Wien/Minden

Das sagt Marian Michalczik zu seiner neuen Rolle nach der Ausbootung

Sebastian Külbel

Bundestrainer Christian Prokop verzichtet vorerst auf Marian Michalczik. Der Rückraumspieler war bei der Handball-EM bislang nur insgesamt 27 Minuten lang im Einsatz. - © Sascha Klahn
Bundestrainer Christian Prokop verzichtet vorerst auf Marian Michalczik. Der Rückraumspieler war bei der Handball-EM bislang nur insgesamt 27 Minuten lang im Einsatz. (© Sascha Klahn)

Wien/Minden. Erst schwitzte er vormittags im Kraftraum, dann nahm Marian Michalczik zu seinem vorläufigen EM-Aus Stellung. Der Deutsche Handball-Bund (DHB) teilte am Donnerstagmorgen mit, dass Bundestrainer Christian Prokop den Profi von GWD Minden durch Johannes Golla ersetzt, um die Abwehr zu stärken. Eine Entscheidung, die Michalczik mit gemischten Gefühlen aufnahm.

„Es wäre gelogen, wenn ich nicht enttäuscht wäre", sagte der 22-Jährige gestern im MT-Gespräch und fügte gleich hinzu: „Ich freue mich aber für Johannes." Schließlich ist der gleichalte Kreisläufer der SG Flensburg-Handewitt sein Zimmernachbar, mit dem er sich nun auch den Kaderplatz teilt. „Wir sind gut befreundet und gehen damit locker um", sagt Michalczik. Schließlich gehe es vor allem darum, teamorientiert zu denken.

Das ist jetzt auch die zentrale Aufgabe des Rückraumspielers, der als 17. Mann beim Team in Wien bleibt und dieses nun in anderer Form unterstützt: „Meine Aufgabe ist es jetzt, der Mannschaft im Training zu helfen und ihr Support von der Tribüne zu geben." Denn auch Michalczik weiß, dass das Turnier noch lang ist: „Jetzt tut's ein bisschen weh, aber wer weiß, was noch passiert."

Das betont auch GWD Mindens Trainer Frank Carstens: „Seine Aufgabe ist es, sich anzubieten und bereit zu sein bis zum Ende." Schließlich hat Prokop in der Hauptrunde noch eine weitere Tauschmöglichkeit, so dass Michalczik sogar wieder zurück in den Kader rutschen könnte. „Er wäre schlecht beraten, sich jetzt auf seine Enttäuschung zurückzuziehen", betont Carstens.

Die fachliche Begründung für den Wechsel im Kader können der Spieler und sein Vereinstrainer nachvollziehen: „Wir wollen variabler in der Abwehr werden, Johannes hat als Innenverteidiger mehr Spielpraxis", sagt Michalczik. „Es läuft nicht in der Abwehr, und Golla hat gerade da ein überragendes halbes Jahr hinter sich", betont auch Carstens.

Die GWD-Verantwortlichen lassen allerdings auch Unverständnis über Prokops Entscheidung durchblicken. „Warum wird Marian gestrichen, wenn der Bundestrainer die Abwehr stärken will?", sagt etwa Sport-Geschäftsführer Frank von Behren. Zudem frage er sich, warum jetzt ein vierter Kreisläufer für eine von nur zwei Optionen in der Rückraum-Mitte ins Team rücke. Coach Carstens sieht beim Blick auf die zu stärkende Abwehr ein anderes Problem: „Das Tempospiel wird vor allem aus der ersten Welle bestehen, denn ein sauberer Ballvortrag ist mit drei Kreisläufern im Deckungsverbund schwierig."

Von Behren merkt zudem an, Michalczik habe nach dem etwas unglücklichen Auftritt gegen die Niederlande „keine zweite Chance bekommen". Das bedauert auch der 22-Jährige selbst: „Ich konnte keine richtig gute Leistung bringen. Aber das ist eine persönliche Sache und steht hintenan. Ich muss das hinnehmen und akzeptieren."

