Minden

MT-Serie, Schiedsrichter: Bierduschen, nölende Schalker und ein fehlender Torwart - Unparteiische plaudern aus dem Nähkästchen

Fabian Terwey

Nach dem jüngsten Kreispokalfinale erhielten die Schiedsrichter (von links) Jörg Manteuffel, André Pulter und Johannes Kuse ein Fass Bier als Dank. Manchmal werden sie damit aber auch bespritzt. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Nach dem jüngsten Kreispokalfinale erhielten die Schiedsrichter (von links) Jörg Manteuffel, André Pulter und Johannes Kuse ein Fass Bier als Dank. Manchmal werden sie damit aber auch bespritzt. MT- (© Foto: Fabian Terwey)

Minden. Darf der Schiedsrichter-Job auch Spaß machen? Na klar! Auch wenn Unparteiische in den Hallen und auf den Sportplätzen eine Menge einstecken müssen, erleben sie viele kuriose Geschichten.

Bierdusche im Heidewald

„Als ich wieder nach Hause kam, fragte mich meine Frau, ob ich in der Kneipe gewesen sei“, berichtet Thomas Schickentanz. Dabei kam der Vorsitzende des Fußballkreises Minden nur vom Sportplatz. Als Oberliga-Assistent schlug ihm einst in Gütersloh der Frust der Fans entgegen. „Das Spiel lief gegen den FCG und die Zuschauer im Heidewaldstadion waren ziemlich aufgebracht. An der Seitenlinie habe ich von einigen erzürnten Fans dann das eine oder andere Bier in den Nacken bekommen.“ Der Geruch hing ihm noch am Abend in den Kleidern – eine gute Erklärung für seine Frau.

Wurfgeschoss als Andenken

André Pulter wurde einst mit einem Feuerzeug beworfen. Heute ist es für ihn ein Andenken. - © Foto: privat
André Pulter wurde einst mit einem Feuerzeug beworfen. Heute ist es für ihn ein Andenken. (© Foto: privat)

Auch André Pulter kassierte als Assistent im Heidewaldstadion schon eine Bierdusche, nimmt es aber ebenso mit Humor: „Die Gütersloher wollten mich für meine Leistung wohl belohnen.“ In einem Regionalliga-Spiel an der Essener Hafenstraße bewarfen die Fans den heutigen Schiedsrichter-Lehrwart im Fußballkreis mit weitaus härteren Gegenständen. Pulter hatte als Assistent gegen die Heimmannschaft RW Essen entschieden: „Da flogen mir sogar Zehn-Pfennig-Stücke um die Ohren.“ Aber auch ein Feuerzeug war darunter: „Das landete bei mir zufällig genau in der Hosentasche. Ich habe es noch heute.“ Es ist zum Andenken für den Schiedsrichter von der FT Dützen geworden.

Schwarz vor Augen

Schiedsrichter Hans-Werner Thielking (von links), Spieler Felix Kruke (Espelkamp) und Gespannpartner Uli Leye. - © Foto: privat
Schiedsrichter Hans-Werner Thielking (von links), Spieler Felix Kruke (Espelkamp) und Gespannpartner Uli Leye. (© Foto: privat)

Johannes Kuse reiste bereits mit einem mulmigen Gefühl nach Espelkamp. Der 37-jährige Fußball-Schiedsrichter vom SV Hausberge hatte als Assistent von Gürhan Celik bereits seit drei Jahren vergeblich daran gearbeitet, seinem Kollegen zum Sprung in die Westfalenliga zu verhelfen. Nun stand das wichtige Landesliga-Spiel zwischen Preußen und dem VfL Holsen an. Doch das war nicht der Grund für Kuses Unwohlsein: „Irgendwie war mir einfach nicht gut. Gesagt habe ich nichts, weil die Partie für Gürhan einfach zu wichtig war.“ Doch in der Halbzeit ging plötzlich nichts mehr, Kuses Kreislauf machte in der Eiseskälte schlapp: „Mir wurde schwarz vor Augen. Deswegen musste ich in der Kabine bleiben.“ Als Ersatz sprang in der Schnee-Schlacht spontan Gunnar Schladitz ein. Der Referee war zufällig vor Ort und übernahm die Fahne. Celik schaffte schließlich den Aufstieg, und Kuse kommentiert augenzwinkernd: „Ich bin froh, dass ich ihm mit meinem Ausfall helfen konnte.“

