Minden

GWD-Torwart Malte Semisch: „Wir brauchen eine Beißer-Mentalität“

Astrid Plaßhenrich

Diese Hände sollen möglichst viele Bälle abwehren: GWD-Torwart Malte Semisch freut sich auf die anstehenden Aufgaben. MT- - © Foto: Astrid Plaßhenrich
Diese Hände sollen möglichst viele Bälle abwehren: GWD-Torwart Malte Semisch freut sich auf die anstehenden Aufgaben. MT- (© Foto: Astrid Plaßhenrich)

Minden (mt). Malte Semisch liebt Herausforderungen. Sowohl beruflich als auch privat. Der Torwart des Handball-Bundesligisten GWD Minden will nach dem personellen Umbruch vorangehen, seine Vorderleute pushen und seine Erfahrungen aus acht Jahren in Deutschlands höchster Liga einbringen. „Uns wird nichts geschenkt. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, müssen jedes Spiel konzentriert angehen und dürfen uns keinen Hänger erlauben“, erwartet der 26-Jährige eine harte Saison.

Wie hart es werden kann, zeigte bereits die 21:31-Pokalpleite gegen den Zweitligisten ASV Hamm am vergangnen Samstag. Die Niederlage sei ein Schock gewesen. Alarmierend für jeden einzelnen. „Es gab Mitte der zweiten Halbzeit kein Aufbäumen. Das darf uns auf keinen Fall ein zweites Mal passieren“, sagt Semisch. Verlieren sei keine Schande, aber eine Partie nicht vernünftig zu Ende zu spielen sehr wohl. „Dass Fehler passieren, ist klar, aber wir müssen daraus lernen, direkt weitermachen und Gas geben“, fordert der Schlussmann. Die Stimmung im Team sei trotz des Ausscheidens weiterhin gut. „Das Selbstvertrauen ist da. Aber wir müssen jetzt eine Beißer-Mentalität entwickeln und schon im Training noch aggressiver werden. Es muss auch mal rappeln“, meint Semisch.

Der Schlussmann suchte nach nur einer Saison in Berlin eine neue Chance. Hinter Nationaltorhüter Silvio Heinevetter bekam Semisch kaum Einsatzzeiten. Dazu legte ihn ein Bandscheibenvorfall im fünften Lendenwirbel Mitte November mehrere Wochen flach. „Ich habe das sehr gut im Griff. Mit Stabilitäts- und Mobilitätsübungen wird Druck von der Bandscheibe genommen und gleichzeitig die Beweglichkeit gefördert. Ich bin jetzt insgesamt auf einen konstanteren Level als in der vergangenen Saison“, erklärt der 26-Jährige. Trotzdem sieht der 2,08-Meter-Mann die Saison in der Hauptstadt nicht als verlorenes Jahr an. „Man nimmt immer etwas mit. Es war auf jeden Fall gut, EHF-Pokal zu spielen, zu sehen, wie der Körper reagiert, wenn er dreimal in der Woche auf Wettkampfniveau gefordert wird. Trotzdem hat meine Karriere in Berlin stagniert. Deswegen bin ich froh, dass ich hier wieder durchstarten und mich neu beweisen kann“, erzählt er.

Der Hauptgrund für den Wechsel nach nur einem Jahr: Semisch wollte unbedingt wieder mehr spielen. Der Kontakt zu den GWD-Verantwortlichen Ende Januar kam da gerade recht. „Das Konzept, junge Spieler zu entwickeln und mit ihnen in der Tabelle weiter nach vorne zu kommen, hat mich überzeugt“, sagt Semisch. Der Verein habe sich auch sehr um ihn bemüht, Trainer Frank Carstens besuchte ihn in Berlin, „um mich auch als Typen kennenzulernen“.

Die sportliche Perspektive stimmte, und dass Minden nur knappe 30 Kilometer von seinem Heimatdorf Loccum entfernt liegt, war ein angenehmer Nebeneffekt. Denn Semisch ist ein Familienmensch. Als Kind wollte er unbedingt mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Jonathan in einem Team bei der HSG Loccum-Stolzenau spielen. Also übersprang er eine Altersklasse und landete im Tor. „Da wurde noch einer gebraucht“, blickt er zurück. Mit seiner Größe war der jüngste Semisch für die Position zwischen den Pfosten prädestiniert. „Ich war schon in der Grundschule länger als meine Lehrerin“, erzählt der Neu-Mindener Mit seinen 2,08 Meter überragt er seinen großen Bruder nun um fünf Zentimeter, seinen Vater Rainer, der die Söhne zeitweise trainierte, um sechs. „Und seine Mutter Susanne ist auch 1,80 Meter groß. So sind wir zusammen knapp acht Meter lang“, sagt der Torwart. Ein weiterer Vorzug, der den Wechsel zu GWD mitbringt: Der Torhüter kann sein Lehramtsstudium mit den Fächern Deutsch und Politik an der Leibniz Universität Hannover weiter vorantreiben.

