Minden

Gefeiert wird später - Vereinsjubiläen in Zeiten der Corona-Krise

Marcus Riechmann

Die Einladung zum 100. Geburtstag im Juni ist Makulatur, die Corona-Wirklichkeit hat den TV Stemmer eingeholt. Repro: Gabi Dera/Dera-Medien
Die Einladung zum 100. Geburtstag im Juni ist Makulatur, die Corona-Wirklichkeit hat den TV Stemmer eingeholt. Repro: Gabi Dera/Dera-Medien

Minden. Mit Fingerfood üppig beladene Platten stehen auf den weiß gedeckten Tischen, es gibt Freibier vom Fass, die Männer und Frauen plaudern gut gelaunt im Saal der Gaststätte „Hotel zu Stemmer Post“. Der Vorstand des TV Grün-Weiß Stemmer um Klubchef Jörg Schröder führt durch den Abend, informiert über das Vereinsleben, ehrt langjährige und verdiente Mitglieder. Normalität.

Die Jahreshauptversammlung des TV Stemmer ist eine der letzten, die in diesem Frühjahr stattfinden. Am Freitagabend, 6. März, ist die Welt noch in Ordnung und das Coronavirus fern. Am Tag darauf erkämpft Handball-Bundeslist GWD Minden einen Punkt beim Auswärtsspiel in Balingen, auch in den anderen Ligen wird noch gespielt. Danach ist Schluss. Das Virus kommt, das sportliche Leben steht nicht mal eine Woche später still.

Die Wucht der Krise erfasst auch den TV Stemmer. Am Abend der Zusammenkunft gab Schröder noch einen stimmungsvollen Ausblick auf den Sommer. Mit einem Film und einer Foto-Show vermittelte er einen Vorgeschmack auf das 100-jährige Jubiläum, das der Verein im Juni mit mehreren Veranstaltungen im Festzelt auf dem Sportplatz begehen wollte: Mit Handballspielen, einem von Bernd Gieseking moderierten Festakt und großer Party mit Live-Band. Die Mitglieder erhielten bei der Versammlung als erste die druckfrischen Einladungs-Karten.

Zwei Wochen später war das Makulatur. Schröder sagte die Jubiläumsfeier ab. „Die Zeit läuft gegen uns“, meinte der Vorsitzende über die Vorstandsentscheidung und erläuterte: „Wir wollen rechtzeitig Klarheit schaffen.“ Es sei nicht die Zeit für Feiern. Zudem sei die Unsicherheit für die Planung des Jubiläums zu groß. „Wir verschieben die Feier auf das Jahr 2021 und holen das eins zu eins nach“, kündigte er an. Die bereits erstellte Chronik ist auf der Homepage „Stemmer-Live.de“ einzusehen. Aus dem 100-Jährigen Jubiläum wird nun der 101. Geburtstag.

Auch andere Vereine stehen vor identischen Problemen. Ende Mai will der TuS Freya Friedewalde ebenfalls das 100. Jubiläum begehen, der TuS Minderheide will seinen 125. Gründungstag feiern. Alle drei Klubs sind – so will es der Zufall – gemeinsam im HSV Minden-Nord verbunden. Nun eint sie auch das Corona-Problem. Anders als in Stemmer sind in Minderheide und Friedewalde die Entscheidungen noch nicht gefallen.

Beim TuS Freya soll das Jubiläum im Rahmen des Sportfestes am 23. Mai gefeiert werden. Am Himmelfahrtstag ist zum Auftakt der Sporttage der Mühlenlauf angesetzt, eine der größten Laufveranstaltungen der Region. Ob die Corona-Situation die Umsetzung des Sportfestes in acht Wochen wieder zulässt? „Optimistisch bin ich nicht, aber es bleibt eine stille Hoffnung“, sagt Arne Wohl. Der Vorsitzende wird mit dem Vorstand erst am kommenden Wochenende über das weitere Vorgehen beraten. „Wir lassen uns noch etwas Zeit, aber klar ist: Wenn wir Sportfest und Jubiläum nicht ausrichten, wird auch der Mühlenlauf nicht stattfinden“, sagt Wohl.

Ausweichmöglichkeiten für den Festakt zum Jubiläum gibt es zwei. Vom 17. bis 27. September hat der TuS eine Festwoche im Klubheim der Geflügelzüchter geplant. „Da könnte man das Jubiläum etwas abgespeckt andocken“, sagt Wohl. Zweite Alternative ist eine Verschiebung in 2021: „Dann feiern wir ein Jahr später 100 plus eins.“

Beim TuS Minderheide sind zwei Jubiläumstermine angesetzt. Beim Tag der offenen Tür will sich der Verein im Sportzentrum Hahler Feld am 17. Mai präsentieren und möglichst den Aufstieg der Fußballer feiern. Doch der Vorsitzende Christof Rodenberg hat wenig Hoffnung, dass der Tag stattfinden wird: „Ich rechne nicht damit, die Planungen stocken.“ Teil zwei der Feiern soll vom 14. bis 16. August im Festzelt am Schützenhaus stattfinden. Eine Kabarettabend mit Bernd Gieseking, eine bunte Party und ein Festakt sind geplant. „Im Prinzip steht alles“, sagt Rodenberg, eine Absage stehe noch nicht zur Debatte. „Bis dahin ist noch eine lange Zeit, wir halten uns das noch offen“, erzählt Rodenberg. Doch er weiß, dass im Moment nichts ausgeschlossen ist: „Das ist eine sehr schwierige Zeit.“

Doch damit haben alle drei Vereine Erfahrung. Sie haben in ihrer langen Geschichte schon so manche Krisenzeit überstanden. Die Klubs sind wie unzählige andere nach den Kriegsjahren wieder auferstanden. Aus dem Bedürfnis der Menschen nach Sport ist damals wieder ein Vereinsleben erwachsen. Das darf Hoffnung machen, dass die Klubs auch diesmal irgendwann wieder feiern können.

