Minden

Gerechtigkeitssinn treibt Schiedsrichter Rolf Burmester an

Fabian Terwey

Rolf Burmester hält in der Halle in Unterlübbe seinen Schiedsrichterschein in der Hand. Seit 30 Jahren leitet der Schiedsrichterwart des Handball-Kreises Minden-Lübbecke Spiele. MT- - © Foto: Fabian Terwey
Rolf Burmester hält in der Halle in Unterlübbe seinen Schiedsrichterschein in der Hand. Seit 30 Jahren leitet der Schiedsrichterwart des Handball-Kreises Minden-Lübbecke Spiele. MT- (© Foto: Fabian Terwey)

Minden. Rolf Burmester präsentiert in seiner Heimathalle in Unterlübbe ein selten gewordenes Dokument. Das langjährige Mitglied von Borussia Mönchengladbach schwört - wie es in der Vereinshymne der Fohlen heißt - nicht nur Stein und Bein auf die Elf vom Niederrhein, sondern auch auf den Schiedsrichterschein. Seit der Vorsaison ist dieser papierlos. Nur noch die digitale Version zählt. „Viele haben den Schein deshalb schon weggeworfen“, sagt der Schiedsrichterwart des Handball-Kreises Minden-Lübbecke: „Ich werde ihn genauso wie meinen alten Spielerpass gut aufbewahren.“

Sein Funktionärsamt will der 57-Jährige nach der kommenden Saison niederlegen - nach dann 15 Jahren. Amtsmüde ist Burmester geworden. Denn beim Ehrenamtler steht das Handy in Sachen Spielansetzungen nur selten still. Spiele pfeifen, möchte Burmester aber weiterhin. Auf der Weihnachtsfeier der Unparteiischen wurde Burmester im Dezember für seinen 30-jährigen Dienst an der Pfeife geehrt. „Fairness ist für mich wichtig. Einen Gerechtigkeitssinn musst du als Schiedsrichter schon haben, auch wenn man es nicht allen recht machen kann“, sagt Burmester. Dabei ist das Pfeifen eine Leidenschaft, die für ihn zunächst so gar keine war.

„Es gab gute und schlechte Momente“, sagt der Vielpfeifer, der in einer Serie bis zu 40 Partien auf Bezirks- und Kreisebene leitet: „Aus negativer Sicht bleiben Spiele hängen, in denen man echt Stoff bekommen hat. Zuschauer haben meinen Kollegen Andreas Tiemann und mich sogar mal mit Papierknäuel aus Vereinszeitungen beworfen. Das tat mir innerlich schon weh.“ Ein Spieler, ohne den Namen zu nennen, sei Burmester und seinem aktuellen Partner Friedhelm Struck auch schonmal in die Kabine gefolgt. Allein, um das Gespann zu beleidigen: „Angeblich hätten wir seine Mannschaft verpfiffen. Dabei hat sein Team alles verworfen. Entschuldigt hat er sich bis heute nicht. Wenn ich ihn irgendwo sehe, grüße ich ihn nicht - und er mich auch nicht.“

In positiver Erinnerung ist Burmester dagegen eine Fehlentscheidung geblieben: „Ich hatte einen falschen Spieler von Hille III vom Feld geschickt. Das hatte mir der eigentliche Übeltäter anschließend in der Partie gestanden. Daraufhin habe ich mich bei seinem Teamkollegen entschuldigt. Der war positiv überrascht und sagte mir, dass er so etwas von einem Schiedsrichter nicht erwartet hätte.“

Wegen eines besonders einschneidenden Erlebnisses machte Burmester in 2019 „nur“ die 30 statt die 40 Jahre als Schiedsrichter voll. Denn seine erste Ausbildung legte Burmester bereits im Alter von zarten 18 Jahren ab: „Die Schulung war 1980 noch an der Kanaluferstraße in der Mindener Kneipe Treffpunkt.“ Burmester hatte das Pfeifen als aktiver Handballer von RW Unterlübbe aber schnell wieder satt. „1980/81 habe ich das A-Jugend-Spiel zwischen Oberlübbe und Nordhemmern alleine gepfiffen“, berichtet Burmester: „Nordhemmern hat damals mit einem Tor Unterschied gewonnen. Danach fing auf Oberlübber Seite das große Meckern an. So wollte ich mich als 18-Jähriger nicht beleidigen lassen. Pfeifen und spielen wurde mir gleichzeitig zu viel. Auch deswegen habe ich dann aufgehört.“ Doch Burmester fand zurück zur Pfeife. „Als ich 28 Jahre alt war brauchte RW Unterlübbe dringender denn je Unparteiische. Ich meldete mich auf der Jahreshauptversammlung als einer von vieren.“ Den Schein musste Burmester neu machen. „Das habe ich damals gemeinsam mit meinem Post-Arbeitskollegen Heiko Rinne gemacht.“

