Porta Westfalica/Petershagen

Motorsport: Mit Evi in den Crashmodus - 15-Jährige fährt Stockcar-Rennen

Astrid Plaßhenrich

Pilotin Siska Kocher sitzt im Rennanzug auf ihrem gelb-schwarzen Opel Astra F, den sie und ihr Team Evi nennen. Ihr Cousin Christian Kocher hat das Auto in drei Monaten von einem Mittelklassewagen in ein Stockcar umgebaut. MT- - © Foto: Astrid Plaßhenrich
Pilotin Siska Kocher sitzt im Rennanzug auf ihrem gelb-schwarzen Opel Astra F, den sie und ihr Team Evi nennen. Ihr Cousin Christian Kocher hat das Auto in drei Monaten von einem Mittelklassewagen in ein Stockcar umgebaut. MT- (© Foto: Astrid Plaßhenrich)

Porta Westfalica/Petershagen (mt). Es ist eine actiongeladene Materialschlacht im Rugbystil: Vorsätzliches Rammen, Schubsen und Drängeln ist bei Stockcar-Rennen nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Ständig spritzt Dreck von der Ackerpiste ins Cockpit. Dreher und Überschläge bringen Punkte. „Von der ersten Sekunde an geht es zur Sache – von 0 auf 100. Das macht einfach richtig Spaß“, sagt Siska Kocher aus Holzhausen. Die 15-jährige Pilotin der RG Bohnhorst ist Anfang August ihr erstes Stockcar-Rennen beim MSC Linsburg gefahren und süchtig nach diesem Motorsport.

Siska Kocher ist klein und zierlich, hat schulterlange blonde Haare und ist eines von drei Mädchen, die in der Klasse 4 der Nordwestdeutschen Meisterschaft an den Start geht. Die Realschülerin belegte bei ihrem ersten Rennen in Linsburg direkt den siebten Platz von elf Piloten. Für einen Rookie, also einem Neuling im Fahrerlager, ein achtbares Ergebnis. Wenn ihr Auto mitgemacht hätte, wäre sogar noch eine bessere Platzierung möglich gewesen. „Im ersten Lauf war mein Kühler defekt, im zweiten das Federbein gebrochen. So konnte ich nicht die volle Rennzeit fahren und habe nur jeweils 30 Punkte geholt“, erklärt die Portanerin. Im Hauptlauf brachte sie es dann auf dem etwa 350 Meter langen Oval auf 145 Zähler. So kann es weitergehen. Am besten schon beim nächsten Rennen am 31. August und 1. September in Destel.

Stockcar ist bei den Kochers eine Familienangelegenheit. Ihre Cousins Christian und Benjamin Kocher haben für die RG Bohnhorst zahlreiche Rennen gewonnen. Christian holte 2007 sogar im Münchner Olympiastadion den Europameistertitel. Die beiden sind es auch, die zusammen mit Wilhelm Hamann und Roland „Otto“ Lüllwitz für Siska das Technikteam bilden. Immer wenn während der Rennen Probleme an ihrem schwarz-gelben Boliden auftreten, ist es das Quartett, das fieberhaft und möglichst in sekundenschnelle Lösungen dafür findet. Unter Druck müssen die Techniker ihr Improvisationstalent unter Beweis stellen. „Das macht aber besonders viel Spaß“, sagt Christian Kocher.

Der 43-Jährige war es auch, der den Opel Astra F auf seinem Hof in Maaslingen zu einem Stockcar umbaute. Drei Monate hat das gedauert. Der Hobbyschrauber hat alles entfernt, was splittern oder Feuer fangen kann. Die Frontscheibe und die der Fahrertür wurden durch ein engmaschiges Gitterdraht ersetzt. Kocher baute einen Rennsitz mit Hosenträgergurten ein. Dazu verleiht ein Überrollbügel dem Auto die nötige Stabilität. Den Motor zerlegte er in seine Einzelteile, säuberte diese oder tauschte sie bei Bedarf aus. Von dem früheren bequeme Mittelklassewagen, der nicht mehr durch den TÜV gekommen war und den Kocher für 50 Euro von einem Bekannten gekauft hat, ist nur noch die Karosserie übrig.

Die Sicherheit steht bei dem Sport, bei dem es vor allem um Geschicklichkeit und taktisches Fahren geht, über allem. Vor jedem Rennen werden die Autos von einer Kommission abgenommen. Bei Mängeln muss nachgebessert werden, ansonsten wird die Starterlaubnis entzogen. Die Fahrer tragen Schutzhelme und -brillen, eine Nackenstütze, festes Schuhwerk, Handschuhe und einen Sicherheitsrennoveralls.