Quasts Anfänge

„Ich kannte zwar alle Regeln, hatte aber den Bogen noch nicht raus“, berichtet Udo Quast. Der Schiedsrichter-Boss im Fußballkreis Minden leitete einst das Freundschaftsspiel der Schalker Altherren in Petershagen. „Es war eine schwere Partie. Da waren noch Spieler wie Ernst Kuzorra dabei. Und weil es für die Schalker zu Beginn nicht lief, fingen die an, zu nölen. Das wurde erst im Laufe des Spiels besser.“ Denn als sich der „Schalker Kreisel“ drehte, gewannen die Knappen am Ende noch.

Geld in der Halbzeit

Eigentlich sollte im Sommer Schluss sein. „Doch wegen der Corona-Pause pfeife ich noch bis Ende des Jahres weiter. Mir gefällt es, Spiele zu leiten und danach auch mal mit meinem Gespannpartner ein Bier zusammen zu trinken“, sagt Hans-Werner Thielking. Doch der 75-jährige Handball-Schiedsrichter von Lit Tribe Germania hat in knapp 30 Jahren nicht nur angenehme Seiten erlebt: „'Wir verprügeln euch', haben wir von der Tribüne schonmal zu hören bekommen“, berichtet er. Eher spaßig war für Thielking dagegen die Begegnung mit einem Anhänger von Blomberg-Lippe: „Die HSG verlor ihr Heimspiel. Ein Zuschauer flachste und rief meinem Partner Bernd Röthemeier und mir zu: 'Das Geld könnt ihr nach eurer schlechten Leistung vergessen.' Doch wir waren gelassen. Denn wir hatten unsere Aufwandsentschädigung schon in der Halbzeit erhalten.“

Ball klebt am Pfosten

Bereits seit 1995 leitet Hans-Dieter Riechmann Handball-Partien, doch das hatte der 71-Jährige vom TuS Eintracht Oberlübbe noch nie erlebt: „Wir haben uns alle ganz verdutzt angeguckt, aber bei geharzten Bällen kann auch so etwas mal passieren.“ Was war geschehen? „Es stand remis im B-Jugend-Spiel zwischen Gastgeber Bösingfeld und Lemgo, da setzten die Hausherren kurz vor Schluss noch einmal zu einem wunderbaren Heber an“, schildert Riechmann: „Der Ball war schon auf dem Weg ins Tor, blieb dann aber am Pfosten kleben.“

Siebenmeter ohne Torwart

Sohn Carsten und Enkel Finn taten es Helmut Reinstädtler gleich und sind ebenfalls Handball-Schiedsrichter geworden. Doch der Anfang war für den Ältesten der Drei schwer: „Ursprünglich bin ich 1982 Schiedsrichter geworden, weil ich als Trainer der Zweiten Damenmannschaft und im Jugendbereich von Eintracht Minden dachte, ich wäre besser als die Unparteiischen, die wir so hatten. Als Referee habe ich dann schnell gemerkt, dass das nicht so war.“ Ein Fehler ist Helmut Reinstädtler ganz besonders in Erinnerung geblieben: „Als Rückraum-Schiedsrichter habe ich mich bei einem Siebenmeter in Nettelstedt ganz genau darauf konzentriert, dass der Schütze sich richtig positioniert. Erst als alles korrekt war, habe ich zur Ausführung gepfiffen. Plötzlich habe ich aber gemerkt, dass gar kein Keeper da war. Der Schütze hat daraufhin ins leere Tor geworfen. Wir haben den Siebenmeter dann natürlich wiederholen lassen.“ Doch auch seine Gespannpartner irrten mitunter: „Ich hatte einen Kollegen, der aus dem Fußball kam. In einer Partie pfiff er plötzlich Abseits. Das war noch lange Gespräch in der Handball-Szene.“