In drei Vorrundenspielen stand Marian Michalczik insgesamt nur 27 Minuten auf dem Feld. Beim 34:23-Auftakterfolg gegen die Niederlande durfte er noch für knapp 20 Minuten ran, beim 26:33-Debakel gegen Spanien kam er gar nicht zum Einsatz, im letzten Spiel gegen Lettland waren es beim 28:27-Zittersieg in der Schlussphase nur noch gut sieben Minuten inklusive einer Zeitstrafe. Ein Tor gelang dem Rückraumspieler nicht, sein einziger Wurf landete gegen die Niederlande an der Latte.

Dennoch sieht Michalczik auch Positives: „Die Erfahrungswerte nimmt mir keiner mehr, auch so ein Turnier ist sinnvoll für meine weitere Entwicklung." Die verlief seit seinem Bundesliga-Debüt für GWD Minden im September 2016 rasant. Schnell wurde er zum Leistungsträger und absolvierte bereits im Juni 2017 sein erstes Länderspiel, dem bislang 17 weitere folgten. Am Ende der laufenden Saison wechselt er zu den Füchsen Berlin, die ebenso ambitioniert sind wie Michalczik selbst.

Dessen erstes großes Turnier geht für ihn bei den Spielen nun vorerst auf der Tribüne weiter, während die Trikotnummer 22 ansonsten weiter mittendrin ist: „Ich bin weiter voll dabei und unterstütze das Team, denn nur darum geht es bei so einem Turnier." Michalczik kann sogar ein wenig darüber lachen, dass er und sein Zimmernachbar sich nun den Kaderplatz teilen: „Das treibt keinen Keil zwischen uns, wir machen eher Späßchen darüber."

Auch GWD-Geschäftsführer Frank von Behren will den Wechsel im Kader nicht dramatisieren: „Wir müssen das so akzeptieren, wenngleich die Argumentation zu hinterfragen ist. Es ist aber eine Entscheidung des Bundestrainers, für die er am Ende geradestehen muss."

Das Problem liegt tiefer

Ein Kommentar von Marcus Riechmann

Der Bundestrainer war nicht zu beneiden: Wichtige Rückraumspieler fielen vor der EM verletzt aus. Seine Reaktion war nachvollziehbar, er hatte einen Plan: Er nominierte einen jungen Rückraumspieler. Von Marian Michalczik erhoffte sich Prokop frische Impulse, zudem sollte der GWD-Mann den etablierten Kräften Ruhepausen verschaffen. Die letzten Testspiele zeigten: Die Ansätze waren da, es schien zu passen.

Bei der EM passte es nicht. Michalczik machte im ersten Spiel keine gute Figur. Zögerlich, übermotiviert, und unglücklich. Prokop entzog ihm das Vertrauen. Gegen Spanien schmorte der Mindener auf der Bank, gegen Lettland kam er kurz vor Ende für ein paar Minuten, als das Schiff bereits schwer Schlagseite hatte. Es waren seine letzten Minuten. Denn Prokop vertraut weder Michalczik noch sich selbst: Er änderte den Plan, nominierte den vierten (!) Kreisläufer nach und hat damit im Kreis der EM-Teams eine ungewöhnliche Alleinstellung erlangt.

Der 22-jährige Golla soll richten, was die sturmerprobte Abwehr um das Doppel Wiencek/Pekeler nicht schafft. Ein interessanter Ansatz, auf jeden Fall optimistisch. Mag sein, dass die Rechnung „Kreativität raus, Beton rein" aufgeht: Bessere Abwehr ergibt bessere Torwartleistung ergibt weniger Gegentore und mehr Ballgewinne. Die erhoffte Folge: Gegenstoßtore, die mühsame Positionsangriffe ersparen. Ob Golla dafür der Heilsbringer ist? Wenn nicht, hat Prokop sich verzockt und die Lage verschlechtert, denn nun fehlt im Rückraum genau die spielerische Frische, die er sich von Michalczik erhofft hatte.

Das Grundproblem ist nicht die Komposition des Kaders und auch nicht die Taktik: Dem deutschen Team fehlt die Überzeugung. Überzeugung ins eigene Tun und Überzeugung in das Wirken ihres Trainers. Sie vermuten: Prokop hat einen Plan. Doch sie erkennen ihn nicht und sie vertrauen ihm nicht. Und vor allem wissen sie nicht, wie lange er hält. Derzeit hat es den Anschein: Prokops Plan hält gerade mal bis zur ersten Feindberührung. Wenn das so bleibt, wird es für das Halbfinale nicht reichen.

