Minden

Aaron in der Achterbahn: Ziercke und das unstete Geschäft als Handballtrainer

Christian Bendig

Von Null auf Hundert und zurück: Aaron Ziercke hängt in der Schwebe. Foto: Nadja Dreismann - © Nadja Dreismann Fotografie
Von Null auf Hundert und zurück: Aaron Ziercke hängt in der Schwebe. Foto: Nadja Dreismann (© Nadja Dreismann Fotografie)

Minden. Bei Aaron Ziercke herrscht ein stetes Auf und Ab. Zumindest in den zurückliegenden Monaten seit seiner Freistellung als Trainer des Handball-Zweitligisten TuS N-Lübbecke. Aktuell arbeitet der Ovenstädter beim Liga-Rivalen TV Emsdetten und für Lettlands Nationalmannschaft. Wie es nach der Corona-Krise weitergeht, ist offener denn je.

Beide Engagements sind bis zum 30. Juni befristet. Ob Ziercke noch die Möglichkeit erhält, beim abstiegsbedrohten TVE das Ruder herumzureißen oder mit den lettischen Handballern die Teilnahme an der Weltmeisterschaft zu schaffen, steht in den Sternen. „Es ist verflixt. Erst musste ich nach der Zeit beim TuS N-Lübbecke ein Jahr bis zum neuen Job in Emsdetten warten, dann kam noch das Nationaltteam hinzu, jetzt ist nichts“, beschreibt der Ex-GWD-Profi seine nervenaufreibende Lebensphase. Nach einer wilden Hatz voller Motivation hat das Coronavirus die Achterbahnfahrt zum Stillstand gebracht.

Ziercke sieht in allem aber auch das Positive. In der Wartezeit auf den Job im Profihandball habe er gelernt, die Zeit zu Hause sinnvoll zu nutzen. „Das haben wir als Familie nun vielleicht einigen anderen voraus.“ Außerdem sagt er: „Es ist gut, dass ich abgeschlossene Ausbildungen als Groß- und Außenhandelskaufmann sowie als Physiotherapeut habe.“ In einen normalen Job zurückzukehren, darüber habe er sich schon während der Arbeitslosigkeit Gedanken gemacht und einiges geplant. Notgedrungen könnten die Pläne nun wieder greifen. Denn wie die Zukunft im Profi-Handball aussieht, käme einem Blick in die Glaskugel gleich. Wann geht die Saison weiter? Und wird sie überhaupt zu Ende gespielt? Immerhin wären in der 2. Liga noch zehn Runden zu absolvieren, um mit Emsdetten den Abstieg noch zu verhindern.

„Der Verein hat mit meiner und mit der Verpflichtung einiger neuer Spieler noch einmal viel Geld in die Hand genommen“, meint Ziercke. Bliebe der TVE bei einem Saisonabbruch auf den Kosten sitzen, wäre das nicht nur ein herber Rückschlag. Mittelfristig sei in Emsdetten ebenso wie in Minden auch der Bau einer neuen Halle geplant. „Viele Vereine kommen bei einem Saisonabbruch in die Bredouille oder gehen kaputt“, weiß der Trainer und vermutet, „dass der einige Vereine gegen einen Saisonabbruch und die Wertung nach aktuellem Tabellenstand klagen werden“.

Spiele vor leeren Rängen kann sich Ziercke nicht vorstellen. „Das wären ja nur noch Trainingsspiele. Besonders im Handball sind die Heimfans das Pfund.“ Zielführend wären Geisterspiele auch nicht. Während der Profi-Fußball wegen der Fernsehgelder spielen will, sind die Haupteinnahmequellen vieler Handball-Zweitligisten die Zuschauer-Einnahmen. Die veränderten finanziellen Rahmenbedingungen hätten eine weitere Folge: Die drastische Verknappung attraktiver Trainerstellen in einem ohnehin schon engen Markt.

Den vielen ungelösten Fragen des Alltagsgeschäfts begegnet Ziercke mit Rationalität. Emotionaler wird er beim Blick auf die lettische Nationalmannschaft. „Ich habe mit GWD Minden II und als Co-Trainer bei den Profis sowie Empor Rostock, dem TuS N-Lübbecke und nun Emsdetten eher wenig in meiner Vita stehen. Der Job bei den Letten ist die Chance, sich international zu beweisen.“

Eine WM-Teilnahme wäre für Ziercke ein Quantensprung. In den Playoffs könnte aber Chancengleichheit zum Problem werden. „Einigen fehlt wegen eines Abbruchs Spielpraxis, andere spielen noch Champions League und sagen wegen Verletzungsgefahr die Nationalmannschaft ab“, prophezeit Ziercke. „Als Trainer kannst du vielleicht gar nicht beweisen, was du kannst“, unterstreicht er. Die Probleme des Handballs sieht er im gesamtgesellschaftlichen Kontext aber realistisch: „Profisport ist eine Unterhaltungsindustrie. In Italien müssen Ärzte gerade darüber entscheiden, wen sie mit einem Beatmungsgerät am Leben erhalten, und wer stirbt. Dagegen sind unsere Probleme nichts.“

