Minden

In seiner EM-Bilanz lobt Frank Carstens den Bundestrainer: Vieles hat dem GWD-Coach gefallen, nur das heimische Tippspiel nicht.

Marcus Riechmann und Astrid Plaßhenrich

Perfekter Abschluss: Ein starkes Spiel gelang Marian Michalczik beim 29:27 der DHB-Auswahl im letzten Spiel gegen Portugal. Drei Tore steuerte der Mindener zum Sieg in der Partie um Platz fünf bei. In dieser Szene erzielte der GWD-Kapitän das letzte Tor des Tages in Stockholm. Foto: Anders Wiklund/dpa - © Anders Wiklund
Perfekter Abschluss: Ein starkes Spiel gelang Marian Michalczik beim 29:27 der DHB-Auswahl im letzten Spiel gegen Portugal. Drei Tore steuerte der Mindener zum Sieg in der Partie um Platz fünf bei. In dieser Szene erzielte der GWD-Kapitän das letzte Tor des Tages in Stockholm. Foto: Anders Wiklund/dpa (© Anders Wiklund)

Minden. Zur Goldmedaille hat es nicht gereicht, doch immerhin mit Bronze dekoriert kehren die drei Norweger im Team des Handball-Bundesligisten GWD Minden zurück nach Ostwestfalen. Ihr großer Wunsch erfüllte sich bei der Europameisterschaft nicht, der ihres Klubtrainers Frank Carstens hingegen schon: Seine sieben EM-Fahrer kommen gesund heim von den Titelkämpfen, die in Spanien einen für Carstens überraschenden Champion fanden. Im MT-Gespräch blickt der GWD-Coach auf das „schwerste Turnier der Welt“ mit der Maximalbelastung von bis zu acht Spielen in gerade mal 17 Tagen.

Marian Michalczik

„Das war ein unglücklicher Einstieg“, befindet Carstens zum EM-Auftakt seines Teamkapitäns. Das erste Spiel der deutschen Mannschaft sei weder für das Team noch für den Mindener, mit 22 Jahren Benjamin im Kader, leicht gewesen. „Marian kommt über Spielwitz und Kreativität. Für dieses Spiel braucht er Vertrauen“, sagt Carstens. Die vielen Wechsel seien nicht förderlich gewesen, die Leistung aber auch nicht gut. In den letzten beiden Turnierspielen sei das anders gewesen: Gute Defensivleistung in Kooperation mit Johannes Golla, dem zweiten Teamjunior, und gute Momente im Angriff, vor allem im Zusammenspiel mit den Kreisläufern, bescheinigt Carstens seinem Führungsspieler. „Er ist mit seinen Fähigkeiten ein sehr kompletter Spieler und damit interessant für den knappen 14er Kader für die Olympischen Spiele“, ist Carstens einer Meinung mit TV-Experte Markus Baur. Auch hier stimmt der Trainer mit dem 2007er Weltmeister überein: „Ich hätte ihm noch ein Jahr bei GWD gewünscht“, sagte Baur nach dem Sieg im Spiel um Platz fünf gegen Portugal über den im Sommer nach Berlin wechselnden Michalczik. „Baur hat Ahnung“, meint Carstens, lächelt und sagt über dessen Gedanken: „Das hätte mir durchaus gefallen.“

Mindens Norweger

Die Norweger um die GWD-Spieler Magnus Gullerud (Mitte links) und Espen Christensen (4. von rechts) feiern den Gewinn der Bronze-Medaille nach dem 28:20 gegen Slowenien. Foto: Johanna Lundberg/dpa - © Johanna Lundberg
Die Norweger um die GWD-Spieler Magnus Gullerud (Mitte links) und Espen Christensen (4. von rechts) feiern den Gewinn der Bronze-Medaille nach dem 28:20 gegen Slowenien. Foto: Johanna Lundberg/dpa (© Johanna Lundberg)

