Hamburg/Minden

MT-Interview: Dr. Christopher Edler aus Bad Oeynhausen betreut als Teamarzt den Rennstall Dimension Data während der Tour de France: „Ich bin 365 Tage im Jahr erreichbar“

Astrid Plaßhenrich

Im Zielbereich: Dr. Christopher Edler kümmert sich um den Spitzenfahrer Roman Kreuziger. Fotos: pr
Im Zielbereich: Dr. Christopher Edler kümmert sich um den Spitzenfahrer Roman Kreuziger. Fotos: pr

Hamburg/Minden (mt). Knapp 3.500 Kilometer in dreieinhalb Wochen mit 30 Berganstiegen der schwersten Kategorien: Die Tour de France 2019 war für die Radprofis eine körperliche und mentale Grenzerfahrung. Aber nicht nur die Sportler mussten Maximalbelastungen aushalten, auch das Team hinter den Athleten verbrachte Höchstleistungen. Einer von ihnen ist Dr. Christopher Edler, der den Rennstall Dimension Data als Team Doctor betreut. Im MT-Interview spricht der Arzt aus Bad Oeynhausen über seinen Arbeitstag während der Tour, die wachsende Bedeutung von Psychologie im Spitzensport und darüber, wie er an den Job gekommen ist.

Herr Dr. Edler, wie wird man Arzt eines Profi-Radsportteams?

Unsere Klinik in Hamburg ist unter anderem auf Orthopädie, Unfallchirurgie, Sportmedizin und Rehabilitation spezialisiert. Viele Sportler lassen sich bei uns behandeln. Dazu war unser Chefarzt Dr. Helge Riepenhof unter anderem Mannschaftsarzt beim AS Rom und gehörte mehrmals dem deutschen Ärzteteam bei den Olympischen Spielen an. Zuletzt war er auch im Team Dimension Data tätig. Von ihm habe ich den Job angeboten bekommen und die Chance ergriffen.

Vor dem Start einer Tour-de-France-Etappe spricht Edler noch einmal mit Kreuziger.
Vor dem Start einer Tour-de-France-Etappe spricht Edler noch einmal mit Kreuziger.

Was genau umfasst Ihre Arbeit als Team Doctor?

Ich bin 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr für die Fahrer erreichbar. Sie melden sich auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten, wenn sie Schnupfen haben oder schlecht schlafen. Insgesamt absolviert das Team mit seinen 27 Profis weltweit mehr als 300 Renntage im Jahr. Ich kümmere mich deshalb beispielsweise auch um die Reiseimpfungen von Hamburg aus. Ich persönlich betreue die Sportler diese Saison 120 Tage aktiv auf den Rennen. Dabei war ich in den vergangenen Monaten unter anderem in Australien, beim Giro d'Italia, der Katalonienrundfahrt oder der Tour de France. Vier weitere Kollegen decken die restlichen Tage ab und sind ebenfalls vor Ort im Einsatz. Wenn keine Rennen anstehen, arbeite ich in der Klinik.

Sie sind mit 28 Jahren noch recht jung. Mussten Sie sich das Vertrauen der Profis zunächst erarbeiten?

Vertrauen bekommt niemand geschenkt. Das muss sich jeder, egal wie alt er ist, erarbeiten. Schließlich ist die Gesundheit und körperliche Fitness das höchste Gut eines Profisportlers. Und die legen sie in unsere Hände. Die Fahrer wissen aber, dass sie sich auf uns als Team zu 100 Prozent verlassen können. Ärzte, Physiotherapeuten, Masseure, Osteopathen, Psychologen, Management, Köche, Mechaniker und die Fahrer arbeiten Hand in Hand. Teamarbeit ist das Wichtigste, um Erfolg gewährleisten zu können.

Kann es auch ein Vorteil sein, dass Sie ähnlich alt sind wie die Fahrer?

