Lübbecke

Lächeln im Wellenbad: Der prachtvolle Heimsieg gegen Berlin löst in GWD-Trainer Frank Carstens gegensätzliche Gefühle aus.

Marcus Riechmann

Alle Mann auf Dainis Kristopans: Die GWD-Abwehr mit Juri Knorr, Miljan Pusica und Lucas Meister (von links) wirft sich dem neuen Berliner Torjäger entgegen und verhindert sowohl den Wurf des Letten, als auch das Anspiel an den am Kreis wartenden Mijajlo Marsenic. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel
Alle Mann auf Dainis Kristopans: Die GWD-Abwehr mit Juri Knorr, Miljan Pusica und Lucas Meister (von links) wirft sich dem neuen Berliner Torjäger entgegen und verhindert sowohl den Wurf des Letten, als auch das Anspiel an den am Kreis wartenden Mijajlo Marsenic. Foto: Noah Wedel (© Noah Wedel)

Lübbecke. Während die Mannschaft auf dem blauen Hallenboden an den bereits wohlvertrauten Plätzen wild im Kreis tanzte und der Freude freien Lauf ließ, war Frank Carstens einer der ersten, die das Spielfeld verließen. Der Trainer des heimischen Handball-Bundesligisten GWD Minden zog sich in die Katakomben der Lübbecker Kreissporthalle zurück, mit einem Lächeln auf dem von Anspannung gezeichneten Gesicht. „Das war ein tolles Erlebnis“, sagte er später über den glanzvollen 30:25-Heimerfolg gegen die Füchse Berlin, doch er zog die Stirn sogleich in Falten: „Es ist am Ende auch nur ein Sieg mit zwei Punkten. Wir gehen derzeit echt durch ein Wellenbad“, schwang in seiner Freude noch der Schmerz der erst vier Tage alten Pleite von Lemgo mit.

„Das ist ein super Gefühl, heute haben wir uns ein, zwei Bier verdient“, genoss der herausragende GWD-Keeper Malte Semisch das Glück des Augenblicks. „Wir sind sehr befreit“, stellte Teamkollege Marian Michalczik nach dem Triumph gegen seinen künftigen Arbeitgeber fest. Carstens gönnte seinen Spielern die Freude, doch er blickte bereits voran.

Hatte sich ein Bier verdient: GWD-Torwart Malte Semisch. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel
Hatte sich ein Bier verdient: GWD-Torwart Malte Semisch. Foto: Noah Wedel (© Noah Wedel)

Zum einen auf die Tabelle, in der sich GWD nun ein Fünf-Punkte-Polster auf Abstiegsplatz 17 und die Eulen Ludwigshafen erarbeitet hat. „Aber man sieht, dass so einiges passiert“, stellte der Coach mit Blick auf den Heimsieg des TVB Stuttgart gegen HC Erlangen fest. Er weiß vor allem um die besondere Moral der Eulen, die im vergangenen Frühjahr nach aussichtslos scheinendem Punkte-Rückstand einen furiosen Saison-Endspurt hinlegten und gegen GWD am letzten Spieltag den für unmöglich gehaltenen Klassenerhalt noch realisierten.

Zum anderen blickt Carstens bereits auf das nächste Spiel, die Partie beim SC DHfK Leipzig am Samstag, 29. Februar. „Wir wollen die Mentalität von heute speichern, wir wollen den Speed mitnehmen, dann holen wir die Punkte, die wir brauchen“, wünscht sich der Trainer, der aber noch den uninspiriert pomadigen Auftritt aus Lemgo vor Augen hat. Er weiß, dass sich sein Team nach der Sieglos-Serie aus dem Herbst gerade erst das alte Selbstbewusstsein zurückholt. Umso zufriedener war er, dass seine Spieler eine prächtige Reaktion auf die Lemgo-Pleite gezeigt haben: „Das Team hat eine Antwort gegeben.“

Diese Antwort schmeckte den Gästen aus Berlin ganz und gar nicht. Mit dem Rückenwind des Sieges im Ost-Derby gegen den SC Magdeburg und beflügelt vom Transfer-Coup des lettischen Ausnahmespieler Dainis Kristopans waren die Füchse nach Lübbecke gekommen. Geschlagen und im Rennen um die Champions-League-Qualifikation zurückgeworfen mussten sie sich auf die Heimreise machen. „Ein Stück weit ernüchternd“, nannte Sportvorstand Stefan Kretzschmar die Niederlage. „Uns hat heute Qualität im Angriff gefehlt“, verwies Cheftrainer Velimir Petkovic auf die kurzfristig auch noch um Paul Drux (Entzündung im Fuß) verlängerte Verletztenliste der Füchse. Zerknirscht gratulierte „Petko“ den Siegern: „Sie haben gekämpft wie die Löwen“, anerkannte der 63-Jährige, doch er deutete an, dass mehr Härte von den Schiedsrichtern zugelassen wurde, als ihm lieb war.

