Minden

Jean-Pierre Löwe kämpft in Japan

Fabian Terwey

In Aktion: Jean-Pierre Löwe (rechts) hat seinen Gegner im Griff. Der Mindener Judoka ist so erfolgreich, dass ihn U18-Bundestrainer Bruno Tsafack zum Lehrgang nach Japan einlädt. Foto: pr - © Michael Schmitz Datteln
In Aktion: Jean-Pierre Löwe (rechts) hat seinen Gegner im Griff. Der Mindener Judoka ist so erfolgreich, dass ihn U18-Bundestrainer Bruno Tsafack zum Lehrgang nach Japan einlädt. Foto: pr (© Michael Schmitz Datteln)

Minden (mt). Verschüchtert hatte der kleine Junge vor der Judomatte gestanden. Zu groß war ihm der Schritt ins Ungewisse gefallen. Da hatte auch der väterliche Anreiz nicht gezogen, nach diesem schweren Gang den strahlend weißen Anzug tragen zu dürfen. Erst die Trainer des TV Jahn Minden hatten den Sechsjährigen schließlich überzeugen können. „Reinhard Wilde musste mich aber schon auf die Matte tragen“, erinnert sich Jean-Pierre Löwe heute mit einem Lächeln. Mittlerweile ist der Mindener Judoka 17 Jahre alt und gehört zur bundesweiten Spitze seiner Altersklasse. Nun wurde ihm eine ganz besondere Ehre zuteil: U18-Bundestrainer Bruno Tsafack lud Löwe zum dreiwöchigen Lehrgang der Deutschen Nationalmannschaft ein. Und der fand an einem ganz besonderen Ort statt. In Japan. Im Mutterland des Kampfsports.

„Jean-Pierre war damals so wie alle Kinder in dem Alter - zögerlich“, blickt Gerd Wilde zurück. Gemeinsam mit Bruder Reinhard trainiert der 68-Jährige noch immer die Gruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen. Heute beim SV 1860, der aus der Fusion der drei Mindener Vereine MTV 1860, Eintracht und eben jenes TV Jahn hervorging. „Die ersten Wettkämpfe hat er alle verloren, aber durch seinen Ehrgeiz hat er sich gesteigert. Eine Zeit lang konnte er schlecht verlieren.“

Seit dem neunten Lebensjahr trainiert Löwe zusätzlich in Herford. Der ortsansässige PSV ist Landesstützpunkt und übernimmt anfallende Kosten. Für die Herforder startet Löwe in der Regionalliga beziehungsweise NRW-Liga. Auf Einzelturnieren bis zur Bezirksebene ist der Zwölftklässler der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule nach wie vor für den SV 1860 aktiv. An der Weser absolviert Löwe auch sein Krafttraining.

Haupttrainingsort ist aber das der Judo Crocodiles Osnabrück. Teja Ahlmeyer, ehemaliger NRW-Sichtungstrainer, bereitet ihn im heutigen Leistungszentrum schon seit dem zwölften Lebensjahr auf nationale und internationale Turniere vor. „Er absolviert ein Pensum, das für Normalsterbliche kaum möglich ist“, sagt Gerd Wilde. Wie schafft man das zeitlich alles? „Indem man einen tollen Vater hat. Er fährt mich überall hin“, sagt Jean-Pierre Löwe. Thomas Löwe war selbst einst Trainer am Leistungsstützpunkt in Halle an der Saale. „Aber auch wenn ich mich mal für die DDR-Meisterschaft qualifiziert habe, als Kämpfer war ich nicht so gut wie mein Sohn.“

Jean-Pierre Löwe feierte bereits zwei dritte Plätze bei der U18-DM. 2018 in Herne in der Klasse bis 73 kg und 2019 in Leipzig bis 81 kg. Zeitweise kämpfte sich Löwe sogar an die 42. Stelle der U18-Weltrangliste. „Das, was er erreicht hat, schaffen nicht viele von hier. Ein Riesenerfolg“, erklärt Gerd Wilde. Vom elften Lebensjahr an ist Jean-Pierre Löwe Teil der NRW-Kader. Seit dem vergangenen Jahr beruft ihn auch U18-Bundestrainer Bruno Tsafack zu Trainingslagern. Belgien, Ungarn, Kroatien, England, Polen, Tschechien - Jean-Pierre Löwe kennt Europas Judomatten mittlerweile gut. Japan war eine neue Erfahrung. Die Einladung dazu kam per E-Mail. „Zuvor beim European Cup in Berlin hatte mir der Bundestrainer aber bereits im persönlichen Gespräch angedeutet, dass ich wahrscheinlich dabei bin“, berichtet Jean-Pierre Löwe.

