Minden

Das Potenzial blitzt auf, doch dann wird GWD abgekocht

Marcus Riechmann

Marian Michalczik (Zweiter von links) spricht Kevin Gulliksen (links) Trost zu, Miljan Pusica (Dritter von links) wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht, Lucas Meister hockt auf dem Spielfeld, Christoph Reißky zieht das Trikot über den Kopf. Enttäuscht versuchen sich die GWD-Handballer nach der Niederlage zu sammeln. Foto: Noah Wedel - © Noah Wedel
Marian Michalczik (Zweiter von links) spricht Kevin Gulliksen (links) Trost zu, Miljan Pusica (Dritter von links) wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht, Lucas Meister hockt auf dem Spielfeld, Christoph Reißky zieht das Trikot über den Kopf. Enttäuscht versuchen sich die GWD-Handballer nach der Niederlage zu sammeln. Foto: Noah Wedel (© Noah Wedel)

Minden (mt). Erst Lust, dann Frust: Die Bundesliga-Handballer von GWD Minden haben das erste Heimspiel der Saison verloren. 21:25 (12:9) ging die Premiere in der Kampa-Halle gegen den SC DHfK Leipzig daneben. Mit schweren Beinen und leeren Köpfen verließen die Gastgeber nach 60 fordernden Minuten den Platz und mussten die zweite Saisonniederlage verdauen.

Etwa 20 Minuten vermittelte die junge Mindener Mannschaft ihren Fans einen Eindruck davon, welches Potenzial in ihr steckt. Mit leidenschaftlicher Abwehr, Ballereroberungen, präzisen Gegenstößen, brillanten Spielzügen und krachenden Treffern euphorisierte GWD die nahezu ungläubig jubelnden Zuschauer. Alles passte, Minden spielte die Gäste zum 8:1 (13. Minute) an die Wand. Die gewünschte Einheit zwischen Team und Fans war im Sturm erreicht.

Doch kleine Weichenstellungen änderten die Partie: Gäste-Coach André Haber stellte Haudegen Philipp Müller und Marko Mamic in den Innenblock. Damit nahm er der GWD-Offensive die Wucht. Fehler schlichen sich in den noch zu hochtourigen Mindener Angriff ein. Leipzig nutzte die Konterchancen und war bereits zehn Minuten später beim 8:10 wieder im Geschäft. „Das ist Handball“, meinte GWD-Coach Frank Carstens und verwies auf die Energie freisetzende Anfangsphase: „Man neigt dann dazu, das durchziehen zu wollen.“

Kein Durchkommen: Die GWD-Spieler Mats Korte (2.v.l.) und Lucas Meister hängen in der Armen der Leipziger Bastian Roscheck (links) und Alen Milosevic fest. Foto: Wedel - © Noah Wedel
Kein Durchkommen: Die GWD-Spieler Mats Korte (2.v.l.) und Lucas Meister hängen in der Armen der Leipziger Bastian Roscheck (links) und Alen Milosevic fest. Foto: Wedel (© Noah Wedel)

Leipzig hatte sich wie schon im Auftaktspiel gegen Berlin nach einem krassen Rückstand wieder in die Partie gebissen und ließ nun nicht mehr locker. Immer besser funktionierte die Deckung gegen den limitierten Mindener Angriff. Dort ruhte die Verantwortung allein auf den Schultern von Christoffer Rambo und Marian Michalczik, denen die Entlastung fehlte und denen irgendwann der Kräfteverschleiß anzumerken war. Von den neuen Männern im Team wuchs gestern keiner in eine tragende Rolle. „Unsere Schlüsselspieler mussten viel tragen“, hatte auch Carstens festgestellt: „Da besteht ein Unterschied zu Leipzig, diese Tiefe im Kader haben wir noch nicht.“

Ein weiterer Faktor waren die beiden ehemaligen Mindener im Leipziger Tor. Joel Birlehm spielte in Höchstform, der für Strafwürfe eingewechselte Jens Vortmann wehrte gleich drei GWD-Siebenmeter ab. „Wir haben eine absolut außergewöhnliche Torwartleistung gehabt“, wusste Gäste-Trainer Haber, bei wem er sich bedanken durfte. 27 Fehlwürfe zählte Carstens in seiner Statistik: „Einen solchen Wert hatten wir noch nie“, sagte er und bedauerte: „Wenn wir nur ein paar dieser Chancen – und wir hatten einige freie Würfe – nutzen, gehen wir als Sieger vom Platz.“ Doch es kam anders: Das junge Mindener Team wurde Stück für Stück abgekocht.

