Minden

3.-Liga-Umschau: Sehr attraktiv, insbesondere wegen der überraschenden Ergebnisse

Christian Bendig

Moritz Rodenkirchen löst sich in dieser Szene unfallfrei vom beinhart spielenden Zahnarzt Kris Zulauf. - © Foto: Christian Bendig
Moritz Rodenkirchen löst sich in dieser Szene unfallfrei vom beinhart spielenden Zahnarzt Kris Zulauf. (© Foto: Christian Bendig)

Minden (cb). Sie ist ist ein Sammelbecken für hoffnungsvolle Talente auf ihrem angestrebten Weg nach oben, für ehemalige Handballprofis, die ihre Karriere ausklingen lassen und sich bei einem Vereinssponsor beruflich orientieren. Aber auch für Vollprofis und ambitionierte Amateure. Die 3. Liga der Männer ist in vielerlei Hinsicht eine Schwellenliga und nach den ersten acht Spieltagen trifft das bekannte Filmzitat aus dem Blockbuster „Forrest Gump“ bezüglich der Pralinenschachtel voll zu: „Man weiß nie, was man kriegt.“

Startruppe blamiert sich

Beispiele dafür gab es in den vergangenen Wochen reichlich. So siegte der TuS Volmetal am siebten Spieltag völlig überraschend gegen den Wilhelmshavener HV. Zur Erinnerung: Beim WHV steht seit Mitte der vergangenen Zweitligaspielzeit der frühere GWD-Profi Miladin Kozlina unter Vertrag. Nach dessen Verletzung verpflichtete der Topfavorit kurzerhand Domagoj Srsen (zuletzt TSV Hannover-Burgdorf) nach. Zudem holte Wilhelmshaven vor der Spielzeit Torwart Primoz Prost von FA Göppingen. Zum Vergleich: Der Königstransfer des TuS Volmetal heißt Jan König und war zuvor an den TuS ausgeliehen und davor Bankdrücker bei Zweitliga-Absteiger Eintracht Hagen. Und ausgerechnet jener König versetzte dem WHV nach der Schlusssirene mit einem Direktfreiwurf den K.o. zum 27:26.

Unberechenbar

Das war bisher die einzige Pleite der Norddeutschen, die sich aber trotz inzwischen deutlicher Siege weiterhin schwertun. Gegen GWD Minden II rettete Wilhelmshaven den 30:29-Heimsieg nur aufgrund einer krassen Fehlentscheidung der Schiedsrichter. Wer aus diesen beiden Spielen und dem daraus resultierenden Quervergleich ein enges Duell zwischen GWD II und Volmetal erwartet hatte, wurde am vergangenen Spieltag getäuscht, die Dankerser gewannen 26:21. „Hätten wir die letzten zehn Minuten richtig durchgezogen, hätten wir wahrscheinlich 28:18 gewonnen“, sagte GWD-II-Trainer Moritz Schäpsmeier.

Schnell hoch, schnell runter

Zwei Ergebnisse, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Der TuS Spenge verlor in Wilhelmshaven lediglich 28:30, die Bergischen Panther gegen den WHV in eigener Halle 18:32. Wenige Wochen später sind beide Teams die Verfolger des Starensembles und so etwas wie die Teams der Stunde. Und beinahe hätte Lit Tribe Germania gegen beide etwas Zählbares mitgenommen. Zunächst gelang das beim TuS Spenge (32:32), gegen die Panther blieb den Germanen der verdiente Punktgewinn jedoch verwehrt (30:31).

„Wenn wir in den Spielen von der ersten Minute an unser Leistungsmaximum abrufen, können wir jeder Mannschaft in der Liga gefährlich werden“, betonte Lit-Trainer Daniel Gerling vor dem vergangenen Heimspiel. In umgekehrter Weise gilt das aber auch, wie die Aufholjagden gegen die Kellerkinder SG Menden (28:27) und Leichlinger TV (27:25) beweisen. „So etwas geht nicht immer gut, und vor allem ist das enorm kraftaufwendig“, sagt Gerling. Schäpsmeier stellt fest: „Es gibt kein Spiel, mit eindeutig verteilten Rollen.“ Das spürte zuletzt auch der neben dem WHV zweite große Meisterschaftskandidat, Eintracht Hagen. Das Team mit den früheren GWD-Spielern Nils Dresrüsse, Lukas Kister und Tim Brand leistete sich zuletzt zwei überraschende Niederlagen beim Longericher SC und gegen Leichlingen und hat sich aus der Spitzengruppe vorerst verabschiedet.