Als Siska Kocher im Februar zum ersten Mal in ihrer Evi saß – so wird der Opel von ihr und ihrem Team genannt – hatte sie zunächst großen Respekt. Der legte sich aber schnell und wandelte sich in Ehrgeiz um. „Ich habe bei meinem ersten Rennwochenende direkt angegriffen, danach hatte ich auch überhaupt keine Blessuren“, sagt sie, und Christian Kocher ergänzt: „In der Zeit, in der ich gefahren bin, hatten meine Kumpels, die Fußball spielten, weitaus mehr und schwerere Verletzungen.“ Während Siskas Vater Michael von Anfang an von den Stockcar-Plänen seiner Tochter begeistert war, hatte ihre Mutter Katja zunächst Bedenken: „Ich vertraue aber voll und ganz Christian, und inzwischen finde ich es auch richtig gut, dass Siska fährt.“

Das Ziel der jungen Pilotin ist es, irgendwann ihren ersten eigenen Pokal in den Händen zu halten. Einen hat sie bereits in ihrem Schrank stehen. Den schenkte ihr allerdings Christian nach seinem Sieg 2012 in Linsburg. Da stand sie noch als Fan an der Strecke, und er brachte im Boliden seine Gegner zum Drehen. „Aber wenn Siska so weiterfährst, dauert es nicht mehr lange, dann wird sie selbst auf dem Treppchen stehen“, ist sich ihr Cousin sicher.

Fakten: Beide Elternteile müssen ihre Zustimmung geben

Siska Kocher startet in der Klasse 4 der Interessen-Gemeinschaft-Nord-West (IGNW), die die nordwestdeutsche Stockcar-Meisterschaft ausfährt. Die Saison besteht aus vier Rennen in Martfeld, Bramsche, Linsburg und Deste.

Die Piloten in der Klasse 4 sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Es ist die Nachwuchsklasse. Ihre Autos dürfen eine Hubraumgröße von höchstens 1,5 Litern haben und nicht getuned sein. Kochers Opel Astra F hat 82 PS und einen Hubraum von 1,4 Litern.

Minderjährige erhalten nur dann die Fahrerlaubnis für Stockcar-Rennen, wenn beide Elternteile schriftlich zustimmen.

An einem Rennwochenende werden drei Rennen gefahren. Am Samstag steht das erste an, sonntags dann die weiteren zwei. Jedes dauert netto 15 Minuten, zieht sich wegen Unterbrechungen allerdings bis zu einer Stunde hin. Denn das Rennen wird bei Gefahrensituation gestoppt, beispielsweise dann wenn ein Auto auf dem Dach liegt oder sich Fahrzeuge auf der Ackerpiste festgefahren haben und von Traktoren erst wieder freigeschleppt werden müssen.

Ziel ist es, in der Nettofahrtzeit möglichst viele Punkte zu sammeln. Pro komplett absolvierte Runde gibt es fünf Zähler, wenn man ein gegnerisches Fahrzeug um 90 Grad dreht, erhält der Pilot 10 und wenn er es zum Überschlag bringt 30 Punkte.

Minuspunkte werden ebenfalls vergeben, beispielsweise bei einem Angriff auf die Fahrertür, Ausbremsen oder bei Bahnflucht. (apl)