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Wien/MindenDas sagt Marian Michalczik zu seiner neuen Rolle nach der AusbootungSebastian KülbelWien/Minden. Erst schwitzte er vormittags im Kraftraum, dann nahm Marian Michalczik zu seinem vorläufigen EM-Aus Stellung. Der Deutsche Handball-Bund (DHB) teilte am Donnerstagmorgen mit, dass Bundestrainer Christian Prokop den Profi von GWD Minden durch Johannes Golla ersetzt, um die Abwehr zu stärken. Eine Entscheidung, die Michalczik mit gemischten Gefühlen aufnahm. „Es wäre gelogen, wenn ich nicht enttäuscht wäre", sagte der 22-Jährige gestern im MT-Gespräch und fügte gleich hinzu: „Ich freue mich aber für Johannes." Schließlich ist der gleichalte Kreisläufer der SG Flensburg-Handewitt sein Zimmernachbar, mit dem er sich nun auch den Kaderplatz teilt. „Wir sind gut befreundet und gehen damit locker um", sagt Michalczik. Schließlich gehe es vor allem darum, teamorientiert zu denken. Das ist jetzt auch die zentrale Aufgabe des Rückraumspielers, der als 17. Mann beim Team in Wien bleibt und dieses nun in anderer Form unterstützt: „Meine Aufgabe ist es jetzt, der Mannschaft im Training zu helfen und ihr Support von der Tribüne zu geben." Denn auch Michalczik weiß, dass das Turnier noch lang ist: „Jetzt tut's ein bisschen weh, aber wer weiß, was noch passiert." Das betont auch GWD Mindens Trainer Frank Carstens: „Seine Aufgabe ist es, sich anzubieten und bereit zu sein bis zum Ende." Schließlich hat Prokop in der Hauptrunde noch eine weitere Tauschmöglichkeit, so dass Michalczik sogar wieder zurück in den Kader rutschen könnte. „Er wäre schlecht beraten, sich jetzt auf seine Enttäuschung zurückzuziehen", betont Carstens. Die fachliche Begründung für den Wechsel im Kader können der Spieler und sein Vereinstrainer nachvollziehen: „Wir wollen variabler in der Abwehr werden, Johannes hat als Innenverteidiger mehr Spielpraxis", sagt Michalczik. „Es läuft nicht in der Abwehr, und Golla hat gerade da ein überragendes halbes Jahr hinter sich", betont auch Carstens. Die GWD-Verantwortlichen lassen allerdings auch Unverständnis über Prokops Entscheidung durchblicken. „Warum wird Marian gestrichen, wenn der Bundestrainer die Abwehr stärken will?", sagt etwa Sport-Geschäftsführer Frank von Behren. Zudem frage er sich, warum jetzt ein vierter Kreisläufer für eine von nur zwei Optionen in der Rückraum-Mitte ins Team rücke. Coach Carstens sieht beim Blick auf die zu stärkende Abwehr ein anderes Problem: „Das Tempospiel wird vor allem aus der ersten Welle bestehen, denn ein sauberer Ballvortrag ist mit drei Kreisläufern im Deckungsverbund schwierig." Von Behren merkt zudem an, Michalczik habe nach dem etwas unglücklichen Auftritt gegen die Niederlande „keine zweite Chance bekommen". Das bedauert auch der 22-Jährige selbst: „Ich konnte keine richtig gute Leistung bringen. Aber das ist eine persönliche Sache und steht hintenan. Ich muss das hinnehmen und akzeptieren." In drei Vorrundenspielen stand Marian Michalczik insgesamt nur 27 Minuten auf dem Feld. Beim 34:23-Auftakterfolg gegen die Niederlande durfte er noch für knapp 20 Minuten ran, beim 26:33-Debakel gegen Spanien kam er gar nicht zum Einsatz, im letzten Spiel gegen Lettland waren es beim 28:27-Zittersieg in der Schlussphase nur noch gut sieben Minuten inklusive einer Zeitstrafe. Ein Tor gelang dem Rückraumspieler