Tokio/Minden

Rudern: Fabrys größtes sportliches Abenteuer - Mindener Steuermann kehrt mit WM-Gold aus Japan zurück

Astrid Plaßhenrich

Die Goldmedaillen baumeln um den Hals: Nach der Siegerehrung wird Steuermann Julius Fabry von seinen Teamkollegen auf die Schultern gehoben. Die zweitplatzierten Südafrikaner (links) schauen sich den deutschen Jubel genau an. - © Foto: Detlev Seyb/pr
Die Goldmedaillen baumeln um den Hals: Nach der Siegerehrung wird Steuermann Julius Fabry von seinen Teamkollegen auf die Schultern gehoben. Die zweitplatzierten Südafrikaner (links) schauen sich den deutschen Jubel genau an. (© Foto: Detlev Seyb/pr)

Tokio/Minden (mt). Endlich wieder ausschlafen. Julius Fabry freute sich auf Minden, auf sein zu Hause, seine Familie, Freunde und auf sein eigenes Bett. Fünf aufregende Wochen liegen hinter dem Steuermann des Bessel-Ruder-Clubs (BRC). Fünf Wochen, in denen er alles seinem Sport unterordnete. Fünf Wochen, in denen alles auf dieses eine große Ziel ausgerichtet war. Es waren Wochen des Verzichts, der Disziplin und der harten Arbeit. Aber all die Strapazen haben sich gelohnt – denn dieser eine Plan ging zu 100 Prozent auf. Als am Montagabend seine Eltern Doris und Andreas ihren 15-jährigen Sohn endlich wiedersahen, nahmen sie einen Junioren-Weltmeister in den Arm.

„Langsam realisieren wir alle, dass wir es tatsächlich geschafft haben“, sagte Julius Fabry, als er am Sonntagabend in seinem Zimmer des 39-stöckigen Hotels „Shinagawa Prince“ in Tokio saß. Bis dahin hatte sich alles wie im Traum angefühlt – so unwirklich. Zwölf Stunden zuvor hat der Mindener mit seinen Mannschaftskameraden Erik Bruns (Hamburg), Frederik Breuer (Bonn), Tjark Löwa und Ben Gebauer (beide Berlin) im Vierer mit Steuermann eine unglaubliche Aufholjagd im WM-Finale hingelegt. „Wir wollten einen möglichst schnellen Start hinlegen. Das hat aber überhaupt nicht geklappt“, berichtet der Schüler des Herder-Gymnasiums. Nach 500 von den 2000 Metern waren die Deutschen nur auf Rang fünf von sechs Booten. Nach der Hälfte hatten Fabry & Co. einen Platz gutgemacht. „Wir haben den Endspurt dann 600 Meter vor dem Ziel, also sehr früh, angesetzt. Das war die richtige Entscheidung“, sagt der BRC-Athlet. Die Deutschen mobilisierten auf der Regattastrecke „Sea Forest Waterway“ in der Bucht der Megametropole ihre letzten Kraftreserven, katapultierten sich 100 Meter vor Rennende an die Spitze und überquerten drei Zehntelsekunden vor den Südafrikanern die Ziellinie. „Wir waren alle fassungslos, niemand konnte es glauben“, erzählt Fabry. Anschließend ging es zur Siegerehrung. Nationalhymne. Gänsehaut.

Die deutschen Ruderer besuchten eine der wohl größten Kreuzungen der Welt in Tokios Stadtteil Shibuya und zogen die Blicke auf sich. - © Foto: Hide 1228/CC-BY- SA-4.0/Wikipedia
Die deutschen Ruderer besuchten eine der wohl größten Kreuzungen der Welt in Tokios Stadtteil Shibuya und zogen die Blicke auf sich. (© Foto: Hide 1228/CC-BY- SA-4.0/Wikipedia)

Da jubelten dem neuen Junioren-Weltmeister auch seine BRC-Kollegen Alexander Pischke und Denis Roschlau zu. Letzterer ist Pilot und hat Pischke zum viertägigen Kurztrip nach Tokio mitgenommen. „Das ist schon eine coole Nummer, dass die beiden an der Strecke waren“, sagt Fabry. Auch für Pischke war das Wochenende mit den zwei elfstündigen Flügen ein einmaliges Erlebnis: „Tokio ist eine beeindruckende Metropole. Dass Julius dann noch Weltmeister wird, setzt allem die Krone auf. Wir sind wahnsinnig stolz auf ihn und sein Team.“

Fabry ist als Steuermann der Taktgeber. Er ist es, der die Renntaktik verwaltet, der reagiert, wenn die anderen Boote attackieren, der seine Teamkollegen lautstark motiviert und der den Vierer in der Ideallinie hält. Im Endlauf bedeutete das 6:32,41 Minuten höchste Konzentration, höchste Anspannung.

