Minden

Der Mann der Zahlen: Eckhard Wiens verbringt sein Jubiläum an der Laufbahn

Marcus Riechmann

Klemmbrett, Stoppuhr, Kugelschreiber – seinen 70. Geburtstag beging Eckhard Wiens beim Abendsportfest des SV 1860 Minden im heimischen Weserstadion bei bester Gesundheit und bester Laune. MT- - © Foto: Riechmann
Klemmbrett, Stoppuhr, Kugelschreiber – seinen 70. Geburtstag beging Eckhard Wiens beim Abendsportfest des SV 1860 Minden im heimischen Weserstadion bei bester Gesundheit und bester Laune. MT- (© Foto: Riechmann)

Minden (mt). Geschichte wiederholt sich: Den 60. Geburtstag verbrachte Eckhard Wiens im Stadion und den 70. ebenso. Die Umstände der Jubiläen konnten allerdings unterschiedlicher nicht sein: Vor zehn Jahren wohnte der Mindener einem historischen Moment bei und sah von der Tribüne des Berliner Olympia-Stadions zu, als Usain Bolt in der noch heute gültigen Weltrekordzeit von 9,58 Sekunden zu WM-Gold stürmte. „Das war schon besonders“, erinnert sich Wiens, einst selbst erfolgreicher Sprinter, an die Reise in die Hauptstadt – ein Überraschungs-Geburtstagsgeschenk der Familie. Sein 70. Jubiläum verbrachte er klassischer: beim Leichtathletik-Abendsportfest seines Vereins 1860 Minden organisierte er am vergangenen Freitag wie immer den Ablauf der Wettbewerbe und verwaltete alle Ergebnisse.

„Das hatte sich zufällig so ergeben“, nahm Wiens die Ereignislage locker. Stoppuhr und Kugelschreiber ersetzten die Kuchengabel und das Sektglas. Doch ganz zur Routine wurde der Abend nicht: Es gab im Weserstadion eine Fülle von Glückwünschen und auch ein Geschenk vom Verein, das Leichtathletik-Abteilungsleiter Achim Schulte überreichte. „Wer da so alles auftauchte, nur um mir die Hand zu schütteln – das war schon ein bisschen anrührend“, beschrieb Wiens sein Empfinden.

Aufrecht, streitbar, engagiert - und – wie er selbst betont – „immer mit einem positiven Blick voran“. Damit und mit jahrelanger verlässlicher Arbeit für den Verein und für seinen Sport hat sich der Jubilar die Zuwendungen zum 70. verdient.

Der am 16. August 1949 im ostfriesischen Esens geborene Wiens wurde nach dem Umzug 1952 in Espelkamp groß. „Da habe ich beim FC Preußen Fußball gespielt“, erzählt er. Doch schon bald wechselte er den Sport, schloss sich 1965 dem TuS Eintracht Minden an – und blieb. „Da haben Leute wie Robert Hannemann oder Bubi Lewandowski eine Rolle gespielt“, beschreibt Wiens prägende Personen seiner ersten Jahre, in denen er als Sprinter gedieh. Platz zwölf bei den deutschen Meisterschaften der Jugend in Oldenburg erreichte er. 10,70 Sekunden lief er in Nammen als Bestzeit. Stolz ist er aber auf andere Ergebnisse: Bei den westfälischen Meisterschaften absolvierte er die 400 Meter in 48,80 Sekunden und rannte damit auf Platz vier. „Das war brütend heiß damals“, hat er die Umstände nicht vergessen und beschreibt die Furcht des Sprinters vor der 400-Meter-Distanz: „Das ist das Schlimmste. Du bist blass vor dem Start und weißt: Gleich bist du fertig. Und das bist du dann auch.“ Doch das Erfolgsgefühl im Ziel sei überwältigend groß.