Sonstige Kuriositäten

Kris Zulauf vom Leichlinger TV gilt als einer der härtesten Abwehrspieler der Liga. Und der Hüne übt im normalen Leben neben dem Spielfeld einen für einen Defensivspezialisten passenden Beruf aus. Er ist nämlich Zahnarzt und betreibt eine eigene Praxis. Eine weitere Kuriosität: Die SG Schalksmühle-Halver beurlaubte wegen unüberbrückbarer Differenzen nach nur drei Spieltagen und einer Bilanz von 6:0 Punkten als damaliger Tabellenführer ihren Trainer Stefan Neff. Sein Nachfolger wurde Co-Trainer Hans-Peter Müller. Der ist aber bereits 66 Jahre alt und bemerkte, dass Drittligaspiele merklich an die Substanz gehen. Nach dem 23:23 gegen den OHV Aurich rückte Müller wieder ins zweite Glied. Seitdem trägt der frühere Nationalspieler Mark Dragunski die Verantwortung. Für Erstaunen sorgten auch die Eintrittspreise beim Wilhelmshavener HV. Gästefans müssen als Vollzahler stattliche 18 Euro berappen. Das sorgte vor der Spielzeit für heftige Diskussionen unter den Fans.

Zuschauerzahlen

Die beiden diesjährigen Gastspiele des TuS Volmetal und ihres reisefreudigen Anhangs bescherten den beiden heimischen Drittligisten Lit Tribe Germania (250 Zuschauer) und GWD Minden (202) einen Rekordbesuch.

Zahlen, über die an anderen Standorten müde gelächelt wird. Das Mecklenburg-Derby zwischen Empor Rostock und den Mecklenburger Stieren lockte 3.626 Fans in die Halle, in der vergangenen Spielzeit waren es 4.500.

Das Spitzenspiel in der Staffel Nord-Ost zwischen dem Dessau-Roßlauer HV 06 und dem TuS Vinnhorst verfolgten immerhin 1.900.

In der Regel bewegen sich die Zahlen in den vier Staffeln zwischen 400 und 1.200 Fans. Zuschauer-Krösus in der Staffel Nord-West ist bisher Eintracht Hagen. Die verbuchten in den Derbys gegen Volmetal und die SG Schalksmühle-Halver jeweils 1.400 Zuschauer.

Den Rekord für Drittligaspiele hält der inzwischen in die 2. Bundesliga aufgestiegene HSV Hamburg. Der kurbelte im Jahr 2017 vor dem Duell gegen den VfL Fredenbeck mächtig die Werbetrommel und begrüßte am 27. Dezember 9.964 Zuschauer in der großen Barclaycard-Arena. Inoffiziell gilt dieser Wert als Weltrekord für Amateur-Handballspiele und wird wahrscheinlich auch noch lange Bestand haben. (cb)