In Magnus Gullerud, Kevin Gulliksen und Espen Christensen stand gleich ein GWD-Trio im Kader des EM-Drittens Norwegen. Allerdings habe Gullerud schlecht ins Turnier gefunden. „Seine Leistung im ersten Spiel gegen Bosnien und Herzegowina war durchwachsen. Er hat so angefangen, wie er bei uns aufgehört hatte“, meint Carstens. Fahrig in der Offensive und mit Aussetzern in der Abwehr. Gegen Frankreich habe es bei Gullerud dann aber mit seinem ersten Treffer Klick gemacht. Ab dem Zeitpunkt sei er im Turnier gewesen. „Ganz klar: Magnus hat seine Form bei der EM zurückgefunden. Das ist natürlich auch gut für uns“, freut sich Carstens. Gulliksen sei immer da gewesen, wenn er gefordert war. „Kevin hat seine Aufgabe erfüllt“, sagt der GWD-Trainer über den Rechtsaußen, der in der Hauptrunde gegen Slowenien (33:30) sieben Tore warf und als „Man of the Match“ ausgezeichnet wurde. Für Torwart Espen Christensen gilt es , in Minden schnellstmöglich wieder Spielpraxis zu erlangen. „Wenigstens stand Espen in den letzten Spielen im Kader“, meint der GWD-Trainer.

Deutschlands Leistung

„Spanien war ein echter Rückschlag. Aber da hat das Team gemerkt: Wir müssen ganz anders auftreten“, sagt Carstens. Letztendlich habe die deutsche Mannschaft nur gegen die Endspielteilnehmer Spanien und Kroatien verloren und mit Platz fünf ein sehr ordentliches Ergebnis erzielt. Ein spielstarker Mann wie der verletzte Fabian Wiede – bei der WM vor einem Jahr Matchwinner gegen Kroatien – habe gefehlt, so Carstens, von Wiedes Ersatzmann Kai Häfner habe er etwas mehr erwartet, meint der ehemalige Co-Trainer des DHB. Zudem habe die Verletzung Patrick Wienceks die Defensivleistung belastet.

Bundestrainer Prokop

Die schwierige Phase der Vorrunde bezeichnet Carstens als „nicht ungewöhnlich. Das Zueinanderfinden war häufig ein schwieriger Prozess, auch bei der erfolgreichen WM 2007.“ Zur Welle der Kritik an Bundestrainer Christian Prokop sagt er: „Man kann natürlich alles kritisieren, aber man muss nicht jeden Kritiker ernst nehmen.“ Prokop habe Zugang zum Team, das hätten alle sehen können. „Er hat sich entwickelt und sein Team mitgenommen. Er hat seinen Anteil an der Gesamtleistung“, sagt Carstens und lobt seinen Kollegen: „Christian ist ein super Trainer. An seinen Fähigkeiten kann niemand einen Zweifel haben.“

Überraschungen

Portugal hat Carstens überzeugt. „Dass sie technisch stark sind, war klar, aber dass sie so stabil auftreten und soweit kommen, ist schon gut.“ Neben Spanien war auch Endspielgegner Kroatien unerwartet stark: „Sie haben mit einem kleinen Team das Niveau gehalten. Dabei kostet ihre Spielweise mit der offensiven Abwehr Kraft, aber sie haben es geschafft, die Topleute in ihrem System immer mal wieder zu schonen.“

Verlierer

Hier fällt das Trainer-Urteil schnell: „Dänemark und Frankreich sind bereits in der Vorrunde gescheitert. Das war hart. Auch die Schweden hatten beim Heimturnier sicher mehr erwartet.“

Stars der EM

Zwei Spieler ragen für Carstens heraus: Norwegens Sander Sagosen und der Kroate Domagoj Duvnjak. „Die beiden haben das Halbfinale geprägt, da ging es um die Weltherrschaft. Das war ein Super-Duell“ beschreibt Carstens das Highlight, das Kroatien nach zweimaliger Verlängerung gewann: „Das war Wahnsinn, das beste Handballspiel, das ich seit Jahren gesehen habe.“ Über den Umstand, dass Sagosen und Duvnjak künftig gemeinsam beim THW Kiel spielen werden, meint er: „Da kann einem Angst und Bange werden.“ Es werde spannend, wie die beiden harmonieren werden: „Für die Bundesliga ist der Wechsel von Sagosen natürlich überragend.“

