Minden

Kein Plan B - Hamm legt alle Defizite der jungen GWD-Mannschaft offen

Sebastian Külbel

Keine Lücke: Juri Knorr (am Ball) biss sich mit GWD Mindens Offensive an der Abwehr des ASV Hamm-Westfalen die Zähne aus. - © Foto: Christian Bendig
Keine Lücke: Juri Knorr (am Ball) biss sich mit GWD Mindens Offensive an der Abwehr des ASV Hamm-Westfalen die Zähne aus. (© Foto: Christian Bendig)

Minden (mt). Der totalen Ernüchterung folgte die große Ratlosigkeit. Nach einer erschreckenden Leistung verlor GWD Minden gleich sein erstes Pflichtspiel der neuen Handball-Saison. Und nicht einmal die Gegner vom Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen konnten sich ihren 31:21 (15:9)-Kantersieg zum Start des DHB-Pokal-Wettbewerbs in der Sporthalle Dankersen so recht erklären.

„Ich weiß gar nicht, wie diese Höhe zustande kam", sagte der ehemalige GWD-Akteur Sören Südmeier, der seiner Mannschaft all das gab, was dem favorisierten Bundesligisten am Samstagabend so bitter gefehlt hatte. „Er war der Denker und Lenker", lobte sein Trainer Kay Rothenpieler, der zudem sechs Treffer seines Mittelmanns sah. Damit stand Südmeier sinnbildlich für das, was ein weiterer Ex-Mindener so zusammenfasste: „Wir haben die Sachen heute total auf den Punkt gespielt", sagte Marten Franke.

Genau das gelang dem Gastgeber beim ersten Ernstfall für seine neue Mannschaft überhaupt nicht. Auf den schwachen 2:5-Start (10.) hatte GWD noch eine Antwort und drehte das Spiel zum 6:5. Nach dem 9:7 (20.) verloren die Mindener aber völlig den Faden. „Wir schmeißen das Spiel weg", sagte Carstens und erklärte: „Vorne gehen wir plötzlich Risiko und verlassen die Dinge, die bis dahin erfolgreich waren. Hinten werden wir immer wieder isoliert und verlieren dann auch die einfachen Zweikämpfe."

Espen Christensen und Miljan Pusica saßen nach dem Spiel enttäuscht an einer Werbebande. MT- - © Foto: Sebastian Külbel
Espen Christensen und Miljan Pusica saßen nach dem Spiel enttäuscht an einer Werbebande. MT- (© Foto: Sebastian Külbel)

Der 0:8-Lauf zum klaren Pausenrückstand beeindruckte seine Mannschaft dann so sehr, dass sie zu keiner Zeit für eine Aufholjagd in Frage kam. Vielmehr fügte sich GWD in eine Blamage mit dramatischen Ausmaßen: Beim 17:29 lagen die Hausherren sogar mit zwölf Toren zurück (54.), am Ende waren es zehn – gegen einen Zweitligisten.

Das schmerzte die beteiligten GWD-Akteure und ihre wütenden Fans genauso wie das Ausscheiden an sich: „Wenn Hamm einen überragenden Tag hat, kann man gegen die verlieren – aber nicht so wie wir heute", sagte der neue Kapitän Marian Michalczik. Der versuchte verzweifelt, in der zweiten Halbzeit voranzugehen, bemängelte aber hinterher „meine extrem schwache Wurfquote".

Die ASV-Spieler feierten am Samstag den Sieg gegen Minden und tags darauf den Einzug ins Achtelfinale. - © Foto: Christian Bendig
Die ASV-Spieler feierten am Samstag den Sieg gegen Minden und tags darauf den Einzug ins Achtelfinale. (© Foto: Christian Bendig)

Die zeigte sich im gesamten GWD-Team, was zur starken Leistung des Hammer Torwarts Felix Storbeck mit 50 Prozent gehaltener Bälle beitrug. Auch überzeugten die Gäste mit einer aggressiven Deckung und einem cleveren Angriff, der die Mindener Schwächen schonungslos nutzte. „Wir waren heute in allen Belangen überlegen", sagte Trainer Rothenpieler.

Die Mindener suchten derweil nach Erklärungsansätzen und landeten bei grundsätzlichen Dingen. „Das war eine Standortbestimmung, die gezeigt hat, wo wir stehen, wenn wir nicht auf unser maximales Leistungsniveau kommen", sagte Kreisläufer Lucas Meister und sprach von einem „Schuss vor den Bug". Das lag auch daran, dass die Mannschaft die vorgegebene Linie verlassen hatte, wie Michalczik andeutete: „In den Vorbereitungsspielen haben wir auch bei Rückständen den Fokus behalten und immer weiter unsere Spielidee verfolgt. Das war heute nicht der Fall."

Das enttäuschte auch den Trainer. Dass er vor dem Bundesliga-Start am Sonntag bei der TSV Hannover-Burgdorf einen Trainingstag gewonnen hat, war der schwache Trost für die Erstrunden-Blamage. Zu tun gibt es genug: „Bei uns müssen alle Dinge zu hundert Prozent passen", erklärt Carstens: „Wenn nicht, dann haben wir noch keinen Plan B."