Noch länger war die Strecke, auf der er einen zweiten großen Moment erlebte: 1977 bei der deutschen Meisterschaft in Waiblingen stellte er in der 4x800 Meter Staffel in 7:43,05 Minuten den bis heute gültigen Kreisrekord auf. „Vier Leute, die im Schnitt 1:56er Zeiten laufen – das gibt es nicht oft“, sagt Wiens und erinnert an seine damaligen Laufpartner Hans-Peter Stirnat, Roland Schlehahn und Norbert Kunz - den Schnellsten der vier.

Bis heute hält der aus zahlreichen gemeinsamen Trainingseinheiten und Wettkämpfen entstandene Kontakt. „Wir haben uns erst letzten Dienstag getroffen und in vier Wochen auf dem Flohmarkt in Rahden treffen wir uns wieder“, erzählt Wiens, der viele Menschen auf dem sportlichen Weg kennengelernt hat. „Da sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten“, ist für Wiens die Leichtathletik Teil der Familie geworden.

Der pensionierte Berufsschullehrer rutschte nach dem Ende der Laufbahn als Läufer zwangsläufig in eine neue. Die Liebe zur Leichtathletik paarte sich perfekt mit dem Interesse des Mindeners an einem neuen Medium: dem Computer. Und so erwuchs er bei der Eintracht schnell zum Mann für Zahlen. Die Feuertaufe war der Mindener Butjerlauf, der damals durch die Innenstadt führte. „Dafür hatte ich mit einem Lehrerkollegen am C 64 ein Programm geschrieben.“ Zwischen Dateneingabe und Auswurf der Ergebnisse konnten die beiden Mitte der 80er Jahre einen Kaffee trinken gehen.

Es folgten zahllose Veranstaltungen, für die Wiens die Datenerfassung organisierte. Die Begleitung der heimischen Großveranstaltungen Rose-, Porta- und Sparkassen-Marathon mit tausenden Sportlern fiel nahezu zwangsläufig in seine Hände. Wiens erwarb sich eine Routine, die dazu führt, dass ihm als „Leiter der Meldestelle“ – so die Bezeichnung im Verein – normale Sportfeste oder der nahende Mindener Volkslauf mit bereits deutlich über 1000 Meldungen keine schlaflosen Stunden mehr bereiten. Die Zeitmessung selbst erledigt beim Volkslauf ohnehin ein Profi-Team aus Hamburg. „Ich muss vorher die Vermessungspunkte aktivieren und fahre die Strecke ab“, sagt er und beschreibt seine Rolle am Lauftag selbst als „Helfer, da, wo eben Arbeit anfällt.“

Seine Begeisterung für den Sprint hat er seinen Töchtern Isabelle und Janine vererbt. Seine Gattin nahm seine Hingabe zur Leichtathletik an. „Sie war nicht immer begeistert“, erzählt Wiens, der unzählige Stunden seines Lebens vor den Listen am heimischen PC oder an den Wettkampfstätten verbrachte.

Auf die, die wie er Jahr für Jahr an den Strecken oder im Stadion helfen, stimmt der Zahlenmann ein Loblied an: „Das sind Sponsoren der besonderen Art“, sagt er über den ehrenamtlichen Einsatz, den er allein für den SV 1860 Minden mit vier Stunden pro Tag taxiert hat – ein Durchschnittswert berechnet aus rund einem Dutzend betreuter Veranstaltungen pro Jahr.

