Minden

GWD Mindens Zugang Christoph Reißky will raus aus der Warteschleife

Sebastian Külbel

Auf der Suche nach der Lücke: Christoph Reißky ist bei GWD Minden der Vertreter von Christoffer Rambo und will in dieser Saison seinen Durchbruch als Profi-Handballer schaffen. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel
Auf der Suche nach der Lücke: Christoph Reißky ist bei GWD Minden der Vertreter von Christoffer Rambo und will in dieser Saison seinen Durchbruch als Profi-Handballer schaffen. Foto: Noah Wedel (© Noah Wedel)

Minden (mt). Für seinen Traum hat Christoph Reißky auf Vieles verzichtet. Mit 15 zog er aus dem Elternhaus im sächsischen Freiberg ins Sportinternat nach Berlin, seine Jugend stand ganz im Zeichen des Handballs. „Ich habe mir das ja so ausgesucht“, sagt der heute 24-Jährige. Auch deshalb ist der Wechsel von den Füchsen Berlin zu GWD Minden für ihn so wichtig: Reißky will sich hier in der Bundesliga etablieren.

Das ist ihm in vier Profi-Jahren noch nicht gelungen. Bei den Füchsen war er bislang nur Perspektivspieler, zweimal wurde er mit Zweitspielrecht an den Zweitligisten Tusem Essen verliehen. „In Berlin war ich immer das Talent, das reingeworfen wurde und gleich mit der ersten Aktion das Risiko suchen sollte, um zu sehen, ob es funktioniert“, schildert Reißky seine bisherige Rolle. Die hat sich in Minden grundlegend verändert: „Wenn ich hier reinkomme, soll ich am Spiel teilnehmen, es mitgestalten und die Abwehr vor eine neue Aufgabe stellen.“

Denn der 1,88 Meter große Linkshänder ist der erste Vertreter von Platzhirsch Christoffer Rambo. Der ist mit seinen 1,98 Metern im rechten Rückraum als wuchtiger Werfer sowie als Vorlagengeber eine tragende Säule im Mindener Angriff. Reißky verkörpert wie schon sein nach Lemgo gewechselter Vorgänger Andreas Cederholm einen anderen Spielertyp: „Ich bin als Kleinerer der, der in die Lücken geht und den Ball zum Laufen bringt.“

Fähigkeiten, die schon morgen bei seinem ersten Spiel gegen die Füchse Berlin wichtig werden könnten. „Sie haben große und schwere Leute in der Abwehr, die müssen wir in Bewegung bringen. Und sie haben einige Spieler über 30, die vielleicht nicht 60 Minuten lang unser Tempo gehen können. Wir müssen Gas geben.“

Ein Erfolgserlebnis würde dem neu formierten GWD-Team gut tun. Nach dem Pokal-Desaster gegen Hamm zeigten die Mindener bei der Niederlage in Hannover gute Ansätze im Angriff und stellten bei der Heimpleite gegen Leipzig eine gute Abwehr. „Es wird langsam Zeit, dass wir diese beiden Sachen zusammenbringen“, sagt Reißky und fügt hinzu: „Wir haben schon gezeigt, dass wir guten Handball spielen können.“

Das setzt sich auch der gebürtige Sachse zum Ziel, der in Minden den nächsten Schritt in seiner Karriere machen will. „Ich war in Berlin unzufrieden mit meinen Spielanteilen, und das hätte sich auch nicht geändert.“ Reißky hing in der Warteschleife – „und da wollte ich raus“. Das bringt durchaus etwas Druck mit sich: Mit 24 Jahren will er sich in dieser Saison zum gestandenen Profi entwickeln. Sein Vertrag bei den Füchsen läuft bis 2022.

Reißky hat sich jedenfalls schon angefreundet mit der Stadt, die für ihn zum Kontrastprogramm wird: „Es ist alles wesentlich kleiner. Und abends ist schon ziemlich viel zu, das bin ich nicht gewohnt.“ Gefallen findet der Single derweil an seinen Streifzügen durch die City – nicht nur bei den als Regeneration angeordneten Spaziergängen nach jedem Spiel. „Ich laufe viel durchs Glacis, erkunde aber auch die Innenstadt oder die Weser. Ich bin jeden Tag bestimmt eine Stunde zu Fuß unterwegs.“

