Wien/Hannover

EM-Shootingstar Timo Kastening war einst GWD-Fan und Mindens Tomas Axner sein Vorbild

Stefan Rüter und Michael Wilkening

Das sind seine Momente: Timo Kastening ist der Experte für Tempogegenstöße und leichte Tore. Hier eine Szene aus dem Auftaktspiel gegen die Niederlande und deren Torhüter Bart Ravensbergen. Foto: Sascha Klahn - © saschaklahn.com
Das sind seine Momente: Timo Kastening ist der Experte für Tempogegenstöße und leichte Tore. Hier eine Szene aus dem Auftaktspiel gegen die Niederlande und deren Torhüter Bart Ravensbergen. Foto: Sascha Klahn (© saschaklahn.com)

Wien/Hannover. Wer über sich selbst lachen kann, hat in der Regel gute Aussichten, gut gelaunt durchs Leben zu kommen. Timo Kastening ist so jemand, und vielleicht auch deshalb der Shootingstar der deutschen Handballer bei der Europameisterschaft. In jedem Fall steht der Rechtaußen der TSV Hannover-Burgdorf sinnbildlich für den Aufschwung der Deutschen, die während des 31:23-Sieges beim Hauptrundenauftakt in Wien gegen Weißrussland erstmalig in diesem Turnier ein Stück weit zu sich selbst fanden. Kastening, mit 24 Jahren einer der Jüngsten im Kader der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), ging dabei mit einer starken Leistung voran und bester Laune vom Feld.

„Vielleicht bin ich zu klein“, hatte der Rechtsaußen der Nationalmannschaft gewitzelt, nachdem er unfreiwillig einem Millionenpublikum bekannt gemacht wurde. Bundestrainer Christian Prokop hatte während einer im TV übertragenen Auszeit bei der Partie gegen die Niederlande eine „Wortfindungsstörung“ gehabt und in Richtung Kastenings gefragt: „Wie heißt du?“ Die Szene, die der Spieler mit einem deutlichen „TIMO“ beendete, startete anschließend ihren Lauf durch die sozialen Medien, sie wurde ein viraler Hit. „Vielleicht werde ich mal übersehen“, erklärte Kastening lachend. Bis zum Beginn der EM kannten den 1,80 Meter großen Linkshänder nur die Handball-Insider, durch den Fauxpas des Bundestrainers plötzlich alle – gegen die Weißrussen unterfütterte er seine Popularität mit einer Glanzleistung.

Der Rechtsaußen wirft nicht einfach nur Tore, sondern er wirft oft Tore, die dem Gegner besondere Schmerzen bereiten. Treffer, die Gegnern die Energie aus den Körpern saugen können. „Der schleicht sich da aus 1,50 Metern an und klaut den Ball. Das macht er überragend“, lobte Kapitän Uwe Gensheimer den Mitspieler. Gegen die Weißrussen fing er mehrfach Pässe ab und verwertete sie im Gegenstoß. Zudem nahm er sich nach einem Gegentreffer in der schnellen Mitte den Ball, übersprintete den verdutzten Kontrahenten und traf wenige Sekunden später auf der anderen Seite. Es sind die im Handballjargon titulierten „einfachen Tore“, die dem eigenen Team einen mentalen Aufschwung verleihen und den Gegenüber demoralisieren können.

Die Spielweise von Kastening ist mehr wert als die pure Anzahl seiner Treffer – und deshalb hat er sich in den Tagen von Trondheim und Wien als extrem wertvoll für die deutsche Mannschaft erwiesen. Zunächst überraschte seine Nominierung für den EM-Kader, weil dafür die langjährige Stammkraft Patrick Groetzki von den Rhein-Neckar Löwen weichen musste. Inzwischen bestätigt Kastening die Entscheidung von Prokop eindrucksvoll.

Mit seiner Leichtigkeit, der Unbekümmertheit und der Gier steckte er die Spieler um sich herum förmlich an. „Der tut jeder Mannschaft gut, weil er unbekümmert ist“, sagte Bob Hanning: „Er macht sich nicht so einen Kopf wie ein erfahrener Spieler und das kann in solchen Situationen helfen.“

Es hätte nicht viel gefehlt, und Kastening würde heute nicht in Hannover sondern für GWD Minden stürmen. Denn der gebürtige Bad Nenndorfer sammelte seine ersten Bundesliga-Erfahrungen bei GWD.

