Bad Oeynhausen/Minden

GWD-Umzug nach Lübbecke: Ende einer Leidenschaft?

Astrid Plaßhenrich

Anika Schäffers Wohnung ist auf Grün-Weiß getrimmt: An der Wand hängt neben dem GWD-Schal und dem Vereinswappen auch ein Mannschaftsbild der A-Jugend von GWD Minden. Rechts im Hintergrund klebt das Poster mit Horst Bredemeier an der Wand. MT- - © Foto: Astrid Plaßhenrich
Anika Schäffers Wohnung ist auf Grün-Weiß getrimmt: An der Wand hängt neben dem GWD-Schal und dem Vereinswappen auch ein Mannschaftsbild der A-Jugend von GWD Minden. Rechts im Hintergrund klebt das Poster mit Horst Bredemeier an der Wand. MT- (© Foto: Astrid Plaßhenrich)

Bad Oeynhausen/Minden. GWD Minden ist Ablenkung und Schmerzmittel zugleich. Zumindest für Anika Schäffer. Deshalb hat die 34-Jährige gehofft, dass sich zur Rückrunde nicht viel ändern wird – obwohl der Handball-Bundesligist seine Heimspiele ab sofort und auf unbestimmte Zeit in der Lübbecker Kreissporthalle austragen muss. Doch nach dem Testspiel von GWD in seiner neuen Heimspielstätte gegen den TuS N-Lübbecke Mitte Januar fällte die Rollstuhlfahrerin eine schwere Entscheidung. Einen Tag später schickte die Bad Oeynhauserin ihre Dauerkarte an die GWD-Geschäftsstelle zurück. „Mir blutet mein grün-weißes Herz. Es macht mich traurig und wütend", sagt sie mit brüchiger Stimme.

Anika Schäffer rollt – so gut es geht – in der Mitte der Gesellschaft. Trotz ihrer Behinderung. Sie ist Tochter, Schwester, Freundin, Bürokauffrau, arbeitet im Qualitätsmanagement im Seniorenzentrum Bethel – und ist eben auch Fan von GWD Minden. Der Handball ist ihr größtes Hobby, eins das sie leben kann. „So etwas kannte ich bis dahin nicht", sagt sie. Die Rollifahrerin kam drei Monate zu früh zur Welt. „Dabei habe ich einen Sauerstoffmangel erlitten, der eine vom Gehirn ausgehende Lähmung ausgelöst hat", erklärt sie. Deshalb ist die Bad Oeynhauserin auf ihren Rollstuhl und Hilfe im Alltag angewiesen. Schäffer lebt trotzdem in ihrer eigenen kleinen Wohnung in einer Seniorenresidenz – und dort ist GWD allgegenwärtig. An der Wohnungstür hängt das grün-weiße Wappen aus Holz, in der Küche ein Poster, auf dem der Vereinsvorsitzende Horst Bredemeier all seine Energie herauszuschreien scheint und auf dem Schreibtisch liegt GWD-Schokolade.

Im September 2014 hat Schäffer ihre grün-weiße Leidenschaft entdeckt. Ihre Freundin Michaela Baumgart, deren Sohn Fabio damals in der C-Jugend des Vereins spielte, nahm sie einfach mal mit zu einer Partie. Es dauerte nicht lange, und die 34-Jährige sah ihr erstes Bundesligaspiel. Der Jugend und auch der 2. Mannschaft ist sie bis heute treu geblieben, regelmäßig geht es zu den Spielen in die Sporthalle Dankersen. Außerdem besucht Schäffer die Oberligapartien des TuS 09 Möllbergen, denn dort spielt inzwischen Fabio.

Die Bundesliga wird ihr aber fehlen. „Ich hätte die Profis unglaublich gerne weiterhin unterstützt, um meine Dankbarkeit zu zeigen, um als Fan ein bisschen etwas zurückzugeben", sagt Schäffer. Denn über das Vereinsleben habe sie Freundschaften geschlossen, die ihr vorher fehlten. Dazu hat die Rollifahrerin in den vergangenen Jahren mehrere Schicksalsschläge erlebt. Es war auch GWD, das sie durch die schweren Zeiten getragen, sie abgelenkt habe.