Wenn er nicht Handball spielt, beschäftigt sich Reißky auch mit seinem Studium an der Freien Universität Berlin. Im Fach Publizistik/Kommunikationswissenschaft fehlt ihm nur noch die Bachelorarbeit, für die er im Fach BWL aber noch ein paar Punkte sammeln muss – aus der Ferne durchaus eine Aufgabe: „Ich hoffe auf nette Dozenten. Es gibt Lernvideos bei Youtube, die Klausuren kann ich hier am Campus der FH schreiben.“ Eile hat Reißky dabei nicht, er will das Studium bis zum Ende seiner Handball-Karriere abgeschlossen haben: „Es soll ein nahtloser Übergang werden, mich interessiert zum Beispiel der Bereich Social Media und Marketing.“ Ein Thema, bei dem sich der 24-Jährige sogar richtig aufregen kann: „Mich ärgert, wie rückschrittlich der Handball manchmal ist. Bei Fußballklubs gibt es zum Beispiel eine sichtbare Instragram-Strategie mit geplanten Beiträgen und einheitlicher Optik, im Handball passiert das alles eher gelegentlich oder zufällig.“

Ob er sich diese Gedanken später auch beruflich machen wird, weiß Christoph Reißky noch nicht: „Mich interessieren viele Dinge.“ Zurzeit liegt sein ganzer Fokus ohnehin auf Handball – anders kennt er es fast gar nicht. „Wenn andere in der Schule von Motto-Wochen oder Abi-Bällen erzählt haben, hatte ich ein Spiel. Man opfert schon ein paar Dinge für den Sport. Aber es macht einfach so viel Spaß, dass man es nie aufgeben wollte.“

Handball in Berlin

Nach neun Jahren bei den Füchsen ist Christoph Reißky ein echter Experte für den Handball in Berlin. „Ich bin gespannt auf die Halle, wenn sie gegen einen ist“, sagt der 24-Jährige vor seiner ersten Rückkehr mit GWD Minden.

Er rechnet am Mittwoch mit bis zu 7.000 Zuschauern: „In Berlin selbst ist das Handball-Interesse allerdings nicht ganz so groß. Die Fans kommen aus den Randgebieten oder aus Brandenburg.“

Wenig los ist in der Regel bei den Europapokal-Spielen – für Reißky paradox: „Alle fordern den EHF-Cup, aber keiner geht hin.“ Die internationale Zusatzbelastung hatte für ihn oft Folgen: „Da gibt es nur Spiel, Regeneration und Vorbereitung für das nächste Spiel. Man hat dann kaum die Chance, sich im Training anzubieten.“ (kül)