Diese Härte, die Entschlossenheit in der Abwehr, die körperbetonte Arbeit am Mann waren elementarer Teil des Mindener Plans: Druck auf Kristopans, auf den die Berliner in seinem zweiten Ligaspiel viel Verantwortung abluden, Druck gegen die Kreisanspiele und dann nach Ballgewinnen mit Druck ins Tempospiel. Das wurde zum Erfolgskonzept. Erstens, weil Torwart Malte Semisch dem Team den Rücken frei hielt. Zweitens, weil den Berlinern die Übersicht fehlte, um sich mit klugem Spiel aus der Mindener Power-Defensive zu befreien. „Überragend“, lobte Carstens die Abwehr.

Auch im Offensivspiel gab es in der Lübbecker Kreissporthalle für die 2.325 Zuschauer immer wieder Grund zu berechtigtem Verzücken. Turbo-Konter, klares Tempospiel, schicke Spielzüge und brillante Pässe – die Männer in Grün zeigten feine Spielkultur. Für den Höhepunkt sorgte Marian Michalczik im Zusammenspiel mit Kreisläufer Lucas Meister in der 53. Minute. Christoph Reißky, der gegen seinen Ex-Klub eine beherzte Leistung zeigte, hatte mit einem Zweikampf die Berliner Abwehr verschoben, Michalczik fintierte und passte den Ball schließlich hinter dem Rücken zu seinem aufmerksamen Kreisläufer, der zum 26:22 vollstreckte.

Nicht nur mit dieser Aktion untermauerte der schon beim Hinspielsieg überzeugende Michalczik, dass man sich in Berlin darauf freuen darf, künftig mit und nicht mehr gegen dem Jungnationalspieler zu spielen.

Die Rolle des Anführers bei GWD werden dann andere übernehmen müssen. Heißester Anwärter ist Juri Knorr. Der 19-Jährige ist bereits jetzt spielerisch als auch mental eine Stütze des Teams. „Wir haben heute nicht so ängstlich und mutlos wie in Lemgo gespielt. Das war der Schlüssel, keine Angst zu haben vor den 2,10-Meter-Riesen und richtig draufzugehen“, zeigte sich Knorr furchtlos. Auch im Kampf um den Klassenerhalt nahm der Handball-Ästhet eine erfrischend andere Perspektive ein: „Alle anderen gucken nach unten, aber ich bin ein junger Spieler, mache mir nicht so einen Kopf und will nach oben gucken. Natürlich behält man das Geschehen unten im Blick, aber man hat heute gesehen, dass wir Qualität haben. Im Endeffekt haben wir aus den letzten Spielen vier von sechs Punkten geholt, und das gegen ganz gute Gegner.“

Chaos auf der Anreise

„Ich hatte heute mehrmals einen Herzstillstand“, bekannte Markus Kalusche nach dem zweiten Heimspiel in Lübbecke. Einmal stockte dem GWD-Geschäftsführer der Atem, als in der 12. Spielminute eine LED-Bande auf das Spielfeld stürzte. Mit vereinten Kräften wurde die Bande schnell wieder aufgestellt, das Spiel konnte weitergehen. „Es ist ok, wenn nur die Banden umfallen aber die Punkte hierbleiben“, meinte Kalusche und kündigte an: „Da werden wir wohl noch ein paar Dübel reinschrauben.“

Ein anderes Problem drückte vor dem Anpfiff: Auf der Bundesstraße B 65 nervte ein Stau die Fans, Meter für Meter schob sich die GWD-Karawane vom Ortseingang Eilhausen in Richtung Kreissporthalle. Auf dem Weg leuchtete ihnen in Lübbecke die Werbung für das Heimspiel des TuS N-Lübbecke am Samstag gegen Dormagen entgegen. Auch an der Halle selbst herrschte blankes Chaos und Parkplatznot. Etliche Fans trafen erst nach dem Anpfiff in der Halle ein. Das missfiel auch Kalusche: „Das ist ärgerlich, aber ich habe keine Ahnung, wie wir das lösen können.“ (rich)

