Minden

Von Hundert auf Null - Frank Carstens über die Folgen der Auszeit für den Profi-Handball

Sebastian Külbel

Die Profi-Handballer von GWD Minden kommen sich in ihrem beruflichen Alltag normalerweise ziemlich nahe. In Zeiten der Corona-Krise bleibt ihnen nur individuelles Grundlagentraining. MT- - © Foto: Sebastian Külbel
Die Profi-Handballer von GWD Minden kommen sich in ihrem beruflichen Alltag normalerweise ziemlich nahe. In Zeiten der Corona-Krise bleibt ihnen nur individuelles Grundlagentraining. MT- (© Foto: Sebastian Külbel)

Minden. Die Corona-Krise stellt den Profisport vor große Herausforderungen. Während die Amateure für einige Wochen ihres Hobbys beraubt werden, müssen die Berufsathleten ihren Alltag komplett umstellen. Wie die Bundesliga-Handballer von GWD Minden mit dem Ausnahmezustand umgehen, schildert ihr Trainer Frank Carstens im MT-Interview.

Was bedeutet die erzwungene Auszeit für GWD Minden?

Zunächst einmal muss man feststellen, dass unsere Probleme angesichts der gesamtgesellschaftlichen Situation zu vernachlässigen sind. Andererseits haben wir alle einen Beruf, und für Profisportler ist das sogar eine Berufung. Das ist eine Art zu leben, ein ständiges Streben nach Verbesserung. Darin werden wir abgebremst von Hundert auf Null. Wir haben nur noch die Möglichkeiten, zu Hause zu trainieren, also Ausdauereinheiten sowie Stabilisations- und Koordinationsübungen zu machen.

Wo liegen die größten Probleme?

Dass wir uns nicht sehen dürfen. Und dass keine Örtlichkeit zugänglich ist, um zu trainieren. Wir geben angesichts des möglichen Kurzarbeitergelds zurzeit zwar nur Trainingsempfehlungen. Die Spieler verlangen diese aber auch, sie wollen weiter an sich arbeiten. Ich möchte aber betonen, dass es wichtigere Berufsgruppen gibt als die Unterhaltungsindustrie, zu der wir ja gehören.

Wie gehen die Spieler mit der Situation um?

Die Eigenmotivation steht bei uns ja immer mehr im Vordergrund, wir haben schon oft individuelle Trainingsphasen in die Vorbereitung integriert. Wir haben zum Beispiel die Ausdauerarbeit komplett in die Hände der Spieler gelegt, sie dokumentieren das über Apps. Jetzt können sie die positiven Seite der Pause nutzen.

Ist das Ihre Erwartung an die Spieler?

Ich erwarte, dass sie ihren Beruf ernst nehmen, obwohl sie in ihrem Kerngeschäft zurzeit nicht gefordert sind. In der freien Zeit können sie an Dingen arbeiten, für die sonst nicht so viel Zeit bleibt und in denen sie sich steigern müssen. Grundlagenausdauer und Sprintfähigkeit kann man immer verbessern.

Und was macht ein Trainer zurzeit?

Er vertieft seine Kenntnisse in Sachen fernmündlicher Kommunikation über Telefon- und Videokonferenzen (lacht). Kommunikation war in den letzten Tagen sehr wichtig. Darüber hinaus schreibe ich Trainingspläne. Zudem hat man jetzt schon die Chance, zwei Drittel der Saison auszuwerten. Und dann ist da ja auch noch der 23. April, der immer noch als Spieltag angesetzt ist. Den Gegner Wetzlar kann man auch schon analysieren.

Ist das Training ohne Ziel nicht trotzdem schwer im Profisport?

Kein Ziel haben wir ja nicht, es ist nur weit weg. Ruderer und Leichtathleten sind das gewohnt, die trainieren oft wochenlang bis zum nächsten Wettkampf. Wir haben drei oder fünf Tage, und wenn es 14 Tage sind, stöhnen die Spieler schon. Nach dem aktuellen Stand haben wir jetzt acht Wochen, und das ist eine verdammt lange Zeit für uns. Das ist schon problematisch im mentalen Bereich. Wir können aber auch die Chance sehen.

Inwiefern?

Wir haben jetzt die Zeit, die Grundsubstanz neu aufzubauen. Das gilt gerade für die stark beanspruchten Leute von den Spitzenklubs oder auch für verletzte Spieler wir bei uns Marian Michalczik. Es wurde oft gefordert, mehr Zeit für eine längere Aufbauphase im Sommer und Winter zu bekommen. Die haben wir jetzt.

Welche Sorgen löst die Corona-Krise bei Ihnen persönlich aus?

Sorgen macht mir vor allem der gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhang. Die Frage ist, wie die Klubs diese Situation überleben – ich bin aber überzeugt, dass sie es tun, auch GWD Minden. Die sportliche Seite sorgt mich weniger. Wie die Saison jetzt zu Ende geht, ist nicht die erste Priorität. Das ist nicht wichtig genug.

Steht die Zukunft des Handballs auf dem Spiel?

Das glaube ich nicht. Es gab eine Zeit vor Corona, und es wird eine Zeit danach geben. Wir werden dieses Thema lösen. Vielleicht steht der Handball dann nicht mehr auf dem Niveau wie vorher, aber das wird auch beim Fußball, Basketball oder Eishockey so sein. Alle werden Einbußen hinnehmen müssen. Der Sport wird für die Gesellschaft aber so interessant bleiben, dass er weiterhin eine Bedeutung haben wird.

Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882 171 oder Sebastian.Kuelbel@MT.de

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MindenVon Hundert auf Null - Frank Carstens über die Folgen der Auszeit für den Profi-HandballSebastian KülbelMinden. Die Corona-Krise stellt den Profisport vor große Herausforderungen. Während die Amateure für einige Wochen ihres Hobbys beraubt werden, müssen die Berufsathleten ihren Alltag komplett umstellen. Wie die Bundesliga-Handballer von GWD Minden mit dem Ausnahmezustand umgehen, schildert ihr Trainer Frank Carstens im MT-Interview. Was bedeutet die erzwungene Auszeit für GWD Minden? Zunächst einmal muss man feststellen, dass unsere Probleme angesichts der gesamtgesellschaftlichen Situation zu vernachlässigen sind. Andererseits haben wir alle einen Beruf, und für Profisportler ist das sogar eine Berufung. Das ist eine Art zu leben, ein ständiges Streben nach Verbesserung. Darin werden wir abgebremst von Hundert auf Null. Wir haben nur noch die Möglichkeiten, zu Hause zu trainieren, also Ausdauereinheiten sowie Stabilisations- und Koordinationsübungen zu machen. Wo liegen die größten Probleme? Dass wir uns nicht sehen dürfen. Und dass keine Örtlichkeit zugänglich ist, um zu trainieren. Wir geben angesichts des möglichen Kurzarbeitergelds zurzeit zwar nur Trainingsempfehlungen. Die Spieler verlangen diese aber auch, sie wollen weiter an sich arbeiten. Ich möchte aber betonen, dass es wichtigere Berufsgruppen gibt als die Unterhaltungsindustrie, zu der wir ja gehören. Wie gehen die Spieler mit der Situation um? Die Eigenmotivation steht bei uns ja immer mehr im Vordergrund, wir haben schon oft individuelle Trainingsphasen in die Vorbereitung integriert. Wir haben zum Beispiel die Ausdauerarbeit komplett in die Hände der Spieler gelegt, sie dokumentieren das über Apps. Jetzt können sie die positiven Seite der Pause nutzen. Ist das Ihre Erwartung an die Spieler? Ich erwarte, dass sie ihren Beruf ernst nehmen, obwohl sie in ihrem Kerngeschäft zurzeit nicht gefordert sind. In der freien Zeit können sie an Dingen arbeiten, für die sonst nicht so viel Zeit bleibt und in denen sie sich steigern müssen. Grundlagenausdauer und Sprintfähigkeit kann man immer verbessern. Und was macht ein Trainer zurzeit? Er vertieft seine Kenntnisse in Sachen fernmündlicher Kommunikation über Telefon- und Videokonferenzen (lacht). Kommunikation war in den letzten Tagen sehr wichtig. Darüber hinaus schreibe ich Trainingspläne. Zudem hat man jetzt schon die Chance, zwei Drittel der Saison auszuwerten. Und dann ist da ja auch noch der 23. April, der immer noch als Spieltag angesetzt ist. Den Gegner Wetzlar kann man auch schon analysieren. Ist das Training ohne Ziel nicht trotzdem schwer im Profisport? Kein Ziel haben wir ja nicht, es ist nur weit weg. Ruderer und Leichtathleten sind das gewohnt, die trainieren oft wochenlang bis zum nächsten Wettkampf. Wir haben drei oder fünf Tage, und wenn es 14 Tage sind, stöhnen die Spieler schon. Nach dem aktuellen Stand haben wir jetzt acht Wochen, und das ist eine verdammt lange Zeit für uns. Das ist schon problematisch im mentalen Bereich. Wir können aber auch die Chance sehen. Inwiefern? Wir haben jetzt die Zeit, die Grundsubstanz neu aufzubauen. Das gilt gerade für die stark beanspruchten Leute von den Spitzenklubs oder auch für verletzte Spieler wir bei uns Marian Michalczik. Es wurde oft gefordert, mehr Zeit für eine längere Aufbauphase im Sommer und Winter zu bekommen. Die haben wir jetzt. Welche Sorgen löst die Corona-Krise bei Ihnen persönlich aus? Sorgen macht mir vor allem der gesamtgesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhang. Die Frage ist, wie die Klubs diese Situation überleben – ich bin aber überzeugt, dass sie es tun, auch GWD Minden. Die sportliche Seite sorgt mich weniger. Wie die Saison jetzt zu Ende geht, ist nicht die erste Priorität. Das ist nicht wichtig genug. Steht die Zukunft des Handballs auf dem Spiel? Das glaube ich nicht. Es gab eine Zeit vor Corona, und es wird eine Zeit danach geben. Wir werden dieses Thema lösen. Vielleicht steht der Handball dann nicht mehr auf dem Niveau wie vorher, aber das wird auch beim Fußball, Basketball oder Eishockey so sein. Alle werden Einbußen hinnehmen müssen. Der Sport wird für die Gesellschaft aber so interessant bleiben, dass er weiterhin eine Bedeutung haben wird. Der Autor ist erreichbar unter (0571) 882 171 oder Sebastian.Kuelbel@MT.de