Minden

Kopfmensch vor dem Durchbruch - Juri Knorr zeigt bei GWD sein Potenzial

Sebastian Külbel

Ein Lächeln für den Mitspieler: Juri Knorr freut sich beim Spiel in Stuttgart mit Joscha Ritterbach über eine gelungene Aktion. GWD Mindens junger Mittelmann ist in der Bundesliga angekommen. Foto: Sandy Dinkelacker/PIX-Sportfotos - © PIX-Sportfotos /Sandy Dinkelacker
Ein Lächeln für den Mitspieler: Juri Knorr freut sich beim Spiel in Stuttgart mit Joscha Ritterbach über eine gelungene Aktion. GWD Mindens junger Mittelmann ist in der Bundesliga angekommen. Foto: Sandy Dinkelacker/PIX-Sportfotos (© PIX-Sportfotos /Sandy Dinkelacker)

Minden (mt). Als der große Traum kurz vor seiner Erfüllung stand, ging Juri Knorr im Zeitraffer seine Karriere durch den Kopf. Ein Pass, ein Blick, ein Wurf, das erste richtige Spiel als Bundesliga-Profi, das erste Tor, der erste Glücksrausch in einer neuen Handball-Welt – alles zum Greifen nahe und dann doch so weit weg. Knorr scheiterte an Leipzigs Torwart Joel Birlehm, kassierte mit GWD Minden eine bittere Heimniederlage – und lernte daraus. „Ich war noch nicht bereit“, sagt der 19-Jährige elf Tage danach. Doch das änderte sich schnell.

Zwei Spiele und neun Tore später kann Juri Knorr entspannt auf seine ersten Wochen in der Bundesliga zurückblicken. Gegen Leipzig ließ Trainer Frank Carstens den jungen Spielmacher auf dem Feld, obwohl dieser mit seinen Aktionen nicht durchkam. In Berlin und in Stuttgart zahlte der Zugang das Vertrauen zurück.

„Ich war ziemlich down nach dem Leipzig-Spiel“, sagt Knorr, „ich wollte mir beweisen, dass ich in der Bundesliga mithalten kann“. Er nahm die Enttäuschung mit nach Berlin – und setzte sie in eine Leistung um, die zum Signal wurde. Mindens Nummer 19 warf vier Tore, setzte wichtige Akzente und war ein Baustein für den erlösenden Auswärtssieg: „Ich habe mich aus dem Tief gezogen und gesehen, dass es geht, Das war total wichtig für mich.“

Denn so sehr Juri Knorr auf seine Fähigkeiten vertraut, so wichtig ist für ihn die mentale Bestätigung: „Ich bin ein Kopfmensch.“ Genau das unterscheidet ihn von seinem Vater Thomas, der 501 Mal in der Bundesliga auflief und 83 Länderspiele bestritten hat: „Er war immer leicht und locker, hat auch nach drei Fehlversuchen einfach immer weiter geworfen. Ich bin kontrollierter, denke manchmal zu viel nach. Der Vorteil ist aber, dass man dann Situationen besser einschätzen kann.“ Mit dieser Grundhaltung geht der 19-Jährige seine Karriere an. In der Jugend spielte er immer einen Jahrgang höher, schon als 17-Jähriger wechselte er in die Oberliga zur HSG Ostsee N/G und trainierte dort wie fast in seiner gesamten bisherigen Laufbahn unter seinem Vater.

Nach dem Abitur wagte Knorr den großen Schritt zum FC Barcelona, wo er mit 18 Jahren wichtige Erfahrungen sammelte: „Das hat mir super viel gebracht, menschlich fast noch mehr als sportlich. Ich musste raus aus meiner Komfortzone.“ Sechsmal spielte der Youngster sogar für die erste Mannschaft und kam ansonsten für die Zweitvertretung in der 2. Liga zum Einsatz. Weil sich das in der laufenden Saison nicht geändert hätte, ging Knorr den nächsten Schritt.

