Minden

Michalczik begründet seinen Abschied - von Behren lehnt Wechsel in der Winterpause ab

Marcus Riechmann

Er wird GWD Minden verlassen. Die Frage ist nur: Wann? Die Füchse Berlin würden den Wechsel von Marian Michalczik gerne schon in der Winterpause vollziehen.  - © Noah Wedel
Er wird GWD Minden verlassen. Die Frage ist nur: Wann? Die Füchse Berlin würden den Wechsel von Marian Michalczik gerne schon in der Winterpause vollziehen.  (© Noah Wedel)

Minden (mt). Nun ist es offiziell: Nachdem Handball-Bundesligist GWD Minden den Wechsel von Marian Michalczik zum Liga-Konkurrenten Füchse Berlin bekannt gegeben hatte, bestätigte gestern auch der Hauptstadtklub in einer Mitteilung die Verpflichtung des 22-jährigen Nationalspielers. Der GWD-Teamkapitän unterschrieb bei den Füchsen einen Dreijahresvertrag bis 2023.

Im Sommer 2020 soll der Wechsel vollzogen werden, nachdem Michalczik die vertraglich eingeräumte Option gewählt hatte und seinen bis 2021 datierten Vertrag bei GWD nach dieser Saison vorzeitig beenden wird. Über eine Ablösesumme sagten beide Klubs nichts, dem Vernehmen nach soll es sich um einen Betrag in sechsstelliger Höhe handeln.

Doch vielleicht wird der Rückraumspieler auch schon früher in den Berliner Fuchsbau umziehen. Denn gegenüber der „Berliner Morgenpost" äußerte Berlins Geschäftsführer Bob Hanning: „Wir versuchen, ihn schon zur Winterpause zu holen. Darüber müssen wir mit Minden aber noch sprechen." Dann würde sich Michalczik bereits mit dem Heimspiel gegen die TSV Hannover-Burgdorf am Sonntag, 29. Dezember, nicht nur aus der dann schließenden Kampa-Halle, sondern auch aus Minden verabschieden.

Hanning zeigte sich zufrieden über den Transfer-Coup: „Wir freuen uns, dass Marian sich für uns entschieden hat. Er hatte viele Angebote von vielen Spitzenklubs." In Berlin soll Michalczik den langfristigen Ausfall von Spielmacher Simon Ernst kompensieren, der sich einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Deshalb auch das Bestreben der Füchse, den Mindener bereits in der Winterpause zu holen.

Diesem Ansinnen erteilte Frank von Behren zunächst eine klare Absage. „Unsere Aufgabe ist es nicht, Geld mit Ablösesummen zu erwirtschaften, sondern sportlich erfolgreich zu sein", sagte der Mindener Sportgeschäftsführer, ohne näher in das Thema einsteigen zu wollen: „Bob Hanning hat sich deswegen bei mir noch nicht gemeldet. Ich werde mich damit beschäftigen, wenn eine Anfrage kommt."

Auch Michalczik enthielt sich einer Stellungnahme. „Das ist nicht meine Baustelle, darüber müssen andere Instanzen entscheiden", sagte er gestern. Seine Entscheidung für den vorzeitigen Abschied im Sommer 2020 hatte Michalczik Anfang der Woche seinem Sportchef mitgeteilt und diesen damit kalt erwischt. „Ich habe auf ein weiteres Jahr mit Marian gebaut. Das ist nun hinfällig", sagte von Behren und bedauerte, keine Gelegenheit zu eigenen Verhandlungen erhalten zu haben: „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt." In Hinblick auf die Vertragsgespräche mit den GWD-Innenblockern Magnus Gullerud und Miljan Pusica meinte von Behren zum Michalczik-Abschied: „Das ist kein guter Zeitpunkt." Beide Nationalspieler erwägen Wechsel zu einem international spielenden Klub. Torwart Espen Christensen könnte es zurück nach Skandinavien ziehen. In der Defensive könnte es leer werden bei GWD.

