Minden

Stundenweise Handball-Profi: Zwei Monate nach dem Saisonabbruch trainiert GWD Minden wieder

Marcus Riechmann

Zwischen zwei hohe Konzentration fordernde Trainingseinheiten hat GWD-Trainer Frank Carstens Zeit, auch mal ein Lächeln aufzusetzen. Im Hintergrund nutzen die Spieler den Wechsel von Gruppe eins zu zwei für ein Erinnerungsfoto, das Marian Michalczik (rechts) knipst. MT-Fotos: Riechmann
Zwischen zwei hohe Konzentration fordernde Trainingseinheiten hat GWD-Trainer Frank Carstens Zeit, auch mal ein Lächeln aufzusetzen. Im Hintergrund nutzen die Spieler den Wechsel von Gruppe eins zu zwei für ein Erinnerungsfoto, das Marian Michalczik (rechts) knipst. MT-Fotos: Riechmann

Minden. Die letzten Minuten hatten es in sich. Christoph Reißky lehnt erschöpft an der Bande am Rand des Spielfeldes. Die Lungenflügel pumpen den Atem, auf der Stirn glänzen Schweißperlen. „Na, was ist, bist du kaputt?“, frotzelt sein Teamkollege Savvas Savvas grinsend. Der Grieche sitzt lässig auf der Tribüne und wartet auf den Beginn seiner Übungseinheit mit der zweiten Gruppe. Es sind Momente wie diese, die den Unterschied ausmachen zwischen dem sprachlosen Training allein zuhause und dem Sport im vitalen Kreis der Mannschaft.

Die Handballer von GWD Minden haben soeben eine Einheit in der Sporthalle Stemmer hinter sich gebracht. Rund zwei Monate nachdem die Saison der Handball-Bundesliga zum Erliegen kam, nach zehrenden Wochen der Corona-Isolation hat Trainer Frank Carstens seine Jungs wieder um sich versammelt. Ausgerechnet in der Woche, in der das letzte Saisonspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen angesetzt gewesen war, ist GWD wieder ins Hallentraining eingestiegen.

Allein auf weiter Flur: Bei den Wurfübungen hüten „Airbodies“ das Tor.
Allein auf weiter Flur: Bei den Wurfübungen hüten „Airbodies“ das Tor.

Es war eine Einheit der besonderen Art. Abstand halten ist die Devise. Die Spieler halten Distanz, jeder arbeitet für sich, jeder nutzt seinen eigenen Ball. Passübungen und damit das typische Spiel miteinander gibt es nicht. Unmittelbaren Kontakt darf es nicht geben. Wie groß die 40 mal 20 Meter große Spielfläche ist, wird erst deutlich, wenn sich nicht mehr als eine Hand voll Sportler darauf bewegen, die wie gleichpolige Magneten voneinander abgestoßen werden, wenn sie sich einander nähern.

Bälle einsammeln wird zu einer Herausforderung.
Bälle einsammeln wird zu einer Herausforderung.

Bei den Wurfübungen, bei denen die Spieler durch die Lücken der ins Tor gestellten Airbodies zielen sollen, kommt es zu kleinen Komplikationen. Im Tornetz hinter den aufblasbaren mannshohen Trainingspuppen liegen die Bälle. Die Spieler suchen kurz die adäquate Corona-Lösung, lachen ob der Konfusion miteinander und koordinieren dann den Ablauf. Nacheinander steigen sie hinter die Puppen ins Tor und fischen jeweils ihren Ball aus den Maschen.

Zum Abschluss ohne Ball: Noch einmal den Puls hochtreiben.
Zum Abschluss ohne Ball: Noch einmal den Puls hochtreiben.