Zudem hatte Leipzig den Torjäger des Tages auf seiner Seite: Der 22-jährige Franz Semper war von der GWD-Abwehr nicht zu bremsen und erzielte zehn Tore. Beim 17:16 traf der Linkshänder in der 46. Minute zur ersten Gästeführung, zum 20:17 erhöhte erneut Semper zum Drei-Tore-Vorsprung, und beim 24:18 durch Marko Mamic war die Partie sechs Minuten vor dem Ende entschieden.

GWD stieß in der zweiten Halbzeit an Grenzen. Es fehlten die Kräfte und die personellen Alternativen, um gegen die abgezockten und immer selbstbewussteren Gäste noch gegenzuhalten. „Irgendwann kommen wir an einen Punkt, an dem es uns zunehmend schwer fällt, Tore zu erzielen“, meinte Sport-Geschäftsführer Frank von Behren. Weil die Abwehr keine Bälle mehr eroberte, fehlten auch die leichten Kontertore. „Wir wussten irgendwann: Minden ist kaputt“, meinte Leipzigs Rückraumspieler Philipp Weber.

Zu groß war letztlich der personelle Aderlass bei GWD. Neben Mittelmann Aliaksandr Padshyvalau fehlte auch Torwart Espen Christensen, der sich bereits in Hannover einen geheim gehaltenen Muskelfaseriss in der Schulter zugezogen hatte und etwa drei Wochen pausieren muss. Der mit Wurfhandproblemen aus dem Hannover-Spiel gekommene Savvas Savvas zeigte, frisch eingewechselt, beim Klasse-Rückraumtor zum 9:4 seinen Wert für das Team, schied aber sogleich mit einer Muskelverletzung im Oberschenkel aus. Die überraschende Rückkehr des nach seiner Fußverletzung mit Carbon-Einlagen im Schuh spielenden Kreisläufers Magnus Gullerud war nicht mehr als ein kleines Zeichen.

Und so stand am Ende die zweite Saisonniederlage. „Aber ich kann den Jungs keinen Vorwurf machen“, sagte Carstens, „sie haben alles gegeben. Das war keine Leistung, für die man sich schämen muss.“

GWD Minden - DHfK Leipzig 21:25 (12:9)

Tore für GWD Minden: Gulliksen 7, Michalczik 4/2, Rambo 4, Reißky 2, Ritterbach
2, Meister 1, Savvas 1.

Tore für Leipzig: Semper 10, Binder 4, Mamic 3, Ph. Weber 3/1, Witzke 2,
Krzikalla 1, Milosevic 1, Roscheck 1.

Schiedsrichter: Jannik Otto (Kiel)/Raphael Piper (Kiel).

Zuschauer: 2033.

Strafminuten: 6 / 10.