„Ohne diese Unterstützung ginge es nicht“, sagt Wiens, der so genau gar nicht sagen kann, warum er selbst seit Jahrzehnten tut was er tut. „Wir machen das für die Sportler“, meint er und beschreibt: „Es bereitet mir Freude, wenn ich nach dem Wettkampf die Urkunden übergebe, und wenn ich dabei in die Gesichter der Sportler sehe.“ Im Schriftstück manifestiert sich ihre Leistung – und auch seine, die des Zeitenmessers. Und ganz nebenbei speist sich sein Einsatz aus seiner grenzenlosen Begeisterung für die Leichtathletik: „Wir sind nur noch Randsportart. Dabei sind wir eigentlich Kern-, ja Basissportart. Laufen, Springen, Werfen – bei der Leichtathletik lernt man alles, was man für andere Sportarten braucht“, sagt Wiens und gestikuliert nachdrücklich mit den Händen in der Luft. Da verwundert es nicht, dass er seinen 70. Geburtstag wie selbstverständlich an der Laufbahn verbracht hat.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenDer Mann der Zahlen: Eckhard Wiens verbringt sein Jubiläum an der LaufbahnMarcus RiechmannMinden (mt). Geschichte wiederholt sich: Den 60. Geburtstag verbrachte Eckhard Wiens im Stadion und den 70. ebenso. Die Umstände der Jubiläen konnten allerdings unterschiedlicher nicht sein: Vor zehn Jahren wohnte der Mindener einem historischen Moment bei und sah von der Tribüne des Berliner Olympia-Stadions zu, als Usain Bolt in der noch heute gültigen Weltrekordzeit von 9,58 Sekunden zu WM-Gold stürmte. „Das war schon besonders“, erinnert sich Wiens, einst selbst erfolgreicher Sprinter, an die Reise in die Hauptstadt – ein Überraschungs-Geburtstagsgeschenk der Familie. Sein 70. Jubiläum verbrachte er klassischer: beim Leichtathletik-Abendsportfest seines Vereins 1860 Minden organisierte er am vergangenen Freitag wie immer den Ablauf der Wettbewerbe und verwaltete alle Ergebnisse. „Das hatte sich zufällig so ergeben“, nahm Wiens die Ereignislage locker. Stoppuhr und Kugelschreiber ersetzten die Kuchengabel und das Sektglas. Doch ganz zur Routine wurde der Abend nicht: Es gab im Weserstadion eine Fülle von Glückwünschen und auch ein Geschenk vom Verein, das Leichtathletik-Abteilungsleiter Achim Schulte überreichte. „Wer da so alles auftauchte, nur um mir die Hand zu schütteln – das war schon ein bisschen anrührend“, beschrieb Wiens sein Empfinden. Aufrecht, streitbar, engagiert - und – wie er selbst betont – „immer mit einem positiven Blick voran“. Damit und mit jahrelanger verlässlicher Arbeit für den Verein und für seinen Sport hat sich der Jubilar die Zuwendungen zum 70. verdient. Der am 16. August 1949 im ostfriesischen Esens geborene Wiens wurde nach dem Umzug 1952 in Espelkamp groß. „Da habe ich beim FC Preußen Fußball gespielt“, erzählt er. Doch schon bald wechselte er den Sport, schloss sich 1965 dem TuS Eintracht Minden an – und blieb. „Da haben Leute wie Robert Hannemann oder Bubi Lewandowski eine Rolle gespielt“, beschreibt Wiens prägende Personen seiner ersten Jahre, in denen er als Sprinter gedieh. Platz zwölf bei den deutschen Meisterschaften der Jugend in Oldenburg erreichte er. 10,70 Sekunden lief er in Nammen als Bestzeit. Stolz ist er aber auf andere Ergebnisse: Bei den westfälischen Meisterschaften absolvierte er die 400 Meter in 48,80 Sekunden und rannte damit auf Platz vier. „Das war brütend heiß damals“, hat er die Umstände nicht vergessen und beschreibt die Furcht des Sprinters vor der 400-Meter-Distanz: „Das ist das Schlimmste. Du bist blass vor dem Start und weißt: Gleich bist du fertig. Und das bist du dann auch.