genügend Freiwillige, die sich in den Dienst des Vereins stellen und rege mithelfen.“ Was sie theoretisch und praktisch können müssen, das haben die oft jugendlichen Helfer in der Regel bei einem Wochenendkurs samt schriftlicher Prüfung gelernt. „Die nächste Stufe ist dann der Obmann, den es für die Läufe und für die technischen Disziplinen gibt. Noch eine Stufe höher sitzt der Schiedsrichter, der bei offiziellen Verbands-Wettkämpfen zum Einsatz kommt. Da gibt es für die Läufe, die Sprünge und die Würfe jeweils einen Schiedsrichter“, erklärt Schakau die Karriereleiter der ehrenamtlichen Unparteiischen in der Leichtathletik. „Unsere Kampfrichter sind meist ehemalige Aktiven, die somit gute Grundkenntnisse mitbringen und denen der Sport auch in neuer Rolle noch sehr am Herzen liegt“, so Schakau. Ebenso mannigfaltig ist das Kampfgericht beim Schwimmen. Zeitnehmer, Schwimmrichter, die auf technische Fehler achten, Wenderichter und Zielrichter sind Einsatzfunktionen für den Basis-Kampfrichter, der ebenso im Rahmen eines Wochenendkurses ausgebildet wird. Will man höher hinaus, kann man sich noch bei Qualifizierungsmaßnahmen zum Starter und zum Schiedsrichter, dem Chef einer ganzen Veranstaltung, weiterbilden lassen. Großer Unterschied zu den Leichtathleten: Bei einem Schwimm-Wettkampf haben immer alle teilnehmenden Vereine Kampfrichter zu stellen. Die Anzahl orientierte sich am Kontingent der startenden Schwimmer des eigenen Vereins. Fehlt mal ein Kampfrichter, helfen andere Vereine gerne aus. „Das regeln wir dann auf dem kleinen Dienstweg“, sagt Susanne Chytrek, Trainerin und Kampfrichterin vom SV 1860 Minden, um gleich einzuschränken: „Bei offiziellen Verbandswettkämpfen ab Bezirksebene sieht das jedoch schon ganz anders aus. Da zahlt man 100 Euro Strafe für jeden nicht gestellten Kampfrichter.“ In ihrem Verein gibt es allerdings keine Probleme, Kampfrichter zu finden. „Wir gehen schon bei den Jüngsten an die Eltern heran und fragen, ob Bereitschaft besteht, Kampfrichter zu werden. Und da viele Eltern auf die Karriere ihres Kindes bedacht sind und ohnehin mit zu den Wettkämpfen fahren, bekomme ich von den Eltern selten ein Nein zu hören“, sagt Chytrek. Ähnliches weiß Sandra Urbat vom SC 80 Porta zu berichten. „Bei uns sind es momentan nicht die Eltern, sondern eine ganze Reihe motivierter Jugendlicher, die selbst keine Wettkämpfe mehr schwimmen wollen und sich deshalb fortbilden lassen, um die jüngeren Schwimmerinnen und Schwimmer auf diese Weise zu unterstützen. Nicht selten stehen die Jugendlichen auch bereits als Übungsleiter während des Trainings am Beckenrand und geben dort ihre Kenntnisse an den Nachwuchs weiter. Über derart große Bereitschaft, sich aktiv auch nach dem Ende der eigenen Karriere in den Verein einzubringen, freuen wir uns natürlich“, lobt Urbat das Engagement der Jugend. Mit 15 darf man sich bei den Schwimmern zum Kampfrichter ausbilden lassen, mit Beginn des 16. Lebensjahres bekommt man dann die Lizenz ausgehändigt. Anspruchsvoll ist die Ausbildung zum Kampfrichter im Schützenwesen. Träger der Ausbildung und verantwortlich ist der Deutsche Schützenbund. Der DSB delegiert die Ausbildung „Nationaler Kampfrichter B“ an seine Landesverbände. Interessierte Bewerber müssen volljährig sein und einen Erste-Hilfe-Nachweis vorlegen. Die Ausbildung umfasst mindestens 25 Lerneinheiten in Theorie sowie den Praxisteil. Im Theorieteil werden Kenntnisse aller Waffengattungen vermittelt. Anschließend ist eine schriftliche Prüfung abzulegen. Nach der Theorie absolvieren die Teilnehmer zum Erlangen der Grundlizenz die technische Ausbildung. Sie dauert ein Jahr und erfolgt bei Wettkampfeinsätzen auf Landesebene. Die Lizenz ist vier Jahre gültig. Jede angebotene Fortbildung wird je nach Dauer und Inhalt mit Punkten bewertet. Zur Lizenzverlängerung müssen im Gültigkeitszeitraum der Lizenz mindestens acht Fortbildungspunkte erworben. Der Schützenkreis Minden verfügt zur Zeit über drei Kampfrichter. Ganz anders sieht es bei den Keglern aus. „In den unteren Ligen gibt es keine Schiedsrichter. Wir Kegler achten sportlich selbst darauf, dass nach den Regeln gekegelt wird und keiner aus der Rolle fällt. Da gibt es so gut wie nie Schwierigkeiten“, sagt Olaf Durwen, Abteilungsleiter Kegeln beim ESV Minden. „Schiedsrichter kommen eigentlich erst ab der Landesliga zum Einsatz. Sie achten dann darauf, dass auch Sportkleidung getragen wird und die Sportler nicht übertreten“, fährt Durwen fort. Eine derartig entspannte Atmosphäre würde man sich auch in vielen Ballsportarten wünschen. Oder man wünscht sich gleich in die Kindheit zurück, um unbeschwert ganz ohne Regelhüter auf dem Bolzplatz bis zur Erschöpfung der schönsten Nebensache der Welt nachzugehen. MT-Serie schiedsrichter „Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.