Minden

Große Erleichterung und großer Durst: GWD genießt den Sieg in Berlin

Marcus Riechmann

Obenauf: Trainer Frank Carstens springt nach dem Sieg in Berlin auf seine versammelte Mannschaft und war von sich selbst überrascht: „Das habe ich noch nie gemacht.“ Foto: Uwe Koch/Eibner - © EIBNER/Uwe Koch
Obenauf: Trainer Frank Carstens springt nach dem Sieg in Berlin auf seine versammelte Mannschaft und war von sich selbst überrascht: „Das habe ich noch nie gemacht.“ Foto: Uwe Koch/Eibner (© EIBNER/Uwe Koch)

Minden (mt). Drei Niederlagen, null Punkte, hunderte Zweifler: Nach dem deftigen Pokal-Aus gegen den Zweitligisten ASV Hamm und den beiden Auftaktniederlagen in der Bundesliga sahen die sorgenvollen heimischen Fans die Handballer von GWD Minden schon auf dem Weg in die Zweitklassigkeit.

Seit Mittwochabend dürfen die Anhänger aufatmen. Und die Spieler gleich mit. Denn GWD gelang ein Husarenstreich: 29:25 gewann das Team bei den Füchsen Berlin und beendete damit nicht nur die aktuelle Sieglos-Serie sondern auch zwei andere: Weder GWD konnte je zuvor in Berlin etwas mitnehmen, noch Coach Frank Carstens, der – egal mit welchem Verein – regelmäßig die Punkte in der Hauptstadt ließ.

Die Erleichterung im Team war groß. So groß, dass der Trainer die sonst geltenden strengen Getränkerichtlinien auf der nächtlichen Rückfahrt zumindest ein wenig lockerte. „Na klar, die Jungs haben ein Bier getrunken. So einen Erfolg muss man feiern“, erzählte der auch am Tag danach noch gut gelaunte Carstens. Mit Blick auf die anstehende Aufgabe am Sonntag in Stuttgart trat er zwar ein wenig auf die Pils- und Stimmungs-Bremse („Da bringt uns der Sieg in Berlin gar nichts“), doch er genoss den unerwarteten Erfolg in der Max-Schmeling-Arena: „Das war einfach toll herausgespielt.“

Vor allem die mentale Stärke imponierte ihm. Anders als beim Heimspiel gegen Leipzig, als seine Mannschaft nach einer 8:1-Führung völlig euphorisiert in die Falle rannte, blieben die Mindener gegen die Füchse auch noch voll konzentriert, als sie Mitte der zweiten Halbzeit beim 22:16 erstmals einen Sechs-Tore-Vorsprung herausgeworfen hatten.

Auch das war ein deutlicher Unterschied zur Heimniederlage gegen Leipzig: Die Ersatzspieler fügten sich nahtlos ein. Egal, wen Carstens auch im Verlaufe der Partie einwechselte: Jeder leistete seinen Beitrag. „Wir hatten die besseren Effekte von der Bank als Berlin“, freute sich Carstens. Während bei Berlin Einwechslungen wie die von Nationaltorhüter Silvio Heinevetter oder Routinier Michael Müller wirkungslos verpufften, stachen die GWD-Reservisten: Juri Knorr beispielsweise, der im Heimspiel zuletzt noch von der Leipziger Abwehr abgeprallt war, zeigte in Berlin seine Klasse. „Er war ein bisschen der Game-Changer“, sagte Carstens über den 19-Jährigen, der aufgrund der Zeitstrafenprobleme von Lucas Meister früh in den Abwehrverbund eingebunden werden musste. Knorr erarbeitete sich Bälle, lief Konter und kam auch im Positionsspiel zu feinen Aktionen und Toren. „Wenn er ein bisschen Platz hat, ist er schwer zu verteidigen“, meinte Carstens.

Die Stärke von der Bank nahm auch den Druck von Marian Michalczik. Der junge Teamkapitän konnte seine Kräfte besser einteilen und besaß so die Energie für die entscheidenden Aktionen. „Das war herausragend. Er hat so gespielt, wie wir es gebraucht haben“, lobte der Trainer den 22-Jährigen, der kurz vor Ende der ersten Halbzeit mit zwei Treffern für die GWD-Pausenführung (13:12) sorgte und mit seinem fünften Tor zum 28:23 zwei Minuten vor dem Abpfiff die endgültige Entscheidung herbeiführte.

Mann des Tages war jedoch ein anderer: Malte Semisch. Der Torhüter, der nach einem enttäuschenden Jahr bei den Füchsen im Sommer zu GWD gekommen war, spielte in überragender Form. Viel mehr und viel besser, als es die Statistik erfasste, habe der seit gestern 27-Jährige gehalten, hob Carstens hervor: „Maltes Leistung war die Basis für unseren Erfolg.“ Semisch genoss die Gala an alter Wirkungsstätte: „Hier in Berlin war es natürlich ein besonderer Sieg.“

Dicke Luft in Berlin

In Berlin hing nach der 25:29-Heimpleite gegen GWD der Haussegen schief. „Wenn ich ehrlich bin, bin ich sprachlos“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Die mit der Vorstellung von Stefan Kretzschmar als künftigem Vorstand Sport erzeugte Aufbruchstimmung war nach der dürftigen Vorstellung und der zweiten Niederlage im dritten Saisonspiel verflogen.