Doch der Testlauf in Lübbecke verlief für den treuen Fan enttäuschend. Natürlich gibt es auch in der Kreissporthalle Rollstuhlplätze. Die sind vom Haupteingang aus unmittelbar geradeaus gelegen. Die Rollstuhlfahrer stehen vor Plexiglas, das Spielfeld liegt direkt unter ihnen. Schäffers Rollstuhl braucht nach vorne hin allerdings mehr Raum als andere Modelle, deswegen kann sie das vordere Tor nicht sehen. Stattdessen schaut sie vor eine Netzkante, die den Blick auf das gesamte Spielfeld einschränkt. Zudem zieht es auf den Plätzen, immer wenn die Türen aufgehen oder aufstehen. Für ihren Begleiter war kein Sitzplatz vorhanden, er musste zweieinhalb Stunden stehen. Und die Fahrten nach Lübbecke sind aufgrund der etwas weiteren Strecke für „Ani", wie sie von vielen genannt wird, teurer. Viel schlimmer ist allerdings, dass sie von der Atmosphäre kaum etwas mitbekommt.

In der Kampa-Halle war das anders: Schäffer hat es geliebt, direkt hinter der Bande am Spielfeldrand zu sitzen, die unmittelbare Stimmung der Zuschauer auf den Tribünen und der Profis auf dem Feld zu spüren. „Aufgrund meiner Erkrankung habe ich auf einem Auge nur noch zehn, auf dem anderen 40 Prozent Sehkraft." Auch wenn sie nicht alles mit ihren Augen erfassen konnte, wusste sie immer, wie es um GWD steht. Und: Die 34-Jährige fühlte sich als eine von Tausenden, ihre Behinderung spielte in den Momenten keine Rolle. Sowohl die Spieler als auch das gesamte GWD-Umfeld behandelten Schäffer wie jeden anderen Fan auch. „Ich will ja keine Extrawurst. Ich will kein Mitleid", sagt sie.

Jetzt hofft die Bad Oeynhauserin, dass die Planungen zur Multihalle schnell vorangetrieben werden. Und sie hofft, dass Rollstuhlfahrer in den Prozess als Berater miteinbezogen werden. Sie sind schließlich die Experten. „Sicherlich sind die Probleme und Einschränkungen vielschichtig, aber wir können diese klar benennen", erklärt sie und ergänzt: „Minden braucht eine solche Sportstätte, um auch in Zukunft Handballbundesliga zu spielen."

Bis es aber so weit ist, wird Schäffer die GWD-Spiele im Fernsehen verfolgen. Das Liveerlebnis holt sie sich dann bei Mindens 2. Mannschaft, bei GWD-Jugendspielen und in Möllbergen. Die Partien können die Atmosphäre mit Tausend und mehr Zuschauern aber nicht vollends ersetzen.