Doch jetzt richtet sich sein Fokus auf den Saisonstart am Sonntag bei der TSV Hannover-Burgdorf. Dort hat der Torwart mit Unterbrechung sechs Jahre lang in der Jugend und bei den Profis gespielt. Es ist eine besondere Rückkehr. Schließlich wird Semisch in der Swiss Life Arena auf seine ehemaligen Mitspieler wie Fabian Böhm, Morten Olsen oder Timo Kastening treffen. „Die Namen stehen für Qualität. Das ist zum Auftakt eine knackige Standortbestimmung. Und für mich wird es sicherlich emotinal“, sagt der neue GWD-Torwart.

Semisch privat: kurze Fragen, schnelle Antworten

Tee oder Kaffee?

Tee.

Pizza oder Pasta?

Pasta.

Rock oder Rap?

Electro.

Berge oder Meer?

Berge. Ich bin im Urlaub gerne aktiv. Das Canyoning im Trainingslager in der Schweiz war beispielsweise total geil. Ich muss nicht drei Wochen am Strand liegen.

Kino oder Netflix?

Ich schaue fast nur Sport im TV – Handball, Fußball, Basketball. Ab und zu mal eine Serie, aber das ist echt selten. Meistens bleibt der Fernseher aus.

Facebook oder Instagram?

Instagram.

Buch oder Podcast?

Buch, ich habe gerade „Deutsches Haus“ von Annette Hess gelesen, dass von einer Dolmetscherin beim ersten Auschwitz-Prozess handelt.

Fußballfan?

Ja, von Borussia Dortmund. Ich hoffe, dass ich jetzt auch mal wieder ins Stadion komme. Als ich in Berlin wohnte, kam das zu kurz.

Wie ist es, aufgrund Ihrer Länge in 99,9 Prozent der Fälle auf andere Menschen hinabzuschauen?Für mich ist das Normalität. Ich kenne es nicht anders, genauso wie ich immer den Kopf einziehe, wenn ich durch eine Tür gehe. (apl)