Zitat des Tages

„Wir haben nach dem Lemgo-Spiel einen ordentlichen Einlauf von Frank Carstens gekriegt, das hatte ich so auch noch nicht erlebt. Das war in meinen Augen auch völlig zurecht. Umso schöner ist es, dass wir heute diese Trendwende geschafft haben.“

GWD-Torwart Malte Semisch

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

1 Kommentar

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

LübbeckeLächeln im Wellenbad: Der prachtvolle Heimsieg gegen Berlin löst in GWD-Trainer Frank Carstens gegensätzliche Gefühle aus.Marcus RiechmannLübbecke. Während die Mannschaft auf dem blauen Hallenboden an den bereits wohlvertrauten Plätzen wild im Kreis tanzte und der Freude freien Lauf ließ, war Frank Carstens einer der ersten, die das Spielfeld verließen. Der Trainer des heimischen Handball-Bundesligisten GWD Minden zog sich in die Katakomben der Lübbecker Kreissporthalle zurück, mit einem Lächeln auf dem von Anspannung gezeichneten Gesicht. „Das war ein tolles Erlebnis“, sagte er später über den glanzvollen 30:25-Heimerfolg gegen die Füchse Berlin, doch er zog die Stirn sogleich in Falten: „Es ist am Ende auch nur ein Sieg mit zwei Punkten. Wir gehen derzeit echt durch ein Wellenbad“, schwang in seiner Freude noch der Schmerz der erst vier Tage alten Pleite von Lemgo mit. „Das ist ein super Gefühl, heute haben wir uns ein, zwei Bier verdient“, genoss der herausragende GWD-Keeper Malte Semisch das Glück des Augenblicks. „Wir sind sehr befreit“, stellte Teamkollege Marian Michalczik nach dem Triumph gegen seinen künftigen Arbeitgeber fest. Carstens gönnte seinen Spielern die Freude, doch er blickte bereits voran. Zum einen auf die Tabelle, in der sich GWD nun ein Fünf-Punkte-Polster auf Abstiegsplatz 17 und die Eulen Ludwigshafen erarbeitet hat. „Aber man sieht, dass so einiges passiert“, stellte der Coach mit Blick auf den Heimsieg des TVB Stuttgart gegen HC Erlangen fest. Er weiß vor allem um die besondere Moral der Eulen, die im vergangenen Frühjahr nach aussichtslos scheinendem Punkte-Rückstand einen furiosen Saison-Endspurt hinlegten und gegen GWD am letzten Spieltag den für unmöglich gehaltenen Klassenerhalt noch realisierten. Zum anderen blickt Carstens bereits auf das nächste Spiel, die Partie beim SC DHfK Leipzig am Samstag, 29. Februar. „Wir wollen die Mentalität von heute speichern, wir wollen den Speed mitnehmen, dann holen wir die Punkte, die wir brauchen“, wünscht sich der Trainer, der aber noch den uninspiriert pomadigen Auftritt aus Lemgo vor Augen hat. Er weiß, dass sich sein Team nach der Sieglos-Serie aus dem Herbst gerade erst das alte Selbstbewusstsein zurückholt. Umso zufriedener war er, dass seine Spieler eine prächtige Reaktion auf die Lemgo-Pleite gezeigt haben: „Das Team hat eine Antwort gegeben.“ Diese Antwort schmeckte den Gästen aus Berlin ganz und gar nicht. Mit dem Rückenwind des Sieges im Ost-Derby gegen den SC Magdeburg und beflügelt vom Transfer-Coup des lettischen Ausnahmespieler Dainis Kristopans waren die Füchse nach Lübbecke gekommen. Geschlagen und im Rennen um die Champions-League-Qualifikation zurückgeworfen mussten sie sich auf die Heimreise machen. „Ein Stück weit ernüchternd“, nannte Sportvorstand Stefan Kretzschmar die Niederlage. „Uns hat heute Qualität im Angriff gefehlt“, verwies Cheftrainer Velimir Petkovic auf die kurzfristig auch noch um Paul Drux (Entzündung im Fuß) verlängerte Verletztenliste der Füchse. Zerknirscht gratulierte „Petko“ den Siegern: „Sie haben gekämpft wie die Löwen“, anerkannte der 63-Jährige, doch er deutete an, dass mehr Härte von den Schiedsrichtern zugelassen