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MindenGefeiert wird später - Vereinsjubiläen in Zeiten der Corona-KriseMarcus RiechmannMinden. Mit Fingerfood üppig beladene Platten stehen auf den weiß gedeckten Tischen, es gibt Freibier vom Fass, die Männer und Frauen plaudern gut gelaunt im Saal der Gaststätte „Hotel zu Stemmer Post“. Der Vorstand des TV Grün-Weiß Stemmer um Klubchef Jörg Schröder führt durch den Abend, informiert über das Vereinsleben, ehrt langjährige und verdiente Mitglieder. Normalität. Die Jahreshauptversammlung des TV Stemmer ist eine der letzten, die in diesem Frühjahr stattfinden. Am Freitagabend, 6. März, ist die Welt noch in Ordnung und das Coronavirus fern. Am Tag darauf erkämpft Handball-Bundeslist GWD Minden einen Punkt beim Auswärtsspiel in Balingen, auch in den anderen Ligen wird noch gespielt. Danach ist Schluss. Das Virus kommt, das sportliche Leben steht nicht mal eine Woche später still. Die Wucht der Krise erfasst auch den TV Stemmer. Am Abend der Zusammenkunft gab Schröder noch einen stimmungsvollen Ausblick auf den Sommer. Mit einem Film und einer Foto-Show vermittelte er einen Vorgeschmack auf das 100-jährige Jubiläum, das der Verein im Juni mit mehreren Veranstaltungen im Festzelt auf dem Sportplatz begehen wollte: Mit Handballspielen, einem von Bernd Gieseking moderierten Festakt und großer Party mit Live-Band. Die Mitglieder erhielten bei der Versammlung als erste die druckfrischen Einladungs-Karten. Zwei Wochen später war das Makulatur. Schröder sagte die Jubiläumsfeier ab. „Die Zeit läuft gegen uns“, meinte der Vorsitzende über die Vorstandsentscheidung und erläuterte: „Wir wollen rechtzeitig Klarheit schaffen.“ Es sei nicht die Zeit für Feiern. Zudem sei die Unsicherheit für die Planung des Jubiläums zu groß. „Wir verschieben die Feier auf das Jahr 2021 und holen das eins zu eins nach“, kündigte er an. Die bereits erstellte Chronik ist auf der Homepage „Stemmer-Live.de“ einzusehen. Aus dem 100-Jährigen Jubiläum wird nun der 101. Geburtstag. Auch andere Vereine stehen vor identischen Problemen. Ende Mai will der TuS Freya Friedewalde ebenfalls das 100. Jubiläum begehen, der TuS Minderheide will seinen 125. Gründungstag feiern. Alle drei Klubs sind – so will es der Zufall – gemeinsam im HSV Minden-Nord verbunden. Nun eint sie auch das Corona-Problem. Anders als in Stemmer sind in Minderheide und Friedewalde die Entscheidungen noch nicht gefallen. Beim TuS Freya soll das Jubiläum im Rahmen des Sportfestes am 23. Mai gefeiert werden. Am Himmelfahrtstag ist zum Auftakt der Sporttage der Mühlenlauf angesetzt, eine der größten Laufveranstaltungen der Region. Ob die Corona-Situation die Umsetzung des Sportfestes in acht Wochen wieder zulässt? „Optimistisch bin ich nicht, aber es bleibt eine stille Hoffnung“, sagt Arne Wohl. Der Vorsitzende wird mit dem Vorstand erst am kommenden Wochenende über das weitere Vorgehen beraten. „Wir lassen uns noch etwas Zeit, aber klar ist: Wenn wir Sportfest und Jubiläum nicht ausrichten, wird auch der Mühlenlauf nicht stattfinden“, sagt Wohl. Ausweichmöglichkeiten für den Festakt zum Jubiläum gibt es zwei. Vom 17. bis 27. September hat der TuS eine Festwoche im Klubheim der Geflügelzüchter geplant. „Da könnte man das Jubiläum etwas abgespeckt andocken“, sagt Wohl. Zweite Alternative ist eine Verschiebung in 2021: „Dann feiern wir ein Jahr später 100 plus eins.“ Beim TuS Minderheide sind zwei Jubiläumstermine angesetzt. Beim Tag der offenen Tür will sich der Verein im Sportzentrum Hahler Feld am 17. Mai präsentieren und möglichst den Aufstieg der Fußballer feiern. Doch der Vorsitzende Christof Rodenberg hat wenig Hoffnung, dass der Tag stattfinden wird: „Ich rechne nicht damit, die Planungen stocken.“ Teil zwei der Feiern soll vom 14. bis 16. August im Festzelt am Schützenhaus stattfinden. Eine Kabarettabend mit Bernd Gieseking, eine bunte Party und ein Festakt sind geplant. „Im Prinzip steht alles“, sagt Rodenberg, eine Absage stehe noch nicht zur Debatte. „Bis dahin ist noch eine lange Zeit, wir halten uns das noch offen“, erzählt Rodenberg. Doch er weiß, dass im Moment nichts ausgeschlossen ist: „Das ist eine sehr schwierige Zeit.“ Doch damit haben alle drei Vereine Erfahrung. Sie haben in ihrer langen Geschichte schon so manche Krisenzeit überstanden. Die Klubs sind wie unzählige andere nach den Kriegsjahren wieder auferstanden. Aus dem Bedürfnis der Menschen nach Sport ist damals wieder ein Vereinsleben erwachsen. Das darf Hoffnung machen, dass die Klubs auch diesmal irgendwann wieder feiern können.