Der neue Champion

„Mit Spanien habe ich nicht gerechnet. Ich habe nicht erwartet, dass sie bei dem Durchschnittsalter das Turnier so stabil durchstehen würden“, sagt Carstens. Sein erster Titeltipp sei Slowenien gewesen: „Riesen Spielkultur, hohe Präzision.“ Im Laufe des Turniers hatte er dann Norwegen oben auf dem Zettel. „Die waren so souverän.“ Doch die Schale ging erneut an Spanien. „Auf die hatte meine Frau getippt. Ich musste mir ein bisschen was anhören“, gesteht Carstens ein, zumal er noch vor dem Finale vermutet hatte: „Wenn wenig Tore fallen, spricht das für Kroatien.“ Doch nach dem 22:20 ging der Sieg im familiären Tippspiel an seine Frau Svenja.

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MindenIn seiner EM-Bilanz lobt Frank Carstens den Bundestrainer: Vieles hat dem GWD-Coach gefallen, nur das heimische Tippspiel nicht.Marcus Riechmann,Astrid PlaßhenrichMinden. Zur Goldmedaille hat es nicht gereicht, doch immerhin mit Bronze dekoriert kehren die drei Norweger im Team des Handball-Bundesligisten GWD Minden zurück nach Ostwestfalen. Ihr großer Wunsch erfüllte sich bei der Europameisterschaft nicht, der ihres Klubtrainers Frank Carstens hingegen schon: Seine sieben EM-Fahrer kommen gesund heim von den Titelkämpfen, die in Spanien einen für Carstens überraschenden Champion fanden. Im MT-Gespräch blickt der GWD-Coach auf das „schwerste Turnier der Welt“ mit der Maximalbelastung von bis zu acht Spielen in gerade mal 17 Tagen. Marian Michalczik „Das war ein unglücklicher Einstieg“, befindet Carstens zum EM-Auftakt seines Teamkapitäns. Das erste Spiel der deutschen Mannschaft sei weder für das Team noch für den Mindener, mit 22 Jahren Benjamin im Kader, leicht gewesen. „Marian kommt über Spielwitz und Kreativität. Für dieses Spiel braucht er Vertrauen“, sagt Carstens. Die vielen Wechsel seien nicht förderlich gewesen, die Leistung aber auch nicht gut. In den letzten beiden Turnierspielen sei das anders gewesen: Gute Defensivleistung in Kooperation mit Johannes Golla, dem zweiten Teamjunior, und gute Momente im Angriff, vor allem im Zusammenspiel mit den Kreisläufern, bescheinigt Carstens seinem Führungsspieler. „Er ist mit seinen Fähigkeiten ein sehr kompletter Spieler und damit interessant für den knappen 14er Kader für die Olympischen Spiele“, ist Carstens einer Meinung mit TV-Experte Markus Baur. Auch hier stimmt der Trainer mit dem 2007er Weltmeister überein: „Ich hätte ihm noch ein Jahr bei GWD gewünscht“, sagte Baur nach dem Sieg im Spiel um Platz fünf gegen Portugal über den im Sommer nach Berlin wechselnden Michalczik. „Baur hat Ahnung“, meint Carstens, lächelt und sagt über dessen Gedanken: „Das hätte mir durchaus gefallen.“ Mindens Norweger In Magnus Gullerud, Kevin Gulliksen und Espen Christensen stand gleich ein GWD-Trio im Kader des EM-Drittens Norwegen. Allerdings habe Gullerud schlecht ins Turnier gefunden. „Seine Leistung im ersten Spiel gegen Bosnien und Herzegowina war durchwachsen. Er hat so angefangen, wie er bei uns aufgehört hatte“, meint Carstens. Fahrig in der Offensive und mit Aussetzern in der Abwehr. Gegen Frankreich habe es bei Gullerud dann aber mit seinem ersten Treffer Klick gemacht. Ab dem Zeitpunkt sei er im Turnier gewesen. „Ganz klar: Magnus hat seine Form bei der EM zurückgefunden. Das ist natürlich auch gut für uns“, freut sich Carstens. Gulliksen sei immer da gewesen, wenn er gefordert war. „Kevin hat seine Aufgabe erfüllt“, sagt der GWD-Trainer über den