Ich unterhalte mich oft mit meinen Kollegen darüber, und wir sind uns einig, dass es vorteilhaft sein kann. Wir sind eine neue Generation von Ärzten, die frischen Wind bringt. Dazu gehört nicht nur eine andere Sichtweise auf die Sportmedizin, sondern als fast Gleichaltrige auch der andere Blick auf die Sorgen und Interessen der Fahrer.

Die Tour de France ist das bedeutendste Radrennen der Welt. Wie läuft währenddessen ein typischer Arbeitsalltag von Ihnen ab?

Um 7 Uhr klingelt der Wecker, dann gehe ich zunächst durch die Zimmer der acht Fahrer, klopfe ab, ob sie irgendwelche Probleme haben und wiege sie. Das Gewicht stellt während der Tour einen wichtigen Verlaufswert für uns dar. Nach dem Frühstück geht es für den gesamten Tross zum Start. Bei den großen Landesrundfahrten kann der Transfer bis zu 90 Minuten dauern. Ich bin mit den Profis im Teambus und behandele während der Fahrt noch Verletzungen vom Vortag oder typische Gelenkschmerzen. Die Teambesprechung, bei der die jeweilige Tagesstrategie besprochen wird, höre ich mir ebenfalls an. Danach gehe ich dann auf die Fahrer zu, die während der Etappe besonders gefordert werden und mache zusammen mit den Physiotherapeuten noch aktivierende Übungen oder Massagen.

Sind Sie mit auf der Strecke?

In der Regel sitze ich mit im Race Car, das sich hinter dem Peloton befindet. Dort sind auch stets Krankenwagen und ein LKW, der mit CT- und Sonographie-Geräten ausgestattet ist. Verletzt sich einer unserer Profis schwerer, fahre ich mit ihm ins Krankenhaus. Durchschnittlich stürzt jeder Fahrer zweimal während der Tour. Schürfwunden und Prellungen sind an der Tagesordnung.

Was passiert im Ziel?

Die Fahrer müssen schnellstmöglich ihr Regenerationsprogramm absolvieren. Direkt nach der Etappe geht es für die Sportler auf die Rolle, ein stationäres Rad. Sie fahren sich etwa 20 Minuten aus, um die Körpertemperatur zu regulieren, ihren Laktat- und Ammoniakwert zu verringern. Gleichzeitig nehmen sie erste Kohlenhydrate und Proteine zu sich, schließlich müssen sie je nach Gewicht und Schwere der Etappe täglich zwischen 6.000 und 8.000 Kalorien zu sich nehmen. Und die Fahrer sind nach der Belastung über einen bestimmten Zeitraum sehr viel anfälliger für Infekte. Wir sprechen hier von der Open-Window-Theorie. Nach dem Ausfahren wird deshalb im Bus direkt geduscht, warm angezogen, und wir achten akribisch darauf, dass nirgendwo eine Klimaanlage in Betrieb ist, denn die trocknet die Schleimhäute aus und ihre Schutzfunktion gegen Krankheitserreger nimmt ab.

Dann geht es ins nächste Hotel.

Bereits während der Fahrt stehen weitere Behandlungen an. Schürfwunden werden versorgt, Lymphdrainagen, Elektrotherapie und Ultraschall angewandt, Massagen vorgenommen. Gleichzeitig bereiten die Physios die Hotelzimmer für weitere Behandlungen vor. Die Radprofis haben aufgrund der stundenlangen Zwangsposition oft Probleme mit dem unteren Rücken, dazu sind Achillessehnen, die Knie- und Sprunggelenke stark belastet. Zum Abend regulieren die Kollegen im Hotel auch die Zimmertemperatur möglichst auf 18 Grad, dunkeln die Fenster ab, damit die Fahrer schnell in den Schlaf finden. Denn ausreichend und erholsamer Schlaf ist immer noch die beste Regeneration. Spätestens um 0 Uhr muss unser Tag deshalb auch zu Ende sein. Wir achten auch darauf, dass die Sportler abends nicht mehr so oft die Zimmer für die Behandlungen wechseln müssen. Die Bewegung soll so gering wie möglich gehalten werden. All das fordert eine hohe Logistik. Wenn der Rhythmus unterbrochen wird, hakt das gesamte System. Eine wichtige Rolle in der gesamten Fahrerbetreuung kommt aber auch dem Psychologen zu.