„Ich war jahrelang bei fast jedem Heimspiel. Meine Mutter hat mir viele weiße T-Shirts gekauft, die ich mir nach den Spielen mit Autogrammen vollschrieben ließ. Das waren die Zeiten von Dimitri Kusilew, Moritz Schäpsmeier, Malik Besirevic und natürlich Tomas Axner. Er war mein Lieblingsspieler“, schwärmt Kastening von vergangenen Zeiten, als er in der Jugend der späteren HSG Schaumburg-Nord spielte und in Minden Bundesligaluft schnupperte. Auch das letzte Bundesliga-Spiel von GWD in der Mindener Kampa-Halle begleitete der Flügelstürmer: Mit Hannover-Burgdorf spielte Kastening am 29. Dezember 32:32, zwei Tore steuerte er beim Finale vor der Schließung der Arena bei und beschrieb einen emotionalen Moment.

Eine Geschichte bleibt für ihn unvergessen: Nach einem Spiel fragte Kastening den damaligen GWD-Spieler Michael Haaß, ob er mal in den Harz-Pott greifen dürfe. „Er sagte mir, dass ich ruhig mit der ganzen Hand reingreifen solle. Danach habe ich das Hallenheft nicht mehr aus der Hand bekommen und durfte auf der Rückfahrt im Auto nichts anfassen“, erzählt der Torjäger lachend.

GWD hatte auch eine Strahlkraft bis ins Schaumburger Land, aber keine echte Präsenz. Darum entschied sich Kastening mit 13 Jahren lieber für die TSV Hannover-Burgdorf. Dort debütierte er in der Saison 2013/2014 in der Bundesliga, wurde alsbald Stammspieler und Publikumsliebling. Nun will er seine Komfortzone verlassen. Im Sommer wechselt er zur MT Melsungen. Der Rechtsaußen hat sich mittlerweile einen Namen gemacht. Auch der Bundestrainer fragt nicht mehr nach.

Anwurfzeit für GWD-Spiel in Lemgo steht fest

Minden (rich). Die Handball-Bundesliga hat den Termin für das OWL-Derby festgelegt. GWD Minden bestreitet das erste Auswärtsspiel nach der EM-Pause am Sonntag, 16. Februar, um 16 Uhr in der Phoenix-Contact-Arena gegen den TBV Lemgo Lippe. Der GWD-Fanclub bietet zum Derby eine Busfahrt ins Lipperland an. Abfahrt ist am Spieltag um 13.30 Uhr am Helmut-Meisolle-Jugendheim in Dankersen neben der Sporthalle. Anmeldungen nimmt Sport Meisolle an, Telefon (05 71) 3 32 77, oder Reiseleiter Wolfgang Franke unter der Rufnummer (01 74) 7 54 01 75.