Der Neustart ist keine Rückkehr in die Normalität. Vielmehr ist es ein Auftakt in eine veränderte Welt, in die Post-Corona-Phase. Doch es ist viel mehr als noch vor Tagen möglich war. „Es tut gut, mal wieder eine Halle von innen zu sehen“, sagt Mats Korte. Der Linksaußen empfindet „schon ein anderes Gefühl mit den ganzen Auflagen. Aber es ist gut, mal wieder zu werfen, allein schon für die Schulter.“ Der Corona-Stillstand erinnert Justus Richtzenhain an andere Zwangspausen: „So lange ohne Ball, das kennt ich nur aus Zeiten, wenn ich mal eine schwerere Verletzung hatte. Der Start ist ungewohnt, man merkt es in der Schulter, wenn man wieder die ersten Würfe macht“, sagt der Kreisläufer. Linkshänder Christoph Reißky betont einen weiteren Aspekt: „Man vermisst das Training mit dem Ball, aber auch das Training mit den Jungs. Man hat sich mal am Telefon gesprochen oder bei den Skype-Konferenzen. Aber eben lange nicht gesehen. Deshalb ist es ganz cool, dass wir uns wenigstens in einer Kleingruppe wieder zusammenfinden.“

In Fünfer-Teams trainieren die GWD-Profis in Stemmer. Ein Einbahnstraßen-System führt sie in die Halle, vorbei an einem Spender mit Desinfektionsmittel, und nach der Übungseinheit wieder hinaus. Jeweils einstündig sind die Übungszeiten, zweimal in der Woche. Geduscht wird nicht. Aus der Halle geht es ins Auto. Einige Spieler fehlen. Zum Teil sind sie noch in ihren Heimatorten. Lucas Meister weilt in der Schweiz, Kevin Gulliksen und Christoffer Rambo sitzen in Norwegen fest, Miljan Pusica ist bei der Familie in Serbien. Für sie nimmt Norbert Potthoff die Einheit mit der Videokamera auf. Espen Christensen und Magnus Gullerud erhalten den Zusammenschnitt der Übungen nicht. Sie haben Minden bereits verlassen. Gullerud verbringt vor seinem Wechsel zum SC Magdeburg Zeit mit Freunden und Familie in der norwegischen Heimat. Sein Landsmann Christensen hat bereits den Umzug nach Schweden vollzogen, wo er künftig beim Meister IFK Kristianstad das Tor hüten wird.

„Es stand ihnen frei, das alles nach ihren Wünschen zu planen. Die Saison ist offiziell beendet und wir haben in der Corona-Zeit keine Termine, die sie für GWD noch wahrnehmen müssen“, sagt Frank von Behren. Der Sportgeschäftsführer beobachtet das Training von der Tribüne aus und sieht auch Marian Michalczik zu.

Der 23-jährige Nationalspieler, der von GWD zu den Füchsen nach Berlin wechselt, nimmt anders als Gullerud und Christensen noch an den Übungsstunden mit den Freunden teil. „Endlich hält man wieder einen Ball in der Hand. Die Pause war echt lang genug“, sagt der Rückraumspieler, der den Umzug in die Bundeshauptstadt Ende Mai in Angriff nehmen möchte.

Für Frank Carstens ist die Wiederaufnahme des Hallentrainings eine Freude und eine Herausforderung zugleich. Der frustrierenden Kurzarbeit Null entkommen ist er wieder in seinem Element. Mit Elan gibt er Anweisungen, macht seine Spieler mit den ungewohnten Abläufen vertraut und korrigiert die Umsetzung. „Jetzt schauen wir mal, wie die Pläne aus der Schublade mit der Wirklichkeit zusammenpassen“, sagt der 48-Jährige, der seine Spieler nach den Lockerungen der Schutzmaßnahmen nun zumindest an zwei Tagen in der Woche in Stemmer wieder um sich hat.

