Minden

Fäuste, Füße und Fesselgriffe: Warum ein Mindener im Käfig kämpft

Thomas Kühlmann

Action: Karl Nickel (oben) kämpft morgen um den nationalen Schwergewichts-Titel der Serie „We love MMA“. Foto: privat - © KRYVOSHEYEV.COM INSTAGRAM: @NAZARUDI
Action: Karl Nickel (oben) kämpft morgen um den nationalen Schwergewichts-Titel der Serie „We love MMA“. Foto: privat (© KRYVOSHEYEV.COM INSTAGRAM: @NAZARUDI)

Minden. Karl Nickel steht vor dem größten Kampf in seiner bisherigen Karriere als MMA-Sportler. Wenn der Schwergewichtler am morgigen Samstag in der Swiss Life Hall in Hannover gegen Lokalmatador Sebastian Herzberg in den Käfig steigt, stehen ihm im Falle eines weiteren Sieges im Fight um den vakanten Meistertitel der nationalen Serie „We love MMA“ viele Türen offen.

„Ich habe mich in den vergangenen Wochen intensiv auf diesen Fight vorbereitet und sehe mich gewappnet, auch am Samstag als Sieger den Käfig zu verlassen und in der Pro-Tour weiterhin ungeschlagen zu bleiben“, sagt der Mindener und strotzt vor Selbstbewusstsein. In die gleiche Kerbe stößt sein Mindener Trainer Sebastian Schlappa. „Karl ist ein überaus fleißiger Kämpfer, der durch gute Techniken ebenso besticht wie durch ein gutes Auge und die geballte Kraft und Kondition, die für MMA nötig sind“, sagt Schlappa, in dessen Mindener Kampfsportcenter Nickel in der heißen Phase der Vorbereitung fast täglich an seiner körperlichen Verfassung gearbeitet hat, um am Samstag nichts dem Zufall zu überlassen.

Schüler und Trainer: Die beiden Mindener Karl Nickel (links) und Sebastian Schlappa. MT- - © Foto: Thomas Kühlmann
Schüler und Trainer: Die beiden Mindener Karl Nickel (links) und Sebastian Schlappa. MT- (© Foto: Thomas Kühlmann)

Seit mehr als 20 Jahren betreibt Schlappa nun schon sein Kampfsportcenter in Minden und hat den Boom der Mixed Martial Arts (MMA) von Beginn an miterlebt. „1993 waren es die Brasilianer, die wissen wollten, aus welcher Disziplin der beste Kampfsportler wohl stammen könnte. Aus dem Boxen, dem Ringen, dem Judo, dem Karate oder dem Taekwondo?“, erinnert sich Schlappa. „Kämpfer aus allen Sparten bekämpften sich dann untereinander, anfangs so gut wie ohne Regeln. Kämpfe mit blanken Fäusten, Fingern in den Nasen, Ohren oder dem Mund waren die Folge. Erst nach und nach ist dann ein Regelwerk erstellt worden“, so Schlappa. „Anfangs gewannen die Brasilianer alles, was es zu gewinnen gab, doch dann holten die anderen Nationen auf. Das war die Geburtsstunde der MMA, der Mixed Martial Arts, bei dem Techniken aus mehreren Kampfsportarten angewandt werden“, erinnert sich Schlappa.

Viele der Protagonisten kamen anfangs aus der Ringerszene, nur ein Bruchteil aus den Standsportarten wie Boxen oder Kickboxen, obwohl von diesen Sportarten meist die spektakuläreren Techniken ausgehen. „Es ist natürlich immer faszinierender anzusehen, wenn ein Kampf durch einen K.o.-Kick gegen den Kopf oder den Körper als durch nicht so gut zu sehende Bodentechniken wie beispielsweise Arm- oder Beinhebel entschieden werden“, erläutert Schlappa und fügt hinzu, dass MMA-Kämpfe, obwohl sie brutal aussehen, für einen Ringrichter oft einfacher als Boxfights zu leiten seien. „Der Kämpfer hat jederzeit selbst die Gelegenheit, durch zweimaliges Klopfen auf den Boden den Kampf aufzugeben und braucht nicht zu warten, bis der Trainer das Handtuch wirft. Das würde es im Boxring nie geben. Die Sportler sind also, falls der Schiedsrichter nicht auf K.o. entscheidet, selbst in der Pflicht, ihr körperliches Leistungsvermögen einzuschätzen“, sagt Schlappa.

Anfangs wollte man die Kämpfe in Boxringen austragen, doch bestand die Gefahr, dass die Sportler beim Bodenkampf unter dem untersten Ringseil rausfallen könnten. So einigte man sich auf einen acht mal acht Meter großen Käfig, um ein geeignetes Areal zu haben.