Auch die Trainerfrage ist ungeklärt. Der Vertrag von Frank Carstens, der die Mannschaft seit 2015 entwickelt, läuft im Sommer aus. „Wir haben keinen anderen Plan, als mit ihm weiterzumachen", sagt von Behren nüchtern, merkt jedoch an: „Frank Carstens muss sich keine ernsten Sorgen machen." Doch Verhandlungen habe er noch nicht mit dem Coach aufgenommen.

Daran, dass er mit dem Michalczik-Abschied in einer dürren und wenig warmherzigen Presseerklärung auch gleich den künftigen Arbeitgeber des Profis bekannt gegeben hat, kann von Behren nichts Verwerfliches finden. Er habe im Interesse von GWD gehandelt: „Wir wollten das vom Tisch haben, bald steht das wichtige Spiel gegen Balingen an."

Michalczik selbst zeigte sich hingegen enttäuscht darüber, „wie der Wechsel rübergekommen ist." Er stellte heraus: „Ich freue mich auf Berlin und die neue Herausforderung. Das bietet mir die Gelegenheit für den nächsten Entwicklungsschritt. Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Aber so ein Angebot erhält man nicht jeden Tag." Er lebe seit fünf Jahren in Minden, fühle sich in der Stadt und bei GWD wohl: „Ich habe hier viele Freunde, wichtige Freunde. Die Zeit hier bedeutet mir sehr viel", sagte er und dankte dem Team, den Fans und seinem Coach: „Frank Carstens hat mir Vertrauen geschenkt und mir die Gelegenheit gegeben, mich in der Bundesliga zu entfalten."

Man habe bei GWD in den vergangenen Jahren etwas bewegt: „Ich bin auch ein bisschen stolz darauf, was uns hier gelungen ist", sagte Michalczik über die Umgestaltung des Teams. Die wird weitergehen müssen. Als Erstes mit der Suche nach einem Ersatz für ihn selbst.

Ein Korken auf offener See

Kommentar von Marcus Riechmann

Einer kommt, einer geht. Das ist das Geschäft. Es geht um sportliche Perspektive, es geht um Geld. Daher ist es – vom Zeitpunkt abgesehen – wenig überraschend, dass der Jung-Nationalspieler Marian Michalczik von GWD Minden zu den Füchsen Berlin wechselt.

Man hätte den Wechsel kaum vermeiden, aber man hätte ihn eleganter vollziehen und das Image von GWD als Ausbildungsverein pflegen können, bei dem Talente zu Nationalspielern reifen. Die Chance hat man vertan. Stattdessen sind im Team und im Verein Unruhe entstanden, die fatal an die verkorkste Trennung von Dalibor Doder erinnert.

Sportlich ist Michalcziks Entscheidung schmerzhaft für GWD. Denn der Teamkapitän war vorgesehen als tragende Säule in ei-ner jungen Mannschaft, die sich sportlich prächtig entwickelt und wie ein Versprechen für eine blühende Zukunft wirkt. Der Michalczik-Abschied könnte eine unerwünschte Domino-Wirkung entfalten, ohne Pfeiler könnte das Konstrukt ins Wanken geraten.

Wer bleibt? Wer kommt? Es gibt aktuell nicht viele Argumente, die bei Vertragsverhandlungen für GWD sprechen. Man besitzt keine Heimhalle mehr, es fehlt an einigem Handeln der Gesellschafter, der Etat für die neue Saison ist immer noch nicht festgezurrt. Wichtige Personalfragen sind ungeklärt: Die Verträge der beiden Geschäftsführer laufen mal wieder aus. Michalczik geht, zentrale Spieler wie Gullerud oder Pusica schauen sich nach neuen Perspektiven um. Auch die wichtigste Baustelle ruht: Der Vertrag von Erfolgscoach Frank Carstens endet im Sommer. Kaum ein Spieler wird sich für GWD entscheiden, wenn er nicht weiß, wer dort seine Ansprechpartner sein werden.