Wie er sind auch die Profis wieder raus aus der Kurzarbeit Null. „Wir passen das Maß der Kurzarbeit jeweils dem Trainingsumfang an“, beschreibt von Behren einen Status der Profis als Stundenlöhner. Er blickt auf die letzten Wochen: „Die Spieler waren wochenlang nicht in der Lage, ihrem Beruf nachzugehen. Jetzt können sie wenigstens wieder etwas trainieren. Das ist für uns alle wichtig, wir werden wieder sichtbar. Handball ist unser Kerngeschäft, wenn kein Handball da ist, fehlt das Produkt, mit dem wir uns alle beschäftigen.“

Wie besonders die Situation ist, zeigt sich am Ende einer Übungseinheit. Die zweite Gruppe stellt sich an der Torlinie auf und Marian Michalczik macht ein Foto mit dem Handy. Erinnerung an Handball im Corona-Modus.

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MindenStundenweise Handball-Profi: Zwei Monate nach dem Saisonabbruch trainiert GWD Minden wiederMarcus RiechmannMinden. Die letzten Minuten hatten es in sich. Christoph Reißky lehnt erschöpft an der Bande am Rand des Spielfeldes. Die Lungenflügel pumpen den Atem, auf der Stirn glänzen Schweißperlen. „Na, was ist, bist du kaputt?“, frotzelt sein Teamkollege Savvas Savvas grinsend. Der Grieche sitzt lässig auf der Tribüne und wartet auf den Beginn seiner Übungseinheit mit der zweiten Gruppe. Es sind Momente wie diese, die den Unterschied ausmachen zwischen dem sprachlosen Training allein zuhause und dem Sport im vitalen Kreis der Mannschaft. Die Handballer von GWD Minden haben soeben eine Einheit in der Sporthalle Stemmer hinter sich gebracht. Rund zwei Monate nachdem die Saison der Handball-Bundesliga zum Erliegen kam, nach zehrenden Wochen der Corona-Isolation hat Trainer Frank Carstens seine Jungs wieder um sich versammelt. Ausgerechnet in der Woche, in der das letzte Saisonspiel gegen die Rhein-Neckar Löwen angesetzt gewesen war, ist GWD wieder ins Hallentraining eingestiegen. Es war eine Einheit der besonderen Art. Abstand halten ist die Devise. Die Spieler halten Distanz, jeder arbeitet für sich, jeder nutzt seinen eigenen Ball. Passübungen und damit das typische Spiel miteinander gibt es nicht. Unmittelbaren Kontakt darf es nicht geben. Wie groß die 40 mal 20 Meter große Spielfläche ist, wird erst deutlich, wenn sich nicht mehr als eine Hand voll Sportler darauf bewegen, die wie gleichpolige Magneten voneinander abgestoßen werden, wenn sie sich einander nähern. Bei den Wurfübungen, bei denen die Spieler durch die Lücken der ins Tor gestellten Airbodies zielen sollen, kommt es zu kleinen Komplikationen. Im Tornetz hinter den aufblasbaren mannshohen Trainingspuppen liegen die Bälle. Die Spieler suchen kurz die adäquate Corona-Lösung, lachen ob der Konfusion miteinander und koordinieren dann den Ablauf. Nacheinander steigen sie hinter die Puppen ins Tor und fischen jeweils ihren Ball aus den Maschen. Der Neustart ist keine Rückkehr in die Normalität. Vielmehr ist es ein Auftakt in eine veränderte Welt, in die Post-Corona-Phase. Doch es ist viel mehr als noch vor Tagen möglich war. „Es tut gut, mal wieder eine Halle von innen zu sehen“, sagt Mats Korte. Der Linksaußen empfindet „schon ein anderes Gefühl mit den ganzen Auflagen. Aber es ist gut, mal wieder zu werfen, allein schon für die Schulter.