wurde, als ihm lieb war. Diese Härte, die Entschlossenheit in der Abwehr, die körperbetonte Arbeit am Mann waren elementarer Teil des Mindener Plans: Druck auf Kristopans, auf den die Berliner in seinem zweiten Ligaspiel viel Verantwortung abluden, Druck gegen die Kreisanspiele und dann nach Ballgewinnen mit Druck ins Tempospiel. Das wurde zum Erfolgskonzept. Erstens, weil Torwart Malte Semisch dem Team den Rücken frei hielt. Zweitens, weil den Berlinern die Übersicht fehlte, um sich mit klugem Spiel aus der Mindener Power-Defensive zu befreien. „Überragend“, lobte Carstens die Abwehr. Auch im Offensivspiel gab es in der Lübbecker Kreissporthalle für die 2.325 Zuschauer immer wieder Grund zu berechtigtem Verzücken. Turbo-Konter, klares Tempospiel, schicke Spielzüge und brillante Pässe – die Männer in Grün zeigten feine Spielkultur. Für den Höhepunkt sorgte Marian Michalczik im Zusammenspiel mit Kreisläufer Lucas Meister in der 53. Minute. Christoph Reißky, der gegen seinen Ex-Klub eine beherzte Leistung zeigte, hatte mit einem Zweikampf die Berliner Abwehr verschoben, Michalczik fintierte und passte den Ball schließlich hinter dem Rücken zu seinem aufmerksamen Kreisläufer, der zum 26:22 vollstreckte. Nicht nur mit dieser Aktion untermauerte der schon beim Hinspielsieg überzeugende Michalczik, dass man sich in Berlin darauf freuen darf, künftig mit und nicht mehr gegen dem Jungnationalspieler zu spielen. Die Rolle des Anführers bei GWD werden dann andere übernehmen müssen. Heißester Anwärter ist Juri Knorr. Der 19-Jährige ist bereits jetzt spielerisch als auch mental eine Stütze des Teams. „Wir haben heute nicht so ängstlich und mutlos wie in Lemgo gespielt. Das war der Schlüssel, keine Angst zu haben vor den 2,10-Meter-Riesen und richtig draufzugehen“, zeigte sich Knorr furchtlos. Auch im Kampf um den Klassenerhalt nahm der Handball-Ästhet eine erfrischend andere Perspektive ein: „Alle anderen gucken nach unten, aber ich bin ein junger Spieler, mache mir nicht so einen Kopf und will nach oben gucken. Natürlich behält man das Geschehen unten im Blick, aber man hat heute gesehen, dass wir Qualität haben. Im Endeffekt haben wir aus den letzten Spielen vier von sechs Punkten geholt, und das gegen ganz gute Gegner.“ Chaos auf der Anreise „Ich hatte heute mehrmals einen Herzstillstand“, bekannte Markus Kalusche nach dem zweiten Heimspiel in Lübbecke. Einmal stockte dem GWD-Geschäftsführer der Atem, als in der 12. Spielminute eine LED-Bande auf das Spielfeld stürzte. Mit vereinten Kräften wurde die Bande schnell wieder aufgestellt, das Spiel konnte weitergehen. „Es ist ok, wenn nur die Banden umfallen aber die Punkte hierbleiben“, meinte Kalusche und kündigte an: „Da werden wir wohl noch ein paar Dübel reinschrauben.“ Ein anderes Problem drückte vor dem Anpfiff: Auf der Bundesstraße B 65 nervte ein Stau die Fans, Meter für Meter schob sich die GWD-Karawane vom Ortseingang Eilhausen in Richtung Kreissporthalle. Auf dem Weg leuchtete ihnen in Lübbecke die Werbung für das Heimspiel des TuS N-Lübbecke am Samstag gegen Dormagen entgegen. Auch an der Halle selbst herrschte blankes Chaos und Parkplatznot. Etliche Fans trafen erst nach dem Anpfiff in der Halle ein. Das missfiel auch Kalusche: „Das ist ärgerlich, aber ich habe keine Ahnung, wie wir das lösen können.“ (rich) Zitat des Tages „Wir haben nach dem Lemgo-Spiel einen ordentlichen Einlauf von Frank Carstens gekriegt, das hatte ich so auch noch nicht erlebt. Das war in meinen Augen auch völlig zurecht. Umso schöner ist es, dass wir heute diese Trendwende geschafft haben.“ GWD-Torwart Malte Semisch