Der Klub wirkt wie ein Korken auf offener See. Es ist dringend Zeit, endlich Handlungsfähigkeit zu zeigen und Fakten zu schaffen. Denn wenn GWD nicht handelt, werden es andere tun.

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MindenMichalczik begründet seinen Abschied - von Behren lehnt Wechsel in der Winterpause abMarcus RiechmannMinden (mt). Nun ist es offiziell: Nachdem Handball-Bundesligist GWD Minden den Wechsel von Marian Michalczik zum Liga-Konkurrenten Füchse Berlin bekannt gegeben hatte, bestätigte gestern auch der Hauptstadtklub in einer Mitteilung die Verpflichtung des 22-jährigen Nationalspielers. Der GWD-Teamkapitän unterschrieb bei den Füchsen einen Dreijahresvertrag bis 2023. Im Sommer 2020 soll der Wechsel vollzogen werden, nachdem Michalczik die vertraglich eingeräumte Option gewählt hatte und seinen bis 2021 datierten Vertrag bei GWD nach dieser Saison vorzeitig beenden wird. Über eine Ablösesumme sagten beide Klubs nichts, dem Vernehmen nach soll es sich um einen Betrag in sechsstelliger Höhe handeln. Doch vielleicht wird der Rückraumspieler auch schon früher in den Berliner Fuchsbau umziehen. Denn gegenüber der „Berliner Morgenpost" äußerte Berlins Geschäftsführer Bob Hanning: „Wir versuchen, ihn schon zur Winterpause zu holen. Darüber müssen wir mit Minden aber noch sprechen." Dann würde sich Michalczik bereits mit dem Heimspiel gegen die TSV Hannover-Burgdorf am Sonntag, 29. Dezember, nicht nur aus der dann schließenden Kampa-Halle, sondern auch aus Minden verabschieden. Hanning zeigte sich zufrieden über den Transfer-Coup: „Wir freuen uns, dass Marian sich für uns entschieden hat. Er hatte viele Angebote von vielen Spitzenklubs." In Berlin soll Michalczik den langfristigen Ausfall von Spielmacher Simon Ernst kompensieren, der sich einen Kreuzbandriss zugezogen hat. Deshalb auch das Bestreben der Füchse, den Mindener bereits in der Winterpause zu holen. Diesem Ansinnen erteilte Frank von Behren zunächst eine klare Absage. „Unsere Aufgabe ist es nicht, Geld mit Ablösesummen zu erwirtschaften, sondern sportlich erfolgreich zu sein", sagte der Mindener Sportgeschäftsführer, ohne näher in das Thema einsteigen zu wollen: „Bob Hanning hat sich deswegen bei mir noch nicht gemeldet. Ich werde mich damit beschäftigen, wenn eine Anfrage kommt." Auch Michalczik enthielt sich einer Stellungnahme. „Das ist nicht meine Baustelle, darüber müssen andere Instanzen entscheiden", sagte er gestern. Seine Entscheidung für den vorzeitigen Abschied im Sommer 2020 hatte Michalczik Anfang der Woche seinem Sportchef mitgeteilt und diesen damit kalt erwischt. „Ich habe auf ein weiteres Jahr mit Marian gebaut. Das ist nun hinfällig", sagte von Behren und bedauerte, keine Gelegenheit zu eigenen Verhandlungen erhalten zu haben: „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt." In Hinblick auf die Vertragsgespräche mit den GWD-Innenblockern Magnus Gullerud und Miljan Pusica meinte von Behren zum Michalczik-Abschied: „Das ist kein guter Zeitpunkt." Beide Nationalspieler erwägen Wechsel zu einem international spielenden Klub. Torwart Espen Christensen könnte es zurück nach Skandinavien ziehen. In der Defensive könnte es leer werden bei GWD. Auch die Trainerfrage ist ungeklärt. Der Vertrag von Frank Carstens, der die Mannschaft seit 2015 entwickelt, läuft im Sommer aus. „Wir haben keinen