In Minden hat er die Skeptiker vorerst zum Schweigen gebracht. Fünf Zugänge, die sich alle noch oder wieder in der Bundesliga etablieren müssen, ein neu formiertes Team, ein denkwürdiges Pokal-Desaster gegen einen Zweitligisten – die Erwartungen vor dem Bundesliga-Start waren niedrig, viele Beobachter fürchteten schon den Abstiegskampf. Nach drei Punkten in den jüngsten beiden Spielen sieht es plötzlich viel freundlicher aus. Und das liegt auch an Juri Knorr. „Er hat in Berlin und Stuttgart wichtige Akzente gesetzt, arbeitet sehr seriös und ist von den Zugängen am weitesten in den Abläufen“, sagt Trainer Frank Carstens über den Mittelmann, von dem er genau das aber auch erwarte. Dennoch ist die Entwicklung von Knorr erstaunlich. Doch er weiß, dass vor dem Durchbruch noch Rückschläge kommen können.

Kopfmensch Knorr überlässt nichts dem Zufall, geht seinen Sport mit professioneller Einstellung an und greift dabei zu mentalen Techniken. „Talent ist das eine, aber erst mit dem Kopf kann man es auf dem Feld umsetzen“, sagt er und erklärt: „Druck ist immer da, man muss sich damit bewusst auseinandersetzen. Es geht darum, klar zu bleiben, fokussiert zu bleiben.“

Der 19-Jährige setzt auf Konzentrationsübungen, um zu sich selbst zu finden und sich auf den Moment zu fokussieren, manchmal schaut er zur Motivation Highlight-Videos mit seinen besten Szenen, und vor den Spielen tut er das, was sonst Skirennfahrer oder Formel-1-Piloten tun: „Ich schaue mir die Halle genau an, gehe Laufwege und Spielsituationen durch und präge mir ein, wo das Publikum ist.“

Genauso rational trifft er seine Entscheidungen, ob es nun der Wechsel zu GWD ist oder sein Verzicht auf die U19-WM in diesem Sommer. „Es war klar, dass der Schritt in die Bundesliga für mich extrem wird. Da ist es nicht möglich, eine WM zu spielen und nur eine Woche Vorbereitung zu machen. Und das hat sich im Nachhinein bestätigt.“

Die Mannschaft holte ohne ihn WM-Silber, und Juri Knorr drückte aus der Ferne die Daumen: „Es ist natürlich ein bisschen schade, dass ich nicht dabei sein konnte. Aber ich freue mich für die Jungs.“ Der Mann aus Bad Schwartau verfolgt derweil seine eigenen Ziele: Er will nicht nur in der Bundesliga mitspielen, sondern sich dort etablieren. Und obwohl er viel nachdenkt, kann Knorr dabei auch ganz locker sein: „Am Ende ist's nur Handball.“