Einjährige Sperre drohte

Letzter Handball-Spieltag und Referee Friedhelm Struck konnte kaum glauben, was ihm die zwei Frauen-Mannschaften da unterbreiteten: „Beide waren sich einig, bei dem schönen Wetter nicht spielen zu wollen. 'Tragen Sie doch einfach ein Unentschieden in den Spielbericht ein und wir können alle raus in die Sonne', schlugen sie meinem Partner und mir vor.“ Keine Chance – Struck und sein Kollege pfiffen die Partie an: „Erst hinterher haben wir gehört, dass gegen uns sonst eine einjährige Sperre verhängt worden wäre.“

MT-Serie Schiedsrichter

„Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.

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Wurfgeschoss als Andenken Auch André Pulter kassierte als Assistent im Heidewaldstadion schon eine Bierdusche, nimmt es aber ebenso mit Humor: „Die Gütersloher wollten mich für meine Leistung wohl belohnen.“ In einem Regionalliga-Spiel an der Essener Hafenstraße bewarfen die Fans den heutigen Schiedsrichter-Lehrwart im Fußballkreis mit weitaus härteren Gegenständen. Pulter hatte als Assistent gegen die Heimmannschaft RW Essen entschieden: „Da flogen mir sogar Zehn-Pfennig-Stücke um die Ohren.“ Aber auch ein Feuerzeug war darunter: „Das landete bei mir zufällig genau in der Hosentasche. Ich habe es noch heute.“ Es ist zum Andenken für den Schiedsrichter von der FT Dützen geworden. Schwarz vor Augen Johannes Kuse reiste bereits mit einem mulmigen Gefühl nach Espelkamp. Der 37-jährige Fußball-Schiedsrichter vom SV Hausberge hatte als Assistent von Gürhan Celik bereits seit drei Jahren vergeblich daran gearbeitet, seinem Kollegen zum Sprung in die Westfalenliga zu verhelfen. Nun stand das wichtige Landesliga-Spiel zwischen Preußen und dem VfL Holsen an. Doch das war nicht der Grund für Kuses Unwohlsein: „Irgendwie war mir einfach nicht gut. Gesagt habe ich nichts, weil die Partie für Gürhan einfach zu wichtig war.“ Doch in der Halbzeit ging plötzlich nichts mehr, Kuses Kreislauf machte in der Eiseskälte schlapp: „Mir wurde schwarz vor Augen. Deswegen musste ich in der Kabine bleiben.“ Als Ersatz sprang in der Schnee-Schlacht spontan Gunnar Schladitz ein. Der Referee war zufällig vor Ort und übernahm die Fahne. Celik schaffte schließlich den Aufstieg, und Kuse kommentiert augenzwinkernd: „Ich bin froh, dass ich ihm mit meinem Ausfall helfen konnte.“ Quasts Anfänge „Ich kannte zwar alle Regeln, hatte aber den Bogen noch nicht raus“, berichtet Udo Quast. Der Schiedsrichter-Boss im Fußballkreis Minden leitete einst das Freundschaftsspiel der Schalker Altherren in Petershagen. „Es war eine schwere Partie. Da waren noch Spieler wie Ernst Kuzorra dabei. Und weil es für die Schalker zu Beginn nicht lief, fingen die an, zu nölen. Das wurde erst im Laufe des Spiels besser.