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MindenGWD-Torwart Malte Semisch: „Wir brauchen eine Beißer-Mentalität“Astrid PlaßhenrichMinden (mt). Malte Semisch liebt Herausforderungen. Sowohl beruflich als auch privat. Der Torwart des Handball-Bundesligisten GWD Minden will nach dem personellen Umbruch vorangehen, seine Vorderleute pushen und seine Erfahrungen aus acht Jahren in Deutschlands höchster Liga einbringen. „Uns wird nichts geschenkt. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, müssen jedes Spiel konzentriert angehen und dürfen uns keinen Hänger erlauben“, erwartet der 26-Jährige eine harte Saison. Wie hart es werden kann, zeigte bereits die 21:31-Pokalpleite gegen den Zweitligisten ASV Hamm am vergangnen Samstag. Die Niederlage sei ein Schock gewesen. Alarmierend für jeden einzelnen. „Es gab Mitte der zweiten Halbzeit kein Aufbäumen. Das darf uns auf keinen Fall ein zweites Mal passieren“, sagt Semisch. Verlieren sei keine Schande, aber eine Partie nicht vernünftig zu Ende zu spielen sehr wohl. „Dass Fehler passieren, ist klar, aber wir müssen daraus lernen, direkt weitermachen und Gas geben“, fordert der Schlussmann. Die Stimmung im Team sei trotz des Ausscheidens weiterhin gut. „Das Selbstvertrauen ist da. Aber wir müssen jetzt eine Beißer-Mentalität entwickeln und schon im Training noch aggressiver werden. Es muss auch mal rappeln“, meint Semisch. Der Schlussmann suchte nach nur einer Saison in Berlin eine neue Chance. Hinter Nationaltorhüter Silvio Heinevetter bekam Semisch kaum Einsatzzeiten. Dazu legte ihn ein Bandscheibenvorfall im fünften Lendenwirbel Mitte November mehrere Wochen flach. „Ich habe das sehr gut im Griff. Mit Stabilitäts- und Mobilitätsübungen wird Druck von der Bandscheibe genommen und gleichzeitig die Beweglichkeit gefördert. Ich bin jetzt insgesamt auf einen konstanteren Level als in der vergangenen Saison“, erklärt der 26-Jährige. Trotzdem sieht der 2,08-Meter-Mann die Saison in der Hauptstadt nicht als verlorenes Jahr an. „Man nimmt immer etwas mit. Es war auf jeden Fall gut, EHF-Pokal zu spielen, zu sehen, wie der Körper reagiert, wenn er dreimal in der Woche auf Wettkampfniveau gefordert wird. Trotzdem hat meine Karriere in Berlin stagniert. Deswegen bin ich froh, dass ich hier wieder durchstarten und mich neu beweisen kann“, erzählt er. Der Hauptgrund für den Wechsel nach nur einem Jahr: Semisch wollte unbedingt wieder mehr spielen. Der Kontakt zu den GWD-Verantwortlichen Ende Januar kam da gerade recht. „Das Konzept, junge Spieler zu entwickeln und mit ihnen in der Tabelle weiter nach vorne zu kommen, hat mich überzeugt“, sagt Semisch. Der Verein habe sich auch sehr um ihn bemüht, Trainer Frank Carstens besuchte ihn in Berlin, „um mich auch als Typen kennenzulernen“. Die sportliche Perspektive stimmte, und dass Minden nur knappe 30 Kilometer von seinem Heimatdorf Loccum entfernt liegt, war ein angenehmer Nebeneffekt. Denn Semisch ist ein Familienmensch. Als Kind wollte er unbedingt mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Jonathan in einem Team bei der HSG Loccum-Stolzenau spielen. Also übersprang er eine Altersklasse und landete im Tor. „Da wurde noch einer gebraucht“, blickt er zurück. Mit seiner Größe war der jüngste Semisch für die Position zwischen den Pfosten prädestiniert. „Ich war schon in der Grundschule länger als meine Lehrerin“, erzählt der Neu-Mindener Mit seinen 2,08 Meter überragt er seinen großen Bruder nun um fünf Zentimeter, seinen Vater Rainer, der die Söhne zeitweise trainierte, um sechs. „Und seine Mutter Susanne ist auch 1,80 Meter groß. So sind wir zusammen knapp acht Meter lang“, sagt der Torwart. Ein weiterer Vorzug, der den Wechsel zu GWD mitbringt: Der Torhüter kann sein Lehramtsstudium mit den Fächern Deutsch und Politik an der Leibniz Universität Hannover weiter vorantreiben. Doch jetzt richtet sich sein Fokus auf den Saisonstart am Sonntag bei der TSV Hannover-Burgdorf. Dort hat der Torwart mit Unterbrechung sechs Jahre lang in der Jugend und bei den Profis gespielt. Es ist eine besondere Rückkehr. Schließlich wird Semisch in der Swiss Life Arena auf seine ehemaligen Mitspieler wie Fabian Böhm, Morten Olsen oder Timo Kastening treffen. „Die Namen stehen für Qualität. Das ist zum Auftakt eine knackige Standortbestimmung. Und für mich wird es sicherlich emotinal“, sagt der neue GWD-Torwart. Semisch privat: kurze Fragen, schnelle Antworten Tee oder Kaffee? Tee. Pizza oder Pasta? Pasta. Rock oder Rap? Electro. Berge oder Meer? Berge. Ich bin im Urlaub gerne aktiv. Das Canyoning im Trainingslager in der Schweiz war beispielsweise total geil. Ich muss nicht drei Wochen am Strand liegen. Kino oder Netflix? Ich schaue fast nur Sport im TV – Handball, Fußball, Basketball. Ab und zu mal eine Serie, aber das ist echt selten. Meistens bleibt der Fernseher aus. Facebook oder Instagram? Instagram. Buch oder Podcast? Buch, ich habe gerade „Deutsches Haus“ von Annette Hess gelesen, dass von einer Dolmetscherin beim ersten Auschwitz-Prozess handelt. Fußballfan? Ja, von Borussia Dortmund. Ich hoffe, dass ich jetzt auch mal wieder ins Stadion komme. Als ich in Berlin wohnte, kam das zu kurz. Wie ist es, aufgrund Ihrer Länge in 99,9 Prozent der Fälle auf andere Menschen hinabzuschauen?Für mich ist das Normalität. Ich kenne es nicht anders, genauso wie ich immer den Kopf einziehe, wenn ich durch eine Tür gehe. (apl)