Der Finaltag hatte für den deutschen Vierer und seinen Steuermann – wie sooft in den vergangenen Wochen – um 5.45 Uhr mit dem Frühstück begonnen. Anschließend ging es in einer 30-minütigen Busfahrt an die Strecke. Bereits vor 8 Uhr waren die Jungs noch einmal auf dem Wasser. Ein letzter Test, weil im Vergleich zum Vorlauf Gegenwind eingesetzt hatte. „Die Bedingungen waren brutal“, erzählt Fabry. Bereits morgens wurde die 30-Grad-Grenze geknackt. In der Mittagshitze war es kaum auszuhalten, die Luftfeuchtigkeit extrem hoch. Zwei Stunden musste das deutsche Team zwischen dem letzten Test und Start in klimatisierten Räumen überbrücken – dann ging es endlich los. „Wir hatten alle ein gutes Gefühl und waren bis kurz vor dem Start recht locker. Dass dann aber irgendwann die Anspannung kam, ist klar“, berichtet der Mindener.

Die Deutschen hatten auch deshalb ein gutes Gefühl, weil es bereits im Vorlauf am Donnerstag rund lief. Mit dem ersten Platz qualifizierte sich das Quintett direkt für das Finale am Sonntag und musste nicht den Umweg über die Hoffnungsläufe gehen. Deshalb hatten die Fünf auch ein wenig Zeit zum Sightseeing. Dazu gehörte auch Tokios bekannteste Kreuzung im Stadtbezirk Shibuya. Bis zu 15.000 Menschen strömen pro Grünphase in alle Richtungen – auch diagonal – über die Straße. „Das war schon sehr lustig. Tjark ist etwa zwei Meter groß und blond. Der war trotz der Menschenmassen von überall aus gut erkennen und zog die Blicke auf sich“, erzählt Fabry. Der Mindener tauchte in Japan in eine völlig andere Welt ein. Die jungen Athleten waren in Deutschland zwar auf Land und Leute mit Vorträgen vorbereitet worden, doch spätestens mit der Ankunft am Tokioer Flughafen, waren sie in einer anderen Dimension angekommen. „Das war schon krass, die riesigen Wolkenkratzer, die komplett andere Kultur“, sagt der Schüler. Tag und Nacht pulsiert in der Metropole das Leben. „Egal zu welcher Uhrzeit wir auf die Straße gingen, die waren immer voll von Menschen“, sagt der Mindener.

Nach dem Finallauf pulsierte allerdings auch das Handy des 15-Jährigen. Die Glückwünsche kamen im Sekundentakt. Mit seinen Eltern schrieb er direkt nach Rennende. Sie hatten das Finale 9100 Kilometer westlich im Internet verfolgt und die Daumen gedrückt. Das Feiern musste dann aber ein wenig warten. „Wir haben erst einmal die Boote aufgeladen“, berichtet Fabry. Nachmittags machten die Weltmeister dann eine Bootstour mit Blick auf die atemberaubende Skyline. Wie sollten Ruderer auch anders ihren Titel feiern als auf dem Wasser? Anschließend ging es zurück ins Hotel. Die deutsche Delegation mit ihren etwa 60 Athleten sowie den Trainern, Betreuern und der medizinischen Abteilung ließ den Sonntagabend zusammen ausklingen. „Es sind alle gut drauf“, erzählt der Mindener. Kein Wunder: Schließlich waren die Deutschen in Japan die erfolgreichste Nation, holten insgesamt zwölf Medaillen, davon fünfmal Gold, dreimal Silber und viermal Bronze.