“ Der Corona-Stillstand erinnert Justus Richtzenhain an andere Zwangspausen: „So lange ohne Ball, das kennt ich nur aus Zeiten, wenn ich mal eine schwerere Verletzung hatte. Der Start ist ungewohnt, man merkt es in der Schulter, wenn man wieder die ersten Würfe macht“, sagt der Kreisläufer. Linkshänder Christoph Reißky betont einen weiteren Aspekt: „Man vermisst das Training mit dem Ball, aber auch das Training mit den Jungs. Man hat sich mal am Telefon gesprochen oder bei den Skype-Konferenzen. Aber eben lange nicht gesehen. Deshalb ist es ganz cool, dass wir uns wenigstens in einer Kleingruppe wieder zusammenfinden.“ In Fünfer-Teams trainieren die GWD-Profis in Stemmer. Ein Einbahnstraßen-System führt sie in die Halle, vorbei an einem Spender mit Desinfektionsmittel, und nach der Übungseinheit wieder hinaus. Jeweils einstündig sind die Übungszeiten, zweimal in der Woche. Geduscht wird nicht. Aus der Halle geht es ins Auto. Einige Spieler fehlen. Zum Teil sind sie noch in ihren Heimatorten. Lucas Meister weilt in der Schweiz, Kevin Gulliksen und Christoffer Rambo sitzen in Norwegen fest, Miljan Pusica ist bei der Familie in Serbien. Für sie nimmt Norbert Potthoff die Einheit mit der Videokamera auf. Espen Christensen und Magnus Gullerud erhalten den Zusammenschnitt der Übungen nicht. Sie haben Minden bereits verlassen. Gullerud verbringt vor seinem Wechsel zum SC Magdeburg Zeit mit Freunden und Familie in der norwegischen Heimat. Sein Landsmann Christensen hat bereits den Umzug nach Schweden vollzogen, wo er künftig beim Meister IFK Kristianstad das Tor hüten wird. „Es stand ihnen frei, das alles nach ihren Wünschen zu planen. Die Saison ist offiziell beendet und wir haben in der Corona-Zeit keine Termine, die sie für GWD noch wahrnehmen müssen“, sagt Frank von Behren. Der Sportgeschäftsführer beobachtet das Training von der Tribüne aus und sieht auch Marian Michalczik zu. Der 23-jährige Nationalspieler, der von GWD zu den Füchsen nach Berlin wechselt, nimmt anders als Gullerud und Christensen noch an den Übungsstunden mit den Freunden teil. „Endlich hält man wieder einen Ball in der Hand. Die Pause war echt lang genug“, sagt der Rückraumspieler, der den Umzug in die Bundeshauptstadt Ende Mai in Angriff nehmen möchte. Für Frank Carstens ist die Wiederaufnahme des Hallentrainings eine Freude und eine Herausforderung zugleich. Der frustrierenden Kurzarbeit Null entkommen ist er wieder in seinem Element. Mit Elan gibt er Anweisungen, macht seine Spieler mit den ungewohnten Abläufen vertraut und korrigiert die Umsetzung. „Jetzt schauen wir mal, wie die Pläne aus der Schublade mit der Wirklichkeit zusammenpassen“, sagt der 48-Jährige, der seine Spieler nach den Lockerungen der Schutzmaßnahmen nun zumindest an zwei Tagen in der Woche in Stemmer wieder um sich hat. Wie er sind auch die Profis wieder raus aus der Kurzarbeit Null. „Wir passen das Maß der Kurzarbeit jeweils dem Trainingsumfang an“, beschreibt von Behren einen Status der Profis als Stundenlöhner. Er blickt auf die letzten Wochen: „Die Spieler waren wochenlang nicht in der Lage, ihrem Beruf nachzugehen. Jetzt können sie wenigstens wieder etwas trainieren. Das ist für uns alle wichtig, wir werden wieder sichtbar. Handball ist unser Kerngeschäft, wenn kein Handball da ist, fehlt das Produkt, mit dem wir uns alle beschäftigen.“ Wie besonders die Situation ist, zeigt sich am Ende einer Übungseinheit. Die zweite Gruppe stellt sich an der Torlinie auf und Marian Michalczik macht ein Foto mit dem Handy. Erinnerung an Handball im Corona-Modus.