“ Denn als sich der „Schalker Kreisel“ drehte, gewannen die Knappen am Ende noch. Geld in der Halbzeit Eigentlich sollte im Sommer Schluss sein. „Doch wegen der Corona-Pause pfeife ich noch bis Ende des Jahres weiter. Mir gefällt es, Spiele zu leiten und danach auch mal mit meinem Gespannpartner ein Bier zusammen zu trinken“, sagt Hans-Werner Thielking. Doch der 75-jährige Handball-Schiedsrichter von Lit Tribe Germania hat in knapp 30 Jahren nicht nur angenehme Seiten erlebt: „'Wir verprügeln euch', haben wir von der Tribüne schonmal zu hören bekommen“, berichtet er. Eher spaßig war für Thielking dagegen die Begegnung mit einem Anhänger von Blomberg-Lippe: „Die HSG verlor ihr Heimspiel. Ein Zuschauer flachste und rief meinem Partner Bernd Röthemeier und mir zu: 'Das Geld könnt ihr nach eurer schlechten Leistung vergessen.' Doch wir waren gelassen. Denn wir hatten unsere Aufwandsentschädigung schon in der Halbzeit erhalten.“ Ball klebt am Pfosten Bereits seit 1995 leitet Hans-Dieter Riechmann Handball-Partien, doch das hatte der 71-Jährige vom TuS Eintracht Oberlübbe noch nie erlebt: „Wir haben uns alle ganz verdutzt angeguckt, aber bei geharzten Bällen kann auch so etwas mal passieren.“ Was war geschehen? „Es stand remis im B-Jugend-Spiel zwischen Gastgeber Bösingfeld und Lemgo, da setzten die Hausherren kurz vor Schluss noch einmal zu einem wunderbaren Heber an“, schildert Riechmann: „Der Ball war schon auf dem Weg ins Tor, blieb dann aber am Pfosten kleben.“ Siebenmeter ohne Torwart Sohn Carsten und Enkel Finn taten es Helmut Reinstädtler gleich und sind ebenfalls Handball-Schiedsrichter geworden. Doch der Anfang war für den Ältesten der Drei schwer: „Ursprünglich bin ich 1982 Schiedsrichter geworden, weil ich als Trainer der Zweiten Damenmannschaft und im Jugendbereich von Eintracht Minden dachte, ich wäre besser als die Unparteiischen, die wir so hatten. Als Referee habe ich dann schnell gemerkt, dass das nicht so war.“ Ein Fehler ist Helmut Reinstädtler ganz besonders in Erinnerung geblieben: „Als Rückraum-Schiedsrichter habe ich mich bei einem Siebenmeter in Nettelstedt ganz genau darauf konzentriert, dass der Schütze sich richtig positioniert. Erst als alles korrekt war, habe ich zur Ausführung gepfiffen. Plötzlich habe ich aber gemerkt, dass gar kein Keeper da war. Der Schütze hat daraufhin ins leere Tor geworfen. Wir haben den Siebenmeter dann natürlich wiederholen lassen.“ Doch auch seine Gespannpartner irrten mitunter: „Ich hatte einen Kollegen, der aus dem Fußball kam. In einer Partie pfiff er plötzlich Abseits. Das war noch lange Gespräch in der Handball-Szene.“ Einjährige Sperre drohte Letzter Handball-Spieltag und Referee Friedhelm Struck konnte kaum glauben, was ihm die zwei Frauen-Mannschaften da unterbreiteten: „Beide waren sich einig, bei dem schönen Wetter nicht spielen zu wollen. 'Tragen Sie doch einfach ein Unentschieden in den Spielbericht ein und wir können alle raus in die Sonne', schlugen sie meinem Partner und mir vor.“ Keine Chance – Struck und sein Kollege pfiffen die Partie an: „Erst hinterher haben wir gehört, dass gegen uns sonst eine einjährige Sperre verhängt worden wäre.“ MT-Serie Schiedsrichter „Zwischen den Fronten“ – Ohne sie geht nichts. Und doch stehen sie als Erste in der Kritik. Warum werden junge Menschen Schiedsrichter? Was erleben erfahrene Pfeifenmänner? Und was tun Verbände, um dem Mangel zu begegnen? Mit der Schiedsrichter-Serie beleuchtet das MT zahlreiche Themen rund um den anspruchsvollen Job an der Pfeife.