18 Nachwuchskämpfer reisten nach Nobeoka, Partnerstadt des Deutschen Judo-Bundes. Von Frankfurt über Abu Dhabi ging es nach Tokio. Planmäßig sollte die Reise am selben Tag weitergehen. Wegen eines Unwetters musste der Weiterflug jedoch verschoben werden. Das stellte sich als Glücksfall heraus. Denn die Athleten übernachteten im Kodokan. In der ältesten und bedeutendsten Judoschule der Welt. Kano Jigoro gründete sie 1882. Löwe: „Das war schon beeindruckend, als wir erfahren haben, an welch bedeutenden Ort wir gekommen sind.“

Erst am Folgetag ging es weiter nach Nobeoka, In der „Host Town“ für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 werden Kultur- und Sportaustauschveranstaltungen stattfinden. Das U18-Trainingscamp in der 120.000-Einwohner-Stadt am Meer beinhaltete täglich zwei dreistündige Einheiten. Das Rahmenprogramm beeindruckte Jean-Pierre Löwe. „Japan ist ein unheimlich gastfreundliches Land. In Nobeoka sind wir wie Stars behandelt worden. Wir waren sogar im Fernsehen zu sehen. Flyer und Fahnen überall. Leute wollten Bilder mit uns machen. Auch ein deutsches Fest mit Bratwurst und Bier gab es.. Nur die Matratzen sind sehr hart.“

