Minden

Melsungens Finn Lemke: „Einst wie Bambi auf dem Eis“

Stefan Rüter

Wenn Finn Lemke seine 2,10 Meter in der Melsunger Abwehr lang macht, gibt es kaum einen Weg vorbei. GWD-Angreifer Christoffer Rambo versucht es beim jüngsten Mindener Heimsieg trotzdem. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel
Wenn Finn Lemke seine 2,10 Meter in der Melsunger Abwehr lang macht, gibt es kaum einen Weg vorbei. GWD-Angreifer Christoffer Rambo versucht es beim jüngsten Mindener Heimsieg trotzdem. Foto: Noah Wedel (© Noah Wedel)

Minden (sru). Finn Lemke war mal ein echter Torjäger. In zwei Bundesliga-Saisons erzielte er mehr als 100 Tore – damals noch für den TBV Lemgo. Heute denken die Handball-Fans bei dem 2,10-Meter-Hünen vor allem an einen fantastischen Abwehrspieler. Doch das war nicht immer so.

In der B-Jugend hieß das Motto der kleinen HSG Schwanewede aus der Nähe von Bremen kurz und knapp: „Finn fackelt.“ Das hat auch super geklappt. Aber hinten wurde er auf Außen geparkt. Das kann man sich heute kaum vorstellen. „Aber ich kann mich genau erinnern. Meine Wachstumsschübe waren so heftig, dass ich mich kaum bewegen konnte. Ich war wie Bambi auf dem Eis. Das sah echt komisch aus“, erzählt Lemke lachend.

Sein Wechsel zum TBV Lemgo war ein echter Wendepunkt in seinem sportlichen Leben. Lemke selbst beschreibt den Wandel so. „Der Bauerntrampel aus Schwanewede hat gelernt, sich wie ein Leistungssportler zu benehmen.“ Früher gab es auch mal 500 Gramm Nudeln und 500 Gramm Bolognese-Sauce kurz vor dem Spiel. Damit war plötzlich Schluss.

In dieser Zeit hat ihn vor allem der Mindener Niels Pfannenschmidt als Trainer in Lemgo gefördert und gefordert. „Er hat in mir Sachen gesehen wie kein anderer Trainer zuvor. Niels war ein großer Impulsgeber für mich.“ Nach vier erfolgreichen Jahren beim TBV ging es für Lemke weiter nach Magdeburg. Dort avancierte er zum Abwehrspezialisten, holte 2016 mit der Nationalmannschaft das Sensations-Gold bei der EM. „Das war einfach grandios.“

Finn Lemke ist aber viel mehr als ein Handballer. Seit 15 Monaten ist er Vater: „Es ist manchmal anstrengend als Papa, aber es lohnt sich auch. Der Kleine ist ständig in meinem Kopf.“ Der Kleine heißt Max und er wird sicherlich mal ein großer Max. Das liegt in der Familie: Auch Lemkes Brüder Jari und Torben sind gute zwei Meter groß. Lemke ist ein echter Menschenfreund. In Lemgo arbeitete er nach seiner Lehre zum Bankkaufmann freiwillig in einer Behinderten-Werkstatt. Eine Arbeit, bei der ihm das Herz aufging. „Dieses ehrliche Feedback ist was ganz Besonderes. Man kann richtig was bewirken und den Leuten ein Lächeln auf das Gesicht zaubern.“

Das kann Lemke garantiert. Der MT-Spieler hat Humor und ein Lachen, das ansteckt. Nur die sportliche Situation in Melsungen ist aktuell kein Grund zur Freude. Nur Platz acht und am Sonntag kassierte die MT eine 31:34-Heimpleite gegen Leipzig: „Danach war ich auch sauer auf mich selbst. 34 Gegentore sind zu viel. Aber es ist noch früh in der Saison.“

Aus seiner Sicht am liebsten schon morgen in Minden. Lemke erwartet keinen Durchmarsch der Melsunger, sondern ein enges und hartes Spiel – zum letzten Mal für ihn in der Kampa-Halle: „Das ist schon krass. Mit acht Jahren war ich das erste Mal da – als Einlaufkind. GWD ist für mich die Kampa-Halle und Hotti Bredemeier. Das ist einfach ein cooler Typ, der heraussticht.“

Auch Lemke selbst sticht mit seiner Größe immer heraus. Das nervt ihn manchmal. Zum Beispiel auf Konzerten. Da verkriecht er sich am liebsten in eine Ecke, weil er sonst so vielen Menschen die Sicht versperrt. Doch morgen gegen GWD wird er zeigen, was man mit 2,10 Metern so alles anstellen kann. Aus Bambi ist eben doch noch ein richtiges Abwehrtier geworden.

Melsungens üppiges Budget

Von allen Trikotsponsoren der Handball-Bundesliga ist die Melsunger Firma B. Braun mit Abstand die größte. Der Pharma-Riese gibt weltweit knapp 64000 Menschen Arbeit und setzt jährlich etwa 7 Milliarden Euro um. Entsprechen üppig ist das Budget der MT.

996 erreichte die damalige TG Melsungen erstmals das Pokal-Final-Four und machte damit national auf sich Aufmerksam. Seit 2005 spielt das Team als MT Melsungen in der Bundesliga.

GWD trat seither elf Mal in Hessen an und feierte unter Trainer Richard Ratka in der Saison 2006/07 den einzigen Sieg bei zehn Niederlagen. In der Kampa-Halle lautet die Bilanz aus Mindener Sicht 13:9 Punkte. Das letzte Duell in Minden ging mit 32:27 Toren an GWD.