nicht, sein einziger Wurf landete gegen die Niederlande an der Latte. Dennoch sieht Michalczik auch Positives: „Die Erfahrungswerte nimmt mir keiner mehr, auch so ein Turnier ist sinnvoll für meine weitere Entwicklung." Die verlief seit seinem Bundesliga-Debüt für GWD Minden im September 2016 rasant. Schnell wurde er zum Leistungsträger und absolvierte bereits im Juni 2017 sein erstes Länderspiel, dem bislang 17 weitere folgten. Am Ende der laufenden Saison wechselt er zu den Füchsen Berlin, die ebenso ambitioniert sind wie Michalczik selbst. Dessen erstes großes Turnier geht für ihn bei den Spielen nun vorerst auf der Tribüne weiter, während die Trikotnummer 22 ansonsten weiter mittendrin ist: „Ich bin weiter voll dabei und unterstütze das Team, denn nur darum geht es bei so einem Turnier." Michalczik kann sogar ein wenig darüber lachen, dass er und sein Zimmernachbar sich nun den Kaderplatz teilen: „Das treibt keinen Keil zwischen uns, wir machen eher Späßchen darüber." Auch GWD-Geschäftsführer Frank von Behren will den Wechsel im Kader nicht dramatisieren: „Wir müssen das so akzeptieren, wenngleich die Argumentation zu hinterfragen ist. Es ist aber eine Entscheidung des Bundestrainers, für die er am Ende geradestehen muss." Das Problem liegt tiefer Ein Kommentar von Marcus Riechmann Der Bundestrainer war nicht zu beneiden: Wichtige Rückraumspieler fielen vor der EM verletzt aus. Seine Reaktion war nachvollziehbar, er hatte einen Plan: Er nominierte einen jungen Rückraumspieler. Von Marian Michalczik erhoffte sich Prokop frische Impulse, zudem sollte der GWD-Mann den etablierten Kräften Ruhepausen verschaffen. Die letzten Testspiele zeigten: Die Ansätze waren da, es schien zu passen. Bei der EM passte es nicht. Michalczik machte im ersten Spiel keine gute Figur. Zögerlich, übermotiviert, und unglücklich. Prokop entzog ihm das Vertrauen. Gegen Spanien schmorte der Mindener auf der Bank, gegen Lettland kam er kurz vor Ende für ein paar Minuten, als das Schiff bereits schwer Schlagseite hatte. Es waren seine letzten Minuten. Denn Prokop vertraut weder Michalczik noch sich selbst: Er änderte den Plan, nominierte den vierten (!) Kreisläufer nach und hat damit im Kreis der EM-Teams eine ungewöhnliche Alleinstellung erlangt. Der 22-jährige Golla soll richten, was die sturmerprobte Abwehr um das Doppel Wiencek/Pekeler nicht schafft. Ein interessanter Ansatz, auf jeden Fall optimistisch. Mag sein, dass die Rechnung „Kreativität raus, Beton rein" aufgeht: Bessere Abwehr ergibt bessere Torwartleistung ergibt weniger Gegentore und mehr Ballgewinne. Die erhoffte Folge: Gegenstoßtore, die mühsame Positionsangriffe ersparen. Ob Golla dafür der Heilsbringer ist? Wenn nicht, hat Prokop sich verzockt und die Lage verschlechtert, denn nun fehlt im Rückraum genau die spielerische Frische, die er sich von Michalczik erhofft hatte. Das Grundproblem ist nicht die Komposition des Kaders und auch nicht die Taktik: Dem deutschen Team fehlt die Überzeugung. Überzeugung ins eigene Tun und Überzeugung in das Wirken ihres Trainers. Sie vermuten: Prokop hat einen Plan. Doch sie erkennen ihn nicht und sie vertrauen ihm nicht. Und vor allem wissen sie nicht, wie lange er hält. Derzeit hat es den Anschein: Prokops Plan hält gerade mal bis zur ersten Feindberührung. Wenn das so bleibt, wird es für das Halbfinale nicht reichen.