Seitdem kennt der Boom, für die nach außen brutaler als Kämpfe im Boxring, auf der Judo- oder Ringermatte aussehenden Spektakel im Cage keine Grenzen. „Immer mehr Jugendliche, Jungen wie Mädchen, finden Gefallen an MMA und sehen darin neben sportlichen Herausforderungen auch die soziale Komponente, schließlich wollen sie bestens vorbereitet und mit verschiedenen Kampftechniken ausgestattet sein, wenn sie sich einmal in der Öffentlichkeit gegen Angreifer selbst verteidigen müssen“, erlebt Schlappa auch in seinem Studio einen großen Andrang. Zwischen 30 und 40 Jungen und Mädchen trainieren täglich bei ihm, der Großteil allerdings nicht für Wettkämpfe, sondern eben für die persönliche Fitness und Verteidigungsfähigkeit.

So hat Schlappa auch die MMA-Anfänge in Minden hautnah miterlebt. „2002 wurde bei uns der Outsider-Club gegründet, um, fernab von finanziellen Interessen, nur aus Idealismus MMA der Öffentlichkeit näher zu bringen. In Deutschland wurden dann auch die ersten MMA-Events ausgetragen, während sie in anderen Ländern noch verboten waren. So kamen auch immer eher ausländische Kämpfer nach Deutschland und auch nach Minden, um sich hier zu messen. Wir hatten eine Art Vorreiter-Rolle. 2018 ist dieser Outsider-Cup dann eingestellt worden, war doch MMA mittlerweile fast überall populär. Das Ziel war mehr als erreicht, viele Kämpfer sind dann zur Pro-Tour gewechselt, um auch ein wenig Geld verdienen zu können“, resümiert Schlappa.

So auch der 23-jährige Karl Nickel, der seit 13 Jahren MMA-Kämpfer ist und seine Karriere auch durch viele Kämpfe im Outsider-Cup beschleunigt hat, bevor er auf die Pro-Tour wechselte. „Pro-Tour hört sich zwar wie Profi an, doch vom Kämpfen leben können nur die Superstars der Szene wie Connor McGregor, die in der Weltserie UFC zuhause sind und die ganz großen Kassen machen“, blickt Nickel schon mit ein wenig Neid auf die MMA-Ikonen. Der Informatik-Kaufmann weiß, dass die Honorare für Siege im Vergleich zum Trainingsaufwand eher einem Taschengeld gleichen. Nichtsdestotrotz möchte er den Sport zu keinem Zeitpunkt mit einer anderen Freizeitbeschäftigung tauschen.

Am Samstag in Hannover will er, ebenso wie seine beiden Mindener Kollegen Kevin Hanson und Gennaro Scione, die im Rahmenprogramm antreten, beweisen, dass er reif für den bislang größten Kampf seiner Karriere ist.