“ Doch das Erfolgsgefühl im Ziel sei überwältigend groß. Noch länger war die Strecke, auf der er einen zweiten großen Moment erlebte: 1977 bei der deutschen Meisterschaft in Waiblingen stellte er in der 4x800 Meter Staffel in 7:43,05 Minuten den bis heute gültigen Kreisrekord auf. „Vier Leute, die im Schnitt 1:56er Zeiten laufen – das gibt es nicht oft“, sagt Wiens und erinnert an seine damaligen Laufpartner Hans-Peter Stirnat, Roland Schlehahn und Norbert Kunz - den Schnellsten der vier. Bis heute hält der aus zahlreichen gemeinsamen Trainingseinheiten und Wettkämpfen entstandene Kontakt. „Wir haben uns erst letzten Dienstag getroffen und in vier Wochen auf dem Flohmarkt in Rahden treffen wir uns wieder“, erzählt Wiens, der viele Menschen auf dem sportlichen Weg kennengelernt hat. „Da sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten“, ist für Wiens die Leichtathletik Teil der Familie geworden. Der pensionierte Berufsschullehrer rutschte nach dem Ende der Laufbahn als Läufer zwangsläufig in eine neue. Die Liebe zur Leichtathletik paarte sich perfekt mit dem Interesse des Mindeners an einem neuen Medium: dem Computer. Und so erwuchs er bei der Eintracht schnell zum Mann für Zahlen. Die Feuertaufe war der Mindener Butjerlauf, der damals durch die Innenstadt führte. „Dafür hatte ich mit einem Lehrerkollegen am C 64 ein Programm geschrieben.“ Zwischen Dateneingabe und Auswurf der Ergebnisse konnten die beiden Mitte der 80er Jahre einen Kaffee trinken gehen. Es folgten zahllose Veranstaltungen, für die Wiens die Datenerfassung organisierte. Die Begleitung der heimischen Großveranstaltungen Rose-, Porta- und Sparkassen-Marathon mit tausenden Sportlern fiel nahezu zwangsläufig in seine Hände. Wiens erwarb sich eine Routine, die dazu führt, dass ihm als „Leiter der Meldestelle“ – so die Bezeichnung im Verein – normale Sportfeste oder der nahende Mindener Volkslauf mit bereits deutlich über 1000 Meldungen keine schlaflosen Stunden mehr bereiten. Die Zeitmessung selbst erledigt beim Volkslauf ohnehin ein Profi-Team aus Hamburg. „Ich muss vorher die Vermessungspunkte aktivieren und fahre die Strecke ab“, sagt er und beschreibt seine Rolle am Lauftag selbst als „Helfer, da, wo eben Arbeit anfällt.“ Seine Begeisterung für den Sprint hat er seinen Töchtern Isabelle und Janine vererbt. Seine Gattin nahm seine Hingabe zur Leichtathletik an. „Sie war nicht immer begeistert“, erzählt Wiens, der unzählige Stunden seines Lebens vor den Listen am heimischen PC oder an den Wettkampfstätten verbrachte. Auf die, die wie er Jahr für Jahr an den Strecken oder im Stadion helfen, stimmt der Zahlenmann ein Loblied an: „Das sind Sponsoren der besonderen Art“, sagt er über den ehrenamtlichen Einsatz, den er allein für den SV 1860 Minden mit vier Stunden pro Tag taxiert hat – ein Durchschnittswert berechnet aus rund einem Dutzend betreuter Veranstaltungen pro Jahr. „Ohne diese Unterstützung ginge es nicht“, sagt Wiens, der so genau gar nicht sagen kann, warum er selbst seit Jahrzehnten tut was er tut. „Wir machen das für die Sportler“, meint er und beschreibt: „Es bereitet mir Freude, wenn ich nach dem Wettkampf die Urkunden übergebe, und wenn ich dabei in die Gesichter der Sportler sehe.“ Im Schriftstück manifestiert sich ihre Leistung – und auch seine, die des Zeitenmessers. Und ganz nebenbei speist sich sein Einsatz aus seiner grenzenlosen Begeisterung für die Leichtathletik: „Wir sind nur noch Randsportart. Dabei sind wir eigentlich Kern-, ja Basissportart. Laufen, Springen, Werfen – bei der Leichtathletik lernt man alles, was man für andere Sportarten braucht“, sagt Wiens und gestikuliert nachdrücklich mit den Händen in der Luft. Da verwundert es nicht, dass er seinen 70. Geburtstag wie selbstverständlich an der Laufbahn verbracht hat.