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MindenAaron in der Achterbahn: Ziercke und das unstete Geschäft als HandballtrainerChristian BendigMinden. Bei Aaron Ziercke herrscht ein stetes Auf und Ab. Zumindest in den zurückliegenden Monaten seit seiner Freistellung als Trainer des Handball-Zweitligisten TuS N-Lübbecke. Aktuell arbeitet der Ovenstädter beim Liga-Rivalen TV Emsdetten und für Lettlands Nationalmannschaft. Wie es nach der Corona-Krise weitergeht, ist offener denn je. Beide Engagements sind bis zum 30. Juni befristet. Ob Ziercke noch die Möglichkeit erhält, beim abstiegsbedrohten TVE das Ruder herumzureißen oder mit den lettischen Handballern die Teilnahme an der Weltmeisterschaft zu schaffen, steht in den Sternen. „Es ist verflixt. Erst musste ich nach der Zeit beim TuS N-Lübbecke ein Jahr bis zum neuen Job in Emsdetten warten, dann kam noch das Nationaltteam hinzu, jetzt ist nichts“, beschreibt der Ex-GWD-Profi seine nervenaufreibende Lebensphase. Nach einer wilden Hatz voller Motivation hat das Coronavirus die Achterbahnfahrt zum Stillstand gebracht. Ziercke sieht in allem aber auch das Positive. In der Wartezeit auf den Job im Profihandball habe er gelernt, die Zeit zu Hause sinnvoll zu nutzen. „Das haben wir als Familie nun vielleicht einigen anderen voraus.“ Außerdem sagt er: „Es ist gut, dass ich abgeschlossene Ausbildungen als Groß- und Außenhandelskaufmann sowie als Physiotherapeut habe.“ In einen normalen Job zurückzukehren, darüber habe er sich schon während der Arbeitslosigkeit Gedanken gemacht und einiges geplant. Notgedrungen könnten die Pläne nun wieder greifen. Denn wie die Zukunft im Profi-Handball aussieht, käme einem Blick in die Glaskugel gleich. Wann geht die Saison weiter? Und wird sie überhaupt zu Ende gespielt? Immerhin wären in der 2. Liga noch zehn Runden zu absolvieren, um mit Emsdetten den Abstieg noch zu verhindern. „Der Verein hat mit meiner und mit der Verpflichtung einiger neuer Spieler noch einmal viel Geld in die Hand genommen“, meint Ziercke. Bliebe der TVE bei einem Saisonabbruch auf den Kosten sitzen, wäre das nicht nur ein herber Rückschlag. Mittelfristig sei in Emsdetten ebenso wie in Minden auch der Bau einer neuen Halle geplant. „Viele Vereine kommen bei einem Saisonabbruch in die Bredouille oder gehen kaputt“, weiß der Trainer und vermutet, „dass der einige Vereine gegen einen Saisonabbruch und die Wertung nach aktuellem Tabellenstand klagen werden“. Spiele vor leeren Rängen kann sich Ziercke nicht vorstellen. „Das wären ja nur noch Trainingsspiele. Besonders im Handball sind die Heimfans das Pfund.“ Zielführend wären Geisterspiele auch nicht. Während der Profi-Fußball wegen der Fernsehgelder spielen will, sind die Haupteinnahmequellen vieler Handball-Zweitligisten die Zuschauer-Einnahmen. Die veränderten finanziellen Rahmenbedingungen hätten eine weitere Folge: Die drastische Verknappung attraktiver Trainerstellen in einem ohnehin schon engen Markt. Den vielen ungelösten Fragen des Alltagsgeschäfts begegnet Ziercke mit Rationalität. Emotionaler wird er beim Blick auf die lettische Nationalmannschaft. „Ich habe mit GWD Minden II und als Co-Trainer bei den Profis sowie Empor Rostock, dem TuS N-Lübbecke und nun Emsdetten eher wenig in meiner Vita stehen. Der Job bei den Letten ist die Chance, sich international zu beweisen.“ Eine WM-Teilnahme wäre für Ziercke ein Quantensprung. In den Playoffs könnte aber Chancengleichheit zum Problem werden. „Einigen fehlt wegen eines Abbruchs Spielpraxis, andere spielen noch Champions League und sagen wegen Verletzungsgefahr die Nationalmannschaft ab“, prophezeit Ziercke. „Als Trainer kannst du vielleicht gar nicht beweisen, was du kannst“, unterstreicht er. Die Probleme des Handballs sieht er im gesamtgesellschaftlichen Kontext aber realistisch: „Profisport ist eine Unterhaltungsindustrie. In Italien müssen Ärzte gerade darüber entscheiden, wen sie mit einem Beatmungsgerät am Leben erhalten, und wer stirbt. Dagegen sind unsere Probleme nichts.“