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Bad Oeynhausen/MindenGWD-Umzug nach Lübbecke: Ende einer Leidenschaft?Astrid PlaßhenrichBad Oeynhausen/Minden. GWD Minden ist Ablenkung und Schmerzmittel zugleich. Zumindest für Anika Schäffer. Deshalb hat die 34-Jährige gehofft, dass sich zur Rückrunde nicht viel ändern wird – obwohl der Handball-Bundesligist seine Heimspiele ab sofort und auf unbestimmte Zeit in der Lübbecker Kreissporthalle austragen muss. Doch nach dem Testspiel von GWD in seiner neuen Heimspielstätte gegen den TuS N-Lübbecke Mitte Januar fällte die Rollstuhlfahrerin eine schwere Entscheidung. Einen Tag später schickte die Bad Oeynhauserin ihre Dauerkarte an die GWD-Geschäftsstelle zurück. „Mir blutet mein grün-weißes Herz. Es macht mich traurig und wütend", sagt sie mit brüchiger Stimme. Anika Schäffer rollt – so gut es geht – in der Mitte der Gesellschaft. Trotz ihrer Behinderung. Sie ist Tochter, Schwester, Freundin, Bürokauffrau, arbeitet im Qualitätsmanagement im Seniorenzentrum Bethel – und ist eben auch Fan von GWD Minden. Der Handball ist ihr größtes Hobby, eins das sie leben kann. „So etwas kannte ich bis dahin nicht", sagt sie. Die Rollifahrerin kam drei Monate zu früh zur Welt. „Dabei habe ich einen Sauerstoffmangel erlitten, der eine vom Gehirn ausgehende Lähmung ausgelöst hat", erklärt sie. Deshalb ist die Bad Oeynhauserin auf ihren Rollstuhl und Hilfe im Alltag angewiesen. Schäffer lebt trotzdem in ihrer eigenen kleinen Wohnung in einer Seniorenresidenz – und dort ist GWD allgegenwärtig. An der Wohnungstür hängt das grün-weiße Wappen aus Holz, in der Küche ein Poster, auf dem der Vereinsvorsitzende Horst Bredemeier all seine Energie herauszuschreien scheint und auf dem Schreibtisch liegt GWD-Schokolade. Im September 2014 hat Schäffer ihre grün-weiße Leidenschaft entdeckt. Ihre Freundin Michaela Baumgart, deren Sohn Fabio damals in der C-Jugend des Vereins spielte, nahm sie einfach mal mit zu einer Partie. Es dauerte nicht lange, und die 34-Jährige sah ihr erstes Bundesligaspiel. Der Jugend und auch der 2. Mannschaft ist sie bis heute treu geblieben, regelmäßig geht es zu den Spielen in die Sporthalle Dankersen. Außerdem besucht Schäffer die Oberligapartien des TuS 09 Möllbergen, denn dort spielt inzwischen Fabio. Die Bundesliga wird ihr aber fehlen. „Ich hätte die Profis unglaublich gerne weiterhin unterstützt, um meine Dankbarkeit zu zeigen, um als Fan ein bisschen etwas zurückzugeben", sagt Schäffer. Denn über das Vereinsleben habe sie Freundschaften geschlossen, die ihr vorher fehlten. Dazu hat die Rollifahrerin in den vergangenen Jahren mehrere Schicksalsschläge erlebt. Es war auch GWD, das sie durch die schweren Zeiten getragen, sie abgelenkt habe. Doch der Testlauf in Lübbecke verlief für den treuen Fan enttäuschend. Natürlich gibt es auch in der Kreissporthalle Rollstuhlplätze. Die sind vom Haupteingang aus unmittelbar geradeaus gelegen. Die Rollstuhlfahrer stehen vor Plexiglas, das Spielfeld liegt direkt unter ihnen. Schäffers Rollstuhl braucht nach vorne hin allerdings mehr Raum als andere Modelle, deswegen kann sie das vordere Tor nicht sehen. Stattdessen schaut sie vor eine Netzkante, die den Blick auf das gesamte Spielfeld einschränkt. Zudem zieht es auf den Plätzen, immer wenn die Türen aufgehen oder aufstehen. Für ihren Begleiter war kein Sitzplatz vorhanden, er musste zweieinhalb Stunden stehen. Und die Fahrten nach Lübbecke sind aufgrund der etwas weiteren Strecke für „Ani", wie sie von vielen genannt wird, teurer. Viel schlimmer ist allerdings, dass sie von der Atmosphäre kaum etwas mitbekommt. In der Kampa-Halle war das anders: Schäffer hat es geliebt, direkt hinter der Bande am Spielfeldrand zu sitzen, die unmittelbare Stimmung der Zuschauer auf den Tribünen und der Profis auf dem Feld zu spüren. „Aufgrund meiner Erkrankung habe ich auf einem Auge nur noch zehn, auf dem anderen 40 Prozent Sehkraft." Auch wenn sie nicht alles mit ihren Augen erfassen konnte, wusste sie immer, wie es um GWD steht. Und: Die 34-Jährige fühlte sich als eine von Tausenden, ihre Behinderung spielte in den Momenten keine Rolle. Sowohl die Spieler als auch das gesamte GWD-Umfeld behandelten Schäffer wie jeden anderen Fan auch. „Ich will ja keine Extrawurst. Ich will kein Mitleid", sagt sie. Jetzt hofft die Bad Oeynhauserin, dass die Planungen zur Multihalle schnell vorangetrieben werden. Und sie hofft, dass Rollstuhlfahrer in den Prozess als Berater miteinbezogen werden. Sie sind schließlich die Experten. „Sicherlich sind die Probleme und Einschränkungen vielschichtig, aber wir können diese klar benennen", erklärt sie und ergänzt: „Minden braucht eine solche Sportstätte, um auch in Zukunft Handballbundesliga zu spielen." Bis es aber so weit ist, wird Schäffer die GWD-Spiele im Fernsehen verfolgen. Das Liveerlebnis holt sie sich dann bei Mindens 2. Mannschaft, bei GWD-Jugendspielen und in Möllbergen. Die Partien können die Atmosphäre mit Tausend und mehr Zuschauern aber nicht vollends ersetzen.