Der Autor ist erreichbar unter(0571) 882 158 oder unterThomas.Kuehlmann@MT.de

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MindenFäuste, Füße und Fesselgriffe: Warum ein Mindener im Käfig kämpftThomas KühlmannMinden. Karl Nickel steht vor dem größten Kampf in seiner bisherigen Karriere als MMA-Sportler. Wenn der Schwergewichtler am morgigen Samstag in der Swiss Life Hall in Hannover gegen Lokalmatador Sebastian Herzberg in den Käfig steigt, stehen ihm im Falle eines weiteren Sieges im Fight um den vakanten Meistertitel der nationalen Serie „We love MMA“ viele Türen offen. „Ich habe mich in den vergangenen Wochen intensiv auf diesen Fight vorbereitet und sehe mich gewappnet, auch am Samstag als Sieger den Käfig zu verlassen und in der Pro-Tour weiterhin ungeschlagen zu bleiben“, sagt der Mindener und strotzt vor Selbstbewusstsein. In die gleiche Kerbe stößt sein Mindener Trainer Sebastian Schlappa. „Karl ist ein überaus fleißiger Kämpfer, der durch gute Techniken ebenso besticht wie durch ein gutes Auge und die geballte Kraft und Kondition, die für MMA nötig sind“, sagt Schlappa, in dessen Mindener Kampfsportcenter Nickel in der heißen Phase der Vorbereitung fast täglich an seiner körperlichen Verfassung gearbeitet hat, um am Samstag nichts dem Zufall zu überlassen. Seit mehr als 20 Jahren betreibt Schlappa nun schon sein Kampfsportcenter in Minden und hat den Boom der Mixed Martial Arts (MMA) von Beginn an miterlebt. „1993 waren es die Brasilianer, die wissen wollten, aus welcher Disziplin der beste Kampfsportler wohl stammen könnte. Aus dem Boxen, dem Ringen, dem Judo, dem Karate oder dem Taekwondo?“, erinnert sich Schlappa. „Kämpfer aus allen Sparten bekämpften sich dann untereinander, anfangs so gut wie ohne Regeln. Kämpfe mit blanken Fäusten, Fingern in den Nasen, Ohren oder dem Mund waren die Folge. Erst nach und nach ist dann ein Regelwerk erstellt worden“, so Schlappa. „Anfangs gewannen die Brasilianer alles, was es zu gewinnen gab, doch dann holten die anderen Nationen auf. Das war die Geburtsstunde der MMA, der Mixed Martial Arts, bei dem Techniken aus mehreren Kampfsportarten angewandt werden“, erinnert sich Schlappa. Viele der Protagonisten kamen anfangs aus der Ringerszene, nur ein Bruchteil aus den Standsportarten wie Boxen oder Kickboxen, obwohl von diesen Sportarten meist die spektakuläreren Techniken ausgehen. „Es ist natürlich immer faszinierender anzusehen, wenn ein Kampf durch einen K.o.-Kick gegen den Kopf oder den Körper als durch nicht so gut zu sehende Bodentechniken wie beispielsweise Arm- oder Beinhebel entschieden werden“, erläutert Schlappa und fügt hinzu, dass MMA-Kämpfe, obwohl sie brutal aussehen, für einen Ringrichter oft einfacher als Boxfights zu leiten seien. „Der Kämpfer hat jederzeit selbst die Gelegenheit, durch zweimaliges Klopfen auf den Boden den Kampf aufzugeben und braucht nicht zu warten, bis der Trainer das Handtuch wirft. Das würde es im Boxring nie geben. Die Sportler sind also, falls der Schiedsrichter nicht auf K.o. entscheidet, selbst in der Pflicht, ihr körperliches Leistungsvermögen einzuschätzen“, sagt Schlappa. Anfangs wollte man die Kämpfe in Boxringen austragen, doch bestand die Gefahr, dass die Sportler beim Bodenkampf unter dem untersten Ringseil rausfallen könnten. So einigte man sich auf einen acht mal acht Meter großen Käfig, um ein geeignetes Areal zu haben. Seitdem kennt der Boom, für die nach außen brutaler als Kämpfe im Boxring, auf der Judo- oder Ringermatte aussehenden Spektakel im Cage keine Grenzen. „Immer mehr Jugendliche, Jungen wie Mädchen, finden Gefallen an MMA und sehen darin neben sportlichen Herausforderungen auch die soziale Komponente, schließlich wollen sie bestens vorbereitet und mit verschiedenen Kampftechniken ausgestattet sein, wenn sie sich einmal in der Öffentlichkeit gegen Angreifer selbst verteidigen müssen“, erlebt Schlappa auch in seinem Studio einen großen Andrang. Zwischen 30 und 40 Jungen und Mädchen trainieren täglich bei ihm, der Großteil allerdings nicht für Wettkämpfe, sondern eben für die persönliche Fitness und Verteidigungsfähigkeit. So hat Schlappa auch die MMA-Anfänge in Minden hautnah miterlebt. „2002 wurde bei uns der Outsider-Club gegründet, um, fernab von finanziellen Interessen, nur aus Idealismus MMA der Öffentlichkeit näher zu bringen. In Deutschland wurden dann auch die ersten MMA-Events ausgetragen, während sie in anderen Ländern noch verboten waren. So kamen auch immer eher ausländische Kämpfer nach Deutschland und auch nach Minden, um sich hier zu messen. Wir hatten eine Art Vorreiter-Rolle. 2018 ist dieser Outsider-Cup dann eingestellt worden, war doch MMA mittlerweile fast überall populär. Das Ziel war mehr als erreicht, viele Kämpfer sind dann zur Pro-Tour gewechselt, um auch ein wenig Geld verdienen zu können“, resümiert Schlappa. So auch der 23-jährige Karl Nickel, der seit 13 Jahren MMA-Kämpfer ist und seine Karriere auch durch viele Kämpfe im Outsider-Cup beschleunigt hat, bevor er auf die Pro-Tour wechselte. „Pro-Tour hört sich zwar wie Profi an, doch vom Kämpfen leben können nur die Superstars der Szene wie Connor McGregor, die in der Weltserie UFC zuhause sind und die ganz großen Kassen machen“, blickt Nickel schon mit ein wenig Neid auf die MMA-Ikonen. Der Informatik-Kaufmann weiß, dass die Honorare für Siege im Vergleich zum Trainingsaufwand eher einem Taschengeld gleichen. Nichtsdestotrotz möchte er den Sport zu keinem Zeitpunkt mit einer anderen Freizeitbeschäftigung tauschen. Am Samstag in Hannover will er, ebenso wie seine beiden Mindener Kollegen Kevin Hanson und Gennaro Scione, die im Rahmenprogramm antreten, beweisen, dass er reif für den bislang größten Kampf seiner Karriere ist. Der Autor ist erreichbar unter(0571) 882 158 oder unterThomas.Kuehlmann@MT.de