In der letzten Lehrgangswoche stand der Besuch der Judo-WM in Tokio an. „Die Deutsche Frauen- und Männer-Nationalmannschaft hat sich einfach zu uns gesetzt. Im Supermarkt haben wir Weltmeister getroffen. Ich würde gerne mal wieder hin. Eines Tages als Athlet zu Olympia zu kommen, wäre ein Traum, ist aber unrealistisch. Da ist die Verletzungsgefahr. Und die Athleten an den Sportschulen haben bessere Chancen auf Nationalkadereinsätze bei Wettbewerben. Auf dem Lehrgang war ich der einzige, der nicht an einer Sportschule ist. Für mich wäre das aber auch nichts. Mit dem Leistungsdruck könnte ich nicht umgehen. Ich kämpfe lieber befreit auf.“ Das Abitur hat für Jean-Pierre Löwe Vorrang. „Auch der Bundestrainer sagt uns, dass die Schule wichtiger ist. Mit Judo kann man kein Geld verdienen.“ Die jüngste Einladung des Landestrainers Andreas Tölzer zum U21-Lehrgang nach Kienbaum musste Jean-Pierre Löwe absagen. „Momentan schreibe ich viele Arbeiten in der Schule. Mein Berufsziel ist Polizist. Mit Judo möchte ich solange weitermachen, wie es geht.“ Denn von der Matte ist Jean-Pierre Löwe anders als zu Kindertagen nur noch schwer wegzubekommen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenJean-Pierre Löwe kämpft in JapanFabian TerweyMinden (mt). Verschüchtert hatte der kleine Junge vor der Judomatte gestanden. Zu groß war ihm der Schritt ins Ungewisse gefallen. Da hatte auch der väterliche Anreiz nicht gezogen, nach diesem schweren Gang den strahlend weißen Anzug tragen zu dürfen. Erst die Trainer des TV Jahn Minden hatten den Sechsjährigen schließlich überzeugen können. „Reinhard Wilde musste mich aber schon auf die Matte tragen“, erinnert sich Jean-Pierre Löwe heute mit einem Lächeln. Mittlerweile ist der Mindener Judoka 17 Jahre alt und gehört zur bundesweiten Spitze seiner Altersklasse. Nun wurde ihm eine ganz besondere Ehre zuteil: U18-Bundestrainer Bruno Tsafack lud Löwe zum dreiwöchigen Lehrgang der Deutschen Nationalmannschaft ein. Und der fand an einem ganz besonderen Ort statt. In Japan. Im Mutterland des Kampfsports. „Jean-Pierre war damals so wie alle Kinder in dem Alter - zögerlich“, blickt Gerd Wilde zurück. Gemeinsam mit Bruder Reinhard trainiert der 68-Jährige noch immer die Gruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen. Heute beim SV 1860, der aus der Fusion der drei Mindener Vereine MTV 1860, Eintracht und eben jenes TV Jahn hervorging. „Die ersten Wettkämpfe hat er alle verloren, aber durch seinen Ehrgeiz hat er sich gesteigert. Eine Zeit lang konnte er schlecht verlieren.“ Seit dem neunten Lebensjahr trainiert Löwe zusätzlich in Herford. Der ortsansässige PSV ist Landesstützpunkt und übernimmt anfallende Kosten. Für die Herforder startet Löwe in der Regionalliga beziehungsweise NRW-Liga. Auf Einzelturnieren bis zur Bezirksebene ist der Zwölftklässler der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule nach wie vor für den SV 1860 aktiv. An der Weser absolviert Löwe auch sein Krafttraining. Haupttrainingsort ist aber das der Judo Crocodiles Osnabrück. Teja Ahlmeyer, ehemaliger NRW-Sichtungstrainer, bereitet ihn im heutigen Leistungszentrum schon seit dem zwölften Lebensjahr auf nationale und internationale Turniere vor. „Er absolviert ein Pensum, das für Normalsterbliche kaum möglich ist“, sagt Gerd Wilde. Wie schafft man das zeitlich alles? „Indem man einen tollen Vater hat. Er fährt mich überall hin“, sagt Jean-Pierre Löwe. Thomas Löwe war selbst einst Trainer am Leistungsstützpunkt in Halle an der Saale. „Aber auch wenn ich mich mal für die DDR-Meisterschaft qualifiziert habe, als Kämpfer war ich nicht so gut wie mein Sohn.“ Jean-Pierre Löwe feierte bereits zwei dritte Plätze bei der U18-DM. 2018 in Herne in der Klasse bis 73 kg und 2019 in Leipzig bis 81 kg. Zeitweise kämpfte sich Löwe sogar an die 42. Stelle der U18-Weltrangliste. „Das, was er erreicht hat, schaffen nicht viele von hier. Ein Riesenerfolg“, erklärt Gerd Wilde. Vom elften Lebensjahr an ist Jean-Pierre Löwe Teil der NRW-Kader. Seit dem vergangenen Jahr beruft ihn auch U18-Bundestrainer Bruno Tsafack zu Trainingslagern. Belgien, Ungarn, Kroatien, England, Polen, Tschechien - Jean-Pierre Löwe kennt Europas Judomatten mittlerweile gut. Japan war eine neue Erfahrung. Die Einladung dazu kam per E-Mail. „Zuvor beim European Cup in Berlin hatte mir der Bundestrainer aber bereits im persönlichen Gespräch angedeutet, dass ich wahrscheinlich dabei bin“, berichtet Jean-Pierre Löwe. 18 Nachwuchskämpfer reisten nach Nobeoka, Partnerstadt des Deutschen Judo-Bundes. Von Frankfurt über Abu Dhabi ging es nach Tokio. Planmäßig sollte die Reise am selben Tag weitergehen. Wegen eines Unwetters musste der Weiterflug jedoch verschoben werden. Das stellte sich als Glücksfall heraus. Denn die Athleten übernachteten im Kodokan. In der ältesten und bedeutendsten Judoschule der Welt. Kano Jigoro gründete sie 1882. Löwe: „Das war schon beeindruckend, als wir erfahren haben, an welch bedeutenden Ort wir gekommen sind.“ Erst am Folgetag ging es weiter nach Nobeoka, In der „Host Town“ für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 werden Kultur- und Sportaustauschveranstaltungen stattfinden. Das U18-Trainingscamp in der 120.000-Einwohner-Stadt am Meer beinhaltete täglich zwei dreistündige Einheiten. Das Rahmenprogramm beeindruckte Jean-Pierre Löwe. „Japan ist ein unheimlich gastfreundliches Land. In Nobeoka sind wir wie Stars behandelt worden. Wir waren sogar im Fernsehen zu sehen. Flyer und Fahnen überall. Leute wollten Bilder mit uns machen. Auch ein deutsches Fest mit Bratwurst und Bier gab es.. Nur die Matratzen sind sehr hart.“ In der letzten Lehrgangswoche stand der Besuch der Judo-WM in Tokio an. „Die Deutsche Frauen- und Männer-Nationalmannschaft hat sich einfach zu uns gesetzt. Im Supermarkt haben wir Weltmeister getroffen. Ich würde gerne mal wieder hin. Eines Tages als Athlet zu Olympia zu kommen, wäre ein Traum, ist aber unrealistisch. Da ist die Verletzungsgefahr. Und die Athleten an den Sportschulen haben bessere Chancen auf Nationalkadereinsätze bei Wettbewerben. Auf dem Lehrgang war ich der einzige, der nicht an einer Sportschule ist. Für mich wäre das aber auch nichts. Mit dem Leistungsdruck könnte ich nicht umgehen. Ich kämpfe lieber befreit auf.“ Das Abitur hat für Jean-Pierre Löwe Vorrang. „Auch der Bundestrainer sagt uns, dass die Schule wichtiger ist. Mit Judo kann man kein Geld verdienen.“ Die jüngste Einladung des Landestrainers Andreas Tölzer zum U21-Lehrgang nach Kienbaum musste Jean-Pierre Löwe absagen. „Momentan schreibe ich viele Arbeiten in der Schule. Mein Berufsziel ist Polizist. Mit Judo möchte ich solange weitermachen, wie es geht.“ Denn von der Matte ist Jean-Pierre Löwe anders als zu Kindertagen nur noch schwer wegzubekommen.