Warum?

Während der Rundfahrten sind die Fahrer drei bis vier Wochen mit den gleichen Zimmergenossen und dem Team zusammen. Es kann eine Art Lagerkoller entstehen. Aber auch außerhalb der Wettkämpfe helfen die Psychologen, wenn es bei einem Fahrer beispielsweise nicht läuft. Das Leben der Profisportler ist nicht immer glamourös, sie müssen tagtäglich mit einem enormen Druck umgehen.An der Stelle arbeiten wir sehr eng mit unseren Psychologen zusammen.

Die Tour de France wird auch häufig „Tour der Leiden“ genannt, die Fahrer gehen mehr als drei Wochen an die Grenze ihrer körperlichen Belastbarkeit. Wie schätzen Sie aus medizinischer Sicht die Tour ein?

Wer in Frankreich startet, gehört zu den Besten der Besten. Die Fahrer wissen genau, worauf sie sich einlassen. Für Radprofis ist es das Größte bei der Tour zu starten. Natürlich entscheiden wir immer zum Wohle des Sportlers. Dieses Jahr haben wir Giacomo Nizzolo aus dem Rennen genommen. Er hatte sich bei einem Sturz die Bänder im Sprunggelenk angerissen und auch selbst eingesehen, dass es nicht mehr weitergehen konnte.

Der professionelle Radsport wird immer wieder von Dopingfällen überschattet. Was für Möglichkeiten hat ein Team, sich dagegen zu schützen?

Dass wir uns an die Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur halten, ist eine Selbstverständlichkeit und muss nicht betont werden. Das Team Dimension Data hat sich zudem der „Mouvement Pour un Cyclisme Crédible“ angeschlossen, einer Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport. Dies ist eine freie Vereinigung, der bisher sieben von 18 World Teams angehören. Grundlage ist ein Ethik-Code, der besagt, dass Fahrer bereits von Rennen ausgeschlossen werden, wenn auch nur der Dopingverdacht besteht. Alle Teammitglieder müssen die Erklärung unterschreiben. Die Strafen, die bei einem Dopingverstoß dann folgen, sind auch ungleich höher und führen zur Suspendierung aus dem Team.

Die Autorin ist erreichbar unter (0571) 882 173 oderAstrid.Plasshenrich@MT.de

Dr. Christopher Edler (28) ist in Bad Oeynhausen aufgewachsen und hat sein Abitur in Vlotho abgelegt.

Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr studierte Edler in Heidelberg Medizin. Sein Praktisches Jahr leistete er in der Schweiz und Australien ab. Danach trat der Sportmediziner eine Stelle am Berufsgenossenschaftlichen Krankenhaus Hamburg an.

Seit Anfang des Jahres betreut Edler als Team Doctor die Profi-Radsportmannschaft Dimension Data aus Südafrika.

Das Team Dimension Data wurde im Jahr 2008 gegründet. Den ersten großen Erfolg feierte es im März 2013, als der Kölner Gerald Ciolek den Klassiker Mailand-Sanremo und damit das erste World-Tour-Rennen für die Südafrikaner gewann. Dazu startete Dimension Data 2014 als erstes afrikanisches Team bei der Spanienrundfahrt Vuelta und 2015 bei der Tour de France. Zum Jahr 2016 erhielt das Team vom Weltradsportverband die Lizenz als UCI World Team.