anderen Plan, als mit ihm weiterzumachen", sagt von Behren nüchtern, merkt jedoch an: „Frank Carstens muss sich keine ernsten Sorgen machen." Doch Verhandlungen habe er noch nicht mit dem Coach aufgenommen. Daran, dass er mit dem Michalczik-Abschied in einer dürren und wenig warmherzigen Presseerklärung auch gleich den künftigen Arbeitgeber des Profis bekannt gegeben hat, kann von Behren nichts Verwerfliches finden. Er habe im Interesse von GWD gehandelt: „Wir wollten das vom Tisch haben, bald steht das wichtige Spiel gegen Balingen an." Michalczik selbst zeigte sich hingegen enttäuscht darüber, „wie der Wechsel rübergekommen ist." Er stellte heraus: „Ich freue mich auf Berlin und die neue Herausforderung. Das bietet mir die Gelegenheit für den nächsten Entwicklungsschritt. Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Aber so ein Angebot erhält man nicht jeden Tag." Er lebe seit fünf Jahren in Minden, fühle sich in der Stadt und bei GWD wohl: „Ich habe hier viele Freunde, wichtige Freunde. Die Zeit hier bedeutet mir sehr viel", sagte er und dankte dem Team, den Fans und seinem Coach: „Frank Carstens hat mir Vertrauen geschenkt und mir die Gelegenheit gegeben, mich in der Bundesliga zu entfalten." Man habe bei GWD in den vergangenen Jahren etwas bewegt: „Ich bin auch ein bisschen stolz darauf, was uns hier gelungen ist", sagte Michalczik über die Umgestaltung des Teams. Die wird weitergehen müssen. Als Erstes mit der Suche nach einem Ersatz für ihn selbst. Ein Korken auf offener See Kommentar von Marcus Riechmann Einer kommt, einer geht. Das ist das Geschäft. Es geht um sportliche Perspektive, es geht um Geld. Daher ist es – vom Zeitpunkt abgesehen – wenig überraschend, dass der Jung-Nationalspieler Marian Michalczik von GWD Minden zu den Füchsen Berlin wechselt. Man hätte den Wechsel kaum vermeiden, aber man hätte ihn eleganter vollziehen und das Image von GWD als Ausbildungsverein pflegen können, bei dem Talente zu Nationalspielern reifen. Die Chance hat man vertan. Stattdessen sind im Team und im Verein Unruhe entstanden, die fatal an die verkorkste Trennung von Dalibor Doder erinnert. Sportlich ist Michalcziks Entscheidung schmerzhaft für GWD. Denn der Teamkapitän war vorgesehen als tragende Säule in ei-ner jungen Mannschaft, die sich sportlich prächtig entwickelt und wie ein Versprechen für eine blühende Zukunft wirkt. Der Michalczik-Abschied könnte eine unerwünschte Domino-Wirkung entfalten, ohne Pfeiler könnte das Konstrukt ins Wanken geraten. Wer bleibt? Wer kommt? Es gibt aktuell nicht viele Argumente, die bei Vertragsverhandlungen für GWD sprechen. Man besitzt keine Heimhalle mehr, es fehlt an einigem Handeln der Gesellschafter, der Etat für die neue Saison ist immer noch nicht festgezurrt. Wichtige Personalfragen sind ungeklärt: Die Verträge der beiden Geschäftsführer laufen mal wieder aus. Michalczik geht, zentrale Spieler wie Gullerud oder Pusica schauen sich nach neuen Perspektiven um. Auch die wichtigste Baustelle ruht: Der Vertrag von Erfolgscoach Frank Carstens endet im Sommer. Kaum ein Spieler wird sich für GWD entscheiden, wenn er nicht weiß, wer dort seine Ansprechpartner sein werden. Der Klub wirkt wie ein Korken auf offener See. Es ist dringend Zeit, endlich Handlungsfähigkeit zu zeigen und Fakten zu schaffen. Denn wenn GWD nicht handelt, werden es andere tun.