Seine Karriere als zustellender Beamter, die Burmester 1978 unter anderem mit GWD-Ikone Horst „Hotti“ Bredemeier begann, musste er ebenso aus gesundheitlichen Gründen aufgeben wie seine Laufbahn als Handballer. Zuletzt war der vorzeitige Ruheständler bis 2002 als Feldspieler und Ersatztorwart der HSG Unterlübbe/Eickhorst IV aktiv. Leidige Bandscheiben- und Knieoperationen, aber auch eine Hand-OP verfolgten Burmester während und nach seiner Karriere. Die war - wie er selbst sagt - eher bescheiden. „Schiedsrichter sind aber auch selten gute Handballer“, meint Burmester: „Bevor du Mannschaftsauffüller bist, wirst du lieber Unparteiischer.“

Als Neunjähriger hatte Burmester mit dem Sport bei RW Unterlübbe angefangen. „Einen Fußballverein gab es damals bei uns noch nicht. Da wurde man vom Nachbarn überredet, mit zum Handballspielen zu kommen. Ich war groß und plump. Es gab talentiertere als mich. Also wurde ich ins Tor gesteckt“, lacht Burmester: „In der B-Jugend hatte ich dann keinen Bock mehr darauf.“ Es folgte eine Pause als Aktiver. Burmester startete stattdessen eine Trainerlaufbahn, in der er unter anderem eine Mannschaft von der E- bis zur A-Jugend begleitete: „Da war auch Peter ,Gun' Gerfen dabei.“ Der damalige Unterlübber, der nach seinem Wechsel von 1982 bis 1986 auch für GWD Minden spielte, wurde unter anderem 1993/94 Bundesliga-Torschützenkönig in Diensten des VfL Bad Schwartau. „Von dieser Truppe, die ich damals hatte, hat RW Unterlübbe bei den Senioren extrem profitiert“, sagt Burmester.

So hat Burmester als Spieler, Trainer und Schiedsrichter reichlich Zeit in den Sporthallen der Region verbracht. „Meine Frau Susanne hat mich immer gelassen. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt der 57-Jährige nach mittlerweile 21 Ehejahren. Noch heute wohnt Burmester mit ihr und der 20-jährigen Tochter Pia in seinem Elternhaus, in dem er mit seinen drei Geschwistern aufwuchs: „Du brauchst schon einen Partner, der dich unterstützt. Sonst geht es nicht.“ Auch die Arbeit als Schiedsrichterwart kostet Zeit. Burmester ist seit 2005 Teil des vierköpfigen Kreis-Ausschusses. „Michael Vogel ist mein vierter Vorsitzender im Ausschuss. Mein Partner Andreas Tiemann hat mich damals angefragt. Heute bin ich quasi ein Mädchen für alles. Ich setze Spiele an und bin Ansprechpartner für die Schiedsrichter. Der Kontakt zu den Leuten ist immer schön“, erklärt Burmester. Teilweise ist die Ansetzung aber eine zähe Puzzle-Arbeit: „Besonders früher habe ich oft stundenlang vergeblich telefoniert, um Schiedsrichter zu finden. Da habe ich die Partie dann häufig selbst gepfiffen. Das ging schneller. Mittlerweile weiß ich, wen ich auch für kurzfristige Ansetzungen anrufen kann. Immer klappt das aber auch nicht. Und wenn es nur Absagen gibt, macht es keinen Spaß..“

Erste Gespräche über Burmesters Nachfolger ab der Saison 2021/22 stehen Anfang Februar an. Burmester tagt dann mit den weiteren drei Vorstandsmitgliedern des Kreisschiedsrichterausschusses. „Michael Vogel, Frank Begemann, Torsten Huck und ich beraten dann, wer sich für das Amt anbietet“, erklärt Burmester. Der passionierte Radfahrer, der sich vor kurzem auch ein kleines Motorrad angeschafft hat, möchte sich in Zukunft vermehrt seinen Ausflügen widmen - ohne das Handy mitnehmen zu müssen. Den Schiedsrichterschein gibt Burmester dagegen nicht so schnell aus seinen Händen. Sein Gerechtigkeitssinn treibt ihn an.