Rechtsaußen, der in der Hauptrunde gegen Slowenien (33:30) sieben Tore warf und als „Man of the Match“ ausgezeichnet wurde. Für Torwart Espen Christensen gilt es , in Minden schnellstmöglich wieder Spielpraxis zu erlangen. „Wenigstens stand Espen in den letzten Spielen im Kader“, meint der GWD-Trainer. Deutschlands Leistung „Spanien war ein echter Rückschlag. Aber da hat das Team gemerkt: Wir müssen ganz anders auftreten“, sagt Carstens. Letztendlich habe die deutsche Mannschaft nur gegen die Endspielteilnehmer Spanien und Kroatien verloren und mit Platz fünf ein sehr ordentliches Ergebnis erzielt. Ein spielstarker Mann wie der verletzte Fabian Wiede – bei der WM vor einem Jahr Matchwinner gegen Kroatien – habe gefehlt, so Carstens, von Wiedes Ersatzmann Kai Häfner habe er etwas mehr erwartet, meint der ehemalige Co-Trainer des DHB. Zudem habe die Verletzung Patrick Wienceks die Defensivleistung belastet. Bundestrainer Prokop Die schwierige Phase der Vorrunde bezeichnet Carstens als „nicht ungewöhnlich. Das Zueinanderfinden war häufig ein schwieriger Prozess, auch bei der erfolgreichen WM 2007.“ Zur Welle der Kritik an Bundestrainer Christian Prokop sagt er: „Man kann natürlich alles kritisieren, aber man muss nicht jeden Kritiker ernst nehmen.“ Prokop habe Zugang zum Team, das hätten alle sehen können. „Er hat sich entwickelt und sein Team mitgenommen. Er hat seinen Anteil an der Gesamtleistung“, sagt Carstens und lobt seinen Kollegen: „Christian ist ein super Trainer. An seinen Fähigkeiten kann niemand einen Zweifel haben.“ Überraschungen Portugal hat Carstens überzeugt. „Dass sie technisch stark sind, war klar, aber dass sie so stabil auftreten und soweit kommen, ist schon gut.“ Neben Spanien war auch Endspielgegner Kroatien unerwartet stark: „Sie haben mit einem kleinen Team das Niveau gehalten. Dabei kostet ihre Spielweise mit der offensiven Abwehr Kraft, aber sie haben es geschafft, die Topleute in ihrem System immer mal wieder zu schonen.“ Verlierer Hier fällt das Trainer-Urteil schnell: „Dänemark und Frankreich sind bereits in der Vorrunde gescheitert. Das war hart. Auch die Schweden hatten beim Heimturnier sicher mehr erwartet.“ Stars der EM Zwei Spieler ragen für Carstens heraus: Norwegens Sander Sagosen und der Kroate Domagoj Duvnjak. „Die beiden haben das Halbfinale geprägt, da ging es um die Weltherrschaft. Das war ein Super-Duell“ beschreibt Carstens das Highlight, das Kroatien nach zweimaliger Verlängerung gewann: „Das war Wahnsinn, das beste Handballspiel, das ich seit Jahren gesehen habe.“ Über den Umstand, dass Sagosen und Duvnjak künftig gemeinsam beim THW Kiel spielen werden, meint er: „Da kann einem Angst und Bange werden.“ Es werde spannend, wie die beiden harmonieren werden: „Für die Bundesliga ist der Wechsel von Sagosen natürlich überragend.“ Der neue Champion „Mit Spanien habe ich nicht gerechnet. Ich habe nicht erwartet, dass sie bei dem Durchschnittsalter das Turnier so stabil durchstehen würden“, sagt Carstens. Sein erster Titeltipp sei Slowenien gewesen: „Riesen Spielkultur, hohe Präzision.“ Im Laufe des Turniers hatte er dann Norwegen oben auf dem Zettel. „Die waren so souverän.“ Doch die Schale ging erneut an Spanien. „Auf die hatte meine Frau getippt. Ich musste mir ein bisschen was anhören“, gesteht Carstens ein, zumal er noch vor dem Finale vermutet hatte: „Wenn wenig Tore fallen, spricht das für Kroatien.“ Doch nach dem 22:20 ging der Sieg im familiären Tippspiel an seine Frau Svenja.