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MindenKopfmensch vor dem Durchbruch - Juri Knorr zeigt bei GWD sein PotenzialSebastian KülbelMinden (mt). Als der große Traum kurz vor seiner Erfüllung stand, ging Juri Knorr im Zeitraffer seine Karriere durch den Kopf. Ein Pass, ein Blick, ein Wurf, das erste richtige Spiel als Bundesliga-Profi, das erste Tor, der erste Glücksrausch in einer neuen Handball-Welt – alles zum Greifen nahe und dann doch so weit weg. Knorr scheiterte an Leipzigs Torwart Joel Birlehm, kassierte mit GWD Minden eine bittere Heimniederlage – und lernte daraus. „Ich war noch nicht bereit“, sagt der 19-Jährige elf Tage danach. Doch das änderte sich schnell. Zwei Spiele und neun Tore später kann Juri Knorr entspannt auf seine ersten Wochen in der Bundesliga zurückblicken. Gegen Leipzig ließ Trainer Frank Carstens den jungen Spielmacher auf dem Feld, obwohl dieser mit seinen Aktionen nicht durchkam. In Berlin und in Stuttgart zahlte der Zugang das Vertrauen zurück. „Ich war ziemlich down nach dem Leipzig-Spiel“, sagt Knorr, „ich wollte mir beweisen, dass ich in der Bundesliga mithalten kann“. Er nahm die Enttäuschung mit nach Berlin – und setzte sie in eine Leistung um, die zum Signal wurde. Mindens Nummer 19 warf vier Tore, setzte wichtige Akzente und war ein Baustein für den erlösenden Auswärtssieg: „Ich habe mich aus dem Tief gezogen und gesehen, dass es geht, Das war total wichtig für mich.“ Denn so sehr Juri Knorr auf seine Fähigkeiten vertraut, so wichtig ist für ihn die mentale Bestätigung: „Ich bin ein Kopfmensch.“ Genau das unterscheidet ihn von seinem Vater Thomas, der 501 Mal in der Bundesliga auflief und 83 Länderspiele bestritten hat: „Er war immer leicht und locker, hat auch nach drei Fehlversuchen einfach immer weiter geworfen. Ich bin kontrollierter, denke manchmal zu viel nach. Der Vorteil ist aber, dass man dann Situationen besser einschätzen kann.“ Mit dieser Grundhaltung geht der 19-Jährige seine Karriere an. In der Jugend spielte er immer einen Jahrgang höher, schon als 17-Jähriger wechselte er in die Oberliga zur HSG Ostsee N/G und trainierte dort wie fast in seiner gesamten bisherigen Laufbahn unter seinem Vater. Nach dem Abitur wagte Knorr den großen Schritt zum FC Barcelona, wo er mit 18 Jahren wichtige Erfahrungen sammelte: „Das hat mir super viel gebracht, menschlich fast noch mehr als sportlich. Ich musste raus aus meiner Komfortzone.“ Sechsmal spielte der Youngster sogar für die erste Mannschaft und kam ansonsten für die Zweitvertretung in der 2. Liga zum Einsatz. Weil sich das in der laufenden Saison nicht geändert hätte, ging Knorr den nächsten Schritt. In Minden hat er die Skeptiker vorerst zum Schweigen gebracht. Fünf Zugänge, die sich alle noch oder wieder in der Bundesliga etablieren müssen, ein neu formiertes Team, ein denkwürdiges Pokal-Desaster gegen einen Zweitligisten – die Erwartungen vor dem Bundesliga-Start waren niedrig, viele Beobachter fürchteten schon den Abstiegskampf. Nach drei Punkten in den jüngsten beiden Spielen sieht es plötzlich viel freundlicher aus. Und das liegt auch an Juri Knorr. „Er hat in Berlin und Stuttgart wichtige Akzente gesetzt, arbeitet sehr seriös und ist von den Zugängen am weitesten in den Abläufen“, sagt Trainer Frank Carstens über den Mittelmann, von dem er genau das aber auch erwarte. Dennoch ist die Entwicklung von Knorr erstaunlich. Doch er weiß, dass vor dem Durchbruch noch Rückschläge kommen können. Kopfmensch Knorr überlässt nichts dem Zufall, geht seinen Sport mit professioneller Einstellung an und greift dabei zu mentalen Techniken. „Talent ist das eine, aber erst mit dem Kopf kann man es auf dem Feld umsetzen“, sagt er und erklärt: „Druck ist immer da, man muss sich damit bewusst auseinandersetzen. Es geht darum, klar zu bleiben, fokussiert zu bleiben.“ Der 19-Jährige setzt auf Konzentrationsübungen, um zu sich selbst zu finden und sich auf den Moment zu fokussieren, manchmal schaut er zur Motivation Highlight-Videos mit seinen besten Szenen, und vor den Spielen tut er das, was sonst Skirennfahrer oder Formel-1-Piloten tun: „Ich schaue mir die Halle genau an, gehe Laufwege und Spielsituationen durch und präge mir ein, wo das Publikum ist.“ Genauso rational trifft er seine Entscheidungen, ob es nun der Wechsel zu GWD ist oder sein Verzicht auf die U19-WM in diesem Sommer. „Es war klar, dass der Schritt in die Bundesliga für mich extrem wird. Da ist es nicht möglich, eine WM zu spielen und nur eine Woche Vorbereitung zu machen. Und das hat sich im Nachhinein bestätigt.“ Die Mannschaft holte ohne ihn WM-Silber, und Juri Knorr drückte aus der Ferne die Daumen: „Es ist natürlich ein bisschen schade, dass ich nicht dabei sein konnte. Aber ich freue mich für die Jungs.“ Der Mann aus Bad Schwartau verfolgt derweil seine eigenen Ziele: Er will nicht nur in der Bundesliga mitspielen, sondern sich dort etablieren. Und obwohl er viel nachdenkt, kann Knorr dabei auch ganz locker sein: „Am Ende ist's nur Handball.“