Aktuell stehen 27 Fahrer aus 13 Nationen bei Dimension Data unter Vertrag. Etwa weitere 50 Manager, Ärzte, Physiotherapeuten, Köche und Mechaniker bilden das Team hinter dem Team. Die Tour de France bestreiten acht Profis. Das Funktionsteam besteht dann aus 15 Mitarbeitern. (apl)

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Hamburg/MindenMT-Interview: Dr. Christopher Edler aus Bad Oeynhausen betreut als Teamarzt den Rennstall Dimension Data während der Tour de France: „Ich bin 365 Tage im Jahr erreichbar“Astrid PlaßhenrichHamburg/Minden (mt). Knapp 3.500 Kilometer in dreieinhalb Wochen mit 30 Berganstiegen der schwersten Kategorien: Die Tour de France 2019 war für die Radprofis eine körperliche und mentale Grenzerfahrung. Aber nicht nur die Sportler mussten Maximalbelastungen aushalten, auch das Team hinter den Athleten verbrachte Höchstleistungen. Einer von ihnen ist Dr. Christopher Edler, der den Rennstall Dimension Data als Team Doctor betreut. Im MT-Interview spricht der Arzt aus Bad Oeynhausen über seinen Arbeitstag während der Tour, die wachsende Bedeutung von Psychologie im Spitzensport und darüber, wie er an den Job gekommen ist. Herr Dr. Edler, wie wird man Arzt eines Profi-Radsportteams? Unsere Klinik in Hamburg ist unter anderem auf Orthopädie, Unfallchirurgie, Sportmedizin und Rehabilitation spezialisiert. Viele Sportler lassen sich bei uns behandeln. Dazu war unser Chefarzt Dr. Helge Riepenhof unter anderem Mannschaftsarzt beim AS Rom und gehörte mehrmals dem deutschen Ärzteteam bei den Olympischen Spielen an. Zuletzt war er auch im Team Dimension Data tätig. Von ihm habe ich den Job angeboten bekommen und die Chance ergriffen. Was genau umfasst Ihre Arbeit als Team Doctor? Ich bin 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr für die Fahrer erreichbar. Sie melden sich auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten, wenn sie Schnupfen haben oder schlecht schlafen. Insgesamt absolviert das Team mit seinen 27 Profis weltweit mehr als 300 Renntage im Jahr. Ich kümmere mich deshalb beispielsweise auch um die Reiseimpfungen von Hamburg aus. Ich persönlich betreue die Sportler diese Saison 120 Tage aktiv auf den Rennen. Dabei war ich in den vergangenen Monaten unter anderem in Australien, beim Giro d'Italia, der Katalonienrundfahrt oder der Tour de France. Vier weitere Kollegen decken die restlichen Tage ab und sind ebenfalls vor Ort im Einsatz. Wenn keine Rennen anstehen, arbeite ich in der Klinik. Sie sind mit 28 Jahren noch recht jung. Mussten Sie sich das Vertrauen der Profis zunächst erarbeiten? Vertrauen bekommt niemand geschenkt. Das muss sich jeder, egal wie alt er ist, erarbeiten. Schließlich ist die Gesundheit und körperliche Fitness das höchste Gut eines Profisportlers. Und die legen sie in unsere Hände. Die Fahrer wissen aber, dass sie sich auf uns als Team zu 100 Prozent verlassen können. Ärzte, Physiotherapeuten, Masseure, Osteopathen, Psychologen, Management, Köche, Mechaniker und die Fahrer arbeiten Hand in Hand. Teamarbeit ist das Wichtigste, um Erfolg gewährleisten zu können. Kann es auch ein Vorteil sein, dass Sie ähnlich alt sind wie die Fahrer? Ich unterhalte mich oft mit meinen Kollegen darüber, und wir sind uns einig, dass es vorteilhaft sein kann. Wir sind eine neue Generation von Ärzten, die frischen Wind