Der Druck auf die junge Mannschaft, die am Sonntag ohne die Verletzten Magnus Gullerud und Aliaksandr Padshyvalau auf ein Durchschnittsalter von 23,5 Jahren kam, wird nach der peinlichen Pleite wachsen. Das gilt auch für Sorgen von Fans und Umfeld vor dem Saisonstart. „Ein Bundesligist hätte unsere Leistung heute höher bestraft", raunte Carstens. Dann stellte er sich mit all seiner Erfahrung vor das Team.

„Es ist zu hundert Prozent meine Verantwortung, wie wir hier heute aufgetreten sind", sagte er und räumte eigene Versäumnisse ein: „Was ich der Mannschaft heute mitgegeben habe, war nicht genug." Am eingeschlagenen Weg hält er trotz der Enttäuschung fest: „Wir sind diese Situation ganz bewusst eingegangen, mit dieser jungen Mannschaft zu starten." Alternativen dazu gibt es zurzeit ohnehin nicht.

GWD Minden: Christensen, Semisch - Michalczik 3, Staar 3, Knorr 3, Savvas 3/2, Rambo 2, Gulliksen 2, Meister 2, Ritterbach 2, Strakeljahn 1.

Hamm souverän im Achtelfinale

Der ASV Hamm-Westfalen hat seinen sensationellen 31:21-Sieg gegen Ausrichter und Favorit GWD Minden mit dem Einzug ins DHB-Pokal-Achtelfinale gekrönt. Gegen den Drittliga-Meister HC Empor Rostock gewann der Zweitligist am Sonntag souverän 28:19 (16:11).

Schon zur Pause hatten die Westfalen einen Fünf-Tore-Vorsprung heraus geworfen, den sie danach ausbauten. Spätestens mit dem 22:14 eine Viertelstunde vor Schluss war die Partie entschieden. Jetzt hofft Hamm bei der Auslosung am Mittwoch auf einen attraktiven Gegner. (mt/kül)

Kommentar von Sebastian Külbel: GWD Mindens riskabtes Spiel

Wenn ein etablierter Bundesligist mit zehn Toren gegen einen Zweitligisten verliert, darf man als Fan zurecht enttäuscht, ernüchtert oder einfach nur wütend sein. Die Leistung von GWD Minden im Pokalspiel gegen Hamm war eine peinliche Blamage, die entsetzte Zuschauer hinterlassen hat. Schimpftiraden über Spieler und Trainer sind da nicht weit – helfen tun sie nicht.

Die GWD-Verantwortlichen sind vor dieser Saison ins Risiko gegangen und haben ihren Kader deutlich verjüngt. Damit hat sich auch das Konzept verändert: Weg von individuellen Aktionen, hin zum kollektiven Spiel. Was passiert, wenn dieser Weg verlassen wird und auch noch zwei zentrale Akteure fehlen, hat das Debakel am Samstag gezeigt. Bei GWD muss alles passen, um erfolgreich sein zu können – sonst drohen nicht nur Niederlagen, sondern derbe Pleiten. Ein gewagtes Spiel. Und ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Wochen droht.

Die Mannschaft wird Zeit brauchen, um sich solide Mechanismen anzueignen, die auch an schlechten Tagen gegen hochmotivierte Gegner wie Hamm funktionieren. Auch die neue Hierarchie im Team muss sich festigen. Vielleicht kam die Pokal-Pleite zur rechten Zeit, an solchen Enttäuschungen können Mannschaften wachsen. Die Frage ist nur, wie viel Zeit jene von GWD Minden im ergebnisgetriebenen Bundesliga-Geschäft dafür bekommt.