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Wien/HannoverEM-Shootingstar Timo Kastening war einst GWD-Fan und Mindens Tomas Axner sein VorbildMichael Wilkening,Stefan RüterWien/Hannover. Wer über sich selbst lachen kann, hat in der Regel gute Aussichten, gut gelaunt durchs Leben zu kommen. Timo Kastening ist so jemand, und vielleicht auch deshalb der Shootingstar der deutschen Handballer bei der Europameisterschaft. In jedem Fall steht der Rechtaußen der TSV Hannover-Burgdorf sinnbildlich für den Aufschwung der Deutschen, die während des 31:23-Sieges beim Hauptrundenauftakt in Wien gegen Weißrussland erstmalig in diesem Turnier ein Stück weit zu sich selbst fanden. Kastening, mit 24 Jahren einer der Jüngsten im Kader der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), ging dabei mit einer starken Leistung voran und bester Laune vom Feld. „Vielleicht bin ich zu klein“, hatte der Rechtsaußen der Nationalmannschaft gewitzelt, nachdem er unfreiwillig einem Millionenpublikum bekannt gemacht wurde. Bundestrainer Christian Prokop hatte während einer im TV übertragenen Auszeit bei der Partie gegen die Niederlande eine „Wortfindungsstörung“ gehabt und in Richtung Kastenings gefragt: „Wie heißt du?“ Die Szene, die der Spieler mit einem deutlichen „TIMO“ beendete, startete anschließend ihren Lauf durch die sozialen Medien, sie wurde ein viraler Hit. „Vielleicht werde ich mal übersehen“, erklärte Kastening lachend. Bis zum Beginn der EM kannten den 1,80 Meter großen Linkshänder nur die Handball-Insider, durch den Fauxpas des Bundestrainers plötzlich alle – gegen die Weißrussen unterfütterte er seine Popularität mit einer Glanzleistung. Der Rechtsaußen wirft nicht einfach nur Tore, sondern er wirft oft Tore, die dem Gegner besondere Schmerzen bereiten. Treffer, die Gegnern die Energie aus den Körpern saugen können. „Der schleicht sich da aus 1,50 Metern an und klaut den Ball. Das macht er überragend“, lobte Kapitän Uwe Gensheimer den Mitspieler. Gegen die Weißrussen fing er mehrfach Pässe ab und verwertete sie im Gegenstoß. Zudem nahm er sich nach einem Gegentreffer in der schnellen Mitte den Ball, übersprintete den verdutzten Kontrahenten und traf wenige Sekunden später auf der anderen Seite. Es sind die im Handballjargon titulierten „einfachen Tore“, die dem eigenen Team einen mentalen Aufschwung verleihen und den Gegenüber demoralisieren können. Die Spielweise von Kastening ist mehr wert als die pure Anzahl seiner Treffer – und deshalb hat er sich in den Tagen von Trondheim und Wien als extrem wertvoll für die deutsche Mannschaft erwiesen. Zunächst überraschte seine Nominierung für den EM-Kader, weil dafür die langjährige Stammkraft Patrick Groetzki von den Rhein-Neckar Löwen weichen musste. Inzwischen bestätigt Kastening die Entscheidung von Prokop eindrucksvoll. Mit seiner Leichtigkeit, der Unbekümmertheit und der Gier steckte er die Spieler um sich herum förmlich an. „Der tut jeder Mannschaft gut, weil er unbekümmert ist“, sagte Bob Hanning: „Er macht sich nicht so einen Kopf wie ein erfahrener Spieler und das kann in solchen Situationen helfen.“ Es hätte nicht viel gefehlt, und Kastening würde heute nicht in Hannover sondern für GWD Minden stürmen. Denn der gebürtige Bad Nenndorfer sammelte seine ersten Bundesliga-Erfahrungen bei GWD. „Ich war jahrelang bei fast jedem Heimspiel. Meine Mutter hat mir viele weiße T-Shirts gekauft, die ich mir nach den Spielen mit Autogrammen vollschrieben ließ. Das waren die Zeiten von Dimitri Kusilew, Moritz Schäpsmeier, Malik Besirevic und natürlich Tomas Axner. Er war mein Lieblingsspieler“, schwärmt Kastening von vergangenen Zeiten, als er in der Jugend der späteren HSG Schaumburg-Nord spielte und in Minden Bundesligaluft schnupperte. Auch das letzte Bundesliga-Spiel von GWD in der Mindener Kampa-Halle begleitete der Flügelstürmer: Mit Hannover-Burgdorf spielte Kastening am 29. Dezember 32:32, zwei Tore steuerte er beim Finale vor der Schließung der Arena bei und beschrieb einen emotionalen Moment. Eine Geschichte bleibt für ihn unvergessen: Nach einem Spiel fragte Kastening den damaligen GWD-Spieler Michael Haaß, ob er mal in den Harz-Pott greifen dürfe. „Er sagte mir, dass ich ruhig mit der ganzen Hand reingreifen solle. Danach habe ich das Hallenheft nicht mehr aus der Hand bekommen und durfte auf der Rückfahrt im Auto nichts anfassen“, erzählt der Torjäger lachend. GWD hatte auch eine Strahlkraft bis ins Schaumburger Land, aber keine echte Präsenz. Darum entschied sich Kastening mit 13 Jahren lieber für die TSV Hannover-Burgdorf. Dort debütierte er in der Saison 2013/2014 in der Bundesliga, wurde alsbald Stammspieler und Publikumsliebling. Nun will er seine Komfortzone verlassen. Im Sommer wechselt er zur MT Melsungen. Der Rechtsaußen hat sich mittlerweile einen Namen gemacht. Auch der Bundestrainer fragt nicht mehr nach. Anwurfzeit für GWD-Spiel in Lemgo steht fest Minden (rich). Die Handball-Bundesliga hat den Termin für das OWL-Derby festgelegt. GWD Minden bestreitet das erste Auswärtsspiel nach der EM-Pause am Sonntag, 16. Februar, um 16 Uhr in der Phoenix-Contact-Arena gegen den TBV Lemgo Lippe. Der GWD-Fanclub bietet zum Derby eine Busfahrt ins Lipperland an. Abfahrt ist am Spieltag um 13.30 Uhr am Helmut-Meisolle-Jugendheim in Dankersen neben der Sporthalle. Anmeldungen nimmt Sport Meisolle an, Telefon (05 71) 3 32 77, oder Reiseleiter Wolfgang Franke unter der Rufnummer (01 74) 7 54 01 75.