„Wir haben uns blamiert“, meinte Trainer Velimir Petkovic, dessen Team hilflos wirkte und zeitweilig vom immer schwungvoller aufspielenden Außenseiter aus Minden vorgeführt wurde. Den Füchsen erging es in etwa so, wie es GWD im DHB-Pokal gegen Hamm ergangen war. „Verdient“ bezeichnete Hanning die Niederlage gegen die mit zwei Ex-Berlinern spielenden Gäste, aber mit vier Toren nicht ausreichend hoch: „Der Leistungs- und Leidenschaftsunterschied war größer.“ (mt/dpa)

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MindenGroße Erleichterung und großer Durst: GWD genießt den Sieg in BerlinMarcus RiechmannMinden (mt). Drei Niederlagen, null Punkte, hunderte Zweifler: Nach dem deftigen Pokal-Aus gegen den Zweitligisten ASV Hamm und den beiden Auftaktniederlagen in der Bundesliga sahen die sorgenvollen heimischen Fans die Handballer von GWD Minden schon auf dem Weg in die Zweitklassigkeit. Seit Mittwochabend dürfen die Anhänger aufatmen. Und die Spieler gleich mit. Denn GWD gelang ein Husarenstreich: 29:25 gewann das Team bei den Füchsen Berlin und beendete damit nicht nur die aktuelle Sieglos-Serie sondern auch zwei andere: Weder GWD konnte je zuvor in Berlin etwas mitnehmen, noch Coach Frank Carstens, der – egal mit welchem Verein – regelmäßig die Punkte in der Hauptstadt ließ. Die Erleichterung im Team war groß. So groß, dass der Trainer die sonst geltenden strengen Getränkerichtlinien auf der nächtlichen Rückfahrt zumindest ein wenig lockerte. „Na klar, die Jungs haben ein Bier getrunken. So einen Erfolg muss man feiern“, erzählte der auch am Tag danach noch gut gelaunte Carstens. Mit Blick auf die anstehende Aufgabe am Sonntag in Stuttgart trat er zwar ein wenig auf die Pils- und Stimmungs-Bremse („Da bringt uns der Sieg in Berlin gar nichts“), doch er genoss den unerwarteten Erfolg in der Max-Schmeling-Arena: „Das war einfach toll herausgespielt.“ Vor allem die mentale Stärke imponierte ihm. Anders als beim Heimspiel gegen Leipzig, als seine Mannschaft nach einer 8:1-Führung völlig euphorisiert in die Falle rannte, blieben die Mindener gegen die Füchse auch noch voll konzentriert, als sie Mitte der zweiten Halbzeit beim 22:16 erstmals einen Sechs-Tore-Vorsprung herausgeworfen hatten. Auch das war ein deutlicher Unterschied zur Heimniederlage gegen Leipzig: Die Ersatzspieler fügten sich nahtlos ein. Egal, wen Carstens auch im Verlaufe der Partie einwechselte: Jeder leistete seinen Beitrag. „Wir hatten die besseren Effekte von der Bank als Berlin“, freute sich Carstens. Während bei Berlin Einwechslungen wie die von Nationaltorhüter Silvio Heinevetter oder Routinier Michael Müller wirkungslos verpufften, stachen die GWD-Reservisten: Juri Knorr beispielsweise, der im Heimspiel zuletzt noch von der Leipziger Abwehr abgeprallt war, zeigte in Berlin seine Klasse. „Er war ein bisschen der Game-Changer“, sagte Carstens über den 19-Jährigen, der aufgrund der Zeitstrafenprobleme von Lucas Meister früh in den Abwehrverbund eingebunden werden musste. Knorr erarbeitete sich Bälle, lief Konter und kam auch im Positionsspiel zu feinen Aktionen und Toren. „Wenn er ein bisschen Platz hat, ist er schwer zu verteidigen“, meinte Carstens. Die Stärke von der Bank nahm auch den Druck von Marian Michalczik. Der junge Teamkapitän konnte seine Kräfte besser einteilen und besaß so die Energie für die entscheidenden Aktionen. „Das war herausragend. Er hat so gespielt, wie wir es gebraucht haben“, lobte der Trainer den 22-Jährigen, der kurz vor Ende der ersten Halbzeit mit zwei Treffern für die GWD-Pausenführung (13:12) sorgte und mit seinem fünften Tor zum 28:23 zwei Minuten vor dem Abpfiff die endgültige Entscheidung herbeiführte. Mann des Tages war jedoch ein anderer: Malte Semisch. Der Torhüter, der nach einem enttäuschenden Jahr bei den Füchsen im Sommer zu GWD gekommen war, spielte in überragender Form. Viel mehr und viel besser, als es die Statistik erfasste, habe der seit gestern 27-Jährige gehalten, hob Carstens hervor: „Maltes Leistung war die Basis für unseren Erfolg.“ Semisch genoss die Gala an alter Wirkungsstätte: „Hier in Berlin war es natürlich ein besonderer Sieg.“ Dicke Luft in Berlin In Berlin hing nach der 25:29-Heimpleite gegen GWD der Haussegen schief. „Wenn ich ehrlich bin, bin ich sprachlos“, sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning. Die mit der Vorstellung von Stefan Kretzschmar als künftigem Vorstand Sport erzeugte Aufbruchstimmung war nach der dürftigen Vorstellung und der zweiten Niederlage im dritten Saisonspiel verflogen. „Wir haben uns blamiert“, meinte Trainer Velimir Petkovic, dessen Team hilflos wirkte und zeitweilig vom immer schwungvoller aufspielenden Außenseiter aus Minden vorgeführt wurde. Den Füchsen erging es in etwa so, wie es GWD im DHB-Pokal gegen Hamm ergangen war. „Verdient“ bezeichnete Hanning die Niederlage gegen die mit zwei Ex-Berlinern spielenden Gäste, aber mit vier Toren nicht ausreichend hoch: „Der Leistungs- und Leidenschaftsunterschied war größer.“ (mt/dpa)