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Porta Westfalica/PetershagenMotorsport: Mit Evi in den Crashmodus - 15-Jährige fährt Stockcar-RennenAstrid PlaßhenrichPorta Westfalica/Petershagen (mt). Es ist eine actiongeladene Materialschlacht im Rugbystil: Vorsätzliches Rammen, Schubsen und Drängeln ist bei Stockcar-Rennen nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Ständig spritzt Dreck von der Ackerpiste ins Cockpit. Dreher und Überschläge bringen Punkte. „Von der ersten Sekunde an geht es zur Sache – von 0 auf 100. Das macht einfach richtig Spaß“, sagt Siska Kocher aus Holzhausen. Die 15-jährige Pilotin der RG Bohnhorst ist Anfang August ihr erstes Stockcar-Rennen beim MSC Linsburg gefahren und süchtig nach diesem Motorsport. Siska Kocher ist klein und zierlich, hat schulterlange blonde Haare und ist eines von drei Mädchen, die in der Klasse 4 der Nordwestdeutschen Meisterschaft an den Start geht. Die Realschülerin belegte bei ihrem ersten Rennen in Linsburg direkt den siebten Platz von elf Piloten. Für einen Rookie, also einem Neuling im Fahrerlager, ein achtbares Ergebnis. Wenn ihr Auto mitgemacht hätte, wäre sogar noch eine bessere Platzierung möglich gewesen. „Im ersten Lauf war mein Kühler defekt, im zweiten das Federbein gebrochen. So konnte ich nicht die volle Rennzeit fahren und habe nur jeweils 30 Punkte geholt“, erklärt die Portanerin. Im Hauptlauf brachte sie es dann auf dem etwa 350 Meter langen Oval auf 145 Zähler. So kann es weitergehen. Am besten schon beim nächsten Rennen am 31. August und 1. September in Destel. Stockcar ist bei den Kochers eine Familienangelegenheit. Ihre Cousins Christian und Benjamin Kocher haben für die RG Bohnhorst zahlreiche Rennen gewonnen. Christian holte 2007 sogar im Münchner Olympiastadion den Europameistertitel. Die beiden sind es auch, die zusammen mit Wilhelm Hamann und Roland „Otto“ Lüllwitz für Siska das Technikteam bilden. Immer wenn während der Rennen Probleme an ihrem schwarz-gelben Boliden auftreten, ist es das Quartett, das fieberhaft und möglichst in sekundenschnelle Lösungen dafür findet. Unter Druck müssen die Techniker ihr Improvisationstalent unter Beweis stellen. „Das macht aber besonders viel Spaß“, sagt Christian Kocher. Der 43-Jährige war es auch, der den Opel Astra F auf seinem Hof in Maaslingen zu einem Stockcar umbaute. Drei Monate hat das gedauert. Der Hobbyschrauber hat alles entfernt, was splittern oder Feuer fangen kann. Die Frontscheibe und die der Fahrertür wurden durch ein engmaschiges Gitterdraht ersetzt. Kocher baute einen Rennsitz mit Hosenträgergurten ein. Dazu verleiht ein Überrollbügel dem Auto die nötige Stabilität. Den Motor zerlegte er in seine Einzelteile, säuberte diese oder tauschte sie bei Bedarf aus. Von dem früheren bequeme Mittelklassewagen, der nicht mehr durch den TÜV gekommen war und den Kocher für 50 Euro von einem Bekannten gekauft hat, ist nur noch die Karosserie übrig. Die Sicherheit steht bei dem Sport, bei dem es vor allem um Geschicklichkeit und taktisches Fahren geht, über allem. Vor jedem Rennen werden die Autos von einer Kommission abgenommen. Bei Mängeln muss nachgebessert werden, ansonsten wird die Starterlaubnis entzogen. Die Fahrer tragen Schutzhelme und -brillen, eine Nackenstütze, festes Schuhwerk, Handschuhe und einen Sicherheitsrennoveralls. Als Siska Kocher im Februar zum ersten Mal in ihrer Evi saß – so wird der Opel von ihr und ihrem Team genannt – hatte sie zunächst großen Respekt. Der legte sich aber schnell und wandelte sich in Ehrgeiz um. „Ich habe bei meinem ersten Rennwochenende direkt angegriffen, danach hatte ich auch überhaupt keine Blessuren“, sagt sie, und Christian Kocher ergänzt: „In der Zeit, in der ich gefahren bin, hatten meine Kumpels, die Fußball spielten, weitaus mehr und schwerere Verletzungen.“ Während Siskas Vater Michael von Anfang an von den Stockcar-Plänen seiner Tochter begeistert war, hatte ihre Mutter Katja zunächst Bedenken: „Ich vertraue aber voll und ganz Christian, und inzwischen finde ich es auch richtig gut, dass Siska fährt.“ Das Ziel der jungen Pilotin ist es, irgendwann ihren ersten eigenen Pokal in den Händen zu halten. Einen hat sie bereits in ihrem Schrank stehen. Den schenkte ihr allerdings Christian nach seinem Sieg 2012 in Linsburg. Da stand sie noch als Fan an der Strecke, und er brachte im Boliden seine Gegner zum Drehen. „Aber wenn Siska so weiterfährst, dauert es nicht mehr lange, dann wird sie selbst auf dem Treppchen stehen“, ist sich ihr Cousin sicher. Fakten: Beide Elternteile müssen ihre Zustimmung geben Siska Kocher startet in der Klasse 4 der Interessen-Gemeinschaft-Nord-West (IGNW), die die nordwestdeutsche Stockcar-Meisterschaft ausfährt. Die Saison besteht aus vier Rennen in Martfeld, Bramsche, Linsburg und Deste. Die Piloten in der Klasse 4 sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Es ist die Nachwuchsklasse. Ihre Autos dürfen eine Hubraumgröße von höchstens 1,5 Litern haben und nicht getuned sein. Kochers Opel Astra F hat 82 PS und einen Hubraum von 1,4 Litern. Minderjährige erhalten nur dann die Fahrerlaubnis für Stockcar-Rennen, wenn beide Elternteile schriftlich zustimmen. An einem Rennwochenende werden drei Rennen gefahren. Am Samstag steht das erste an, sonntags dann die weiteren zwei. Jedes dauert netto 15 Minuten, zieht sich wegen Unterbrechungen allerdings bis zu einer Stunde hin. Denn das Rennen wird bei Gefahrensituation gestoppt, beispielsweise dann wenn ein Auto auf dem Dach liegt oder sich Fahrzeuge auf der Ackerpiste festgefahren haben und von Traktoren erst wieder freigeschleppt werden müssen. Ziel ist es, in der Nettofahrtzeit möglichst viele Punkte zu sammeln. Pro komplett absolvierte Runde gibt es fünf Zähler, wenn man ein gegnerisches Fahrzeug um 90 Grad dreht, erhält der Pilot 10 und wenn er es zum Überschlag bringt 30 Punkte. Minuspunkte werden ebenfalls vergeben, beispielsweise bei einem Angriff auf die Fahrertür, Ausbremsen oder bei Bahnflucht. (apl)