Bester Torschütze der MT Melsungen ist in dieser Saison bislang Rückraum-Linkshänder Kai Häfner. Der Nationalspieler erzielte in zwölf Spielen 66 Tore, allesamt aus dem Feld. (much)

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MindenMelsungens Finn Lemke: „Einst wie Bambi auf dem Eis“Stefan RüterMinden (sru). Finn Lemke war mal ein echter Torjäger. In zwei Bundesliga-Saisons erzielte er mehr als 100 Tore – damals noch für den TBV Lemgo. Heute denken die Handball-Fans bei dem 2,10-Meter-Hünen vor allem an einen fantastischen Abwehrspieler. Doch das war nicht immer so. In der B-Jugend hieß das Motto der kleinen HSG Schwanewede aus der Nähe von Bremen kurz und knapp: „Finn fackelt.“ Das hat auch super geklappt. Aber hinten wurde er auf Außen geparkt. Das kann man sich heute kaum vorstellen. „Aber ich kann mich genau erinnern. Meine Wachstumsschübe waren so heftig, dass ich mich kaum bewegen konnte. Ich war wie Bambi auf dem Eis. Das sah echt komisch aus“, erzählt Lemke lachend. Sein Wechsel zum TBV Lemgo war ein echter Wendepunkt in seinem sportlichen Leben. Lemke selbst beschreibt den Wandel so. „Der Bauerntrampel aus Schwanewede hat gelernt, sich wie ein Leistungssportler zu benehmen.“ Früher gab es auch mal 500 Gramm Nudeln und 500 Gramm Bolognese-Sauce kurz vor dem Spiel. Damit war plötzlich Schluss. In dieser Zeit hat ihn vor allem der Mindener Niels Pfannenschmidt als Trainer in Lemgo gefördert und gefordert. „Er hat in mir Sachen gesehen wie kein anderer Trainer zuvor. Niels war ein großer Impulsgeber für mich.“ Nach vier erfolgreichen Jahren beim TBV ging es für Lemke weiter nach Magdeburg. Dort avancierte er zum Abwehrspezialisten, holte 2016 mit der Nationalmannschaft das Sensations-Gold bei der EM. „Das war einfach grandios.“ Finn Lemke ist aber viel mehr als ein Handballer. Seit 15 Monaten ist er Vater: „Es ist manchmal anstrengend als Papa, aber es lohnt sich auch. Der Kleine ist ständig in meinem Kopf.“ Der Kleine heißt Max und er wird sicherlich mal ein großer Max. Das liegt in der Familie: Auch Lemkes Brüder Jari und Torben sind gute zwei Meter groß. Lemke ist ein echter Menschenfreund. In Lemgo arbeitete er nach seiner Lehre zum Bankkaufmann freiwillig in einer Behinderten-Werkstatt. Eine Arbeit, bei der ihm das Herz aufging. „Dieses ehrliche Feedback ist was ganz Besonderes. Man kann richtig was bewirken und den Leuten ein Lächeln auf das Gesicht zaubern.“ Das kann Lemke garantiert. Der MT-Spieler hat Humor und ein Lachen, das ansteckt. Nur die sportliche Situation in Melsungen ist aktuell kein Grund zur Freude. Nur Platz acht und am Sonntag kassierte die MT eine 31:34-Heimpleite gegen Leipzig: „Danach war ich auch sauer auf mich selbst. 34 Gegentore sind zu viel. Aber es ist noch früh in der Saison.“ Aus seiner Sicht am liebsten schon morgen in Minden. Lemke erwartet keinen Durchmarsch der Melsunger, sondern ein enges und hartes Spiel – zum letzten Mal für ihn in der Kampa-Halle: „Das ist schon krass. Mit acht Jahren war ich das erste Mal da – als Einlaufkind. GWD ist für mich die Kampa-Halle und Hotti Bredemeier. Das ist einfach ein cooler Typ, der heraussticht.“ Auch Lemke selbst sticht mit seiner Größe immer heraus. Das nervt ihn manchmal. Zum Beispiel auf Konzerten. Da verkriecht er sich am liebsten in eine Ecke, weil er sonst so vielen Menschen die Sicht versperrt. Doch morgen gegen GWD wird er zeigen, was man mit 2,10 Metern so alles anstellen kann. Aus Bambi ist eben doch noch ein richtiges Abwehrtier geworden. Melsungens üppiges Budget Von allen Trikotsponsoren der Handball-Bundesliga ist die Melsunger Firma B. Braun mit Abstand die größte. Der Pharma-Riese gibt weltweit knapp 64000 Menschen Arbeit und setzt jährlich etwa 7 Milliarden Euro um. Entsprechen üppig ist das Budget der MT. 996 erreichte die damalige TG Melsungen erstmals das Pokal-Final-Four und machte damit national auf sich Aufmerksam. Seit 2005 spielt das Team als MT Melsungen in der Bundesliga. GWD trat seither elf Mal in Hessen an und feierte unter Trainer Richard Ratka in der Saison 2006/07 den einzigen Sieg bei zehn Niederlagen. In der Kampa-Halle lautet die Bilanz aus Mindener Sicht 13:9 Punkte. Das letzte Duell in Minden ging mit 32:27 Toren an GWD. Bester Torschütze der MT Melsungen ist in dieser Saison bislang Rückraum-Linkshänder Kai Häfner. Der Nationalspieler erzielte in zwölf Spielen 66 Tore, allesamt aus dem Feld. (much)