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Genau das gelang dem Gastgeber beim ersten Ernstfall für seine neue Mannschaft überhaupt nicht. Auf den schwachen 2:5-Start (10.) hatte GWD noch eine Antwort und drehte das Spiel zum 6:5. Nach dem 9:7 (20.) verloren die Mindener aber völlig den Faden. „Wir schmeißen das Spiel weg", sagte Carstens und erklärte: „Vorne gehen wir plötzlich Risiko und verlassen die Dinge, die bis dahin erfolgreich waren. Hinten werden wir immer wieder isoliert und verlieren dann auch die einfachen Zweikämpfe." Der 0:8-Lauf zum klaren Pausenrückstand beeindruckte seine Mannschaft dann so sehr, dass sie zu keiner Zeit für eine Aufholjagd in Frage kam. Vielmehr fügte sich GWD in eine Blamage mit dramatischen Ausmaßen: Beim 17:29 lagen die Hausherren sogar mit zwölf Toren zurück (54.), am Ende waren es zehn – gegen einen Zweitligisten. Das schmerzte die beteiligten GWD-Akteure und ihre wütenden Fans genauso wie das Ausscheiden an sich: „Wenn Hamm einen überragenden Tag hat, kann man gegen die verlieren – aber nicht so wie wir heute", sagte der neue Kapitän Marian Michalczik. Der versuchte verzweifelt, in der zweiten Halbzeit voranzugehen, bemängelte aber hinterher „meine extrem schwache Wurfquote". Die zeigte sich im gesamten GWD-Team, was zur starken Leistung des Hammer Torwarts Felix Storbeck mit 50 Prozent gehaltener Bälle beitrug. Auch überzeugten die Gäste mit einer aggressiven Deckung und einem cleveren Angriff, der die Mindener Schwächen schonungslos nutzte. „Wir waren heute in allen Belangen überlegen", sagte Trainer Rothenpieler. Die Mindener suchten derweil nach Erklärungsansätzen und landeten bei grundsätzlichen Dingen. „Das war eine Standortbestimmung, die gezeigt hat, wo wir stehen, wenn wir nicht auf unser maximales Leistungsniveau kommen", sagte Kreisläufer Lucas Meister und sprach von einem „Schuss vor den Bug". Das lag auch daran, dass die Mannschaft die vorgegebene Linie verlassen hatte, wie Michalczik andeutete: „In den Vorbereitungsspielen haben wir auch bei Rückständen den Fokus behalten und immer weiter unsere Spielidee verfolgt. Das war heute nicht der Fall." Das enttäuschte auch den Trainer. Dass er vor dem Bundesliga-Start am Sonntag bei der TSV Hannover-Burgdorf einen Trainingstag gewonnen hat, war der schwache Trost für die Erstrunden-Blamage. Zu tun gibt es genug: „Bei uns müssen alle Dinge zu hundert Prozent passen", erklärt Carstens: „Wenn nicht, dann haben wir noch keinen Plan B." Der Druck auf die junge Mannschaft, die am Sonntag ohne die Verletzten Magnus Gullerud und Aliaksandr Padshyvalau auf ein Durchschnittsalter von 23,5 Jahren kam, wird nach der peinlichen Pleite wachsen. Das gilt auch für Sorgen von Fans und Umfeld vor dem Saisonstart. „Ein Bundesligist hätte unsere Leistung heute höher bestraft", raunte Carstens. Dann stellte er sich mit all seiner Erfahrung vor das Team. „Es ist zu hundert Prozent meine Verantwortung, wie wir hier heute aufgetreten sind", sagte er und räumte eigene Versäumnisse ein: „Was ich der Mannschaft heute mitgegeben habe, war nicht genug." Am eingeschlagenen Weg hält er trotz der Enttäuschung fest: „Wir sind diese Situation ganz bewusst eingegangen, mit dieser jungen Mannschaft zu starten." Alternativen dazu gibt es zurzeit ohnehin nicht. GWD Minden: Christensen, Semisch - Michalczik 3, Staar 3, Knorr 3, Savvas 3/2, Rambo 2, Gulliksen 2, Meister 2, Ritterbach 2, Strakeljahn 1. Hamm souverän im Achtelfinale Der ASV Hamm-Westfalen hat seinen sensationellen 31:21-Sieg gegen Ausrichter und Favorit GWD Minden mit dem Einzug ins DHB-Pokal-Achtelfinale gekrönt. Gegen den Drittliga-Meister HC Empor Rostock gewann der Zweitligist am Sonntag souverän 28:19 (16:11). Schon zur Pause hatten die Westfalen einen Fünf-Tore-Vorsprung heraus geworfen, den sie danach ausbauten. Spätestens mit dem 22:14 eine Viertelstunde vor Schluss war die Partie entschieden. Jetzt hofft Hamm bei der Auslosung am Mittwoch auf einen attraktiven Gegner. (mt/kül) Kommentar von Sebastian Külbel: GWD Mindens riskabtes Spiel Wenn ein etablierter Bundesligist mit zehn Toren gegen einen Zweitligisten verliert, darf man als Fan zurecht enttäuscht, ernüchtert oder einfach nur wütend sein. Die Leistung von GWD Minden im Pokalspiel gegen Hamm war eine peinliche Blamage, die entsetzte Zuschauer hinterlassen hat. Schimpftiraden über Spieler und Trainer sind da nicht weit – helfen tun sie nicht. Die GWD-Verantwortlichen sind vor dieser Saison ins Risiko gegangen und haben ihren Kader deutlich verjüngt. Damit hat sich auch das Konzept verändert: Weg von individuellen Aktionen, hin zum kollektiven Spiel. Was passiert, wenn dieser Weg verlassen wird und auch noch zwei zentrale Akteure fehlen, hat das Debakel am Samstag gezeigt. Bei GWD muss alles passen, um erfolgreich sein zu können – sonst drohen nicht nur Niederlagen, sondern derbe Pleiten. Ein gewagtes Spiel. Und ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Wochen droht. Die Mannschaft wird Zeit brauchen, um sich solide Mechanismen anzueignen, die auch an schlechten Tagen gegen hochmotivierte Gegner wie Hamm funktionieren. Auch die neue Hierarchie im Team muss sich festigen. Vielleicht kam die Pokal-Pleite zur rechten Zeit, an solchen Enttäuschungen können Mannschaften wachsen. Die Frage ist nur, wie viel Zeit jene von GWD Minden im ergebnisgetriebenen Bundesliga-Geschäft dafür bekommt.