bringt. Dazu gehört nicht nur eine andere Sichtweise auf die Sportmedizin, sondern als fast Gleichaltrige auch der andere Blick auf die Sorgen und Interessen der Fahrer. Die Tour de France ist das bedeutendste Radrennen der Welt. Wie läuft währenddessen ein typischer Arbeitsalltag von Ihnen ab? Um 7 Uhr klingelt der Wecker, dann gehe ich zunächst durch die Zimmer der acht Fahrer, klopfe ab, ob sie irgendwelche Probleme haben und wiege sie. Das Gewicht stellt während der Tour einen wichtigen Verlaufswert für uns dar. Nach dem Frühstück geht es für den gesamten Tross zum Start. Bei den großen Landesrundfahrten kann der Transfer bis zu 90 Minuten dauern. Ich bin mit den Profis im Teambus und behandele während der Fahrt noch Verletzungen vom Vortag oder typische Gelenkschmerzen. Die Teambesprechung, bei der die jeweilige Tagesstrategie besprochen wird, höre ich mir ebenfalls an. Danach gehe ich dann auf die Fahrer zu, die während der Etappe besonders gefordert werden und mache zusammen mit den Physiotherapeuten noch aktivierende Übungen oder Massagen. Sind Sie mit auf der Strecke? In der Regel sitze ich mit im Race Car, das sich hinter dem Peloton befindet. Dort sind auch stets Krankenwagen und ein LKW, der mit CT- und Sonographie-Geräten ausgestattet ist. Verletzt sich einer unserer Profis schwerer, fahre ich mit ihm ins Krankenhaus. Durchschnittlich stürzt jeder Fahrer zweimal während der Tour. Schürfwunden und Prellungen sind an der Tagesordnung. Was passiert im Ziel? Die Fahrer müssen schnellstmöglich ihr Regenerationsprogramm absolvieren. Direkt nach der Etappe geht es für die Sportler auf die Rolle, ein stationäres Rad. Sie fahren sich etwa 20 Minuten aus, um die Körpertemperatur zu regulieren, ihren Laktat- und Ammoniakwert zu verringern. Gleichzeitig nehmen sie erste Kohlenhydrate und Proteine zu sich, schließlich müssen sie je nach Gewicht und Schwere der Etappe täglich zwischen 6.000 und 8.000 Kalorien zu sich nehmen. Und die Fahrer sind nach der Belastung über einen bestimmten Zeitraum sehr viel anfälliger für Infekte. Wir sprechen hier von der Open-Window-Theorie. Nach dem Ausfahren wird deshalb im Bus direkt geduscht, warm angezogen, und wir achten akribisch darauf, dass nirgendwo eine Klimaanlage in Betrieb ist, denn die trocknet die Schleimhäute aus und ihre Schutzfunktion gegen Krankheitserreger nimmt ab. Dann geht es ins nächste Hotel. Bereits während der Fahrt stehen weitere Behandlungen an. Schürfwunden werden versorgt, Lymphdrainagen, Elektrotherapie und Ultraschall angewandt, Massagen vorgenommen. Gleichzeitig bereiten die Physios die Hotelzimmer für weitere Behandlungen vor. Die Radprofis haben aufgrund der stundenlangen Zwangsposition oft Probleme mit dem unteren Rücken, dazu sind Achillessehnen, die Knie- und Sprunggelenke stark belastet. Zum Abend regulieren die Kollegen im Hotel auch die Zimmertemperatur möglichst auf 18 Grad, dunkeln die Fenster ab, damit die Fahrer schnell in den Schlaf finden. Denn ausreichend und erholsamer Schlaf ist immer noch die beste Regeneration. Spätestens um 0 Uhr muss unser Tag deshalb auch zu Ende sein. Wir achten auch darauf, dass die Sportler abends nicht mehr so oft die Zimmer für die Behandlungen wechseln müssen. Die Bewegung soll so gering wie möglich gehalten werden. All das fordert eine hohe Logistik. Wenn der Rhythmus