Das MT-Volo-ProjektDie Volontäre des Mindener Tageblatts beschäftigen sich in diesem Jahr mit dem Schwerpunktthema „Gerechtigkeit“. Das Thema zieht sich in loser Folge durch die verschiedenen Ressorts der Zeitung und den Online-Auftritt MT.de.

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Auf der Weihnachtsfeier der Unparteiischen wurde Burmester im Dezember für seinen 30-jährigen Dienst an der Pfeife geehrt. „Fairness ist für mich wichtig. Einen Gerechtigkeitssinn musst du als Schiedsrichter schon haben, auch wenn man es nicht allen recht machen kann“, sagt Burmester. Dabei ist das Pfeifen eine Leidenschaft, die für ihn zunächst so gar keine war. „Es gab gute und schlechte Momente“, sagt der Vielpfeifer, der in einer Serie bis zu 40 Partien auf Bezirks- und Kreisebene leitet: „Aus negativer Sicht bleiben Spiele hängen, in denen man echt Stoff bekommen hat. Zuschauer haben meinen Kollegen Andreas Tiemann und mich sogar mal mit Papierknäuel aus Vereinszeitungen beworfen. Das tat mir innerlich schon weh.“ Ein Spieler, ohne den Namen zu nennen, sei Burmester und seinem aktuellen Partner Friedhelm Struck auch schonmal in die Kabine gefolgt. Allein, um das Gespann zu beleidigen: „Angeblich hätten wir seine Mannschaft verpfiffen. Dabei hat sein Team alles verworfen. Entschuldigt hat er sich bis heute nicht. Wenn ich ihn irgendwo sehe, grüße ich ihn nicht - und er mich auch nicht.“ In positiver Erinnerung ist Burmester dagegen eine Fehlentscheidung geblieben: „Ich hatte einen falschen Spieler von Hille III vom Feld geschickt. Das hatte mir der eigentliche Übeltäter anschließend in der Partie gestanden. Daraufhin habe ich mich bei seinem Teamkollegen entschuldigt. Der war positiv überrascht und sagte mir, dass er so etwas von einem Schiedsrichter nicht erwartet hätte.“ Wegen eines besonders einschneidenden Erlebnisses machte Burmester in 2019 „nur“ die 30 statt die 40 Jahre als Schiedsrichter voll. Denn seine erste Ausbildung legte Burmester bereits im Alter von zarten 18 Jahren ab: „Die Schulung war 1980 noch an der Kanaluferstraße in der Mindener Kneipe Treffpunkt.“ Burmester hatte das Pfeifen als aktiver Handballer von RW Unterlübbe aber schnell wieder satt. „1980/81 habe ich das A-Jugend-Spiel zwischen Oberlübbe und Nordhemmern alleine gepfiffen“, berichtet Burmester: „Nordhemmern hat damals mit einem Tor Unterschied gewonnen. Danach fing auf Oberlübber Seite das große Meckern an. So wollte ich mich als 18-Jähriger nicht beleidigen lassen. Pfeifen und spielen wurde mir gleichzeitig zu viel. Auch deswegen habe ich dann aufgehört.“ Doch Burmester fand zurück zur Pfeife. „Als ich 28 Jahre alt war brauchte RW Unterlübbe dringender denn je Unparteiische. Ich meldete mich auf der Jahreshauptversammlung als einer von vieren.“ Den Schein musste Burmester neu machen. „Das habe ich damals gemeinsam mit meinem Post-Arbeitskollegen Heiko Rinne gemacht.“ Seine Karriere als zustellender Beamter, die Burmester 1978 unter anderem mit GWD-Ikone Horst „Hotti“ Bredemeier begann, musste er ebenso aus gesundheitlichen Gründen aufgeben wie seine Laufbahn als Handballer. Zuletzt war der vorzeitige Ruheständler bis 2002 als Feldspieler und Ersatztorwart der HSG Unterlübbe/Eickhorst IV aktiv. Leidige Bandscheiben- und Knieoperationen, aber auch eine Hand-OP verfolgten Burmester während und nach seiner Karriere. Die war - wie er selbst sagt - eher bescheiden. „Schiedsrichter sind aber auch selten gute Handballer“, meint Burmester: „Bevor du Mannschaftsauffüller bist, wirst du lieber Unparteiischer.