Fabrys bisher größtes sportliches Abenteuer hatte bereits vor fünf Wochen begonnen. Während seine Familie und Freunde in den Urlaub starteten, fuhr er ins Trainingslager nach Berlin. „Ich hatte in der ganzen Zeit aber nie Heimweh“, sagt der 15-Jährige, „die Stimmung war immer gut, es gab nie Stress. Es hat einfach nur Spaß gemacht.“ Bevor das Oberstufenleben losgeht, will Fabry die letzten beiden Ferienwochen genießen. „Freunde treffen, abschalten, einfach entspannen“, sagt er – und vor allem auch ausschlafen.

Die Autorin ist erreichbarunter (0571) 882 173 oderAstrid.Plasshenrich@MT.de

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Tokio/MindenRudern: Fabrys größtes sportliches Abenteuer - Mindener Steuermann kehrt mit WM-Gold aus Japan zurückAstrid PlaßhenrichTokio/Minden (mt). Endlich wieder ausschlafen. Julius Fabry freute sich auf Minden, auf sein zu Hause, seine Familie, Freunde und auf sein eigenes Bett. Fünf aufregende Wochen liegen hinter dem Steuermann des Bessel-Ruder-Clubs (BRC). Fünf Wochen, in denen er alles seinem Sport unterordnete. Fünf Wochen, in denen alles auf dieses eine große Ziel ausgerichtet war. Es waren Wochen des Verzichts, der Disziplin und der harten Arbeit. Aber all die Strapazen haben sich gelohnt – denn dieser eine Plan ging zu 100 Prozent auf. Als am Montagabend seine Eltern Doris und Andreas ihren 15-jährigen Sohn endlich wiedersahen, nahmen sie einen Junioren-Weltmeister in den Arm. „Langsam realisieren wir alle, dass wir es tatsächlich geschafft haben“, sagte Julius Fabry, als er am Sonntagabend in seinem Zimmer des 39-stöckigen Hotels „Shinagawa Prince“ in Tokio saß. Bis dahin hatte sich alles wie im Traum angefühlt – so unwirklich. Zwölf Stunden zuvor hat der Mindener mit seinen Mannschaftskameraden Erik Bruns (Hamburg), Frederik Breuer (Bonn), Tjark Löwa und Ben Gebauer (beide Berlin) im Vierer mit Steuermann eine unglaubliche Aufholjagd im WM-Finale hingelegt. „Wir wollten einen möglichst schnellen Start hinlegen. Das hat aber überhaupt nicht geklappt“, berichtet der Schüler des Herder-Gymnasiums. Nach 500 von den 2000 Metern waren die Deutschen nur auf Rang fünf von sechs Booten. Nach der Hälfte hatten Fabry & Co. einen Platz gutgemacht. „Wir haben den Endspurt dann 600 Meter vor dem Ziel, also sehr früh, angesetzt. Das war die richtige Entscheidung“, sagt der BRC-Athlet. Die Deutschen mobilisierten auf der Regattastrecke „Sea Forest Waterway“ in der Bucht der Megametropole ihre letzten Kraftreserven, katapultierten sich 100 Meter vor Rennende an die Spitze und überquerten drei Zehntelsekunden vor den Südafrikanern die Ziellinie. „Wir waren alle fassungslos, niemand konnte es glauben“, erzählt Fabry. Anschließend ging es zur Siegerehrung. Nationalhymne. Gänsehaut. Da jubelten dem neuen Junioren-Weltmeister auch seine BRC-Kollegen Alexander Pischke und Denis Roschlau zu. Letzterer ist Pilot und hat Pischke zum viertägigen Kurztrip nach Tokio mitgenommen. „Das ist schon eine coole Nummer, dass die beiden an der Strecke waren“, sagt Fabry. Auch für Pischke war das Wochenende mit den zwei elfstündigen Flügen ein einmaliges Erlebnis: „Tokio ist eine beeindruckende Metropole. Dass Julius dann noch Weltmeister wird, setzt allem die Krone auf. Wir sind wahnsinnig stolz auf ihn und sein Team.