unterbrochen wird, hakt das gesamte System. Eine wichtige Rolle in der gesamten Fahrerbetreuung kommt aber auch dem Psychologen zu. Warum? Während der Rundfahrten sind die Fahrer drei bis vier Wochen mit den gleichen Zimmergenossen und dem Team zusammen. Es kann eine Art Lagerkoller entstehen. Aber auch außerhalb der Wettkämpfe helfen die Psychologen, wenn es bei einem Fahrer beispielsweise nicht läuft. Das Leben der Profisportler ist nicht immer glamourös, sie müssen tagtäglich mit einem enormen Druck umgehen.An der Stelle arbeiten wir sehr eng mit unseren Psychologen zusammen. Die Tour de France wird auch häufig „Tour der Leiden“ genannt, die Fahrer gehen mehr als drei Wochen an die Grenze ihrer körperlichen Belastbarkeit. Wie schätzen Sie aus medizinischer Sicht die Tour ein? Wer in Frankreich startet, gehört zu den Besten der Besten. Die Fahrer wissen genau, worauf sie sich einlassen. Für Radprofis ist es das Größte bei der Tour zu starten. Natürlich entscheiden wir immer zum Wohle des Sportlers. Dieses Jahr haben wir Giacomo Nizzolo aus dem Rennen genommen. Er hatte sich bei einem Sturz die Bänder im Sprunggelenk angerissen und auch selbst eingesehen, dass es nicht mehr weitergehen konnte. Der professionelle Radsport wird immer wieder von Dopingfällen überschattet. Was für Möglichkeiten hat ein Team, sich dagegen zu schützen? Dass wir uns an die Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur halten, ist eine Selbstverständlichkeit und muss nicht betont werden. Das Team Dimension Data hat sich zudem der „Mouvement Pour un Cyclisme Crédible“ angeschlossen, einer Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport. Dies ist eine freie Vereinigung, der bisher sieben von 18 World Teams angehören. Grundlage ist ein Ethik-Code, der besagt, dass Fahrer bereits von Rennen ausgeschlossen werden, wenn auch nur der Dopingverdacht besteht. Alle Teammitglieder müssen die Erklärung unterschreiben. Die Strafen, die bei einem Dopingverstoß dann folgen, sind auch ungleich höher und führen zur Suspendierung aus dem Team. Die Autorin ist erreichbar unter (0571) 882 173 oderAstrid.Plasshenrich@MT.de Dr. Christopher Edler (28) ist in Bad Oeynhausen aufgewachsen und hat sein Abitur in Vlotho abgelegt. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr studierte Edler in Heidelberg Medizin. Sein Praktisches Jahr leistete er in der Schweiz und Australien ab. Danach trat der Sportmediziner eine Stelle am Berufsgenossenschaftlichen Krankenhaus Hamburg an. Seit Anfang des Jahres betreut Edler als Team Doctor die Profi-Radsportmannschaft Dimension Data aus Südafrika. Das Team Dimension Data wurde im Jahr 2008 gegründet. Den ersten großen Erfolg feierte es im März 2013, als der Kölner Gerald Ciolek den Klassiker Mailand-Sanremo und damit das erste World-Tour-Rennen für die Südafrikaner gewann. Dazu startete Dimension Data 2014 als erstes afrikanisches Team bei der Spanienrundfahrt Vuelta und 2015 bei der Tour de France. Zum Jahr 2016 erhielt das Team vom Weltradsportverband die Lizenz als UCI World Team. Aktuell stehen 27 Fahrer aus 13 Nationen bei Dimension Data unter Vertrag. Etwa weitere 50 Manager, Ärzte, Physiotherapeuten, Köche und Mechaniker bilden das Team hinter dem Team. Die Tour de France bestreiten acht Profis. Das Funktionsteam besteht dann aus 15 Mitarbeitern. (apl)