“ Als Neunjähriger hatte Burmester mit dem Sport bei RW Unterlübbe angefangen. „Einen Fußballverein gab es damals bei uns noch nicht. Da wurde man vom Nachbarn überredet, mit zum Handballspielen zu kommen. Ich war groß und plump. Es gab talentiertere als mich. Also wurde ich ins Tor gesteckt“, lacht Burmester: „In der B-Jugend hatte ich dann keinen Bock mehr darauf.“ Es folgte eine Pause als Aktiver. Burmester startete stattdessen eine Trainerlaufbahn, in der er unter anderem eine Mannschaft von der E- bis zur A-Jugend begleitete: „Da war auch Peter ,Gun' Gerfen dabei.“ Der damalige Unterlübber, der nach seinem Wechsel von 1982 bis 1986 auch für GWD Minden spielte, wurde unter anderem 1993/94 Bundesliga-Torschützenkönig in Diensten des VfL Bad Schwartau. „Von dieser Truppe, die ich damals hatte, hat RW Unterlübbe bei den Senioren extrem profitiert“, sagt Burmester. So hat Burmester als Spieler, Trainer und Schiedsrichter reichlich Zeit in den Sporthallen der Region verbracht. „Meine Frau Susanne hat mich immer gelassen. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt der 57-Jährige nach mittlerweile 21 Ehejahren. Noch heute wohnt Burmester mit ihr und der 20-jährigen Tochter Pia in seinem Elternhaus, in dem er mit seinen drei Geschwistern aufwuchs: „Du brauchst schon einen Partner, der dich unterstützt. Sonst geht es nicht.“ Auch die Arbeit als Schiedsrichterwart kostet Zeit. Burmester ist seit 2005 Teil des vierköpfigen Kreis-Ausschusses. „Michael Vogel ist mein vierter Vorsitzender im Ausschuss. Mein Partner Andreas Tiemann hat mich damals angefragt. Heute bin ich quasi ein Mädchen für alles. Ich setze Spiele an und bin Ansprechpartner für die Schiedsrichter. Der Kontakt zu den Leuten ist immer schön“, erklärt Burmester. Teilweise ist die Ansetzung aber eine zähe Puzzle-Arbeit: „Besonders früher habe ich oft stundenlang vergeblich telefoniert, um Schiedsrichter zu finden. Da habe ich die Partie dann häufig selbst gepfiffen. Das ging schneller. Mittlerweile weiß ich, wen ich auch für kurzfristige Ansetzungen anrufen kann. Immer klappt das aber auch nicht. Und wenn es nur Absagen gibt, macht es keinen Spaß..“ Erste Gespräche über Burmesters Nachfolger ab der Saison 2021/22 stehen Anfang Februar an. Burmester tagt dann mit den weiteren drei Vorstandsmitgliedern des Kreisschiedsrichterausschusses. „Michael Vogel, Frank Begemann, Torsten Huck und ich beraten dann, wer sich für das Amt anbietet“, erklärt Burmester. Der passionierte Radfahrer, der sich vor kurzem auch ein kleines Motorrad angeschafft hat, möchte sich in Zukunft vermehrt seinen Ausflügen widmen - ohne das Handy mitnehmen zu müssen. Den Schiedsrichterschein gibt Burmester dagegen nicht so schnell aus seinen Händen. Sein Gerechtigkeitssinn treibt ihn an. Das MT-Volo-ProjektDie Volontäre des Mindener Tageblatts beschäftigen sich in diesem Jahr mit dem Schwerpunktthema „Gerechtigkeit“. Das Thema zieht sich in loser Folge durch die verschiedenen Ressorts der Zeitung und den Online-Auftritt MT.de.