“ Fabry ist als Steuermann der Taktgeber. Er ist es, der die Renntaktik verwaltet, der reagiert, wenn die anderen Boote attackieren, der seine Teamkollegen lautstark motiviert und der den Vierer in der Ideallinie hält. Im Endlauf bedeutete das 6:32,41 Minuten höchste Konzentration, höchste Anspannung. Der Finaltag hatte für den deutschen Vierer und seinen Steuermann – wie sooft in den vergangenen Wochen – um 5.45 Uhr mit dem Frühstück begonnen. Anschließend ging es in einer 30-minütigen Busfahrt an die Strecke. Bereits vor 8 Uhr waren die Jungs noch einmal auf dem Wasser. Ein letzter Test, weil im Vergleich zum Vorlauf Gegenwind eingesetzt hatte. „Die Bedingungen waren brutal“, erzählt Fabry. Bereits morgens wurde die 30-Grad-Grenze geknackt. In der Mittagshitze war es kaum auszuhalten, die Luftfeuchtigkeit extrem hoch. Zwei Stunden musste das deutsche Team zwischen dem letzten Test und Start in klimatisierten Räumen überbrücken – dann ging es endlich los. „Wir hatten alle ein gutes Gefühl und waren bis kurz vor dem Start recht locker. Dass dann aber irgendwann die Anspannung kam, ist klar“, berichtet der Mindener. Die Deutschen hatten auch deshalb ein gutes Gefühl, weil es bereits im Vorlauf am Donnerstag rund lief. Mit dem ersten Platz qualifizierte sich das Quintett direkt für das Finale am Sonntag und musste nicht den Umweg über die Hoffnungsläufe gehen. Deshalb hatten die Fünf auch ein wenig Zeit zum Sightseeing. Dazu gehörte auch Tokios bekannteste Kreuzung im Stadtbezirk Shibuya. Bis zu 15.000 Menschen strömen pro Grünphase in alle Richtungen – auch diagonal – über die Straße. „Das war schon sehr lustig. Tjark ist etwa zwei Meter groß und blond. Der war trotz der Menschenmassen von überall aus gut erkennen und zog die Blicke auf sich“, erzählt Fabry. Der Mindener tauchte in Japan in eine völlig andere Welt ein. Die jungen Athleten waren in Deutschland zwar auf Land und Leute mit Vorträgen vorbereitet worden, doch spätestens mit der Ankunft am Tokioer Flughafen, waren sie in einer anderen Dimension angekommen. „Das war schon krass, die riesigen Wolkenkratzer, die komplett andere Kultur“, sagt der Schüler. Tag und Nacht pulsiert in der Metropole das Leben. „Egal zu welcher Uhrzeit wir auf die Straße gingen, die waren immer voll von Menschen“, sagt der Mindener. Nach dem Finallauf pulsierte allerdings auch das Handy des 15-Jährigen. Die Glückwünsche kamen im Sekundentakt. Mit seinen Eltern schrieb er direkt nach Rennende. Sie hatten das Finale 9100 Kilometer westlich im Internet verfolgt und die Daumen gedrückt. Das Feiern musste dann aber ein wenig warten. „Wir haben erst einmal die Boote aufgeladen“, berichtet Fabry. Nachmittags machten die Weltmeister dann eine Bootstour mit Blick auf die atemberaubende Skyline. Wie sollten Ruderer auch anders ihren Titel feiern als auf dem Wasser? Anschließend ging es zurück ins Hotel. Die deutsche Delegation mit ihren etwa 60 Athleten sowie den Trainern, Betreuern und der medizinischen Abteilung ließ den Sonntagabend zusammen ausklingen. „Es sind alle gut drauf“, erzählt der Mindener. Kein Wunder: Schließlich waren die Deutschen in Japan die erfolgreichste Nation, holten insgesamt zwölf Medaillen, davon fünfmal Gold, dreimal Silber und viermal Bronze. Fabrys bisher größtes sportliches Abenteuer hatte bereits vor fünf Wochen begonnen. Während seine Familie und Freunde in den Urlaub starteten, fuhr er ins Trainingslager nach Berlin. „Ich hatte in der ganzen Zeit aber nie Heimweh“, sagt der 15-Jährige, „die Stimmung war immer gut, es gab nie Stress. Es hat einfach nur Spaß gemacht.“ Bevor das Oberstufenleben losgeht, will Fabry die letzten beiden Ferienwochen genießen. „Freunde treffen, abschalten, einfach entspannen“, sagt er – und vor allem auch ausschlafen. Die Autorin ist erreichbarunter (0571) 882 173 oderAstrid.Plasshenrich@MT.de