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Minden3.-Liga-Umschau: Sehr attraktiv, insbesondere wegen der überraschenden ErgebnisseChristian BendigMinden (cb). Sie ist ist ein Sammelbecken für hoffnungsvolle Talente auf ihrem angestrebten Weg nach oben, für ehemalige Handballprofis, die ihre Karriere ausklingen lassen und sich bei einem Vereinssponsor beruflich orientieren. Aber auch für Vollprofis und ambitionierte Amateure. Die 3. Liga der Männer ist in vielerlei Hinsicht eine Schwellenliga und nach den ersten acht Spieltagen trifft das bekannte Filmzitat aus dem Blockbuster „Forrest Gump“ bezüglich der Pralinenschachtel voll zu: „Man weiß nie, was man kriegt.“ Startruppe blamiert sich Beispiele dafür gab es in den vergangenen Wochen reichlich. So siegte der TuS Volmetal am siebten Spieltag völlig überraschend gegen den Wilhelmshavener HV. Zur Erinnerung: Beim WHV steht seit Mitte der vergangenen Zweitligaspielzeit der frühere GWD-Profi Miladin Kozlina unter Vertrag. Nach dessen Verletzung verpflichtete der Topfavorit kurzerhand Domagoj Srsen (zuletzt TSV Hannover-Burgdorf) nach. Zudem holte Wilhelmshaven vor der Spielzeit Torwart Primoz Prost von FA Göppingen. Zum Vergleich: Der Königstransfer des TuS Volmetal heißt Jan König und war zuvor an den TuS ausgeliehen und davor Bankdrücker bei Zweitliga-Absteiger Eintracht Hagen. Und ausgerechnet jener König versetzte dem WHV nach der Schlusssirene mit einem Direktfreiwurf den K.o. zum 27:26. Unberechenbar Das war bisher die einzige Pleite der Norddeutschen, die sich aber trotz inzwischen deutlicher Siege weiterhin schwertun. Gegen GWD Minden II rettete Wilhelmshaven den 30:29-Heimsieg nur aufgrund einer krassen Fehlentscheidung der Schiedsrichter. Wer aus diesen beiden Spielen und dem daraus resultierenden Quervergleich ein enges Duell zwischen GWD II und Volmetal erwartet hatte, wurde am vergangenen Spieltag getäuscht, die Dankerser gewannen 26:21. „Hätten wir die letzten zehn Minuten richtig durchgezogen, hätten wir wahrscheinlich 28:18 gewonnen“, sagte GWD-II-Trainer Moritz Schäpsmeier. Schnell hoch, schnell runter Zwei Ergebnisse, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Der TuS Spenge verlor in Wilhelmshaven lediglich 28:30, die Bergischen Panther gegen den WHV in eigener Halle 18:32. Wenige Wochen später sind beide Teams die Verfolger des Starensembles und so etwas wie die Teams der Stunde. Und beinahe hätte Lit Tribe Germania gegen beide etwas Zählbares mitgenommen. Zunächst gelang das beim TuS Spenge (32:32), gegen die Panther blieb den Germanen der verdiente Punktgewinn jedoch verwehrt (30:31). „Wenn wir in den Spielen von der ersten Minute an unser Leistungsmaximum abrufen, können wir jeder Mannschaft in der Liga gefährlich werden“, betonte Lit-Trainer Daniel Gerling vor dem vergangenen Heimspiel. In umgekehrter Weise gilt das aber auch, wie die Aufholjagden gegen die Kellerkinder SG Menden (28:27) und Leichlinger TV (27:25) beweisen. „So etwas geht nicht immer gut, und vor allem ist das enorm kraftaufwendig“, sagt Gerling. Schäpsmeier stellt fest: „Es gibt kein Spiel, mit eindeutig verteilten Rollen.“ Das spürte zuletzt auch der neben dem WHV zweite große Meisterschaftskandidat, Eintracht Hagen. Das Team mit den früheren GWD-Spielern Nils Dresrüsse, Lukas Kister und Tim Brand leistete sich zuletzt zwei überraschende Niederlagen beim Longericher SC und gegen Leichlingen und hat sich aus der Spitzengruppe vorerst verabschiedet. Sonstige Kuriositäten Kris Zulauf vom Leichlinger TV gilt als einer der härtesten Abwehrspieler der Liga. Und der Hüne übt im normalen Leben neben dem Spielfeld einen für einen Defensivspezialisten passenden Beruf aus. Er ist nämlich Zahnarzt und betreibt eine eigene Praxis. Eine weitere Kuriosität: Die SG Schalksmühle-Halver beurlaubte wegen unüberbrückbarer Differenzen nach nur drei Spieltagen und einer Bilanz von 6:0 Punkten als damaliger Tabellenführer ihren Trainer Stefan Neff. Sein Nachfolger wurde Co-Trainer Hans-Peter Müller. Der ist aber bereits 66 Jahre alt und bemerkte, dass Drittligaspiele merklich an die Substanz gehen. Nach dem 23:23 gegen den OHV Aurich rückte Müller wieder ins zweite Glied. Seitdem trägt der frühere Nationalspieler Mark Dragunski die Verantwortung. Für Erstaunen sorgten auch die Eintrittspreise beim Wilhelmshavener HV. Gästefans müssen als Vollzahler stattliche 18 Euro berappen. Das sorgte vor der Spielzeit für heftige Diskussionen unter den Fans. Zuschauerzahlen Die beiden diesjährigen Gastspiele des TuS Volmetal und ihres reisefreudigen Anhangs bescherten den beiden heimischen Drittligisten Lit Tribe Germania (250 Zuschauer) und GWD Minden (202) einen Rekordbesuch. Zahlen, über die an anderen Standorten müde gelächelt wird. Das Mecklenburg-Derby zwischen Empor Rostock und den Mecklenburger Stieren lockte 3.626 Fans in die Halle, in der vergangenen Spielzeit waren es 4.500. Das Spitzenspiel in der Staffel Nord-Ost zwischen dem Dessau-Roßlauer HV 06 und dem TuS Vinnhorst verfolgten immerhin 1.900. In der Regel bewegen sich die Zahlen in den vier Staffeln zwischen 400 und 1.200 Fans. Zuschauer-Krösus in der Staffel Nord-West ist bisher Eintracht Hagen. Die verbuchten in den Derbys gegen Volmetal und die SG Schalksmühle-Halver jeweils 1.400 Zuschauer. Den Rekord für Drittligaspiele hält der inzwischen in die 2. Bundesliga aufgestiegene HSV Hamburg. Der kurbelte im Jahr 2017 vor dem Duell gegen den VfL Fredenbeck mächtig die Werbetrommel und begrüßte am 27. Dezember 9.964 Zuschauer in der großen Barclaycard-Arena. Inoffiziell gilt dieser Wert als Weltrekord für Amateur-Handballspiele und wird wahrscheinlich auch noch lange Bestand haben. (cb)