Kommentar zu den bisherigen Auftritten der deutschen Radprofis bei der Tour de France: Mitfiebern erlaubt

Thomas Kühlmann

Erst die leidenschaftlichen Auftritte von Sebastian Schachmann bei den Flach-Etappen, dann die Husarenritte von Emanuel Buchmann im Hochgebirge: Der deutsche Radsport erlebt bei der Tour de France eine Renaissance, wie man sie vor Beginn der prestigeträchtigsten Rundfahrt der Welt nie für möglich gehalten hätte. Während Schachmann seinen Mut jedoch teuer bezahlen musste und mit einem Mittelhandbruch bereits in der Heimat auf die Operation wartet, ist Buchmann auf dem besten Weg, zumindest sein Minimalziel – einen Platz unter den besten Zehn im Gesamtklassement – locker zu erreichen.

Wer den Ravensburger jedoch gerade in den Pyrenäen bei seinen Fahrten hoch auf den legendären Col du Tourmalet und gestern nach Foix Prat d'Albis beobachtet hat, wird bemerkt haben, dass der Deutsche noch lange nicht an der Grenze seines Leistungsvermögens angekommen ist. Im Gegenteil. Während in Titelverteidiger Geraint Thomas oder den Mitfavoriten Rigoberto Uran oder Nairo Quintana einer nach dem anderen Federn lässt, besticht der Mann vom Bodensee mit einer sensationellen Leichtigkeit und Konstanz, die es lange nicht bei einem Athleten des Bundes Deutscher Radfahrer gegeben hat. Sogar ein Platz auf dem Treppchen am kommenden Sonntag in Paris scheint keine Utopie, liegen doch die ersten sechs Fahrer nur etwas mehr als zwei Minuten auseinander. Und die Alpen als nächster Gradmesser kommen ja noch.

Deshalb ist es legitim, dass man sich selbst plötzlich wieder beim Mitfiebern ertappt. Das ganze Spektakel jedoch pauschal sofort wieder als dopingverseucht abzustempeln, wäre nicht fair, hat man doch gesehen, dass im Nordischen Skisport oder Biathlon der Sumpf ebenso tief ist – die TV-Sender aber dank Top-Quoten trotzdem munter weiter übertragen haben.

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Kommentar zu den bisherigen Auftritten der deutschen Radprofis bei der Tour de France: Mitfiebern erlaubtThomas KühlmannErst die leidenschaftlichen Auftritte von Sebastian Schachmann bei den Flach-Etappen, dann die Husarenritte von Emanuel Buchmann im Hochgebirge: Der deutsche Radsport erlebt bei der Tour de France eine Renaissance, wie man sie vor Beginn der prestigeträchtigsten Rundfahrt der Welt nie für möglich gehalten hätte. Während Schachmann seinen Mut jedoch teuer bezahlen musste und mit einem Mittelhandbruch bereits in der Heimat auf die Operation wartet, ist Buchmann auf dem besten Weg, zumindest sein Minimalziel – einen Platz unter den besten Zehn im Gesamtklassement – locker zu erreichen. Wer den Ravensburger jedoch gerade in den Pyrenäen bei seinen Fahrten hoch auf den legendären Col du Tourmalet und gestern nach Foix Prat d'Albis beobachtet hat, wird bemerkt haben, dass der Deutsche noch lange nicht an der Grenze seines Leistungsvermögens angekommen ist. Im Gegenteil. Während in Titelverteidiger Geraint Thomas oder den Mitfavoriten Rigoberto Uran oder Nairo Quintana einer nach dem anderen Federn lässt, besticht der Mann vom Bodensee mit einer sensationellen Leichtigkeit und Konstanz, die es lange nicht bei einem Athleten des Bundes Deutscher Radfahrer gegeben hat. Sogar ein Platz auf dem Treppchen am kommenden Sonntag in Paris scheint keine Utopie, liegen doch die ersten sechs Fahrer nur etwas mehr als zwei Minuten auseinander. Und die Alpen als nächster Gradmesser kommen ja noch. Deshalb ist es legitim, dass man sich selbst plötzlich wieder beim Mitfiebern ertappt. Das ganze Spektakel jedoch pauschal sofort wieder als dopingverseucht abzustempeln, wäre nicht fair, hat man doch gesehen, dass im Nordischen Skisport oder Biathlon der Sumpf ebenso tief ist – die TV-Sender aber dank Top-Quoten trotzdem munter weiter übertragen haben.