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MindenDas Potenzial blitzt auf, doch dann wird GWD abgekochtMarcus RiechmannMinden (mt). Erst Lust, dann Frust: Die Bundesliga-Handballer von GWD Minden haben das erste Heimspiel der Saison verloren. 21:25 (12:9) ging die Premiere in der Kampa-Halle gegen den SC DHfK Leipzig daneben. Mit schweren Beinen und leeren Köpfen verließen die Gastgeber nach 60 fordernden Minuten den Platz und mussten die zweite Saisonniederlage verdauen. Etwa 20 Minuten vermittelte die junge Mindener Mannschaft ihren Fans einen Eindruck davon, welches Potenzial in ihr steckt. Mit leidenschaftlicher Abwehr, Ballereroberungen, präzisen Gegenstößen, brillanten Spielzügen und krachenden Treffern euphorisierte GWD die nahezu ungläubig jubelnden Zuschauer. Alles passte, Minden spielte die Gäste zum 8:1 (13. Minute) an die Wand. Die gewünschte Einheit zwischen Team und Fans war im Sturm erreicht. Doch kleine Weichenstellungen änderten die Partie: Gäste-Coach André Haber stellte Haudegen Philipp Müller und Marko Mamic in den Innenblock. Damit nahm er der GWD-Offensive die Wucht. Fehler schlichen sich in den noch zu hochtourigen Mindener Angriff ein. Leipzig nutzte die Konterchancen und war bereits zehn Minuten später beim 8:10 wieder im Geschäft. „Das ist Handball“, meinte GWD-Coach Frank Carstens und verwies auf die Energie freisetzende Anfangsphase: „Man neigt dann dazu, das durchziehen zu wollen.“ Leipzig hatte sich wie schon im Auftaktspiel gegen Berlin nach einem krassen Rückstand wieder in die Partie gebissen und ließ nun nicht mehr locker. Immer besser funktionierte die Deckung gegen den limitierten Mindener Angriff. Dort ruhte die Verantwortung allein auf den Schultern von Christoffer Rambo und Marian Michalczik, denen die Entlastung fehlte und denen irgendwann der Kräfteverschleiß anzumerken war. Von den neuen Männern im Team wuchs gestern keiner in eine tragende Rolle. „Unsere Schlüsselspieler mussten viel tragen“, hatte auch Carstens festgestellt: „Da besteht ein Unterschied zu Leipzig, diese Tiefe im Kader haben wir noch nicht.“ Ein weiterer Faktor waren die beiden ehemaligen Mindener im Leipziger Tor. Joel Birlehm spielte in Höchstform, der für Strafwürfe eingewechselte Jens Vortmann wehrte gleich drei GWD-Siebenmeter ab. „Wir haben eine absolut außergewöhnliche Torwartleistung gehabt“, wusste Gäste-Trainer Haber, bei wem er sich bedanken durfte. 27 Fehlwürfe zählte Carstens in seiner Statistik: „Einen solchen Wert hatten wir noch nie“, sagte er und bedauerte: „Wenn wir nur ein paar dieser Chancen – und wir hatten einige freie Würfe – nutzen, gehen wir als Sieger vom Platz.“ Doch es kam anders: Das junge Mindener Team wurde Stück für Stück abgekocht. Zudem hatte Leipzig den Torjäger des Tages auf seiner Seite: Der 22-jährige Franz Semper war von der GWD-Abwehr nicht zu bremsen und erzielte zehn Tore. Beim 17:16 traf der Linkshänder in der 46. Minute zur ersten Gästeführung, zum 20:17 erhöhte erneut Semper zum Drei-Tore-Vorsprung, und beim 24:18 durch Marko Mamic war die Partie sechs Minuten vor dem Ende entschieden. GWD stieß in der zweiten Halbzeit an Grenzen. Es fehlten die Kräfte und die personellen Alternativen, um gegen die abgezockten und immer selbstbewussteren Gäste noch gegenzuhalten. „Irgendwann kommen wir an einen Punkt, an dem es uns zunehmend schwer fällt, Tore zu erzielen“, meinte Sport-Geschäftsführer Frank von Behren. Weil die Abwehr keine Bälle mehr eroberte, fehlten auch die leichten Kontertore. „Wir wussten irgendwann: Minden ist kaputt“, meinte Leipzigs Rückraumspieler Philipp Weber. Zu groß war letztlich der personelle Aderlass bei GWD. Neben Mittelmann Aliaksandr Padshyvalau fehlte auch Torwart Espen Christensen, der sich bereits in Hannover einen geheim gehaltenen Muskelfaseriss in der Schulter zugezogen hatte und etwa drei Wochen pausieren muss. Der mit Wurfhandproblemen aus dem Hannover-Spiel gekommene Savvas Savvas zeigte, frisch eingewechselt, beim Klasse-Rückraumtor zum 9:4 seinen Wert für das Team, schied aber sogleich mit einer Muskelverletzung im Oberschenkel aus. Die überraschende Rückkehr des nach seiner Fußverletzung mit Carbon-Einlagen im Schuh spielenden Kreisläufers Magnus Gullerud war nicht mehr als ein kleines Zeichen. Und so stand am Ende die zweite Saisonniederlage. „Aber ich kann den Jungs keinen Vorwurf machen“, sagte Carstens, „sie haben alles gegeben. Das war keine Leistung, für die man sich schämen muss.“ GWD Minden - DHfK Leipzig 21:25 (12:9) Tore für GWD Minden: Gulliksen 7, Michalczik 4/2, Rambo 4, Reißky 2, Ritterbach2, Meister 1, Savvas 1. Tore für Leipzig: Semper 10, Binder 4, Mamic 3, Ph. Weber 3/1, Witzke 2,Krzikalla 1, Milosevic 1, Roscheck 1. Schiedsrichter: Jannik Otto (Kiel)/Raphael Piper (Kiel). Zuschauer: 2033. Strafminuten: 6 / 10.