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MindenGWD Mindens Zugang Christoph Reißky will raus aus der WarteschleifeSebastian KülbelMinden (mt). Für seinen Traum hat Christoph Reißky auf Vieles verzichtet. Mit 15 zog er aus dem Elternhaus im sächsischen Freiberg ins Sportinternat nach Berlin, seine Jugend stand ganz im Zeichen des Handballs. „Ich habe mir das ja so ausgesucht“, sagt der heute 24-Jährige. Auch deshalb ist der Wechsel von den Füchsen Berlin zu GWD Minden für ihn so wichtig: Reißky will sich hier in der Bundesliga etablieren. Das ist ihm in vier Profi-Jahren noch nicht gelungen. Bei den Füchsen war er bislang nur Perspektivspieler, zweimal wurde er mit Zweitspielrecht an den Zweitligisten Tusem Essen verliehen. „In Berlin war ich immer das Talent, das reingeworfen wurde und gleich mit der ersten Aktion das Risiko suchen sollte, um zu sehen, ob es funktioniert“, schildert Reißky seine bisherige Rolle. Die hat sich in Minden grundlegend verändert: „Wenn ich hier reinkomme, soll ich am Spiel teilnehmen, es mitgestalten und die Abwehr vor eine neue Aufgabe stellen.“ Denn der 1,88 Meter große Linkshänder ist der erste Vertreter von Platzhirsch Christoffer Rambo. Der ist mit seinen 1,98 Metern im rechten Rückraum als wuchtiger Werfer sowie als Vorlagengeber eine tragende Säule im Mindener Angriff. Reißky verkörpert wie schon sein nach Lemgo gewechselter Vorgänger Andreas Cederholm einen anderen Spielertyp: „Ich bin als Kleinerer der, der in die Lücken geht und den Ball zum Laufen bringt.“ Fähigkeiten, die schon morgen bei seinem ersten Spiel gegen die Füchse Berlin wichtig werden könnten. „Sie haben große und schwere Leute in der Abwehr, die müssen wir in Bewegung bringen. Und sie haben einige Spieler über 30, die vielleicht nicht 60 Minuten lang unser Tempo gehen können. Wir müssen Gas geben.“ Ein Erfolgserlebnis würde dem neu formierten GWD-Team gut tun. Nach dem Pokal-Desaster gegen Hamm zeigten die Mindener bei der Niederlage in Hannover gute Ansätze im Angriff und stellten bei der Heimpleite gegen Leipzig eine gute Abwehr. „Es wird langsam Zeit, dass wir diese beiden Sachen zusammenbringen“, sagt Reißky und fügt hinzu: „Wir haben schon gezeigt, dass wir guten Handball spielen können.“ Das setzt sich auch der gebürtige Sachse zum Ziel, der in Minden den nächsten Schritt in seiner Karriere machen will. „Ich war in Berlin unzufrieden mit meinen Spielanteilen, und das hätte sich auch nicht geändert.“ Reißky hing in der Warteschleife – „und da wollte ich raus“. Das bringt durchaus etwas Druck mit sich: Mit 24 Jahren will er sich in dieser Saison zum gestandenen Profi entwickeln. Sein Vertrag bei den Füchsen läuft bis 2022. Reißky hat sich jedenfalls schon angefreundet mit der Stadt, die für ihn zum Kontrastprogramm wird: „Es ist alles wesentlich kleiner. Und abends ist schon ziemlich viel zu, das bin ich nicht gewohnt.“ Gefallen findet der Single derweil an seinen Streifzügen durch die City – nicht nur bei den als Regeneration angeordneten Spaziergängen nach jedem Spiel. „Ich laufe viel durchs Glacis, erkunde aber auch die Innenstadt oder die Weser. Ich bin jeden Tag bestimmt eine Stunde zu Fuß unterwegs.“ Wenn er nicht Handball spielt, beschäftigt sich Reißky auch mit seinem Studium an der Freien Universität Berlin. Im Fach Publizistik/Kommunikationswissenschaft fehlt ihm nur noch die Bachelorarbeit, für die er im Fach BWL aber noch ein paar Punkte sammeln muss – aus der Ferne durchaus eine Aufgabe: „Ich hoffe auf nette Dozenten. Es gibt Lernvideos bei Youtube, die Klausuren kann ich hier am Campus der FH schreiben.“ Eile hat Reißky dabei nicht, er will das Studium bis zum Ende seiner Handball-Karriere abgeschlossen haben: „Es soll ein nahtloser Übergang werden, mich interessiert zum Beispiel der Bereich Social Media und Marketing.“ Ein Thema, bei dem sich der 24-Jährige sogar richtig aufregen kann: „Mich ärgert, wie rückschrittlich der Handball manchmal ist. Bei Fußballklubs gibt es zum Beispiel eine sichtbare Instragram-Strategie mit geplanten Beiträgen und einheitlicher Optik, im Handball passiert das alles eher gelegentlich oder zufällig.“ Ob er sich diese Gedanken später auch beruflich machen wird, weiß Christoph Reißky noch nicht: „Mich interessieren viele Dinge.“ Zurzeit liegt sein ganzer Fokus ohnehin auf Handball – anders kennt er es fast gar nicht. „Wenn andere in der Schule von Motto-Wochen oder Abi-Bällen erzählt haben, hatte ich ein Spiel. Man opfert schon ein paar Dinge für den Sport. Aber es macht einfach so viel Spaß, dass man es nie aufgeben wollte.“ Handball in Berlin Nach neun Jahren bei den Füchsen ist Christoph Reißky ein echter Experte für den Handball in Berlin. „Ich bin gespannt auf die Halle, wenn sie gegen einen ist“, sagt der 24-Jährige vor seiner ersten Rückkehr mit GWD Minden. Er rechnet am Mittwoch mit bis zu 7.000 Zuschauern: „In Berlin selbst ist das Handball-Interesse allerdings nicht ganz so groß. Die Fans kommen aus den Randgebieten oder aus Brandenburg.“ Wenig los ist in der Regel bei den Europapokal-Spielen – für Reißky paradox: „Alle fordern den EHF-Cup, aber keiner geht hin.“ Die internationale Zusatzbelastung hatte für ihn oft Folgen: „Da gibt es nur Spiel, Regeneration und Vorbereitung für das nächste Spiel. Man hat dann kaum die Chance, sich im Training anzubieten.“ (kül)